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Das infizierte Denken: Warum unsere Absolutheiten uns daran hindern, eine enkelgerechte Welt auch nur zu denken

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    Auf Seite 225 fällt dann das schöne Wort „Herdenstupidität“. Willkommen in einer Welt, die 50 Jahre lang den falschen Traum geträumt hat, den Traum einer falschen Sicherheit. Und die nun merkt, dass sich Berge von ungelösten Problemen aufgetürmt haben. Und nicht nur der Philosoph und „Managementvordenker“ Anders Indset wundert sich darüber, dass die meisten Leute sichtlich unfähig sind, einen Weg aus dieser Sackgasse heraus überhaupt zu denken.

    Denn ums Denken geht es, um die Benutzung dieser grauen Masse, die alle Menschen in ihrem Schädel haben, aber die wenigsten wirklich zum Denken benutzen. Oder zum Philosophieren, was eigentlich dasselbe ist. Nur wissen das die meisten nicht und haben es sich in der Regel abgewöhnt. Oder abgewöhnen lassen. Nicht ganz grundlos hat Indset auch ein ganzes Kapitel zur „eingebildeten Gesellschaft“ geschrieben, in dem es um die allgegenwärtigen Losungen zur „Bildungsgesellschaft“ und der „wertvollen Ressource Bildung“ geht.Aber der Blick in unser Bildungssystem zeigt, dass es weder Bildung vermittelt, noch die Fähigkeiten zum Selberdenken. Das Zitat von Kant taucht natürlich auf. Denn wir behaupten ja nur zu gern, wir seien eine aufgeklärte Gesellschaft. Aber nicht nur Kant hätte sich an den Kopf gefasst ob solcher Einbildung. Wir sind es eben nicht. Und die meisten merken nicht einmal, dass sie gar nicht selber denken, sondern nur nachplappern.

    Oder um Indset selbst zu zitieren: „Auch wenn zunehmend neue Bildungskonzepte entstehen, haben wir es weltweit größtenteils mit einer Gesellschaft zu tun, die einen traditionellen Ansatz von Bildung verfolgt. In der Absolutheiten manifestiert werden, in der nicht auf das Lernen, das Miteinander oder das Wohl der zukünftigen Generationen, sondern ausschließlich auf die Optimierung des Individuums, die Vorbereitung auf Karriere und Wettkampf gegen ‚die anderen‘ Wert gelegt wird. So sind wir eingebildet. Unsere Gesellschaft ist eingebildet. Wir meinen, wir seien gebildet. Doch letztlich bilden wir uns das nur ein.“

    Man spräche vom lebenslangen Lernen, aber eigentlich ginge es immer nur um die Anhäufung und Speicherung von Wissen. Meist völlig nutzlosem Wissen, das nicht die Bohne dabei hilft, Herausforderungen als Herausforderungen zu begreifen und sich kluge Lösungen dafür auszudenken.

    Und recht hat er. Egal, ob er in Wirtschaft oder Politik schaut. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, die jegliche Phantasie eingebüßt hat, über dieses Wohlversorgtsein hinauszudenken. Ohne auch nur gewahr zu werden, wie gefährdet es ist. Gerade weil wir uns einbilden, das unverbesserbare Vorbild für die Welt zu sein.

    Die Schlaraffenland-Falle

    Kann es sein, dass der Mensch genau in dem Moment, wo er wirklich nicht mehr um die blanke Existenz kämpfen muss, in eine Denkfalle gerät? Ich würde sie ja die Schlaraffenland-Falle nennen. Wenn Menschen so gut versorgt sind, dass ihnen tatsächlich die gebratenen Tauben ins Maul fliegen, werden sie faul, denkfaul.

    Dann hat alles Streben ein Ende, dann hört irgendwas in ihrem Kopf auf, Zukunft und Gegenwart noch als veränderbar zu denken. Dann schlägt das goethesche „Verweile doch“ aus „Faust II“ zu (auch wenn Indset vor allem „Faust I“ zitiert) und gibt dem erblindeten Helden das fatale und falsche Gefühl, gerettet zu sein.

    Und, was ja beim Goetheschen Faust von Anfang an für ein heftiges Unbehagen sorgt: für nichts mehr verantwortlich zu sein. Ein Aspekt des Mephisto-Pakts, den auch Literaturwissenschaftler selten oder gar nicht wahrnehmen. So gesehen ist dieser Faust ein sehr moderner Mensch – mit all seinem Halbwissen, seinen Einbildungen und seiner Ignoranz dem Leiden der anderen gegenüber. Und – das macht Indset dann im Kapitel zur „kommenden Demokratie“ deutlich – seinem Denken in Absolutheiten.

    Und zu den Absolutheiten unserer Zeit gehört genauso der Glaube an Sieg des „Kapitalismus“ wie der an die Überlegenheit von Liberalität und Demokratie und Freiheit. Denn wer überzeugt ist, dass das, was er erlebt, das absolute Maß des Richtigen ist, der wird jede Kritik verteufeln, jede Veränderung fürchten und jede andere Betrachtungsweise für inakzeptabel halten. Für Indset ist das „Denken in Absolutheiten“ der Kardinalfehler, der unser „infiziertes Denken“ ausmacht.

    Wir denken in Systemen und verabsolutieren sie. Und sehen nicht, dass all die großmäuligen Systeme nur virtuelle Konstruktionen sind, die selbst überhaupt nicht existieren. Was man derart verabsolutiert, denkt man nicht mehr als Prozess. Obwohl es wohl genau das ist. Der Kapitalismus genauso wie die Globalisierung, die Demokratie genauso wie die Aufklärung.

    In einer Welt voller Abhängigkeiten

    Nichts davon ist perfekt und fertig. Im Gegenteil: alles bedingt einander, ist voneinander abhängig, existiert, wie Indset betont, in Interdependenz. Genauso wie unsere so viel besungene Freiheit, über die mehr Märchen existieren als realistische Einschätzungen, denn unsere Freiheit ist immer eine bedingte Freiheit und hängt zuallererst von etwas ab, was die Freiheits-Fetischesten geradezu verteufeln: ausgerechnet dem Staat, der uns – so ist ja die Legende – immerfort gängelt.

    Das tut er auch. Aber gleichzeitig garantiert er uns ein Maß an Freiheit, wie es die menschlichen Gesellschaften seit Jahrtausenden nicht kannten. Es gibt keine Freiheit ohne den Garanten von Freiheitsmöglichkeiten.

    Aber das wird dann auch wieder zu gern als dauerstabiler Zustand begriffen, ganz so, als wäre eine errungene Freiheit dann einfach auf ewig existent. Da muss Indset nicht mal Trump herbeizitieren um zu zeigen, dass selbst in unserer ach so freien Gesellschaft die Kräfte aktiv sind, die die Freiheiten der anderen nur zu gern wieder einschränken und beseitigen würden. Denn in der Freiheit steckt auch immer eine Überforderung. Denn wenn die Welt als veränderlich und fluide verstanden wird, gefährdet das just das Bild, in dem sich unsere Wohlstandsgesellschaft seit gut 50 Jahren eingemauert hat – einer trügerischen Sicherheit.

    Der Trug von Sicherheit

    Auch der verlogenen Sicherheit, alles Wichtige zu wissen und selbst das Vorbild für das Richtige zu sein. Umso fataler wirkt es natürlich, wenn auf einmal das Klima aus seiner sensiblen Balance kippt, Länder wie China die alte Arroganz des Westens unterminieren und die ach so wohlhabenden Gesellschaften kriseln, weil die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft und selbst im Mittelstand die Panik vor dem Absturz umgeht.

    Was so schön festgefügt und ewig schien, erweist sich gerade als höchst gefährdet, unsicher und unberechenbar. Und das trifft auf das Denken einer Gesellschaft, das in veralteten Schablonen erstarrt ist und unfähig, über das eigene Sosein hinauszudenken. „Mit der trügerischen Sicherheit und suggerierten Stabilität muss die Philosophie brechen, um ihrer fundamentalen Rolle gerecht zu werden“, schreibt Indset. „Nur weil wir die Welt nicht erklären können, darf uns das nicht davon abhalten, es zu versuchen.“

    Das hat uns nämlich zu Menschen gemacht: die permanente Neugier, herauszukriegen, wie die Welt funktioniert und was man in ihr alles ausprobieren kann. Nur ist die Bilanz für das „Bildungsland“ Deutschland fatal. Da ist Indset nicht der Erste, der diesem Möchtegern-Musterschüler ein ganz schlechtes Zeugnis ausstellt. Denn wenn nicht das Denken geschult wird, kommen dabei auch Manager, Redakteure, Politiker und Bürokraten heraus, die schlicht unfähig sind, über den als absolut gesetzten Zustand des Bestehenden hinauszudenken. Die sogar alles dafür tun, diesen Zustand zu erhalten, und wenn dann eben überall nur geflickt, geklebt und abgestützt wird.

    Genau in so einer Welt leben wir ja. Doch was ganz offensichtlich fehlt, ist das eigentlich selbstverständliche Wissen darum, dass sogar die alten griechischen Philosophen hatten, die sich dessen sehr wohl bewusst waren, dass menschliche Erkenntnisfähigkeit immer begrenzt ist, dass wir nicht alles wissen können und dass wir durchaus auch falsche Bilder von der Wirklichkeit im Kopf haben können.

    Deshalb waren sie es ja, die diesen Stachel ins Fleisch des europäischen Denkens gesetzt haben – und damit meine ich nicht Indsets Vermutung, dass sie sich möglicherweise mit Drogen eine „Bewusstseinserweiterung“ á la Timothy Leary verschafft haben könnten. Sondern die unbedingte Neugier, das Hinterfragen des für wirklich Genommenen.

    Das Mögliche immer mitdenken

    Teilweise klingt es sogar bewundernd, wenn Indset Leute wie Elon Musk lobt oder die Verheißungen der Künstlichen Intelligenz preist. Da wäre ich jedenfalls vorsichtig. Denn mit ein wenig Nachdenken sieht man auch die Tücken, die in dieser Heilserwartung an die neuen Technologien stecken, die ja – das stellt Indset auch beiläufig fest – vor allem durch kapitalistisches Gewinninteresse gehypt und vorangetrieben werden. Als wäre das die einzig noch vorstellbare Möglichkeit, die Unzulänglichkeiten des Homo sapiens künftig zu überwinden.

    Recht hat er aber mit der Feststellung, dass wir das mitbedenken müssen, dass wir das nicht den KI-Propheten überlassen dürfen, sondern selbst denken und nachdenken müssen, was diese Technologien eigentlich mit uns und unserer Welt anrichten. Wenn wir ihnen nicht ausweichen können, sollten wir doch wenigstens begreifen, wie sie uns und unser Denken beeinflussen. Und das tun sie eben nicht wohltätig oder human.

    Dafür reicht schon das fatale Agieren der sogenannten „social media“ als Beispiel, das Indset auch benennt – und zwar in mehreren sehr fatalen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, von der Illusion falschen Wissens über die Zerstörung des Miteinanders bis hin zum Missbrauch der gesammelten Daten. Die scheinbar so kostenlos Beschenkten bezahlen mit allen ihren persönlichen Daten und schaffen damit erst die Möglichkeiten für die Gewinnmaximierung (und die Macht) dieser riesigen Konzerne. Aus Konsumenten werden Prosumenten, die mit mieser Ware dafür bezahlt werden, dass sie für andere Leute Inhalte produzieren.

    Nicht jede Schlussfolgerung von Indset gehe ich mit, auch wenn seine Grundanalyse wirklich des Nachdenkens wert ist. Auch darüber, wie wir aus diesen Denkfallen herauskommen und vor allem all die Absolutheiten endlich einmal hinterfragen, die vor unseren Augen zerbröckeln, weil wir uns bekloppt wie der sterbende Faust benommen haben. Uns von Wohlstand und Konsumenten-Demokratie haben einlullen und blind machen lassen dafür, dass die Welt kein stabiler Ort ist und dass unser bequemes Wohlstandsdenken gerade die Grundlagen unseres Lebens nachhaltig zerstört.

    Verantwortung übernehmen auch für die Enkel

    Was müssen wir ändern? Diese Frage steht nämlich. Und das zu denken müssen wir wieder fähig werden, appelliert Indset. Denn es geht eben nicht darum, uns immer für all unsere schönen Errungenschaften zu feiern. Daran ist schon eine ganze andere Gesellschaft gescheitert, die Indset natürlich ebenfalls unter den Absolutheiten nennt. Wer sich selbst und sein Jetzt für absolut erklärt, hat gar nichts verstanden. Nicht einmal – und da mussten erst unsere Kinder in Streik treten – dass es an uns ist, endlich zu lernen über unsere eigene Bequemlichkeit hinauszudenken und Verantwortung zu übernehmen.

    Nämlich für die Kinder und die Enkel. Deshalb gibt es sogar ein richtiges kleines Manifest für eine „enkeltaugliche Wirtschaft“ im Buch. Man merkt schon, dass Indset mit dem Buch auch all die ratlosen Manager erreichen will, die heutzutage eben auch Philosophiekurse belegen, weil sie ahnen, dass das alte, schematische Denken schlicht in die Sackgasse führt.

    Denn tatsächlich geht es darum, so Indset, „die „Reise des Menschen“ zu verlängern, unsere faszinierende Zivilisation jetzt nicht einfach wie blöde gegen die Wand zu fahren, bloß weil unsere denkfaulen Alphamännchen unfähig sind, die Lebensgrundlagen aller Menschen zu bewahren und so zu wirtschaften, dass auch für künftige Generationen eine lebendige und reiche Welt erhalten bleibt.

    Es geht ums Ausbalancieren, die Herstellung immer neuer Zustände, in denen unsere Lebensgrundlagen erhalten bleiben. Denn alles verändert sich. Ständig. Darauf muss man reagieren – und zwar klug, vernünftig und – wie Indset betont – mit dem Rückgewinn von Empathie, von Verständnis und Verantwortung füreinander und auch für die anderen.

    Denn – im Kapitel Globalisierung beschäftigt er sich damit intensiv – längst sind alle menschlichen Gesellschaften weltweit verflochten. Wir reagieren ständig aufeinander. Und wir müssen reagieren und interagieren und – spätestens beim Thema Klima und Artenverlust – miteinander Lösungen finden.

    Da hat das eitle Draufbeharren, dass wir die beste aller Welten haben, keinen Sinn. Denn diese beste aller Welten ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Eben weil wir ständig agieren, verändern wir alles. Und da wir einfach nicht stillsitzen und mal nichts tun können, sollten wir endlich wieder lernen, das Mögliche zu denken und auch zu denken, dass jede Zukunft anders sein wird, anders als unsere heute so bräsig und denkfaul gewordene Wohlstandsgesellschaft. Und dass das nicht schlimm ist, sondern eine faszinierende Herausforderung.

    Die natürlich denen leichterfällt, die sich vom deutschen Bildungssystem nie entmutigen ließen, das Mögliche zu denken. Und deshalb auch fähig zu sein, die eigene Fehlbarkeit einzugestehen, sich zu korrigieren und die Wähler nicht mit der Behauptung zu belügen, schon genau zu wissen, was richtig ist. Das wissen wir nämlich nicht. Wir können nur versuchen, es herauszubekommen. Und auch dann nicht zu verzagen, wenn wir „der Weisheit letzter Schluss“ einfach nicht zu packen kriegen.

    Anders Indset Das infizierte Denken, Econ Verlag, Berlin 2021, 20 Euro.

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