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Haltungsnote: Steigermarken im Nostalgiefieber – Eine Kolumne über den beginnenden Bundestagswahlkampf

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    Es ist Bundestagswahlkampf. Die politischen Hauptschlagworte aller Parteien in den letzten Monaten lauteten Herausforderung, Wandel und Neuanfang. Wobei die Union mit ihrem Wahlprogramm allerdings ein bisschen spät dran ist. Denn das existiert bisher nur in Form von sogenannten parteiinternen Ideensammlungen. Einige davon sind dennoch an die Öffentlichkeit durchgesickert.

    Es menschelt im Wahlkampf

    Auch Unionskanzlerkandidat Armin Laschet hat die aktuellen Schlagworte vom Wandel und der Herausforderung bei jeglicher Gelegenheit heruntergebetet. Seine große persönliche Wahlkampferzählung hinter den Worthülsen erinnert ausgerechnet an Gerhard Schröder. Der auch nie müde wurde, seine Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen zu betonen.Bei Schröder war es seine Mutter, die putzen ging, um ihn durchs Gymnasium zu bringen, für Laschet ist es sein Bergarbeitervater und dessen Steigermarke, die er schon mal in Kameras hält, um den Nachweis seiner über jeden Zweifel erhabenen Herkunft aus kleinen Verhältnissen zu führen. Ja, es menschelt im Wahlkampf.

    Kohlestaubnostalgie vernebelt den Blick

    Mit einem Spitzenkandidaten Friedrich Merz wäre es der Union deutlich schwerer gefallen, diesen Menschel-Faktor herzustellen. Merz‘ Vater war schließlich Richter. Außerdem hat Merz lange als Lobbyist gearbeitet. Die haben bei den kleinen Leuten einen fast genauso beschissenen Ruf wie bei den – finanziell – nicht mehr gar so schlecht gestellten.

    Auch, dass es gerade Unionspolitiker waren, die sich mithilfe ihrer Amigo-Netzwerke schamlos an der Pandemie bereicherten, lässt sich durch Armin Laschets Aufstiegsmärchen ganz gut bemänteln. Erwarten Sie also noch viel, viel mehr davon in nächster Zeit. Wie in den (eben doch nicht) so guten alten Zeiten des Ruhrpottsmogs wird die Berliner Republik von Laschets Wahlkampfpropaganda in einen Nebel aus Kohlestaubnostalgie gehüllt werden.

    Doch wie geht sozialverträglicher Wirtschaftsumbau konkret, Herr Laschet?

    Wenn der Sohn eines einfachen Steigers seinen Wählern verspricht, dass er den klimagerechten Umbau der deutschen Wirtschaft sozialverträglich gestalten wird, dann, so hofft man wohl, habe das Gewicht beim Volk. Der Armin, der weiß ja wohl aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man zum Feierabend vor der Trinkhalle jede dritte Mark erst mal am Hosenbein reibend vom ehrlichen Dreck befreien muss, bevor man noch ein Bierchen ordert.

    Sobald es allerdings konkret werden soll mit den Versprechen für den sozialverträglichen Wirtschaftsumbau, blieb die Truppe des Ministerpräsidenten Armin L. bisher allerdings so undurchsichtig, wie es die von Zigarettenqualm gefüllten Trinkhallen auf dem Höhepunkt des Bergbaus im Pott gewesen sein müssen.

    Denn den Ideensammlungen und Aussagen der Union zufolge soll es bei der schwarzen Null bleiben und Steuern eher gesenkt als erhöht werden. Die Schuldenbremse, die zu einem Investitionsstau in Infrastruktur führte, bleibt also bestehen. Spannend die Frage daher, wie die Union sich dann vorstellt, wer die gewaltigen Kosten des klimagerechten Gesellschaftsumbaus stemmen will?

    Hilfe, die SPD!

    Schön in diesem Zusammenhang auch immer wieder Herrn Laschets Schlagwort vom „Modernisierungsjahrzehnt“, dem sich Deutschland stellen muss. Immerhin war es seine Partei, die seit fast zwei Jahrzehnten in Regierungsverantwortung genau die Innovationen und den Strukturausbau verschlafen und verhindert hat, die jetzt so dringend anstehen.

    Als Vater Laschet noch mit der Steigermarke vor der Trinkhalle stand, waren Digitalisierung und Klimawandel noch kein Thema. Womöglich ist ja auch dies ein Grund mehr für die ständig wiederholte küchendampfklamme Herkunftserzählung des Unions-Spitzenkandidaten?

    Dafür, dass der kleine Armin seinerzeit in eine funktionierende Schule gehen, mit einem Bus dorthin fahren, am Schwimmunterricht teilnehmen oder sich die Schulbücher leisten konnte, die er brauchte, um es bis an die Universität zu schaffen, hatte nicht die Union gesorgt, sondern die gute alte Tante SPD.

    Die sieht man im strikt katholischen Malochermilieu des jungen Armin allerdings als Teufelszeug an. Denn dort wurde nicht nur Abtreibung goutiert. Sondern da dienten auch so undurchsichtige Leute wie der Emigrant Willy Brandt oder der – Herrgott! – Ex-Kommunist Herbert Wehner.

    Ein zwielichtiger Berater namens Nathanel Liminski

    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 92. Seit 25. Juni 2021 im Handel. Foto: LZ
    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 92. Seit 25. Juni 2021 im Handel. Foto: LZ

    Laschets wichtigster Berater seit seinem Aufstieg zum Minister und später Ministerpräsidenten in NRW ist ein Mann namens Nathanael Liminski, geboren 1985, dessen Herkunft den Kohlestaubtest definitiv nicht mit solch wehenden Fahnen bestünde, wie sein Chef.

    Denn Liminskis Vater war ein erfolgreicher Journalist und Mitglied der ultrakonservativen katholischen Sekte Opus Dei und der junge Nathanael tat sich darin hervor, dass er eine Initiative zur Unterstützung des konservativen deutschen Papstes Benedikt ins Leben rief und noch im Jahr 2001 sagte er dem Spiegel, dass er Abtreibung für ethisch nicht vertretbar hielte und Homosexuelle ihm eher „leid“ täten.

    Und sechs Jahre später legt er in einer Maischberger-Sendung sogar noch eine (metaphorische) Schippe drauf, indem er den Anspruch „mein Körper gehört mir“ als etwas verdammte, was „zutiefst dem Wesen der menschlichen Sexualität“ widerspräche.

    Auch dass Liminski einige Texte für ein Onlinemagazin verfasste, dem man mehr als nur eine gewisse Nähe zur AfD nachsagt, ist für den eher sozialliberal gestimmten Teil des Wahlvolks keine ermutigende Nachricht. Zweifellos ist Laschet sein eigener Herr und der Einfluss seines Beraters sollte nicht überschätzt werden.

    Aber unterschätzt werden sollte der eben auch nicht. Zumal die der sozialliberalen Tendenzen unverdächtigen Kreise konservativer Katholiken bereits freudig darüber spekulieren, dass Liminski Kanzleramtsminister werden und damit einer der ihren es in den engsten Kreis der Macht in der Berliner Republik schaffen könnte.

    Jene Initiative zur Unterstützung Papst Benedikts, die Herr Liminski einst in jugendlichem Taten (und Geltungs-) Drang gründete, nennt sich heute übrigens „Initiative Pontifex“. Ihr Ziel ist die „Re-Katholisierung“ Deutschlands, man bekennt dort, dass die Ehe für alle ein „Verlustspiel“ sei und Schwangerschaftsabbrüche „Unrecht“.

    Nachfragen sind unerwünscht

    Der Unions-Spitzenkandidat will nicht so gern auf die Vergangenheit seines Beraters angesprochen werden und weicht diesbezüglichen Nachfragen onkelhaft aus. Die TAZ jedenfalls zitiert in einem Artikel über Liminski vom März 2021 Quellen aus der NRW-CDU, die angeben, dass Liminski als „Machtmensch“ gelte, dessen Missfallen CDU-Landtagsabgeordneten angeblich „Schweißperlen auf die Stirn treiben“ könnte.

    Das wäre also das Unionspersonal, das demnächst im Kanzleramt Angela Merkels Schreibtisch übernehmen will: ein Mann, der keine Schulden machen, die Steuern senken, aber dennoch die Gesellschaft umbauen und modernisieren will und sein engster Berater, der, nach allem, was man sagen kann, die Gleichstellung aller sexuellen Orientierungen verabscheut und die Selbstbestimmung von Frauen über ihre Körper für Unrecht hält.

    Da kommt einem Laschets Nostalgiepush mit Bochumer Trinkhallengedächtnisprost doch gleich umso heimeliger vor. Die 80er Jahre sollen ja gerade wieder so richtig in sein. Also jedenfalls bei Fashiongurus und Popfans.

    „Haltungsnote: Steigermarken im Nostalgiefieber – Eine Kolumne über den beginnenden Bundestagswahlkampf“ erschien erstmals am 25. Juni 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG.

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