Die märchenhafte Welt der Küche mit Kindern entdecken: Märchenrezepte

Es war schon in DDR-Zeiten ein Bestseller im Programm des Verlags für die Frau: "Märchenrezepte. Ein Kochbuch für Kinder." Damals zusammengestellt von Edith Nell. Ein Einsteigerbuch für die ganz kleinen Köchinnen und Köche. Carola Ruff hat den Klassiker jetzt komplett überarbeitet. Die Botschaft ist dieselbe: Gebt den Kindern Töpfe in die Hand!
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Das Ausrufezeichen könnte noch viel größer sein. Denn die Botschaft ist noch dringlicher geworden in Zeiten von Fastfood, Übergewicht, Bewegungsmangel und fragmentiertem Familienleben. Kinder essen immer mehr künstlich Hergestelltes – mit viel zu viel Zucker, Fett und künstlichen Aromen drin. Mühsam laufen und versickern alle möglichen Kampagnen zu gesunden Pausenbroten, vitaminreicher Ernährung und ausgewogenen Speiseplänen. Viele Kinder gehen ohne Frühstück zur Schule, kaufen sich ihren „Pausensnack“ beim Bäcker oder am Automaten und erfahren auch zu Hause, dass neben Schmalhans auch Mr. Fertiggericht regieren.

Und so ist eine alte Botschaft aus dem Land der siegreichen Arbeiter und Bauern (und Arbeiterinnen und Bäuerinnen) noch viel aktueller als zuvor: Gesund und vielfältig Essen lernen die Kinder nur, wenn sie mit Mama und Papa zusammen die Küche erobern. Und zwar von klein auf. Die Märchen sind der sinnliche Einstieg in diese Welt. Elf der berühmten Brüder-Grimm-Märchen werden kurz nacherzählt. Alle handeln sie irgendwie auch vom Essen. Was man als Knirps meist überhört, weil man ganz auf die Hexe, den Wolf oder die Räuber konzentriert ist.Aber alle die Volksmärchen, die die Brüder Grimm vor 200 Jahren gesammelt haben, entstanden in Zeiten, in denen Hunger und Nahrungsknappheit noch zum Alltag vieler Menschen gehörten. Deswegen sind ihre Märchenwelten nicht so steril wie heute die meisten Romane. Es gibt fast immer etwas zu essen. Manchmal steht das Essen sogar im Mittelpunkt der Geschichte – wie das Knusperhaus in „Hänsel und Gretel“ oder das Räubermahl in den „Bremer Stadtmusikanten“ oder erst recht das gewaltige Malheur in „Der süße Brei“.

Man kann aus dem Stoff der Brüder Grimm richtig dicke Kochbücher bereiten. Und es stehen auch allerlei Dinge drin, die Kinder aus der Zeit der Fertiggerichte gar nicht mehr kennen. Aber wieder kennen lernen können. Jedem der elf Märchen sind eine Reihe leicht mit Kindern gemeinsam zuzubereitender Rezepte zugeordnet. Den „Bremer Stadtmusikanten“ folgen zum Beispiel Rezepte für Suppen und Eintöpfe. Alle Gerichte haben auch noch einen besonderen, deftigen Märchennamen bekommen. Es klingt natürlich ganz anders, wenn eine schnelle Karottensuppe „Ritsch-Ratsch-Suppe“ heißt oder ein Blattsalat „Frösche-Schreck“.

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Natürlich bleibt es nicht bei den Rezepten. Das macht ja keinen Sinn, wenn die Kinder nicht frühzeitig erfahren, wie faszinierend die Arbeit in der Küche sein kann. Neugierig sind sie schon als Krabbler. Das wissen alle Eltern. Dann werden alle Schranktüren und Schubladen aufgezogen und herausgeholt, was nicht festgebunden ist. Kluge Eltern stellen deshalb die robusten Dinge in die unteren Schrankfächer – Töpfe, Plastikschüsseln, Quirle und Holzlöffel. Die Musik kommt dann von allein – und ein quietschvergnügtes Kind sowieso.

Mit zunehmendem Alter können Kinder auch immer mehr Dinge tun. Und man sollte sie auch einbinden, wenn es so weit ist – altersgerecht, aber so früh wie möglich. Denn die Vielfalt der Zutaten und ihre natürliche Form, Farbe samt Geruch wollen die Kleinen natürlich kennenlernen. Müssen sie auch. Es ist eine der reichsten Welten in unserem Alltag, die sie so entdecken können. Immer ein Stückchen mehr – vom Rühren übers Broteschmieren bis hin zum Möhrenschnippeln und dem ersten gebratenen Spiegelei. Anfangs mit viel Betreuung, später mit immer mehr Vertrauen. Hier lernen Kinder auch Selbstbewusstsein. Und sie lernen, auf Nuancen zu achten. Was ist „eine handvoll“? Was ist eine „Messerspitze“? Und warum sind die seltsamen Dinge aus dem Gemüseladen so gesund und wichtig?Zur Modernisierung des Buches gehört auch, dass die Kleinen mehr Hinweise über die Herkunft der Produkte bekommen – und auch lernen, warum das süße, aromatisierte Zeug, das den Kindern im Laden bunt angepriesen wird, sogar schädlich ist. Eltern können mit ihren Kleinen zusammen lernen. Unter anderem auch die Tugend des Schulterzuckens, wenn doch mal was schief geht. Das gehört dazu. Jeder macht mal Fehler. Und mit den Kleinen können auch die Großen wieder lernen, sich um eine gute, ausgewogene Ernährung und ein richtiges Familienleben zu bemühen.
Denn viele Familien kennen gar keinen gemeinsamen Mittagstisch mehr. Selbst das Abendbrot stopft jeder in sich hinein in seiner Ecke beim Fernsehen oder Musikhören oder Arbeiten. Dabei sind gerade die gemeinsamen Mahlzeiten – und wenn es erst einmal nur die am Abendbrottisch sind – die Zeiten, in denen man miteinander über den Tag und die Sorgen und Freuden erzählt, in denen man sich abstimmen kann. Auch Kinder brauchen das. Und sie nehmen das viel ernster, wenn ihnen dafür auch Verantwortung übertragen wird – vom Tischdecken bis zum Anrichten leckerer Salate.

Viele kleine und große Leser werden im Buch Rezepte finden, die sich schnell zu Lieblingsrezepten der ganzen Familie entwickeln. Denn auch das lernt man: Kinder brauchen keine Extrawurst. Wenn alle sich um Abwechslung und Bereicherung des Tisches bemühen oder wenn gar alle gemeinsam die Essen für die Wochenenden planen, dann sitzt eher selten jemand da und mag nicht und lehnt das Aufgetischte ab.

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Märchenrezepte
Carola Ruff, Buchverlag für die Frau 2012, 14,90 Euro

Auch das Kapitel zu den Kinderfesten fehlt nicht. Und auch wenn hier das Märchen vom „Tischlein deck dich“ die Einführung ist, lautet ein nicht ganz unwichtiger Tipp: Auch bei Kinderfesten müssen gar keine Süßigkeiten regieren, schon gar keine überladenen Tafeln. Ein Stockbrot am Lagerfeuer kann viel aufregender sein – genauso wie selbstbereitete Pizza mit frechen Gemüse-Gesichtern.

Ein Buch für alle Eltern, die immer so ratlos sind, was sie mit den kleinen Gören anstellen sollen. Müssen sie ja nicht. Kinder wollen ja selbst groß und erwachsen werden. Und nichts ist für sie so spannend wie die Welt der Erwachsenen. Dahin kann man sie auf sichtlich märchenhafte Weise mitnehmen.


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