Wie die USA zur Weltmacht wurden und warum schwache Präsidenten immer wieder Kriege entzünden

Der Titel klingt ein wenig so, als hätte dieser Teil der Geschichte der USA nie geschrieben werden dürfen. Dem ist nicht ganz so. In der amerikanischen Originalausgabe ist von "The Concise History of the USA" die Rede, also der knapp zusammengefassten Geschichte der Vereinigten Staaten. Aber die Intension stimmt schon: Es ist die Geschichte, die amerikanische Präsidenten selten benennen: die reale.

Mit Oliver Stone und Peter Kuznick haben sich hier zwei Größen ihrer jeweiligen Metiers zusammengetan: der Filmemacher Oliver Stone, der schon ganze Serien erschütternder Filme über die wirklichen USA und ihre tatsächliche Politik gedreht hat (legendär sind seine Filme über Vietnam, Kennedy, Nixon) und der Washingtoner Geschichtsprofessor Peter Kuznick. Und hinten im Buch erfährt man auch noch, dass dahinter noch eine ganze Mannschaft von Historikern und Mitarbeitern stand, die allesamt Fakten, Material, Originaldokumente und Fotos zusammengetragen haben für dieses Geschichtsbuch, das tatsächlich die Geschichte der USA als Weltmacht so gebündelt und kompakt erzählt, wie es bisher kein Buch erzählt hat.

Und dass der deutsche Verlag aus der kompakten Geschichte eine „ungeschriebene“ gemacht hat, ist auch erklärlich, denn auch in der Bundesrepublik dominiert (nicht nur in den Medien) das Idealbild einer USA, die der Welt selbstlos die Werte der Freiheit, Demokratie und Wohlstand bringen. Erst recht seit 1990, seit das sowjetische Imperium zusammenbrach und alle osteuropäischen Länder eine Kette von friedlichen Revolutionen erlebten.

Doch geschrieben haben Stone und Kuznick das Buch natürlich vor allem für amerikanische Leser, für all jene, die so langsam ein deutliches Unbehagen spüren über den Kurs, den ihr Land genommen hat, und die sich auch fragen, warum das Ansehen der USA weltweit gesunken ist, so weit, dass es in vielen Ländern mittlerweile das Feindbild Nr. 1 ist – weit vor Ländern wie Russland oder China, die in amerikanischen und deutschen Medien so gern verteufelt werden. Woran liegt das? Was ist da passiert? Wie konnte aus einem Land, das einmal für alle Welt der Hort von Freiheit und Demokratie war, ein Land werden, dessen milliardenschwere Militäretats den Wohlstand der Nation vertilgen und das in mehreren schwelenden Kriegen und Konflikten steckt, ohne dass irgendeine Lösung am Horizont zu sehen ist?

Stone und Kuznick gehen dabei weit zurück. Denn es gab eine Zeit, da es propagierte amerikanische Politik war, sich nirgendwo auf der Welt in nationale Interessen oder Konflikte einzumischen. Aus leidvoller Erfahrung, denn man hatte ja nicht nur selbst eine Geschichte als einstiges Kolonialland, man erlebte auch ein 19. Jahrhundert, in dem gerade die europäischen Großmächte in riesigen Kolonialreichen wüteten, als wären die dortigen Völker und Menschen wirklich nur Tiere. Einige der schärfsten Schriften gegen den Imperialismus made in England, Frankreich, Belgien, Deutschland erschienen damals in den USA. Es war undenkbar, dass die große Nation der Freiheit selbst jemals so brutal in anderen Ländern wüten würde, wie es die Belgier im Kongo taten, die Briten in Indien oder die Deutschen in ihren afrikanischen Kolonien. Undenkbar. Bis 1898, als die USA zum ersten Mal in einen Konflikt eingriffen, der direkt vor ihrer Nase entbrannte: den blutigen Versuch der Spanier, ihr Kolonialreich in Mittelamerika zu retten. Und der Einstieg der USA in die Kriege der Neuzeit begann mit jener Explosion des amerikanischen Kriegsschiffs „Maine“, der den USA als Blaupause für noch viele andere Kriegseintritte der kommenden Jahrzehnte dienen sollte. Dass sie dabei gar nicht vorhatten, die kubanische Befreiungsbewegung gegen die Spanier zu unterstützen, gehört zu den dunklen Kapiteln auf dem Weg der USA zu dem, was Stone und Kuznick mit Recht Imperium nennen.

Es waren immer wieder Präsidenten, die für fatale Weichenstellungen verantwortlich waren. Präsidenten, die – wie in der Frühzeit – von den großen Konzernbossen getrieben wurden, Politik in ihrem Interesse zu machen (nicht nur nach außen, sondern auch nach innen – man denke an die radikalen Maßnahmen gegen Gewerkschafter und pazifistische Bewegungen oder die wilde Kommunistenhatz der McCarthy-Zeit). Doch Stone und Kuznick beschreiben auch, welche Kräfte am Wirken sind, wenn ein wirtschaftlich starkes Land erst einmal auf den imperialen Weg geraten ist. Denn natürlich geht es auch immer um Absatzmärkte und den Zugriff auf Rohstoffe.

Sie beschreiben auch, welche Rolle die beiden Weltkriege gespielt haben, um die USA auf den imperialen Weg zu bringen. Im Buch wird konsequent das Wort imperialistisch verwendet, was auch richtig ist an der Stelle – in Deutschland aber mit vielen anderen, vor allem ideologischen Assoziationen verbunden ist. Aber Imperialismus ist nun einmal nichts anderes als die Politik eines Imperiums, eines Weltreiches. Und bis 1945 waren es vor allem europäische Länder, die auf diesem Weg waren – übrigens auch die Briten und Franzosen, die sich nach 1945 teilweise nur schwer von ihren riesigen Kolonien in Asien und Afrika trennen konnten. Und es ist kein Zufall, dass es diese ehemaligen Kolonien sind, in denen in den vergangenen 50 Jahren die grausamsten Kriege entbrannt sind.

Aber wie gerieten die USA in diese Rolle des ewigen Weltpolizisten? Noch Woodrow Wilson war 1916 in den Wahlkampf gezogen mit dem Versprechen, die USA aus dem blutigen Kriegsgemetzel in Europa herauszuhalten. 1917 aber führte er die USA selbst in den Krieg. Am Ende des Krieges waren die USA zwar noch nicht in der Position, ihren Verbündeten Frankreich und England einen kulanten Friedensvertrag für Deutschland aufzunötigen, aber sie waren die eigentlichen Gewinner dieses Krieges, denn der hatte sie aus einer Schuldnernation in eine Gläubigernation verwandelt – die Europäer hatten Kredite aufnehmen und Waffen kaufen müssen.

Im Grunde wurde damals der erste Keim gelegt für das, was Dwight D. Eisenhower 40 Jahre später den militärisch-industriellen Komplex nennen sollte, denn unbeschadet waren die USA aus dem 2. Weltkrieg nicht herausgekommen. Binnen kürzester Zeit hatten sie die modernste Rüstungsindustrie der Erde aus dem Boden gestampft. Und sie hatten das Pech, noch vor Kriegsende einen ihrer besten Präsidenten zu verlieren – Franklin D. Roosevelt, der mit dem „New Deal“ nicht nur geschafft hatte, das Land aus der schlimmsten Wirtschaftskrise seiner Geschichte zu führen, sondern auch eine Allianz tragfähig zu machen, die bis heute nicht ihresgleichen gefunden hat: die Allianz der Briten, Amerikaner und Russen. Und das in einer Zeit, in der in den USA längst die Kräfte am Werk waren, die die Sowjetunion zum neuen Schreckgespenst des Jahrhunderts machten. (Was übrigens die Eröffnung der zweiten Front um fast zwei Jahre verzögerte …)

Das Buch bringt tatsächlich ein paar Einblicke, die man in deutschsprachigen Geschichtswerken so noch nicht gelesen hat. So erfährt man Erstaunliches über die Kür des Vizepräsidentenkandidaten der Demokraten 1944, als Roosevelt nicht mehr die Kraft hatte, den beliebten Vizepräsidenten Henry Wallace zu unterstützen und die erzkonservativen Parteigranden stattdessen den farblosen Harry Truman durchsetzten, einen Mann, der als Präsident dann einige der wichtigsten Weichen der USA auf dem Weg zur Imperialmacht stellen sollte. Da und dort wird auch sichtbar, wie sehr der Inhalt der Politik eines Präsidenten von seinem Charakter abhängt. Und Truman war einer der schwächsten Präsidenten, die die USA je hatten – verantwortete aber den beginnenden Atomwettlauf mit der Sowjetunion. Ein Wettrennen, das er schon im Sommer 1945 begann. Recht detailliert schildern Stone und Kuznick, wie Truman noch vor der Potsdamer Konferenz begann, die Sowjetunion zum nächsten großen Feind der USA zu stilisieren. Er war der erste von mehreren Hardliner-Präsidenten, die fortan versuchen sollten, die Sowjetunion militärisch und wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki waren für das Ende des Krieges in Fernost völlig überflüssig. Dass es die Eröffnung der Front in China durch die UdSSR war, die die Japaner zum Aufgeben zwang, das steht nicht in jedem Geschichtsbuch.

Und genauso detailliert widmen sich Stone und Kuznick den anderen Wendepunkten in der jüngeren amerikanischen Geschichte: der Kubakrise, der Berlinkrise, dem Koreakrieg und dem Vietnamkrieg, in den Lyndon B. Johnson und Richard Nixon so unbedarft hineinmarschierten, dass es zumindest die amerikanische Jugend grauste, als immer mehr Details aus diesem Krieg bekannt wurden. Doch Stone und Kuznick machen auch deutlich, wie sehr amerikanische Wahlkämpfe und Kandidatenküren vom großen Geld bestimmt werden und welchen Einfluss längst die großen Rüstungskonzerne haben, die vor allem eines nicht verlieren wollten: die gigantischen Rüstungsetats, die mit jeder Präsidentschaft weitere astronomische Höhen erreichten.

Man ahnt den Mechanismus dahinter, erst recht, wenn dann auch noch die Vertreter aus diesen Konzernen in die höchsten Staatsämter kamen. Und in den Kabinetten von Ronald Reagan, Gerald Ford, George Bush und seinem Sohn George W. Bush saßen sie direkt an den Schalthebeln. Und so können Stone und Kuznick auch erzählen, wie es zu den nächsten Kriegsdebakeln der Amerikaner kam, aber auch zu dem, was dann gern als Polizeiaktion verniedlicht wurde, so wie die vielen Eingriffe von CIA & Co. in den südamerikanischen Staaten (Argentinien, Chile), den mittelamerikanischen Staaten (Honduras, Nicaragua) usw. Immer deutlicher wird sichtbar, wie eine Hauptlinie die Außenpolitik der USA dominiert – spätestens seit den 1960er Jahren wird in Washington imperiale Politik gemacht. Rund um den Globus sind über 1.000 Militärstützpunkte auf den Territorien anderer Länder entstanden. Die meisten rund um die Sowjetunion, die sich wohl zu Recht regelrecht eingekreist fühlen durften.

Und das sind dann auch die Punkte, an denen Stone und Kuznick auf das ganz spezielle amerikanisch-russische Verhältnis eingehen – auch mit direkten russischen Quellen. Bis hin zu jenem offiziell registrierten Versprechen von George Bush an Michail Gorbatschow, man werde den Verzicht der Russen auf Osteuropa nicht dadurch vergelten, jetzt die Außengrenze der Nato weiter nach Osten zu verschieben. Das Gegenteil ist geschehen. Und wer sich an die Ursprünge der Ukraine-Krise erinnert, der sieht da auf einmal die Diskussion um einen möglichen Nato-Beitritt der Ukraine. Da mag Putins Politik so aggressiv und intransparent sein, wie sie ist, aber Russland dann quasi die Nato direkt vor die Nase zu setzen (und ähnliche Bestrebungen gibt es ja auch in Georgien), das nennt man dann wohl doch schon ein Spiel mit dem Feuer.

Am Ende des Buches lassen die beiden Autoren nicht allzu viel Gutes an Präsident Barack Obama, machen ihn mitverantwortlich dafür, dass der ganze Sicherheitswahnsinn, den sein Vorgänger George W. Bush installiert hat, nicht rückgängig gemacht wurde, dass auch Whistleblower unter Obama noch stärker verfolgt werden als unter Bush. Aber täuscht hier die europäische Sicht so sehr, dass demokratische Präsidenten im Grunde kaltgestellt sind in ihren Möglichkeiten? Schon unter Bill Clinton war es ja so, dass es den konservativen Hardlinern gelang, sowohl im Senat wie auch im Kongress die Mehrheit zu erlangen – und zwar in heftigen Wahlkämpfen, in denen sie den Demokratien regelrecht unamerikanisches Verhalten unterstellten, wenn sie nicht die Rüstungsetats hoch hielten, die Steuern (der Reichen) senkten und den Bösen Mächten in der Welt mit militärischer Überlegenheit zeigten, wo der Hammer hängt. Eine Demagogie, die augenscheinlich immer wieder für satte Mehrheiten in den Abgeordnetenhäusern sorgt und den dortigen Mehrheitsführern die Macht gibt, die Initiativen der Präsidenten völlig zu lähmen.

Was übrigens – auch das erwähnen die Autoren – mit der stark von erzkonservativen Konzernen dominierten Medienlandschaft in den USA zu tun hat.

Dabei scheinen die beiden Autoren tatsächlich daran zu glauben, dass ein anderer, von demokratischen Werten durchdrungener Präsident an der Konstellation etwas ändern könnte. Aber sie selbst schildern ja, wie das Big Business nicht nur Präsidentenwahlen aufmischt, sondern auch die Nominierungen in den beiden großen Parteien bestimmt. Und dazu kommen die gigantischen Militärapparate und Geheimdienste, die in den vergangen Jahrzehnten aufgebaut wurden, die immerfort ihre Daseinsberechtigung suchen. Die beiden Autoren stellen durchaus berechtigte Fragen am Ende, denn der Versuch der USA, sich als neue imperiale Macht zu etablieren, hat ja nicht nur den Irak destabilisiert und Afghanistan zur Brutstätte des modernen Terrorismus gemacht. „Müssen wir weiter Gott um  seinen Segen bitten, damit er uns über andere Nationen erhebt?“, fragen sie am Ende ihrer kurzen und doch sehr klaren Analyse der Geschichte der USA im 20. Jahrhundert. „Auch wenn Hardliner und Nationalisten widersprechen mögen, so hat ihr Weg sich doch als der falsche erwiesen.“

Oliver Stone; Peter Kuznick Amerikas ungeschriebene Geschichte, Propyläen Verlag, Berlin 2015, 22 Euro.

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