Das Buch zur Kongresshalle Leipzig

Noch im Monat November soll der 1. Bauabschnitt der Kongresshalle fertig werden. Der Abrechnungstermin fürs Konjunkturpaket II, aus dem dieser Sanierungsabschnitt gefördert wurde, drängt. Ein idealer Zeitpunkt für ein Buch für das Gebäude, das 1900 als Gesellschaftshaus des Leipziger Zoos eröffnet wurde.
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Geschrieben haben das Buch Dr. Thomas Nabert und Mustafa Haikal. Und mancher Leipziger, der sich nun seit Jahren wehmütig an die Glanzzeiten des Hauses erinnert, wird sich den Bild-Text-Band unterm Weihnachtsbaum wünschen. Klar: Das Zeitfenster, an das sich gerade ältere Leipziger gern erinnern, kommt auch drin vor. Es ist das Kapitel, das die beiden Autoren „Die Kongreßhalle als kulturelles Herz der Stadt“ bezeichnet haben. Und dieses Herz war die Kongrsshalle von 1950 bis 1989 tatsächlich, denn sie musste über Jahrzehnte den Verlust großer Kultureinrichtungen ersetzen, die in den Bombardements des 2. Weltkriegs verloren gegangen waren. Noch 1946 begann die Wiederherstellung des großen Saales, der selbst durch Bombentreffer unbespielbar geworden war.

Ab 1949 wurden auch die kleineren Säle saniert und mit den Mitteln der Zeit modernisiert. 1950 kam noch einmal der „Weiße Saal“ dran, in dem das neu gegründete Theater der Jungen Welt seinen Platz fand.

Und dann wurde fast 49 Jahre lang auf Verschleiß gespielt. Eine Veranstaltung nach der anderen fand statt. Das Gewandhausorchester musizierte im großen Saal, Parteiveranstaltungen fanden statt, Bälle und große Schlager-Soireen. Auf Seite 103 sind einige dieser Stars versammelt, die allesamt jung waren, als auch all jene jung waren, die heute von den Glanzzeiten der Kongresshalle schwärmen: Gilbert Bécaud, Mireille Mathieu, Adamo, Juliette Gréco …

Wahrscheinlich ließe sich ein eigenes dickes Buch allein über diese Zeit schreiben, die auch 1981 noch nicht zu Ende ging, als Kurt Masur das von ihm gewünschte Neue Gewandhaus bekam und das berühmte Orchester auszog. Die nächsten Nutzer warteten schon. Nur für die üblichen Erhaltungsmaßnahmen fehlte das Geld. Bis im Sommer 1989 sämtliche Veranstaltungen im Haus untersagt werden mussten, weil das Haus selbst für DDR-Verhältnisse nicht mehr bespielbar war. Danach kam nur noch der Brand im „Weißen Saal“, der auch das Gastspiel des Theaters der Jungen Welt beendete.

Ein wenig Geld war Anfang der 1990er Jahre da, mit dem das Dach gesichert werrden konnte. Und dann kam 1998/ 1999 der unselige Versuch des Betriebs für Beschäftigungsförderung (bfb), das alte Haus zu „entrümpeln“. Eine Aktion, die 1999 regelrecht untersagt werden musste, weil die „Stiefelbrigaden“ nicht mehr verantwortbare Bauschäden verursachten. Selbst der Denkmalschutz war entsetzt. Denn es wurden auch zahlreiche Details aus der frühen Ära des Hauses für immer zerstört.

Einer Ära, die den meisten heute lebenden Leipzigern gar nicht mehr bewusst ist. Genausowenig wie die Tatsache, dass das von Heinrich Rust entworfene Gebäudeensemble einst wichtiger Bestandteil des Zoos war und mit seiner hochwertigen Gastronomie und seinen vielfältigen Veranstaltungen zur Finanzierung des Zoobetriebes beitrug. Der Band ist reich bebildert und zeigt auch zahlreiche Fotos, die die Pracht der Säle, Vereinsräume, Vorzimmer und Treppenhäuser zeigen, die das Gesellschaftshaus des Zoos bis 1914 zur Spitzenadresse für Leipzig machten.

In Konkurrenz zum Palmengarten, der fast gleichzeitig eröffnete. Auch das ein Grund dafür, warum 1899 / 1900 so schnell gebaut wurde. Auch wenn nachher die Konkurrenz zum Palmengarten nicht mehr so brisant war, weil Leipzig immer noch weiter wuchs und bis zum 1. Weltkrieg jedes neue Etablissement sein Publikum fand. Auch die Vor-Zeit der Kongresshalle streifen die Autoren – als Ernst Pinkert noch den fast ländlichen Pfaffendorfer Hof betrieb, für den die Tierschau anfangs nur eine Attraktion war, die das Publikum anlocken sollte.

Bis 1945 blieben Zoo und Gesellschaftshaus eine Einheit, auch wenn 1920 die Stadt beides übernahm. Erste Umbauten und Erweiterungen folgten. Doch wirklich der Regie des Zoos entzogen wurde das Haus erst in DDR-Zeiten, als es – siehe oben – zum wichtigsten Kulturhaus der Stadt wurde. Erst mit der 2010 begonnenen Sanierung ist der Zoo als Bauträger wieder mit im Boot. Die Messe, die das Gebäudeensemble künftig als exquisites Kongresszentrum fast im Herzen der Stadt nutzen möchte, ist der wichtigste künftige Nutzer. Aber auch die Zoogastronomie wird endlich wieder einen Stellenwert erhalten, die sie bis zu den Verwerfungen der NS-Zeit immer hatte.

Zwar ist 2011 noch nicht alles fertig. Die wichtige große Halle soll ab 2012 saniert wurden. 2014 soll alles fertig sein. Aber Fakt ist natürlich auch, dass ohne das 2009 aufgelegte Konjunkturpaket der Bundesregierung diese Investition für Leipzig auf viele Jahre hin nicht möglich gewesen wäre. Und wahrscheinlich wäre die Kongresshalle auch im Konjunkturpaket nicht aufgetaucht, hätten nicht die Bürgerinitiative seit 2001 und der Kongreßhalle e.V. seit 2006 so beharrlich um die Revitalisierung des Gebäudeensemble gekämpft. Diesen Teil des Kampfes haben Gudrun Neumann und ihre Mitstreiter gewonnen – jetzt haben sie sich den Erhalt der wertvollen historischen Details im Haus auf die Fahnen geschrieben. Denn Manches von der einstigen Jugendstileleganz der Räume hat sich erhalten und kann auch, wo es Sinn macht, wiederhergestellt werden.

Etliche Seiten des Buches sind auch den Leuten gewidmet, die sich um den Bau und die Bespielung der Kongresshalle verdient gemacht haben. Die Ballung all der Geschichten und Veränderungen, die das Haus erlebt hat, macht freilich auch sichtbar, wie schnell 110 Jahre verfliegen können – und wie oft so ein Haus umgenutzt, umgebaut und modernisiert werden muss in dieser Zeit. Sechs Kapitel sind so entstanden – jedes mit einer übersichtlichen Zeittafel versehen und eindrucksvoll bebildert. Der Leser erlebt prächtige Zeiten, Krisen und besoffene Funktionäre, Messen, Bälle, Grabenkämpfe und auch die ersten Schritte der heutigen Modernisierung. Vielleicht wird’s ja genau das, was sich die Beteiligten wünschen: Ein ungewöhnlicher Tagungsort – citynah und mit Tiergebrüll gleich nebenan.

Mustafa Haikal / Thomas Nabert „Kongreßhalle Leipzig. Die wechselvolle Geschichte eines traditionsreichen Gesellschaftshauses“, Pro Leipzig, Leipzig 2011, 19 Euro

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