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Diagnose: Paranoide Schizophrenie – Wie eine Krankheit ein ganzes Leben aus den Angeln hebt

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    Mara Majeskie ist ein Pseudonym. Verständlicherweise. Wenn es um Krankheiten, Behinderungen und das Nicht-so-Sein wie die anderen geht, dann beginnen in unserer Gesellschaft die Tabus und Aversionen. Sie liegen ganz dicht unter der Oberfläche. Denn mit den Nicht-Perfekten und Normierten kann unsere Eliten-Gesellschaft nichts anfangen. Da wird sie abweisend und verachtend. Und so schreibt Mara von sich auch lieber in der dritten Person.

    Einerseits natürlich, um sich selbst zu schützen. Und natürlich auch, weil es auch dann schwer ist, mit einer Erkrankung wie der paranoiden Schizophrenie umzugehen,wenn man selbst betroffen ist. Denn sie greift in das Allerwichtigste ein, was einen als Person ausmacht: mitten ins Denken und ins Wahrnehmen der Welt.

    Und auch die Hirnforscher wissen noch nicht wirklich, was da passiert, auch wenn sie inzwischen wissen, dass Schizophrenie mit chemischen Veränderungen im Gehirn einhergeht. Wikipedia fasst es kurz so zusammen: „Eine schizophrene Psychose geht auch einher mit biochemischen Veränderungen im Gehirn. Ebenfalls durch bildgebende Verfahren ist bekannt, dass bei Schizophrenie die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen im Gehirn bezüglich der Neurotransmitter-Systeme, die mit Dopamin, GABA, oder Glutamat arbeiten, von ihrer normalen Funktionsweise abweicht.“

    Seit wir wissen, dass unser Denken – und damit auch unsere Weltwahrnehmung – auf chemischen Botenstoffen basiert, sind schizophrene Erkrankungen überhaupt erst einmal behandelbar. Von heilbar kann noch keine Rede sein. Aber gerade Schizophrenie macht ja besonders deutlich, wie sehr unser Ich tatsächlich Ergebnis der richtigen Signalübertragungen im Gehirn ist – und wie eine Störung dieser grundlegenden Funktionen dazu führt, dass sich die ganze Persönlichkeit verändert. Ursachen werden in der erblichen Vorbelastung gesucht. Aber Auslöser können diverse Stresseinwirkungen aus der Umwelt sein.

    Und das kann, wenn diese Prozesse erst einmal ausgelöst werden, dazu führen, dass ein junger, kluger Mensch, der längst studiert und ein erfolgreiches Leben vor sich hat, völlig aus der Bahn geworfen wird. So erlebt es auch Mara, die mit ihrer hier aufgeschriebenen Geschichte versucht, ihren Weg in die Krankheit zu begreifen und gleichzeitig zu beschreiben, wie sie wenigstens wieder den Weg in ein einigermaßen selbstständiges Leben gefunden hat.

    Was nicht geradlinig gelang. Denn natürlich ist das eigene Gehirn in so einer Phase kein kluger Ratgeber mehr. Es hat ja genug mit all den aus dem Lot geratenen Prozessen zu tun, mit Ängsten und Wahnvorstellungen. Und mittendrin das tapfere Ich, das doch eigentlich nur ein ganz normales Leben führen möchte, so wie alle anderen Menschen auch. Mit einer eigenen Wohnung, einer ganz normalen Erwerbstätigkeit, vielleicht einem Haustier …

    Doch selbst die gewöhnlichsten Dinge werden kompliziert. Die Krankheit macht Mara immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Und ihre Versuche, die verordneten Medikamente abzusetzen, weil sie einige sehr unangenehme Nebenwirkungen haben, gehen eigentlich jedes Mal schief. Aber sie hat Glück – sie trifft auf Ärzte und Therapeuten, die verstehen, was die Krankheit anrichtet, auch wenn einzelne Medikamente immer nur einige chemische Prozesse wieder leidlich ins Gleichgewicht bringen können.

    Mara wird wohl ihr Leben lang Medikamente einnehmen müssen, auch wenn die Hirnforschung möglicherweise irgendwann neue Ansätze findet, wie man all diese Prozesse im Gehirn regulieren kann, ohne dass die Patienten jeden Tag von ihren Medikamenten abhängig sind.

    Das Buch ist keine Happy-End-Geschichte. Denn natürlich kann Mara einige ihrer Lebensträume, die sie noch als Schülerin für erfüllbar hielt, nicht leben. Damals beschäftigte sie sich schon mit dem Thema, ohne zu ahnen, dass es sie einmal selbst betreffen könnte.

    Und natürlich auch nicht ahnend, wie sehr sie die Krankheitserfahrungen an die Grenzen des Aushaltbaren bringen würden. Denn die Veränderungen, die mit der Schizophrenie vor sich gehen, rühren an die allerelementarste Frage, die ja sogar Menschen in Ängste stürzen kann, die diese Krankheit nicht erfahren haben: Was eigentlich ist Realität?

    Was gaukelt einem das eigene Gehirn eigentlich nur vor? Welche Ängste haben einen realen Ursprung und wo verändern tatsächlich nur völlig aus dem Ruder gelaufene Prozesse im Gehirn die Wahrnehmung der Außenwelt? Eine wichtige Frage, mit der sich die Hirnforschung ja seit einigen Jahren intensiv beschäftigt. Denn inzwischen wissen wir ja, dass die Welt, wie wir sie wahrnehmen, eine Konstruktion in unserem Gehirn ist.

    Eine Konstruktion, die uns nur dann überlebensfähig macht, wenn sie die äußere Welt wirklich adäquat abbildet und die richtigen körperlichen Wahrnehmungen auslöst. Ein sehr sensibler und komplexer Vorgang, der aber bei schizophrenen Erkrankungen aus dem Lot gerät. Und damit den Betroffenen da trifft, wo er am verletzlichsten ist: in dem, was er (oder sie) als Ich empfindet, das Zentrum seiner Weltwahrnehmung.

    Aber was passiert, wenn man sich auf dieses Ich nicht mehr verlassen kann? Das ist ja immerhin etwas, was etliche Menschen in unserer Gesellschaft ja geradezu in Kauf nehmen, wenn sie sich mit Drogen aller Art volldröhnen und hinterher behaupten, sie hätten wunderwas erlebt, auch wenn sie in Wirklichkeit nur mit lauter bunten Chemiekeulen ihr fein austariertes Ich aus dem Gleichgewicht geballert und die Synapsen zum Hexentanz gebracht haben.

    Und manche erleben am Ende einer Suchtkarriere das, was Schizophrenie-Patienten ganz ohne Verschulden erleben: wie sich dieses Ich tatsächlich mit Wahnvorstellungen füllt und die Wahrnehmung der Realität verschwimmt und damit das eigene Leben immer unberechenbarer wird.

    Mara akzeptiert irgendwann, dass sie ein normales Leben niemals führen wird, dass sie auch bei der Freiwilligen Feuerwehr im Dorf nicht mehr mithalten kann und dass viele Wünsche, die man als junge Frau ans Leben hat, schlicht mit der Krankheit kollidieren. Irgendwann hat sie sich dann hingesetzt und ihre Krankheitsgeschichte in der dritten Person niedergeschrieben, sie quasi weit von sich gerückt, sodass sie mit einer gewissen Gefühlsdistanz erzählen kann, was Mara alles geschehen ist.

    Man versteht diese Distanz. Anders wäre diese Geschichte wohl auch nicht erzählbar gewesen, die wahrscheinlich für viele Schizophrenie-Patienten sehr typisch ist. Das Büchlein kann also auch Menschen ein kleiner Ratgeber sein, die mit Angehörigen, Freunden und Kollegen zu tun bekommen, die an paranoider Schizophrenie erkrankt sind.

    Man versteht dann vieles besser und bekommt ein Gefühl dafür, wie sehr die paranoide Schizophrenie in die Persönlichkeit eingreift. Dieses scheinbar so sichere Ich, von dem die meisten nicht mal ahnen, auf welche fein aufeinander abgestimmten Prozesse im Gehirn dieses Ich angewiesen ist, damit es uns möglichst ein Leben lang stärkt in dem Gefühl, tatsächlich selbst die Akteure unseres Lebens zu sein.

    Mara Majeskie „Diagnose: Paranoide Schizophrenie. Ein Schicksal“, Ich Verlag, Leipzig 2019, 13,90 Euro.

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