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Fenster ins Gehirn: Können Neuroforscher tatsächlich schon unsere Gedanken lesen?

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    Wenn man manchen Zeitungen und Magazinen Glauben schenken würde, dann wären unsere Gehirne heute schon mit ein paar technischen Geräten auslesbar, wäre Gedankenleserei überhaupt kein Problem mehr und bald würden die Menschen mit kleinen Schnittstellen herumlaufen, mit denen sie ihre Gehirne einfach mit Computern verbinden können.

    Wenn man den ganzen Schönschwätzern und Prahlhänsen aus dem Silicon Valley glauben dürfte, stünden wir kurz davor, dass sich Menschen einfach nur mit Gedankenkraft ins Internet einklinken können, neue Geräte einfach unseren Willen auslesen und umsetzen können und die Zukunft sowieso den Cyborgs gehört.So gesehen ist das, was der Wissenschaftsjournalist Matthias Eckoldt mit dem am Bernstein Center for Computational Neuroscience der Charité Berlin forschenden John-Dylon Haynes gemeinsam versucht, eine systematische Demontage der bunten Bilder, mit denen heute schon eine ganze „Neuro“-Industrie versucht, ihre Produkte an leichtgläubige Käufer zu verkaufen. Natürlich ist das Buch nicht als Demontage angelegt.

    Beiden geht es vielmehr darum auszuloten, wo die Hirnforschung heute tatsächlich schon steht, was sie mit tonnenschweren Geräten wie den MRT tatsächlich in den Gehirnen der Probanden erkennen kann und was tatsächlich „gelesen“ werden kann. Ist die Neurowissenschaft tatsächlich schon auf dem Weg, in unser „stilles Kämmerlein“ zu schauen und all das auszulesen, was Menschen tatsächlich als ihr Privatestes und Geheimstes betrachten?

    Eine Antwort, die fast beiläufig auftaucht, lautet natürlich: Das geht mit der rücksichtslosen Datenauslese in den sogenannten „sozialen“ Netzwerken und ihrer Verknüpfung mit Algorithmen viel besser, eigentlich millionenfach besser, denn mit all unseren Handlungen im Internet verraten wir uns, zeigen, was uns wichtig ist, wofür wir uns interessieren, wie wir es bewerten, mit wem wir in Kontakt sind und wie wir denken. Da ist unser Allerinnerstes einfach schon in auslesbare Daten verwandelt, die nur noch verknüpft werden müssen und die Datenkonzerne wissen mehr über uns, als wir uns oft persönlich bewusst sind.

    Genau das aber kann man mit den heute verfügbaren Geräten der Neurowissenschaft nicht. Und das, obwohl ja die Gehirnforscher viel dichter dran sind am Quell unseres Ichs. Wobei Haynes und Eckoldt eine sehr hübsche Diskussion aufmachen, die eher selten mal den Raum der Neurowissenschaft verlässt: die Diskussion über Dualismus und Monismus. Eine Diskussion, die Haynes immer wieder verblüfft, weil sie aus Sicht eines Gehirnforschers überhaupt keinen Sinn ergibt.

    Aber seit Platon beschäftigt dieser seltsame Gedanke die Philosophen (und die Religionen sowieso), haben sie die gewagtesten Denkgebäude errichtet, um die Trennung von Geist (oder Seele) und Gehirn irgendwie zu begründen. Und das Überraschende auch für Haynes ist, dass selbst heute noch selbst die Bürger der eigentlich wissenschaftlich fundierten Gesellschaften des Nordens zum größten Teil felsenfest daran glauben, dass ihr Geist gesondert von ihrem Körper, genauer: ihrem Gehirn existiert, dass er also irgendwie einfach weiter existiert, wenn der Körper stirbt.

    Und so begann ja auch die Gehirnforschung einst mit der Suche nach dem „Sitz der Seele“ im menschlichen Gehirn und jahrhundertelang glaubte man, ihn in der Zirbeldrüse gefunden zu haben. Bis dann modernere Forscher nachwiesen, dass die Zirbeldrüse ganz andere, elementare Funktionen im täglichen Geschäft des Gehirns zu erfüllen hat.

    Haynes und Eckoldt arbeiten sich auch durch die teilweise ziemlich irre Vorgeschichte der heutigen Gehirnforschung, sodass die Leser/-innen des Buches auch ein Gefühl dafür bekommen, wie sich die Gehirnforscher auf einem langen und auch von Irrtümern gesäumten Weg dorthin vorgearbeitet haben, wo sie heute sind, wie sie nach und nach wenigstens die Grundfunktionalitäten innerhalb des Gehirns lokalisierten und natürlich im späten 20. Jahrhundert darangingen, Geräte wie die tonnenschweren Magnetresonanztomographen (MRT) zu nutzen, um mit der Erzeugung starker Magnetfelder möglichst detailliert in die Vorgänge unseres Gehirns hineinschauen zu können.

    Doch auch mit dem MRT kommen sie nur bis auf die Ebene der kleinen Blutgefäße, die unser Gehirn durchziehen. Die dort sichtbar werdenden Veränderungen können grafisch dargestellt werden, was zumindest die Lokalisierung von verschiedenen Arbeitsvorgängen im Gehirn ermöglicht. Das ergibt durchaus eindeutige Muster, die dann auch von einem Computer „gelesen“ werden können.

    Aber die beiden Autoren schildern auch sehr genau, wo die Grenzen dieser Erkenntnisfähigkeit sind, von denen es gleich mehrere gibt. Denn im Vergleich zu den 86 Milliarden Nervenzellen, aus denen ein menschliches Gehirn besteht, ist dieses Rasterbild aus dem MRT immer noch viel zu grob. Man sieht zwar Muster und ungefähr auch, welche unterschiedlichen Bereiche im Gehirn jeweils Aktivitäten zeigen.

    Aber diese Aktivitäten verraten weder, ob es genau an dieser Stelle zu einem „Gedanken“ kommt, noch, was das genau für ein Gedanke ist. Denn zu den Ausleseproblemen gehört natürlich auch eine jüngere Erkenntnis, dass Gedanken in unserem Gehirn nirgendwo 1:1 abgelegt sind, der Hund also in der Nervenzelle für Hund, die Oma in der Oma-Schublade oder die Lieblingsblume in der Lieblingsblume-Kiste.

    Gedanken sind keine Bilder in dem Sinn und schon gar keine Lexikon-Einträge, sondern entstehen aus dem Zusammenwirken einer riesigen Zahl von Nervenzellen, die unterschiedlich stark „feuern“ und damit eben auch mehr produzieren als das Bild eines konkreten Hundes in unserem Sehzentrum, sondern eine ganze Assoziationswolke drumherum, in der auch Gefühle, Erinnerungen, Orte, Farben, Geräusche und Gerüche mitschwingen, alles an unterschiedlichsten Stellen im Gehirn gespeichert, das unsere Welt eben nicht nur über die Augen wahrnimmt.

    Eigentlich eine geniale Speichermethode, die die Forscher der Künstlichen Intelligenz versuchen, irgendwie nachzuahmen. Aber sie haben noch nicht einmal die Schwelle zu dieser Welt überschritten.

    Wann und wo entsteht eigentlich der Wille im Gehirn? Haben wir überhaupt einen freien Willen? Oder werden wir gar vom Unbewussten gesteuert, das wir in keiner Weise beeinflussen können? Man merkt schon: Die Beschäftigung mit den Vorgängen im Gehirn berührt die zentralen Fragen der Philosophie, nicht nur Descartes mit seinem schönen Spruch: „Ich denke, also bin ich.“

    Der ja, ins Neurowissenschaftliche übersetzt, bedeutet: Ich bin, was ich denke. Mein Denken ist mein Ich. Was Descartes wohl nie unterschrieben hätte, auch wenn gerade in seiner Philosophie der Schritt in die wissenschaftliche Neuzeit steckt, in der wir aufhören, irgendeine frei im Raum herumschwebende Seele zu suchen, egal, wie tröstlich es ist, sich so wenigstens einen Hauch von Weiterleben nach dem Tod vorstellen zu können.

    Aus dualistischer Sicht ist es natürlich erschreckend, das Ich als Manifestation simpler elektrischer Vorgänge im Gehirn akzeptieren zu müssen. Aber sämtliche Hirnschädigungen, mit denen die Medizin zu tun bekommt, erzählen nichts anderes: Schädigungen im Gehirn beschädigen unser Denkvermögen, unsere Fähigkeiten zum Erinnern, zum Uns-Verorten, zur Orientierung in der Welt. Manchmal auch unser Ich-Begreifen. Oft helfen genau diese Schädigungen den Forschern dabei, wichtige Grundfunktionalitäten unseres Gehirns überhaupt zu verstehen.

    Aber andererseits ist es aus naturwissenschaftlicher Sicht faszinierend zu erkennen, dass im Prozess der Entwicklung des Lebens ein derart fähiges Organ wie das Gehirn entstanden ist. Denn es ist ja nicht nur dem Menschen gegeben. Alle höheren Tiere haben eins. Und in Experimenten lässt sich nachweisen, dass es in den meisten Funktionen auch bei ihnen genau so funktioniert.

    Dass einige nahe Verwandte des Menschen sogar zu einer Art Selbsterkenntnis in der Lage sind, dem, was wir ja als Egomanen immer nur für eine ausschließlich menschliche Fähigkeit gehalten haben, ist ebenso belegt. Sogar Ansätze zu abstraktem Denken kann man bei Menschenaffen finden.

    Natürlich tut das aus spiritueller Sicht ein bisschen weh, wenn der Mensch nun gerade von der Neurowissenschaft so gründlich vom Thron der Einzigartigkeit gestoßen wird. Andererseits macht es gerade deshalb die Sache so spannend, denn unübersehbar findet in diesem einst in freier Wildbahn entwickelten Gehirn beim Menschen auch vieles statt, was Wildkatzen, Elefanten und Affen gar nicht brauchen, was aber von uns als Bewusstsein begriffen wird, als ein ausgeformtes Ich, von dem wir wissen, dass es einzigartig ist und nur uns gehört. Und noch schärfer formuliert: Wir sind das selbst. Wir sind wirklich, was wir denken.

    Und nur zu berechtigt ist die Angst davor, dass irgendjemand – mit welchen Mitteln auch immer – Zugriff darauf bekommen könnte. Uns also auslesen könnte. Wobei ja die Phantastiker unter uns sogar davon träumen, ihren kompletten Gehirninhalt mal auf Festplatte spielen zu können und auf diese Weise künstlich überleben zu können.

    Eine Utopie, der Hayes und Eckoldt eigentlich den Boden entziehen. Denn all das, was wir sind, ist eben nicht nur einfach gespeichert wie auf einer Computerfestplatte. Davon erzählen ja allein schon die grafischen Karten, die im MRT erstellt werden. Man kann zwar – wenn man den Computer vorher die Muster hat „lernen“ lassen – einzelne „Bilder“ erkennen und auch, wenn unser Gehirn besonders deutlich auf Signale reagiert. Aber was genau wir da „denken“, sieht man nicht, nicht mal konkret, welche Nervenzellen und Synapsen in welchem Maß tatsächlich beteiligt sind.

    Selbst deutliche Gefühle wie Freude, Zorn, Ekel sind nicht eindeutig zu lokalisieren. Ganz zu schweigen vom Ich, dem also, als was wir uns selbst wahrnehmen. Und wir nehmen uns ja nie in Gänze wahr. Permanent laufen auch im Gehirn lauter unterbewusste Prozesse ab, um die wir uns so wenig kümmern müssen wie um die Arbeit von Leber und Nieren. Und das selbst bei der (unterschwelligen) Wahrnehmung der Umgebung.

    Eigentlich sind die Neuroforscher noch immer ganz am Anfang bei der Erstellung der Landkarten unseres Gehirns, denn dass alles, was wir „wissen“ in einer Art Topographie abgelegt ist, auf die unser Gehirn dann, wenn Aktion gefragt ist, blitzschnell zugreifen kann, das lässt sich mit den heutigen Methoden wenigstens nachweisen und abbilden. Aber auch nur über die Elektronen, die über das Blut transportiert werden. Mehr Elektronen, mehr Aktivität.

    Aber selbst mit immer genaueren Experimentieransätzen kommen die Forscher der Frage nicht wirklich näher, was das eigentlich ist, was wir da denken, woraus es besteht und wie wir dazu kommen, uns als genau diese immer aktive Denkwolke im Kopf zu begreifen. Nicht nur, wenn wir wach sind. Im Schlaf geht das ja weiter, wenn das Gehirn dann noch einmal richtig aufräumt mit all den zwischengespeicherten Eindrücken des Tages. Docken sie an bekannte und schon gut ausgebildete Speicherinhalte an oder können sie gleich wieder gelöscht werden, damit morgen wieder Freiraum da ist für einen kompletten neuen Tag?

    Am Ende nehmen die beiden natürlich alle heute gängigen Versprechen der Industrie auseinander, untersuchen, was daran überhaupt schon praktikabel ist und was nichts anderes als Wunschvorstellung. Das Ergebnis ist einerseits ermutigend, weil gerade die Grundlagenforschung zu Hirnschädigungen beim Menschen einige vielversprechende Türen aufgestoßen hat, wie man die Hirnschädigungen mit technischen Hilfsgeräten ein wenig ausgleichen kann. Neuroprothetik nennt man das und hier erwarten Haynes und Eckoldt in den nächsten Jahren durchaus Fortschritte. Aber mit einem Auslesen des Gehirns hat auch das nichts zu tun.

    Erst recht nicht das, was die großen Utopisten verheißen, denen eilige Journalisten nur zu gern auf den Leim gehen, wenn von Gedankenlesen und Gehirnschnittstellen die Rede ist. So eine „universelle Hirnschnittstelle“ hat nicht mal die Schwelle der Grundlagenforschung erreicht, eine Schwelle, die auch Technologieexperten noch für die bezahlbarste Stufe halten. Richtig teuer wird erst die technische Umsetzung in der Praxis. Aber dafür gibt es nicht einmal eine Idee, wie das gehen könnte.

    Wobei die beiden Autoren die Sache trotzdem ernst nehmen. Denn die Diskussion dreht sich ja heute fast ausschließlich darum, was alles machbar wäre und was sich Leute wie Elon Musk so in ihrem Rausch alles wünschen. Aber schon heute, in der simplen Grundlagenforschung im Labor, stoßen die Forscher/-innen immerfort auf wichtige ethische Fragen und Grenzen. Denn schon ihre eigentlich simplen Untersuchungsreihen im MRT dringen in persönlichste Bereiche vor, rühren an Intimes und Gefühle der Probanden.

    Was passiert dann aber erst, wenn von außen ein voller Zugriff auf die „Daten“ in unsrem Gehirn möglich wird, diese also auch manipulierbar und verwertbar werden? Dann stellen sich all die eklatanten Probleme, die heute schon in den „social media“ ungelöst sind, auf höherer Ebene in noch viel brisanterer Form. Da fällt dann das schöne Wort vom „mentalen Hausfriedensbruch“.

    Denn wenn man so gründlich wie die Neuroforscher über die unlösbare Einheit von Gehirn und Ich nachdenkt, bekommt man erst so richtig ein Gefühl dafür, was für ein schwerwiegender Eingriff der Versuch ist, dieses Ich aus den Vorgängen in unserem Gehirn auslesen zu wollen. Und wenn man sieht, mit welcher Verbissenheit nicht nur große Konzerne, sondern auch einige Regierungen versuchen, genau das zu bekommen, dürfte man ahnen, was für Diskussionen da in nicht allzu ferner Zukunft auf uns zukommen werden.

    John-Dylan Haynes; Matthias Eckold Fenster ins Gehirn, Ullstein Buchverlage, Berlin 2021, 24 Euro.

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