Ist es mal wieder Zeit, über Gauguin nachzudenken? - Ja, sagte sich Eckhard Hollmann, der heute als freischaffender Autor und Lektor in München lebt. Auch wenn Gauguin gerade keinen runden Geburtstag hat. Aber danach fragt man ja bei seinen Zeitgenossen auch nicht, bei all den Manet und Monet und van Gogh. Sie standen an der Wiege der modernen Kunst. Auch wenn es wohl eher eine Schaukel war oder ein wackliges Leiterchen. So aus der historischen Ferne sieht manches nach Idylle aus, was keine war.

Denn wer an Gauguin denkt, sieht in der Regel seine dunkelhäutigen Schönen von Tahiti vor sich, zumeist ganz sinnlich und entspannt am Strand oder im Schatten exotischer Bäume. Man ahnt ein paar Verwandtschaften, hat aber oft auch die vage Erinnerung, dass es Gauguin war, der die exotische Bilderpracht erst in die europäische Malerei brachte. Oder war es andersherum?

Hollmann, der schon reihenweise Bücher zur Kunst und zur Kunstgeschichte veröffentlicht hat, kennt die Zusammenhänge, die heute zumeist auch Kunstkritiker nicht mehr kennen. An einigen Stellen im Buch führt er es dem Leser exemplarisch vor und zeigt, dass auch die moderne Kunstgeschichte keine saubere Aufeinanderfolge von Stilen, Schulen und Epochen war. Eine Erfolgsgeschichte für die Künstler sowieso nicht. Reihenweise kennt man für die heute so gefeierten Impressionisten Biografien in Armut. Sie hatten eine ganze Welt gegen sich – die Welt der akademischen und Salonmalerei. Und die Beispiele, die Hollmann bringt, zeigen, dass die großen Akademiker des 19. Jahrhunderts keineswegs langweilig waren. Sie brillierten mit Meisterschaft, faszinierten mit exotischen Bildmotiven und oft auch fotografischer Genauigkeit.Das ist etwas, was Kunstlehrer ihren Schülern heute oft gar nicht mehr zeigen. Die so heftig befehdete akademische Malerei gerinnt zu einem blassen Schatten an der Wand und die Degas, Monet, Gauguin wirken wie Sieger, die die ganze Kunstgeschichte umstülpten.

Doch die Wahrheit ist: Sie hatten es allesamt schwer, in die Salons zu kommen. Und auch Gauguin, dessen Bilder heute alle großen Galerien zieren, hatte es schwer, überhaupt einen Galeristen zu finden, der bereit war, für ihn die Werbetrommel zu rühren. Er fand ihn in Theo van Gogh, dem Bruder von Vincent. Aber auch das war noch nicht der Durchbruch, von dem Gauguin träumte, seit er Frau und Kinder verlassen hatte. Er steckte wie so mancher Künstler in der Zwickmühle: Weiter Geld verdienen als angepasster Bürger oder das Risiko eingehen, als Maler verkaufsträchtigen Ruhm zu erringen?

Dabei gehörte Gauguin zu den Künstlern, die zutiefst überzeugt waren, dass sie es schaffen würden. Und stieß dabei auch seine impressionistischen Kollegen gern und heftig vor den Kopf, weil er andere Wege ging. Wege, die ihrerseits fruchtbar wurden in der modernen Malerei – wenn man an Frida Kahlo denkt, Guttuso oder Beckmann. Hier tauchen seine leuchtenden Farben wieder auf und seine klaren Kanten. Dabei hat er das Exotische tatsächlich nicht erst auf Tahiti gefunden. Glücklich war er auch dort nur bedingt. Er konnte zwar bei seiner ersten Ausflucht in die Südsee malen und schuf hunderte Bilder – doch wer nicht daheim für sich trommeln kann, verkauft auch nichts.

Hollmann zeichnet Gauguins Leben nicht nur oberflächlich nach, sondern versucht auch zu erhellen, wie aus dem erfolgreichen Börsenmakler einer der experimentierfreudigsten Maler Frankreichs wurde, wie er versucht, das Leben als Künstler mit der Sicherung seiner Familie zu verbinden und wie er daran scheitert. Er zeichnet seine Aufenthalte in der Bretagne nach, wo sich ein Künstlerkreis um ihn bildet, und wie ihn schließlich die Idee eines Ateliers in den Tropen begeistert, obwohl sein erstes Reiseabenteuer in die Tropen schon kläglich gescheitert war.So wird Gauguin in seinen Widersprüchen sichtbar, die auch die Begegnung mit Vincent van Gogh prägen. Widersprüche, die er selbst so nicht gesehen haben wird – was für neue Frustrationen sorgte, als er nach seiner Rückkehr aus Polynesien glaubt, mit seinen Bildern nun den Durchbruch zu schaffen. Doch das kaufkräftige bürgerliche Publikum ist immer konservativ. War es zu seiner Zeit noch viel mehr. Dass heute so viel von Moderne und Avantgarde geredet wird und auch lebende experimentierfreudige Künstler eine Chance haben, ihre Arbeiten zu verkaufen, liegt auch an der Revolution, die Gauguin und seine Zeitgenossen in der Kunstwelt auslösten. Eine Revolution, die ihre Zeit brauchte und Gauguins Bilder erst richtig wertvoll machte, als der Maler schon längst gestorben war.

Wo seine Zeitgenossen nur die schockierende Nacktheit Polynesiens sahen, entdeckten spätere Malergenerationen die tiefe Verwurzelung Gauguins in der europäischen Maltradition. Hollmann führt beispielhaft die großen italienischen Fresken an. Da und dort zeigt er auch, wie Gauguin mit den Anregungen anderer Künstler selbst aus tiefster Vergangenheit spielte, sich anverwandelte und auch so eine eigene Bildsprache entwickelte.

Der Band ist reich gespickt – nicht nur mit Gauguins Bildern, sondern auch mit denen jener Künstler, die mit ihm zu tun hatten oder die sich in seiner Bildwelt wiederfinden. Auch wenn das Abtauchen in die akademische Bilderwelt des späten 19. Jahrhunderts nur ein kleiner Ausflug ist, der zeigt, gegen welche Welt sich die damals jungen französischen Maler durchsetzen mussten. Und diese Welt ist ja nicht wirklich begraben, auch wenn die Bilder der Akademiker heute selten noch in Ausstellungen zu sehen sind.

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Gauguin und seine Zeit
Eckhard Hollmann, Seemann Henschel 2014, 29,95 Euro

Aber sie haben ja selber Nachfahren und nachfolgende Schulen. Man nimmt es nur nicht mehr so wahr, weil seit den französischen Impressionisten alles im Fluss zu sein scheint, stets in Bewegung, eine Avantgarde löst die andere ab. Da glaubt man dann gern, dass man es immerfort mit Neuem zu tun hat. Aber einer wie Hollmann weiß einem dann doch sehr farbenfreudig zu erzählen, dass in all dem Neuen immer auch die Spuren der Vorangegangenen zu finden sind. Dadurch werden Bildsprachen oft erst sichtbar, weil sie zitieren und aufgreifen und verwandeln. So, wie es Gauguin getan hat mit einem Feuereifer, der seine Zeitgenossen eher beängstigt hat.

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