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Literaten kontra Patrioten: Eine Reise in Dokumenten in ein keineswegs friedliches Leipzig von 1913

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    Ein bisschen hat man ja schon drauf gewartet: Wer bringt eigentlich in diesem Leipziger Jubel-Trubel-Jahr 2013 das Buch zum Leipzig des Jahres 1913 heraus, jenem Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs, in dem Leipzig in Blüte stand, auf dem Höhepunkt seines Reichtums und seines Glanzes. Immerhin bekam dieses Jahr selbst in der Ausstellung "Moderne Zeiten" einen Extra-Platz: "Das Jahr 1913 - Stolz und Selbstbewusstsein einer Metropole".

    Auch damals wurde mächtig gefeiert. Auch damals standen Wagners Geburtstag (der 100.), die Völkerschlacht samt Denkmalsweihe fürs Völkerschlachtdenkmal und das 12. Turn- und Sportfest im Zentrum der Aufmerksamkeit, dazu kamen die gigantische Baufachausstellung (IBA) und die Grundsteinlegung für die Deutsche Bücherei. Einige spannende Bildbände über dieses damalige Leipzig gibt es ja mittlerweile. Aber schon der Band „Völkerschlacht. Gedenken auf historischen Ansichtskarten“ von Pro Leipzig zeigte, dass der Glanz der Stadt seine dunklen Seiten hatte: Die „Jahrhundertfeier der Freiheitskriege“ war von heftigen kriegerischen und nationalistischen Tönen untermalt.

    Für Klaus Schuhmann ist das Jahr 1913 ein wichtiger Markierungspunkt in seinen Forschungen zur modernen Literatur aus Leipzig. Denn für einen kurzen Augenblick der deutschen Literaturgeschichte wurde Leipzig zum Brennpunkt der Avantgarde. Was an zwei der wichtigsten deutschen Verleger des 20. Jahrhunderts liegt – Ernst Rowohlt und Kurt Wolff. 1908 war Wolff in Rowohlts Verlag eingestiegen, 1912 stieg Rowohlt aus und der Verlag wurde in Kurt Wolff Verlag umbenannt. Und binnen kurzer Zeit sammelte Wolff fast alles um sich, was in diesem noch immer von einem Kaiser regierten Deutschland zur markanten und unverwechselbaren jungen Literatur gehörte: Franz Werfel, Franz Kafka, Georg Trakl, Walter Hasenclever, Kurt Pinthus … Heinrich Mann nicht zu vergessen. Und da wäre man schon mitten im Thema. Denn diese junge Literatur für die Literaturrezeption des Jahres 1913 für die Marktprägende zu halten, wäre völlig falsch. Die Autoren, die sich da um den Kurt Wolff Verlag sammelten, wussten sehr genau, dass sie die Vertreter einer „kommenden Literatur“ waren. Sie wussten sehr wohl, dass das, was sich da offiziell in Deutschland damals „moderne Literatur“ nannte, nichts dergleichen war.

    Ein Blick in die Zeitungen der Zeit zeigt, in welchen Abgründen die deutschen Intellektuellen fischten. 1913, das war das Jahr, in dem Houston Stewart Chamberlain seinen Brief über das „Deutsche Wesen“ an Kaiser Wilhelm II. schrieb. Schuhmann hat ihn in seinen Band mit aufgenommen, den er auch „Materialsammlung“ hätte nennen können. Er nannte ihn im Untertitel aber lieber „Ein dokumentarisches Memorial“. Denn er zeigt sehr anschaulich, wie Meinung, Stimmung und Politik gemacht werden. Es gab zwar „Die Aktion“ und „Die Schaubühne“, wo sich die kritischen Geiste der Zeit zu Wort melden konnten, es gab auch die kritischen Töne eines Franz Mehring in der sozialdemokratischen LVZ. Doch die Masse der deutschen Leser wird wohl eher das gelesen haben, was in konservativen Blättern wie der Neuen Leipziger Zeitung publiziert wurde. Und die Honoratioren der Stadt sowieso. Und da wurde keineswegs kritisch berichtet. Im Gegenteil. Hier fand man die Texte, die das Selbstverständnis des deutschen Bürgertums definierten. Ein eigenes Forschungsfeld: Was passiert eigentlich mit einem Volk, das die Wirklichkeit auch in seinen Medien nicht mehr kritisch reflektiert? Dessen Redakteure mit einem fast hysterischen Schluckauf bemüht sind, die Vergangenheit zu glorifizieren und die neue militärische Stärke des Reiches zu bejubeln? Und die vor allem ohne Bisshemmung bereit waren, jeden, der die forcierte Aufrüstung Deutschlands und die Reichtsstagsbeschlüsse zur Verstärkung des Heeres kritisierte, als Vaterlandsverräter zu brandmarken?
    Schuhmann macht etwas, was man für gewöhnlich in solchen Textsammlungen zur Literatur nicht findet: Er belässt es nicht bei den kritischen und heute noch faszinierenden Texten der Tucholsky, Ossietzky, Jacobsohn & Co. Er nimmt auch die Texte derer mit ins Bild, die damals die Mehrheitsansichten vertraten – nicht nur Zeitungstexte, auch Briefe, Reden, Jubel-Schriften. Letzte zum Beispiel zu den pompös gefeierten Ritualen um Völkerschlachtdenkmal, Deutscher Bücherei, der Grundsteinlegung fürs Wagner-Denkmal. Man findet nicht nur diesen von Missmut gestimmten Ton der titelbeladenen Redner, denen die Gegenwart niemals martialisch, heroisch und mannhaft genug ist. Das Wetterleuchten der professoralen Jubelarien auf den kommenden Krieg ist schon überall gegenwärtig. Es trieft geradezu. Und das Beklemmende ist: Man kann diesen ganzen Sprachmulch, der um das Wesentliche herumtaumelt und herumphrasiert, eigentlich nicht lesen. Es kommt einem trotzdem bekannt vor. Nicht nur aus all den verunglückten „Hottentoten“-Reden Wilhelms des Zwoten, der in seiner Heiligsprechung von Krieg und Militär unverkennbar der Vorläufer eines Adolf Hitler war.

    Die beiden Personen sind so wenig voneinander zu trennen wie die beiden von ihnen angezettelten Kriege. Und auch ihr Stil stammt aus derselben Schule. Der Ton, mit dem Deutschland ein Jahr später in den Krieg marschieren würde, war 1913 schon angeschlagen. Er troff aus jeder Jubelrede. Und wer belesen ist, fühlt sich an das beste Buch erinnert, das zu dieser Zeitepoche und ihrem dominierenden Typus geschrieben wurde: „Der Untertan“ von Heinrich Mann, aus dem Schuhmann auch zwei Mal zitiert. Und es liest sich im Umfeld der offiziösen Texte nicht einmal wie ein Zitat: Selbst berühmte Professoren der Alma Mater Lipsiensis befleißigten sich dieses national-bombastischen Tones. Und nicht zuletzt wurden damit die Denkmäler der Zeit eingeweiht. Auch das Völkerschlachtdenkmal, das die offizielle Publizistik sehr wohl als ein Kriegerdenkmal verstand und als eine Weihestätte für deutsche Helden- (und Opfer-)Tugenden. Da hilft alles nichts.

    Doch diese Hintergrundmusik macht ein wenig deutlicher, warum im Kurt Wolff Verlag Publikationen wie „Der jüngste Tag“ heranreiften, quasi der Vorläufer der später von Kurt Pinthus bei Rowohlt herausgegebenen Sammlung „Menschheitsdämmerung“. Ein Buch, dass selbst Pinthus 1920 als eine Art Abgesang begriff. Denn was die Autoren 1913 fürchteten und als Weltenbrand am Horizont auftauchen sahen, hatten sie nicht verhindern können. Im Gegenteil: Etliche aus dieser begabten jungen Dichtergeneration waren einberufen worden und hatten auf den Schlachtfeldern ihr Leben gelassen. Und 1920 erklangen schon keineswegs mehr verschämt wieder die alten Töne. Jetzt ohne Kaiser – aber mit dem selben Rachedenken.

    Noch ein Spätling war 1918 als Buch erschienen – bei Kurt Wolff in diesem Fall: Heinrich Manns „Untertan“.

    Schuhmanns Texte-Sammlung zeigt die literarischen und leider auch intellektuellen Fronten dieser Zeit. Wenn auch für einige ausgewählte Themenkomplexe – die Literatur, die Kriegsrhetorik, die Festspiele und all die nationalistisch aufgeblasenen Gedenkfeiern von Völkerschlacht bis Turnfest. Beim Thema Turnfest geriet ausgerechnet Kurt Pinthus als Korrespondent des „Berliner Tageblatts“ in die Schusslinie, weil er – statt einfach die stramme Kriegstüchtigkeit der auf Kommando turnenden Männer zu bejubeln – auch ein bisschen was zu Schweiß und Freizeitbelustigung der turneifrigen Männer schrieb. Die Wirklichkeit durfte aus Sicht einiger meinungsstarker Patrioten gedruckt nicht erscheinen. Und entsprechend benahm sich auch der Altvater der damaligen deutschen Turnbewegung, Ferdinand Goetz. Das ist eine kleine Dokumentation für sich, die den alten Mann nicht nur als Nationalisten, sondern auch als Chauvinisten zeigt, der auch keine Skrupel hatte, eine Frau wie Elsa Asienijeff öffentlich zu denunzieren.

    Wäre es wirklich so ausgewogen gewesen, wie es Schuhmann mit dem Titel „Literaten kontra Patrioten“ auf den Punkt bringt, der (Erste) Weltkrieg wäre vermeidbar gewesen. Doch selbst das Wort Literat wurde seinerzeit negativ aufgeladen. Auch das eine eigene Erörterung wert, denn die Folgen dieser Abwertung von „Literat“ als negatives Gegenstück zum mit Bedeutung aufgeladenen „deutschen Dichter“ spürt man bis heute als Irritation in literarischen Diskussionen. Die PR-Spezialisten des Kaiserreichs haben ganze Arbeit geleistet, wenn es um die Verächtlichmachung ihrer Kontrahenten ging. Dass sie dabei den ganzen Bombast um Innigkeit, Gedankentiefe, Empfindsamkeit zum Kanon des deutschen Dichters, Denkers und Wesens zusammen schnürten, hinterließ genauso seine Spuren. Auch im Universitätsleben, wo die professorale Bombasterei sich 1914 ohne Stilsprung zu heiligen Kriegsbegrüßungen formte.

    Je mehr solcher Texte man in diesem Buch liest, umso verblüffender wird dem Leser die sprachliche Nähe zu heutigem Wortbombast bewusst, der genauso fakten- und inhaltsleer, aber genauso selbstgerecht ist. Wäre da nicht ein irrlichternder deutscher Kriegsminister namens Thomas de Mazière, man würde vielleicht mit den Schultern zucken und sagen: Klar, große Politik neigt zur heiligen Phrase. Aber dieser Minister irrlichtert ja weiter. Und was nach Schuhmanns reicher, manchmal sehr ambitionierter Dokumentensammlung als Gefühl bleibt, ist ein Argwohn, der sich nicht dämpfen lässt. Was verbirgt sich hinter dem heutigen Bombast?

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    Literaten kontra Patrioten
    Klaus Schuhmann, Leipziger Universitätsverlag 2013, 44,00 Euro

    1913 war der Argwohn mehr als berechtigt. Intellektuell war die Gesellschaft längst aufgerüstet, auch wenn sich selbst honorige Professoren noch einredeten, das alles sei notwendige Selbstbestärkung, weil ringsum die Völker „mit dem Säbel rasselten“, es werde schon nicht nötig sein, die Kanonen auch zu benutzen, die der Reichstag gerade bestellt hatte. Wie gesagt: Ein eigenes Studierfeld für Soziologen und Informatiker – wie programmiert man eine Gesellschaft, dass sie auch das Dämlichste mitmacht ohne zu murren?

    Und wie lange funktionieren diese eingebauten Denk- und Sprach-Muster? Und sind auch von nachfolgenden Machthabern immer wieder zu benutzen? Spannende Fragen, die sich da auftun. In diesem Jahr 1913 steckte mehr als nur ein kommender Krieg.

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