Warum Egomanen vom romantischen Glauben der Menschen an Heldendramen profitieren

Archie Browns „Mythos vom starken Führer“

Für alle LeserDie Zeit scheint verrückt zu spielen. Selbst in funktionierenden Demokratien gewinnen Parteien Wahlen, die die Demontage der Demokratie zum Ziel haben. Männer feiern Triumphe, die sich als Retter und Führer gerieren, Typen, von denen man glaubte, die wären eigentlich nicht mehr marktfähig. Wirkt da ein „Mythos vom starken Führer“? Archie Browns Buch, das 2014 in London erschien, wirkt hochaktuell.

Archie Brown ist Historiker und Politologe. Bis zu seiner Emeritierung wirkte er als Professor für Politikwissenschaften an der Oxford University. Schwerpunkte waren Osteuropa und Russland. Aber tatsächlich hat er sich auch mit den Politikmachern anderer Länder beschäftigt. Ein halbes Jahrhundert Forschung stecken im Buch. Oder Welterfahrung. Vielleicht trifft es das besser. Denn die Politikwissenschaften sind ja nicht wirklich eine Wissenschaft, jedenfalls nicht in dem Sinn, dass man ein paar Daten eingibt in eine Rechenmaschine, und am Ende weiß man, was man für eine Art Politik bekommt.

Womit ich eigentlich schon etwas vorwegnehme, was sich erst am Ende des Buches herauskristallisiert: Politik ist viel weniger rational, als es sich alle Beteiligten gern vorstellen möchten. Sie lebt von Emotionen, Vorurteilen, Gruppendynamiken und oft genug von den Heilserwartungen der Menschen, die selbst die größte Katastrophe wählen, wenn so irrationale Gefühle wie Stolz, Nationalgefühl, Angst vor Fremden, Zukunft und Veränderung angesprochen werden – und eine gewaltige Heilserwartung, wenn der Bursche auf dem Podium nur Goldene Zeiten, Ruhm und Ehre verspricht.

Man merkt es schnell, dass Archie Brown eigentlich nicht von einem Mythos erzählt. Die Typen, die sich als Heilsbringer verkaufen, schaffen und befördern zwar alle möglichen Mythen um ihr Tun und greifen auf mythische Erzählungen von Macht und Sieg zurück. Das sind natürlich Erzählungen, die funktionieren. Davon leben ganze Hollywood-Produktionen und Netflix-Serien. Es ist schon erstaunlich, dass es zwar ein Heer von „Kino-Experten“ gibt, die jeden verfilmten Schinken punktgenau einordnen können in irgendeine wissenschaftlich klingende Kategorie. Aber nie wird thematisiert, was diese Filme eigentlich für Mythen vermitteln, wie sie die Denkweisen ganzer Gesellschaften stärken und immer wieder einen Typus von Held generieren, der oft die ganze Welt im Alleingang rettet. Deswegen liebten ja die Nazis die Hollywood-Filme so sehr.

Und deswegen dominieren auch in der politischen Berichterstattung Heldengeschichten. Politik wird – auch in modernen Republiken – von den meisten Menschen eben nicht als gemeinsame Sache verstanden, als ein Projekt der bestmöglichen Verwaltung des gemeinsamen Interesses. Und Demokratie wird auch von vielen Demokraten nicht als ein System mit vielen Sicherungen begriffen, das verhindert, dass das gemeinsame Wohlergehen zum Spielball größenwahnsinniger Narzissten wird. Der Glaube, einzelne Personen würden die Sache besser machen und mehr wissen und weiter sehen als die Gemeinschaft, sitzt tief. Die Erkenntnis, dass diese Typen jedes Mal, wenn sie tatsächlich an die Macht kamen, unsägliches Unheil anrichteten, scheint wie weggewischt.

Was nicht nur die Politik betrifft. Im Kapitel „Psychologische Dimensionen“ geht Brown auf das Irrationale ein, das im Streben nach Macht und Reichtum steckt. Und natürlich zitiert er in diesem Kapitel Adam Smith, der ja in seinen Büchern viel klüger und weltgewandter war als all seine Nachbeter in den heutigen Wirtschaftswissenschaften. Ihm war sehr wohl bewusst, dass das Schicksal einzelner, herausgehobener Personen die Menschen immer viel mehr bewegt hat als das von Menschengruppen. Er bezog es auf den Vergleich zwischen dem Tod von Karl I. und den Toten des englischen Bürgerkrieges. Die vielen Toten sind namenlos. Man kann sich nicht wirklich vorstellen, was das Sterben von Tausenden oder Millionen Menschen bedeutet. Aber wie Jeanne d’Arc, John F. Kennedy und Mussolini starben, weiß fast jeder. Sie sind Heldinnen und Helden von großen Dramen.

Und augenscheinlich betrachten die meisten Menschen und auch fast alle Medien das politische Schauspiel genauso. Deswegen verschwinden die nicht-heldischen Politiker so schnell aus dem Gedächtnis, während die Tyrannen darin für alle Zeiten einen Platz mitten im Scheinwerferlicht haben.

Deswegen stimme ich dem Buchtitel nicht so wirklich zu. Es geht nicht um einen Mythos. Aber den Fehler hat schon Archie Browns englischer Verlag gemacht, der das Buch 2014 mit „The Myth of the Strong Leader“ betitelte. Darum geht es auch in Archie Browns Analysen nicht, die im Grunde eine kluge Grundlagenarbeit zu der wirklich spannenden Frage sind: Wie funktioniert eigentlich eine wirklich kluge Regierung?

Seine These, die er nicht wirklich untermauert, ist gleich zum Beginn der Einleitung zu finden: „In demokratischen Gesellschaften besteht im Grunde Einigkeit darüber, dass eine ‚starke Führung‘ etwas Positives ist.“ Das Zitat, mit dem er das begründet, holt er sich aber aus der Tagespresse. Das heißt: Eigentlich geht es um einen Erzähltopos, der die Medienberichterstattung über Politik dominiert. Es sind Medien, die nach einer „Starken Führung“ rufen und Politik als ein Spiel starker Führungspersönlichkeiten beschreiben. In jüngerer Zeit wieder deutlich extremer, denn gerade Fernsehen und Internet sind Medien, die den Kult der Persönlichkeit befördern. Sie konzentrieren sich auf die „Macher“, die Stars im Polit-Business. Politik wird im Grunde genauso erzählt wie in der Netflix-Serie „House of Cards“, aus der man recht irrationalerweise den Darsteller von Francis „Frank“ Underwood, Kevin Spacey, entfernt hat, nachdem ihm sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden. Obwohl gerade diese Tatsache ja zeigte, dass im Film-Business dieselben Mechanismen funktionieren wie im Politik-Geschäft. Immer wieder werden die wichtigsten Entscheidungspositionen von Männern besetzt, die für sich Grenzen nicht akzeptieren und vor allem das Spiel beherrschen, andere Menschen einzuschüchtern und zum Akzeptieren ihres Tuns zu bringen. Und sie finden immer Leute, die ihnen folgen, sich das gefallen lassen und sich bereitwillig einfügen in ein System, in dem sie dann selbst zu Tätern werden.

Wir haben es also nicht mit einem Mythos zu tun, sondern mit der Psychologie menschlicher Machtstrukturen. Und mit der menschlichen Suche nach einer Regierungsform, die das Irrationale in diesen Strukturen abmildert oder möglichst vermeidet.

Archie Brown kennt sein 20. Jahrhundert. Deshalb belässt er es nicht bei den Typen, die man sich beim Begriff „Führer“ sofort vorstellt. Die kommen vor allem in den Kapiteln „Revolutionen und revolutionäre Führung“ und „Totalitäre und autoritäre Führung“ vor. Wobei es selbst da Schattierungen und Abstufungen gibt und Archie Brown eine These durchaus bestätigt sieht: Dass die schlimmsten Gräueltaten in der Geschichte immer dann passieren, wenn die Berauschtheit des Mannes an der Spitze nicht wenigstens durch eine kollektive Führung im engeren Machtzirkel austariert wird. Kollektive Führungen mildern die Exzesse auch von Diktaturen.

Aber erst in Demokratien wird sichtbarer, warum das Agieren von Politikern, die alles allein entscheiden wollen, regelmäßig schiefgeht. Eigentlich geht es auch weniger um „Führungsstile“, die Brown besonders detailliert an englischen Regierungen und dem Scheitern ihrer Protagonisten (Neville Chamberlain, Margaret Thatcher und Tony Blair) schildert. Denn Regierungskabinette sind eben nicht nur eine Abbildung von Mehrheitsverhältnissen, sondern sammeln auch Kompetenzen. Zumindest sind neu gewählte Regierungschefs gut beraten, die Ministerien mit Kompetenz zu besetzen und nicht nach Parteiproporz. Denn der Blick ins Detail zeigt ja erst, wie hochkomplex die Arbeit von Regierungen ist. „Starke Führer“ geraten jedes Mal ins Trudeln, wenn sie sich zu viele Entscheidungskompetenzen auf den Tisch gezogen haben und fast alles allein entscheiden. Da kommen dann die Phänomene von Selbstüberschätzung und Allmachtswahn zum Tragen, werden in einer scheinbar genialen einsamen Stunde Entscheidungen gefällt, die für Millionen Menschen tragische Folgen haben. Blairs Entscheidung, beim Irak-Krieg und dem Sturz Saddam Husseins mitzumachen, ist so eine einsame Entscheidung. Dass auch kollektive Führungen katastrophale Entscheidungen treffen können, zeigt ja das parallele Agieren der Bush-Regierung, in der die Berater des Präsidenten (Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz) die dominierenden Gestalten waren, die auch die gemäßigten Kräfte in der Regierung an den Rand drängten.

Im Grunde macht Archie Brown die ganze Bandbreite von Führungsstilen auf, die das 20. Jahrhundert prägten. Er versucht auch zwei neue Führungsklassen zu definieren – die neudefinierende Führung (in der kompetente Politiker es schaffen, ihrem Land ein neues, zukunftsfähiges Arbeitsprogramm zu verpassen – Franklin D. Roosevelt, die Attlee-Regierung in Großbritannien und Willy Brandt dienen hier als Beispiele) und die transformative politische Führung. Hier stehen Männer wie Charles de Gaulle, Nelson Mandela und Michail Gorbatschow, die auch das Regierungssystem ihrer Länder neu definiert haben. Und die – wie Gorbatschow – so nebenbei auch noch die komplette politische Landschaft Osteuropas verändert haben. Ein hübscher Punkt in diesem Buch, denn Brown ist auch konsequent in der Definition politischer Veränderungen. Und den Transformationen in der DDR, in Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei attestiert er, dass es ganz bestimmt keine Revolutionen waren. Zum Glück, betont er. Denn Revolution sind nun einmal durch ihre Gewaltsamkeit geprägt und durch ihre immanente Gefahr, dass sie ein autoritäres Regime nur durch ein neues ersetzen. Beispiele findet man in der arabischen Welt zuhauf.

Was einem natürlich als Leipziger, wo man so emsig die Friedliche Revolution feiert, zu denken gibt. Auch positiv zu denken. Denn etliche der heutigen Missverständnisse über die Jahre 1989 und 1990 rühren ja daher, dass wir diesen Übergang als Revolution missinterpretieren – oder aus Sicht der anderen Seite als „Wende“ oder „Kehre“ (Uwe Steimle). Tatsächlich war es eine durch die Bürger erzwungene friedliche Transformation, also letztlich ein demokratischer Prozess, der im März 1990 auch mit einem demokratischen Machtwechsel einherging.

Das ist ein wichtiger Punkt, denn er verweist eben auch darauf, wie wichtig in so einer Transformation kollektives Handeln ist – nicht nur der Bürger, sondern auch der Regierungen, die sich eben nicht mehr als allein seligmachend verkaufen, sondern sich öffnen für kollektive Lösungsansätze. Und damit rückt etwas in den Mittelpunkt, was an dieser Transformation so schwer im alten Helden-Muster erzählbar ist: Hier wollte niemand seinen Ruhm oder seine Genialität beweisen. Die Entscheidungen fielen alle an Runden Tischen oder später in der letzten Volkskammer fraktionsübergreifend. Das Romantische an der Geschichte fehlte völlig (wenn man das Ereignis zum Beispiel mit den Französischen Revolutionen vergleicht). Und da versagen Medien, die die Heldenerzählung gewohnt sind. Gerade das Jahr 1990 war geprägt von der Suche nach Helden. Und weil man keine starken positiven „Helden“ fand, feierten die finsteren Helden ihre Medienerfolge und prägten das Bild des Übergangs.

Man merkt schon, dass in Deutschland ein Stück weit die distanzierte Politikbetrachtung klassischer englischer Analysten wie Archie Brown fehlt, dass unsere deutsche Presselandschaft sehr stark von einer arg romantischen Sicht auf „starke Führer“ und „Macher“ geprägt ist, was dann logischerweise bei vielen Bürgern den falschen Eindruck erweckt, als wäre tatsächlich eine einzige Person dafür verantwortlich, wie Politik gemacht wird. Was ja sogar so weit geht, dass selbst Landespolitiker den Mythos verbreiten, sie hätten mit der aktuellen Politik gar nichts zu tun und für alles sei die eine Bundeskanzlerin zuständig. So gesehen gibt sich auch unser politisches Establishment einer Verklärung des eigenen Tuns hin und spielt die (gezinkte) Karte „machtlose Führung“.

Warum hat man diese Leute dann überhaupt gewählt?

Gerade das Kapitel zur „neudefinierenden Führung“ zeigt, worauf es in demokratischen Prozessen tatsächlich ankommt: ein politisches Wissen um die tatsächlichen Handlungsspielräume und die in einem mit starken Experten besetzten Kabinett umgesetzten Schritte. Das ist der Punkt, an dem auch aufmerksame Journalisten sehen können (wenn sie denn wollen), ob der Typ mit Schlips nur ein Großmaul und Blender und Narziss ist, oder ob er wirklich ein Politiker ist, der sein Metier versteht. Und dazu muss er gar kein mediengeiler Darsteller des allesalleinkönnenden Obermotz sein.

Im Gegenteil. Man merkt auch bei Archie Brown, dass er vor den bescheidenen und kollegialen Politikern eine viel größere Hochachtung hat. Nicht nur, weil er sie menschlich sympathischer findet, sondern weil ihre Arbeit meist viel erfolgreicher und dem Gemeinwohl dienender ist. Der Labour-Premierminister der Nachkriegszeit Clement Attlee steht für ihn dafür genauso wie Willy Brandt in Deutschland. Beide haben starke Minister in ihr Kabinett geholt und wichtige Entscheidungen immer im Konsens mit ihren Kabinettskollegen gefasst. Was natürlich Eigenschaften voraussetzt, die die üblichen Narzissten der Macht selten bis nie mitbringen: die Fähigkeit, Kritik und Gegenwind auszuhalten, sich auch einmal zurückzunehmen und das Fachwissen der Ressortminister zu respektieren, oder einfach auch um kluge Kompromisse ringen zu müssen und dabei auch „Widersacher“ überzeugen zu müssen, die einem wirklich aufrecht und kenntnisreich die Stirn bieten.

Das sieht nicht so heldenhaft aus wie die Prahlereien der „Basta“-Politiker. Stimmt. Aber eigentlich sind Demokratien verdammt dazu, genau diese Art des Regierens zu lernen und zu respektieren. Was sich mit der medialen Sehnsucht nach Helden selten vereinbaren lässt. Es ist nicht nur eine romantische Sehnsucht, sondern eine brandgefährliche. Und Medien haben einen großen Anteil daran, dass heute wieder autoritäre Führungsfiguren Aufwind haben und Personen und Institutionen das Machtvakuum füllen, die durch keine Wahl demokratisch legitimiert sind.

Zu Recht erinnert Brown daran, dass Demokratie erst durch kollektive Beteiligung möglich wird.

„Wenn der Niedergang der politischen Parteien voranschreitet, wird ihr Platz von jenen innerhalb und außerhalb der Gesellschaft eingenommen, die am meisten Geld aufwenden können, um sich wirtschaftliche und politische Macht zu kaufen“, schreibt Archie Brown.

Er hat für die deutsche Ausgabe auch noch extra ein neues Vorwort geschrieben, in dem er auf die neuen politischen Phänomene Trump, Erdogan und Putin eingeht. Aber deren Auftreten illustriert ja im Grunde das, was sich bei Brown als Grundthese andeutet: Dass eine gute Regierung immer eine kollegiale Führung ist. Schlecht wird sie, wenn die „starken Führer“ glauben, alles besser zu wissen und allein regeln zu müssen. Ihnen allein dient die Legende vom „starken Führer“ und der Ruf närrischer Journalisten nach einem solchen.

Archie Brown Der Mythos vom starken Führer, Propyläen Verlag, Berlin 2018, 25 Euro.

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