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Märchenmorde: Wenn 16 alte Märchen sich als Parabeln auf eine grausame Gegenwart entpuppen

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    Ach ja, na gut, jetzt wird endlich mal aufgeräumt mit den ganzen kriminellen Machenschaften in unseren Märchen, den Räubern im Wald, dem Kinderentführer Rumpelstilzchen und dem Froschprinzen, diesem nasskalten Stalker. Denkt man zumindest, wenn man den Titel liest: „Märchenmorde“. Aber die Autorinnen und Autoren, die Andreas M. Sturm für diese Anthologie aus der Edition Krimi versammelt hat, wollten die Leser nicht so billig abspeisen.

    Sie wollten auch nicht – wie in früheren Anthologien der in Leipzig gegründeten Edition Krimi, die nach einigen Häutungen heute Teil der Hamburger Bedey Media ist – einfach ihrer Mordlust frönen in allen nur denkbaren Variationen (Stichwort: „Sachsenmorde“/„Giftmorde“). Vielleicht auch, weil ihnen Märchen schon immer unter die Haut gingen und eben nicht nur schöne bunte Kindheitserinnerungen sind. Sind sie ja auch nicht. Sie sind auch keine netten Parabeln, damit Kinder was lernen fürs Leben. Oft sind sie brutal, traurig, gruselig. Sensible Kinder ziehen sich dabei die Bettdecke über den Kopf, ahnen aber schon früh, dass das wohl doch das richtige Leben ist, das in den Märchen nur etwas verwandelt, übertrieben und dramatisch widerscheint.

    Dass also dieses beruhigende „Es war einmal …“ eigentlich ein Trick ist, mit dem die Großen den Kleinen die trügerische Hoffnung mit auf den Weg geben, dass das alles so lange her ist, dass es ihnen in ihrem Leben ganz bestimmt nicht so passieren wird. Passiert es aber doch. Denn wer aufmerksam hinhört merkt ja, dass es in den Märchen um Eifersucht geht, Neid, Geschwisterstreit, lieblose Eltern, um Waisenkinder, die sich mit Klugheit aus der Misere ziehen, um missgünstige Nachbarn, unersättliche Gierschlünde, Nimmersatte und Machtgierige, um Blender, Aufschneider und arme Würstchen, die sich nur eins wünschen: Ein Dach über dem Kopf, einen gedeckten Tisch, einen gnädigen Herrn.

    Alles sehr heutig. Wenn man nur bereit ist, das Heutige in den alten Verkleidungen zu erkennen. Und das tun die im Buch vertretenen 14 Autorinnen und Autoren, nicht nur mit den Märchen der Brüder Grimm, die sich – wie in Ulrike Blieferts Geschichte „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ – auch mal von einer irischen Elfe sagen lassen müssen, dass doch das eine oder andere Märchen eher eine dumme und verkorkste Geschichte geworden ist, an der mit ein bisschen Hilfe nachgearbeitet werden sollte.

    Andere Geschichten – wie die von Hans Christian Andersen – verwirren ja schon seit 150 Jahren deshalb, weil man nicht so recht festmachen kann, was sich eigentlich hinter der ganzen traurigen Geschichte verbirgt. Dass es vielleicht um Kindesmissbrauch, Mobbing und anerzogene Minderwertigkeitskomplexe gehen könnte, erzählen Swenja Karsten und Franziska Steinhauer in den Geschichten „Judith rupft einen Schwan“ und „Rosmarie: Die kleine Meerjungfrau“.

    Es ist das Grauen der Gegenwart, das auch davon erzählt, wie leicht Menschen in die Fallen der eigenen Erwartungen und falscher Versprechungen geraten können. Hätte man ja ahnen können nach all den Märchen vom Goldesel, vom Froschkönig und König Drosselbart, die freilich in diesem Band nicht aufgegriffen wurden. Dafür haben sich die Autoren ein paar andere dieser Grimmschen Traum-vom-Glück-Märchen geschnappt und sie in die Gegenwart versetzt, wo die seelischen Verkümmerungen genauso blühen – etwa in „Dornröschen war ein schönes Kind“ von Regine Röder-Ensikat oder in „Grit und Henri“ von Connie Roters. Auf einmal merkt man, wie sehr all die dunklen Wälder, in denen die Märchenhelden unterwegs sind, doch nur Symbole sind für die Finsternisse, in denen sich der Mensch im ganz normalen Leben verlaufen kann.

    Und stets hat er die Wahl – entweder sich zu den Guten zu schlagen und die Verlorenen zu retten – wie in Gisela Wittes „Rapunzel“ oder in Andreas M. Sturms „Das Frauenhaus des alten Seeräubers“, oder es genauso zu machen wie die Räuber. Keineswegs erstaunlich, dass das ausgerechnet in zwei modernen Mafia-Varianten von Rumpelstilzchen („Don Corleone“ von Bernd Köstering) und „Der gestiefelte Kater“ (von Franjo Terhart) passiert. Denn augenscheinlich kommt man mit den alten Methoden aus den Märchen heute nicht mehr zu Reichtum. Man muss wohl zu kriminellen Mitteln greifen. Und wird dann auch noch bewundert und gefürchtet dafür.

    Was natürlich auch eine gar nicht mehr erschütternde Botschaft ist: Wir leben in einer Zeit, in der der alte Märchenglaube, man müsste nur tapfer das Glück beim Schopf packen und dann werde man reich und glücklich, im Zeitalter des globalisierten Raubens und Plünderns gestorben ist. Einer Zeit, in der sich die Räuber wie Saubermänner darstellen und die geklauten Reichtümer nutzen, um sich Könige, Richter und kleine Mädchen zu kaufen.

    Keine Desillusionierung könnte größer sein.

    Die versammelten Autoren müssen gar nicht erst zu den Techniken des geübten Mordens greifen, um aus den Märchen moderne Kriminal-Erzählungen zu machen. Denn so, wie mit den Schwächeren in der modernen Welt von Hab und Gier umgegangen wird, braucht es nur genügend Penunzen, um sich allerlei Handlanger gefügig zu machen und den Mühsamen und Verlassenen alle Zuversicht und allen Mut abzukaufen. Am Ende erscheint nur einer ehrlich und hilfreich, so, wie er auch schon in Grimms Märchenbuch in stoischer Ruhe das Notwendige tat: Gevatter Tod (in Björn Götzes Geschichte „Stunde zum Gehen“).

    Wenn dem Buch etwas gelingt, dann ist es tatsächlich, einige der berühmten Märchen so umzukrempeln, dass das raue, kratzige Innenfutter sichtbar wird, das Abgründige und Egoistische im Menschen, das in den Märchen stets die Triebkraft des Bösen ist. Nur dass das mit den Bösen nicht so einfach ist, wie Matthias Ramke in seiner Version von „Schneewittchen“ erzählt. Denn ist die Schöne hinter den Sieben Bergen tatsächlich das arme, naive Ding, als das es uns das Kindermärchen nahezubringen versucht?

    Bei den Grimms wirkte vieles noch wunderbar eindeutig – gut und böse waren so klar zu scheiden voneinander, dass es in den nachfolgenden Bilderbuchüberarbeitungen geradezu fröhlich und unschuldig zuging. Stets gewannen die Netten, Braven und Unschuldigen, wurden wundersam gerettet, gewannen unverhofft das große Los. Und die Bösewichte erlitten ihre verdiente Strafe.

    Und wenn sie diese Strafe nie bekommen, sondern sogar durchkommen mit ihrer Rücksichtslosigkeit? Na ja, dann ist man wohl etwas unsanft in der Wirklichkeit gelandet und kann froh sein, wenn einem wenigstens ein „Gefährlicher Engel“ wie in Uwe Wittenfelds Aschenbrödel-Variante in die Arme fällt. Es ist eine von mehreren Geschichten, in denen die Heldinnen und Helden dann doch zur Selbstjustiz greifen, weil sie sonst den Bösen und Gierigen einfach nicht das Handwerk legen können. Wobei sie da die Grimms eigentlich als Alibi haben. Denn wenn sich die Märchenhelden anders nicht zu helfen wissen, schieben sie auch schon mal böse Hexen in den Ofen oder lassen den Knüppel aus dem Sack, damit der gierige Wirt seine Strafe bekommt.

    Vielleicht ist ja die eigentliche Botschaft der Märchen nicht, dass einer und eine nur glücklich werden, wenn sie hilfreich, fleißig und gut sind, sondern wenn sie im richtigen Moment beherzt ihr Schicksal in die Hand nehmen. Manchmal mit unangenehmen Folgen für Leute, die immer so tun, als könnten sie straflos alles an sich raffen. Ein erstaunlich aktuelles Grundthema, möchte man meinen. So gegenwärtig lasen sich Märchen lange nicht mehr.

    Andreas M. Sturm (Hrsg.) Märchenmorde, Edition Krimi, Hamburg 2019, 13 Euro.

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