Bahn frei für den City-Tunnel: Milliardenprojekt eingeweiht – mit Konfettiregen und Gedränge rollen die Züge an + Bildergalerie

Mit Konfetti-Regen und einem Festakt wurde der City-Tunnel heute feierlich eingeweiht. Die ersten Züge waren am Vormittag zu einer sogenannten Sternfahrt gestartet: Von allen Ecken des neuen S-Bahn-Netzes aus fuhren die Züge zur gleichen Zeit los, so dass sie kurz nacheinander am Leipziger Hauptbahnhof eintrafen. Den ersten einrollenden Wagen begrüßte ein Konfetti-Regen.
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In einem der Züge, jenem aus Hoyerswerda, saß Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Er gehörte zu den namhaften Gästen, die sich auf dem anschließenden Festakt in der Bahnhofshalle zeigten. Mit dabei waren auch Bahnchef Rüdiger Grube, Sachsens Verkehrsminister Sven Morlok und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung. Der ehemalige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee war ebenfalls dabei. Er hatte während seiner Amtszeit das Projekt betreut und sich erst kürzlich gegenüber einer Boulevardzeitung kritisch über die Kostenexplosion geäußert.

Der City-Tunnel war mit einem Budget von 572 Millionen Euro geplant worden. Die tatsächlichen Kosten lagen jedoch bei 960 Millionen. Die Milliardengrenze wurde beinahe gerissen. Rund die Hälfte davon, ergo 500 Millionen Euro, hat der Freistaat Sachsen bezahlt. „Das Ergebnis zählt“, verteidigte Ministerpräsident Tillich auf dem Festakt. Er bemerkte gegenüber Bahnchef Rüdiger Grube zwar, dass die Fahrtzeit noch etwas schneller gehen könnte. „An einigen Stellen sind wir nur 30 gefahren“, so Tillich. An dem Milliardenprojekt wolle er jedoch nicht gerüttelt sehen. „Es ist eine Investition in die Zukunft“, sagte er.
Rüdiger Grube machte daraufhin den Leipzigern große Versprechen. „Leipzig war und ist eine Eisenbahnstadt“, so der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG. Zigtausende Fahrgäste sparten wegen des Tunnels und der völlig neuen Zugverbindungen nun täglich bis zu 40 Minuten Fahrtzeit. Auch die Anfahrtswege zu Großveranstaltungen seien nun kürzer, da man mit den S-Bahnen direkt bis ins Leipziger Zentrum gelangt. „Leipzig wird Schritt für Schritt die besten Eisenbahnverbindungen erhalten“, so Grube. Bis zum Jahr 2015 könnten die Leipziger in 45 Minuten nach Erfurt gelangen und bis zum Jahr 2017 in nur drei Stunden jeweils nach Frankfurt am Main oder München.

Nach gut zwei Stunden ist der Festakt vorüber. Die Würdenträger eilen weiter: Gleich wird der Servicepunkt unterm Leipziger Markt eröffnet. Und nun kommen auch jene zur Feier, die man wohl als Fußvolk bezeichnen darf: Massen an Neugierigen drängen nach den Zügen. Bis Mitternacht noch fahren sie im Pendelverkehr vom Hauptbahnhof zum Bayrischen Bahnhof und zurück. Im 15-Minuten-Takt. Die Besucher werden nur tranchenweise vom Sicherheitspersonal zu den Gleisen gelassen. Immer wenn eine Bahn einrollt, strömen sie die Rolltreppen hinunter. Etwa 200 Menschen pro Zug – soviel wie in die Talent-2-Züge passen „Wenn sie das nicht so machen würden, wäre bestimmt Chaos am Bahnsteig“, mutmaßt ein Zuschauer.
„Wo geht’s denn hier zum Hauptbahnhof?“

Ein ähnliches Bild in der Station unter dem Leipziger Markt. Auf dem Bahnsteig verteilt stehen Mitarbeiter der S-Bahn-Mitteldeutschland, welche das neue Netz betreibt. Sie beantworten die Fragen der interessierten Besucher. „Und wie kommen wir jetzt zum Hauptbahnhof?“, fragt eine Dame halblaut auf dem Bahnsteig, angesichts der Richtungen „Leipzig Messe“ und „Leipzig Connewitz“, die ausgewiesen sind. Sie ist mit Mann und Tochter aus Wittenberg gekommen. „Wegen des Weihnachtsmarktes“, sagt sie. Dass der Tunnel heute auch noch eingeweiht wird, haben sie auf der Herfahrt im Radio gehört. „Ist das jetzt eine U-Bahn?“, will sie wissen. Nein, es handelt sich um eine S-Bahn. „Ich habe gewettet, dass die Züge jetzt bis nach Bitterfeld fahren“, sagt ihr Mann. Das tun sie. Das steht auf den Info-Tafeln am Bahnsteig. „Jetzt bekommst du einen Glühwein ausgegeben“, sagt die Tochter. Zum Bahnhof wollen sie, weil dort ihr Auto steht. Als der Zug jedoch einfährt, ist schnell klar: Hier passen sie wohl nicht mit rein, denn die Passagiere drängen sich bereits im Zug. Und wirklich: Als alle ausgestiegen sind, die das wollten, kommt die Familie aus Wittenberg nicht mehr hinein. Eine Zugbegleiterin signalisiert: Wir sind voll. „Na, dann müssen wir eben zum Bahnhof laufen“, sagen die Wittenberger und gehen zur Rolltreppe. Es geht heute nur in Richtung Süden hinaus, sodass die Station Markt sozusagen zur Einbahnstraße wird.

Die Treppe rauf, haben die Mitarbeiter des Servicepunkts bereits alle Hände voll zu tun. Es sind zwei quietschgrüne Häuschen, die heute Nachmittag ebenfalls feierlich eingeweiht wurden. Beim vorderen gibt es Tickets und Auskünfte, beim hinteren Snacks und Getränke. Links davon befinden sich logenartige Einlassungen. Durch deren Fensterscheiben beobachten die Besucher das Treiben auf dem Bahnsteig. Die nächsten Treppen führen hinaus, durch das historische Portal des einstigen unterirdischen Messehauses auf dem Markt. Rochlitzer Porphyr heißt der Stein aus dem die roten Stufen gemacht sind. Wer sie erklimmt, steht mitten in der Stadt, auf dem Weihnachtsmarkt. Hier kann man an diesem Tag kaum umfallen, so dicht drängen sich die Besucher.

Ob der Tunnel schon mehr Besucher gebracht hat, lässt sich kaum sagen – wochenends ist hier immer viel Betrieb zu verzeichnen – zudem fahren die S-Bahnen erst ab Sonntag, 15. Dezember, durch den Tunnel. Ob sie dem Markt zu noch mehr Besuchern verhelfen, wird sich also erst am kommenden Wochenende zeigen. Der City-Tunnel ist aber in aller Munde. Im Gedränge bemerkt ein Mann, der eben aus der Station gekommen ist: „Sie haben zwar wieder zu viel Geld ausgegeben für die Röhren, aber sie machen schon was her.“ Womöglich mag Verkehrsminister Sven Morlok Recht behalten. Zur Eröffnung hatte er gemutmaßt: „In 50 Jahren werden sich die Leipziger fragen, wie das jemals ohne Tunnel gegangen sein soll.“ Nun wird sich zeigen, ob die Röhren durch den Leipziger Untergrund halten, was die Politiker versprochen haben.
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