Nicht nur Krimis aus Leipzig und Dresden präsentiert der Leipziger fhl Verlag. Mit Martina Plischkas "Die Macht im Verborgenen" hat er jetzt auch einen Rhein-Sieg-Krimi vorgelegt. Das Thema hat es in sich. Und das macht natürlich die konstruktive Arbeit eines Autors nicht leichter. Mal so ein technisches Wort verwendet, aber gute Krimis leben von einer guten Konstruktion.

Das unterschätzen viele jener zum Teil durchaus begabten Leute, die heutzutage in das Genre einsteigen. Sie schreiben ihren Ermittlern oft verblüffende Fähigkeiten, erstaunlich effektive Technik und einen Heldenmut zu, die man so in der Wirklichkeit nicht findet. Es ist zwar schön, als Leser daran zu glauben, dass die deutschen Kriminalbeamten effektiv, zielgerichtet, technisch bestens ausgestattet und mutig die Ganoven jagen und zur Strecke bringen. Mancher Polizeibericht klingt auch so, als sei es an dem.

Doch auf einem Feld tun sie sich alle schwer, von Bayern bis Sachsen, von Berlin bis Köln: bei der Aufklärung und Unschädlichmachung der organisierten Kriminalität.

Das Wort kommt so in Martina Plischkas Buch nicht vor. Aber die Ermittlertruppe um den irgendwie bärbeißigen Hauptkommissar Heiner von Berg merkt ziemlich bald, dass mehrere brutale Todesfälle um Windeck herum miteinander zu tun haben. Etwas länger brauchen sie, um dabei auf die seltsamen Rituale einer Freimaurerloge zu stoßen, aber irgendwie geht es dann Einfall auf Einfall, kommen sie einem international gesuchten Pädophilen auf die Spur, der aus den USA und Südamerika fliehen musste und nun augenscheinlich in der Provinz Windeck sein Unwesen treibt. Und das augenscheinlich bislang völlig unbeobachtet und mit einer erstaunlichen Fülle an Hilfsmitteln.Niemand scheint sich an seiner ummauerten Festung gestört zu haben, ein alter Bunker scheint gar der Versammlungsort seiner Loge zu sein. Und er oder die von ihm aufgebaute “Organisation” scheinen über technische Mittel zu verfügen, mit der sie agieren können, als wären sie besser ausgerüstet als alle Geheimdienste.

Womit wir wieder beim Eingang wären: Wie kann man organisierte kriminelle Strukturen schildern, die möglicherweise nicht nur das Wirtschaftsleben durchwuchern, sondern auch den Staat und die Politik? Denn ganz so abwegig ist ja Plischkas Idee nicht, in den in der letzten Zeit immer wieder publik gewordenen Pädophilenringen auch etwas zu sehen, was sich bestens als Erpressungsinstrument gegen Mächtige aller Art eignet. Wer auch nur in den Ruch kommt, mit Kinderpornographie zu tun zu haben, ist politisch erledigt. Aber welche Macht haben die dunklen Akteure erst, wenn sie wichtige Politiker und Funktionsträger gar selbst zu (Mit-)Tätern gemacht haben? Welches Erpresserpotenzial liegt da? Und wie realistisch ist es anzunehmen, dass auf diese Art tatsächlich Einfluss genommen wird auf Politik?

So lange her ist ja der Fall Dutroux noch nicht, der in den 1990er Jahren Belgien erschütterte. Und wie ist das mit dem Leipziger Teil des “Sachsensumpfes”, dem gerade erst Clemens Meyer seinen dicken Roman “Im Stein” gewidmet hat? In dem er auch ein paar vom Leben und vom Dienst zerfressene Polizisten auftreten lässt. Zerfressen auch, weil sie sich an diesen zähen, grauen Mauern abgearbeitet haben, die entstehen, wenn die Täter selbst in einflussreichen Positionen sitzen.

Es gibt auch in Plischkas Buch eine Stelle, an der man das Gefühl hat, jetzt ist sie am Knackpunkt ihrer Idee angekommen. Vorher hat sie nur drüber philosophiert. Jetzt aber reagiert auf einmal ein Kollege in Köln seltsam, der auf die nicht angemeldete Aktion der Kommissarin Ulla Swanson reagiert, als hätte ihn gerade ein leitender Staatsanwalt angeschrien. Martina Plischka lässt ihre nun vom Dienst beurlaubte Kommissarin trotzdem weiter agieren und erzeugt damit jene Thriller-Atmosphäre, in der eine einsame Heldin jetzt auf eigene Faust in die Höhle des Löwen vordringt.

Aus dem Kriminalroman, der den leichten Ansatz einer Gesellschaftsanalyse hatte, wird jetzt so eine Art Action-Geschichte für Jugendliche. Mit Bunker, dunklen Gängen, gefangenen Kindern, die sich selbst befreien und durch eine Kanalisation fliehen, die es in abgelegenen Gegenden auch um Wildeck garantiert nicht gibt. Gute Krimis leben bis in die Auflösung hinein davon, dass Geschichten stimmig bleiben und die Konstruktionen realistisch sind.Möglich, dass es Leser gibt, die eine schnelle Lösung um jeden Preis haben wollen. Aber das funktioniert nicht einmal emotional. Wenn es eine solche “Organisation” gibt, wie sie Martina Plischka schildert, dann dürfte auch die Kriminalpolizei in Siegburg anders reagieren. Da wird auch kein kommissarischer Leiter einer Mordkommission einfach mal eine Beurlaubung aussprechen. Das hat man in anderen fhl-Titeln wirklich schon realistischer gelesen. Denn überlastet sind die Polizeistrukturen mittlerweile in der ganzen Bundesrepublik. Die Klagen hat ja auch Plischka mit aufgenommen: Die Beamten opfern Privatleben und Gesundheit, um ihren Dienst – oft genug am Limit – zu erledigen. Da schickt man keine Kollegin einfach in Urlaub, bloß weil in der Nachbardirektion jemandem die Nerven durchgehen.

Es sei denn – und das ist das große Nichterzählte in diesem Buch – die von Plischka so allmächtig geschilderte “Organisation” wuchert tatsächlich in den Behörden und Entscheidungszentralen. Dann aber ist das Ende der Geschichte unwahrscheinlich.

Schade eigentlich. Denn das Thema ist brisant genug. Und der Verdacht liegt auch nicht wirklich weit weg, dass Polizeistrukturen in Deutschland so massiv ausgedünnt werden, weil das den Handreichereien einiger wichtiger Entscheidungsträger entgegen kommt. Denn wenn niemand ermitteln kann, weil die Kräfte dafür fehlen, dann bleiben die wirklich großen Korruptionen unentdeckt oder werden dann mit einem politischen Handwedeln abgetan: Da habe dann wohl ein übereifriger Polizist seine Kompetenzen überschritten.

Bestellen Sie dieses Buch versandkostenfrei im Online-Shop – gern auch als Geschenk verpackt.

Die Macht im Verborgenen
Martina Plischka, fhl Verlag 2014, 13,00 Euro

Der verständliche Wunsch von Autoren, so eine Geschichte doch irgendwie flott zu Ende zu bringen, hilft da nicht zu einem guten Schlusspunkt. Gute Geschichten haben ihre Logik, die man nicht verlassen darf. Auch wenn es nur fiktive Geschichten sind. Dann ist es manchmal besser, auch einen Krimi entmutigend enden zu lassen. Oder mit diesem grimmigen Gefühl, wie man es aus den Krimis von Henner Kotte kennt: dass auch der beste Ermittler den wirklich großen Mistkerlen nicht wirklich auf die Pelle rücken kann, denn die großen Tiere schützen sich gegenseitig und haben den besseren Draht zum eigenen Chef, der immer irgendwie ein paar politische Opportunitäten berücksichtigen muss, von denen sein Job abhängt. Oder sein Haus, sein Motorboot oder seine Mitgliedschaft in einem dieser noblen Selbsthelfervereine, die sich bei Sonnenschein auf dem Golfplatz treffen.

www.fhl-verlag.de

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar