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Haltungsnote: Kassandra im „Cyber Valley“ – Eine Kolumne über die Vorhersagekraft der Literatur

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    Das Land ist in der Vorglühphase des heißen Wahlkampfs angekommen. Talkshowteams machen Überstunden. Deutschland ist bei der EM rausgeflogen und zirka 70 Millionen deutscher Couchfußballer und Weber-Grill-Hobbybundestrainer gerieten in Lästeroverdrivemodus. Abgesehen davon hat der Klimawandel mit Unwettern, Erdrutschen und Überschwemmungen einen sehr unschönen persönlichen Gruß auch bei uns in Deutschland hinterlassen. Nichts davon spielt im folgenden Text eine Rolle.

    Seit vielen Jahren stehen die Geisteswissenschaften im Land unter Druck. Philosophen, Archäologen, Linguisten, Germanisten, Kulturwissenschaftler, Historiker und Dutzende weitere kleinere Fakultäten sollen dem neoliberalen Zeitgeist einiger Giertechnokraten zufolge endlich einen wirtschaftlichen Nutzen finden oder sich gefälligst mit ihrer stufenweisen Abschaffung abfinden.Man hat so den Eindruck, das alles finde unter dem Slogan „Künstler auf die Spargelfelder“ und „Germanisten in die Callcenter!“ statt. Hat man schließlich schon daran gesehen, wie verständnisvoll und großzügig man während der Pandemie mit den Kulturarbeitern umging. Irgendwo in einem Großraumbüro für halblegale Telefondrückerkolonnen findet sich immer noch Raum für ein paar hochgebildete Linguisten oder Ägyptologen.

    Deutschlands Wirtschaft hatte es immer schon eilig. Jetzt im Coronaöffnungsfieber legte sie noch ein paar Zacken an Tempo zu. Kultur hat ihre Berechtigung in Form von Biergartenkapellen und dem Begleitprogramm bei Semperopernbällen. Doch darüber hinaus ist für sie die Zeit zu knapp.

    Dazu die Welt mit Superstahl, Mercedes Limousinen, Windrädern, oder SAP –Abrechnungssoftware zu versorgen ist der Ruf als Kulturnation letztlich ja auch nur sehr bedingt nötig.

    Vorsprung durch Technik heißt die magische Formel, an der das deutsche Wirtschaftswesen auch in Zeiten des abnehmenden Lichts genesen soll und wird. Vielleicht schafft man ja wie in Oxford auch in Tübingen, Berlin oder München einen elitär gehaltenen Studiengang, der eine Kombi zwischen Philosophie, Politikwissenschaft und ein bisschen Historie und Altertumswissenschaft darstellt und dazu dient, die nächste und übernächste Generation von Politikern und Medieneventmanagern heranzuziehen.

    Boris Johnson und David Cameron belegten einen solchen Kurs. Und die haben ihre Insel schließlich erfolgreich den blauen Krallen Brüsseler Bürokraten entrissen! Warum Kant interpretieren lernen, wenn das der Autor vom Band „Philosophie für Dummies“ bereits für einen getan hat und dessen Denken auf unter drei Seiten herunterbrechen konnte?

    Halleluja und Hurra – unsere besten Hirne in die KI-Forschung und die Errichtung von neuen Batteriefabriken. Elon Musk hat vorgemacht wie es geht und nachdem wir ihm noch ein paar Jahre tief genug in den Silicon Valley Guru Arsch gekrochen sind, können wir Deutschen sicher bald auch auf Twitter so gut über Bitcoins klugscheißen wie er.

    Angesichts solch wachsenden Idiotiedrucks der von überallher gegen die Geisteswissenschaften erfolgt, ist es höchste Zeit, darüber zu reden.

    Auftritt für einen Professor für vergleichende Literaturwissenschaft in Tübingen. Sein Name lautet Jürgen Wertheimer. Seit 2017 leitet der unauffällige und außerhalb seiner Fachrichtung kaum bekannte Akademiker das Projekt „Kassandra“, in dem die Literaturen krisengefährdeter Regionen auf die Darstellung möglicher Konfliktursachen analysiert werden.

    Mit anderen Worten: Professor Wertheimer und sein Team analysieren Romane, Shortstories und Theaterstücke regionaler Autorinnen auf Hinweise darauf, ob sich in den darin beschriebenen Weltgegenden Unruhen, Revolutionen oder Aufstände ankündigen könnten.
    Als Wertheimers Team für diese Forschung Fördermittel von der Bundeswehr bekamen, die ein natürliches Interesse daran hat zu wissen, wo die nächsten bewaffneten Konflikte drohten, war man besorgt über mögliche Medienberichte.

    Die Bundeswehr ist im linken Tübinger Studentenmilieu nicht sonderlich beliebt. Doch außer der Regionalzeitung Neckar-Chronik nahmen die Medien keine Notiz vom Kassandra-Projekt. Selbst der Regionalzeitungsartikel belächelte es als hoffnungslos naiv und beklagte vermeintliche Geldverschwendung bei der Bundeswehr.

    Doch Wertheimer verfügte über Beweise dafür, dass seine Idee Potenzial hatte. Er fand sie in Romanen wie „The World set free“ von H. G. Wells oder „1984“ von George Orwell. Dreißig Jahre vor Hiroshima und Nagasaki schrieb H. G. Wells in seinem Buch über Nuklearwaffen und Orwell hatte bereits zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Rundumüberwachung vorhergesagt, die Edward Snowden im Jahr 2013 öffentlich machte.

    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 93. Seit 30. Juli 2021 im Handel. Foto: LZ

    Aber Wertheimer kann auch weitere weniger bekannte Romane anführen, in denen lange vor den Verträgen von Lissabon ein vereinigtes Europa prophezeit, ein global wirtschaftlich aggressiv agierendes China beschrieben oder sogar während eines zu Ruinen verfallenden Detroits die Amtseinführung einen „Präsident Obami“ erwähnt wurden.

    Was das Team des Professors trieb, war zwar harte Arbeit, jedoch keine Zauberei. Es ist der Job von Autoren nach den leiseren und tieferen Klängen am großen Schienenstrang der Geschichte zu lauschen. Jeder, der sich länger mit Literatur befasst, weiß dies.

    Dass das Kassandra-Projekt seine Heimat gerade an der Uni in Tübingen fand, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn im nahe gelegenen „Cyber Valley“ arbeiten eine Menge Techniker und Ingenieure an der Entwicklung von Maschinen und Algorithmen, die eines mittelprächtig fernen Tages unter anderem genau das leisten sollen, was Wertheimers Team aus Bücherwürmern heute schon kann.

    Leute, die Fördermittel für Forschungen im „Cyber Valley“ vergeben, hätten sicher keinen Cent auf einen Literaturwissenschaftler gesetzt, der versprach, zukünftige Konflikte vorhersagen zu können. Wertheimers Ergebnisse waren letztendlich so vielversprechend, dass man das Projekt sogar verlängerte und etwas erweiterte.

    Die Silicon Valley Bosse und ihre Bankerbrothers haben Gründe, sich vor Leuten wie Wertheimer zu fürchten, die ihnen deutlich beweisen, dass ein Großteil ihrer Versprechen – bisher immer noch – einfach bloß heiße Luft sind. Nachvollziehbar daher, dass ihnen die vermeintlich ökonomisch nutzlosen und stets als etwas zu weichlich verschrienen Geisteswissenschaften ein Dorn im neoliberalen Auge sind.

    Natürlich werden Philosophen und Kulturhistoriker nicht die nächste Dampfmaschine erfinden oder den besten Roboter der Welt konstruieren. Aber es sind Philosophen, Linguisten, Literaten, bildende Künstler, die das ethische, ästhetische und letztendlich auch juristische Geländer für die Welt der Zukunft entwickeln. Und sie tun es in Bibliotheken und Museen. Nicht in Reinräumen oder Chipfabriken.*

    Dieser Text entstand unter Verwendung von Informationen in Philip Oltermanns Artikel „At first I thought, this is crazy: The real-life plan to use novels to predict the next war“, erschienen in „The Guardian“, 12. Juni 2021.

    „Doping-Urteil bringt unerwartetes WM-Bronze: Mehr als fünf Jahre musste Anne Spreeuwers auf diese Medaille warten“ erschien erstmals am 30. Juli 2021 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 93 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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      1 KOMMENTAR

      1. Cooler Artikel.

        Meine Erfahrung ist nichts ungewöhnliches: Aber dass Huxley und Orwell mit Brave New World (Konditionierung und Drogen) und „1984“ (Kontrolle von Menschen und Informationszugang, nebst Neusprech) so gut dabei waren, hat mich schon lange fasziniert.

        Es liegt an der Tübinger Arbeitsgruppe, zu erfassen, wieviel davon statistisch Selbsterfüllung ist und wieviele andere Autoren mit ihren Romanen danebenlagen. Kurz gesprochen: Für jede Entwicklung gibt es sowieso einen Autor, der das irgendwie schon „gesehen“ hat.

        Auch das mit den Flugzeugen in ein Hochhaus ist keine „neue“ Idee gewesen.

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