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Die deutsche Sprache ist ein Witz: Ein Erfurter Kabarettist erklärt die schönen Abgründe unserer Sprache

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    Kinder lieben es, Erwachsene lieben es. Manchmal zumindest. Wenn mal kein Sprachkontrolleur in der Nähe ist. Dann wird mit der schönen deutschen Sprache gespielt. Denn sie kann was. Sie kann sogar Sachen, die in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zur behördengerechten Benutzung des Sprachmaterials nicht vorgesehen sind. Eben drum.

    Das Wort „behördengerecht“ kreidet mir meine Sprachkorrektur natürlich sofort als falsch an. Sage keiner, dass die Sprachvermulcher nur in Behörden sitzen. Sie programmieren auch Sprachkorrekturen. Denn sie verstehen keinen Spaß. Anders natürlich als die Dichter/-innen und Kabarettist/-innen im Land.Denn sie wissen, was alles in den Worten steckt, wie viele Ebenen sich auftun, wenn man einfach mal damit spielt, so wie es der bei der Erfurter „Arche“ aktive Kabarettist Ulf Annel hier tut, der die Doppelbödigkeit der Wörter ja nur zu gern in den Programmen verwendet. Manchmal leben ganze Sketche davon, bringen begabte Satiriker damit ihr Publikum stundenlang zum Lachen.

    Was Ulf Annel hier macht, ist im Grunde eine kleine, verspielte Reise durch die bekanntesten Spiele, die man mit der deutschen Sprache so treiben kann. Wer kennt sie nicht, die Suche nach Worten, die man vorwärts und rückwärts lesen kann, in denen möglichst viele verschiedene Buchstaben vorkommen oder alle Buchstaben jeweils zweimal?

    Oder nach Worten, die man wie die Namen echter Leute lesen kann – Anna Bolika etwa oder Dennis Schläger. Auch wenn man so besser nicht heißen sollte, weil die Namen dann zu verräterisch werden. Oder wie wäre es mit den berühmtesten und beliebtesten Zungenbrechern? Mit Stabreimen und Schüttelversen? Oder mit Worten, deren Buchstaben man umsortieren kann, sodass es immer neue Worte werden – und nie bleibt ein Buchstabe übrig?

    Das kann man auch daheim betreiben. Mit Kindern und Großeltern. Einfach mal zum Auflockern, wenn man den ganzen Tag schon mit verkniffenem Gesicht herumgelaufen ist, weil man nur mit lauter Leuten zu tun hatte, bei denen man jedes Wort auf die Feinwaage legen muss, sonst werden sie noch unleidlicher. Die Leute kennt jeder.

    Geborene Ordnungswächter, die nie darüber nachgedacht haben, warum es kein Wort für einen undurstigen Zustand gibt (Fragen Sie jetzt nicht, welches Wort der Sprachkorrektor jetzt als falsch markiert hat.) Der Duden schlage für diesen Zustand das Wort sitt vor und Wikipedia erzählt auch die Geschichte dazu und wundert sich, warum es kaum einer benutzt.

    Das kann ich aber sagen: Der Sprachkorrektor streicht es nämlich rot an. Was uns auf den Hintergrund von Annels flottem Ausflug in die spielerischen Gegenden unserer Sprachbenutzung bringt. Denn Sprache hat auch ihre Wächter und Reinheitsapostel, die gegen Veränderungen oder gar „Überfremdungen“ höchst allergisch sind und durchaus auch gewaltige Kampagnen starten können, um gegen die drohende Zerstörung der deutschen Sprache mobil zu machen.

    Sprache als Schlachtfeld. Oder als Sumpf. Das gibt es auch, denn da die meisten Leute nicht mal drüber nachdenken, was sie sagen, produzieren sie Berge von Phrasen, Bandwurmsätzen und leeren Satzgebilden voller Füllwörter, die so tun, als trügen sie eine Botschaft. Aber wenn man diese Phrasen dann seziert, bleibt selten viel mehr übrig als Ä.

    Wobei ja das Ä gerade kürzlich eine kleine Karriere erlebt hat. Und das nicht ganz zufällig. Denn natürlich gehört es zu 29 Buchstaben im deutschen Alphabet (Annel kommt auf 30, aber welches ist der 30.?), die man problemlos als Ein-Buchstaben-Sätze verwenden kann. Es ist ein beredter Buchstabe und manchmal sagt er alles, was es auf lange Reden zu sagen gibt. Oder eben lange Ministerpräsidentenberatungsrunden.

    Wenn es umgekehrt ist und die Reden vor lauter Äs überlaufen, darf man einfach aufstehen und den Saal verlassen. Nicht nur, weil der Sprecher ganz offensichtlich herumdruckst und im Stoff nicht sicher ist, sondern weil so etwas unter Beleidigung fällt. Egal, aus welchen Gründen. Wenn einer nicht reden kann, soll er einfach still sein und einen Rhetorikkurs buchen, wo er das Reden vielleicht (wieder) lernt.

    Denn manchmal ist das ja nur ein Heilungsprozess, wenn jemand sich zu lange in Gefilden aufgehalten hat, in denen ihm schlechter Sprachgebrauch als Norm vorgelebt wurde – Pressekonferenzen zum Beispiel, Wirtschaftstreffen, Preisverleihungen oder Sitzungen aller möglichen gewählten Parlamente (wo man sich wünscht, dass man als Zuhörer auch Noten verteilen dürfte für wirklich schlechte Wortbeiträge – denn schlechtes Sprechen zeugt auch dort davon, dass die Sprecher entweder nicht können oder sie lügen. Sprache ist verräterisch, wenn man ein Ohr dafür hat.)

    Manchmal ist das Produzieren von lauter Äs als Satzkiller aber auch ein Zeichen dafür, dass der Sprecher weiß, dass er falsch spricht. Dann liegen sein Kopf und seine Zunge im Clinch miteinander und man merkt, wie sich einer da quält, gegen sein eigenes Wissen und Gewissen zu sprechen.

    Verständlich also, dass ein getwittertes Ä jede Menge Aufmerksamkeit bekommt. Weil es so ehrlich ist. Man könnte ganze Serien politischer Bilder vom Tage nur mit diesem Buchstaben untertiteln – und es würde passen. Obwohl sich Annel eher über die sexuelle Note von Buchstaben wie A, O und E (aber nicht Eeh) auslässt. Er beugt Städtenamen – nein, mit Leipzig funktioniert das nicht, dafür mit Halle. Und eigentlich ist auch Taucha ganz lustig (auch wenn es im Büchlein keinen Platz fand): Ich Taucha, Du Taucha, Er auch Taucha.

    Wenn man erst einmal auf eines dieser hübschen, von den ursprünglichen Ausdenkern der Worte nicht beabsichtigten Phänomene gestoßen ist, kann man eigentlich nicht mehr damit aufhören. Dann wird man selbst zur Wühlmaus und beginnt zum Beispiel die wildesten Trennungsfehler von Worten in der täglichen Zeitung zu suchen. Und zu finden, denn den lebenden menschlichen Korrektor haben die Zeitungshäuser ja alle längst eingespart. Das macht jetzt auch die phantasielose Maschine, die sich einfach nicht vorstellen kann, dass ein Wort wie Ausdenker funktionieren könnte. Tut es aber doch.

    Man kann das natürlich auch schlecht programmieren, wie unsere Sprache tatsächlich funktioniert und wie die Worte alle entstanden. Etwa die vielen Verben, die mal auf alte Berufe zurückgingen. Die Berufe sind verschwunden, die Verben sind noch da und beliebt, weil sie so lebendig und treffsicher wirken.

    Sitzt also Ulf Annel jeden Abend zu Hause und sammelt diese seltsamen Worte und glücklichen Sprachblüten? Kann gut sein. Vielleicht hat er auch selbst schon eine riesige Bibliothek mit lustigen Sprachbüchern – was er im Nachwort (das eigentlich Nachworte heißen müsste) zumindest andeutet, wenn er einige berühmte Kollegen würdigt, die schon ähnliche Sprach-Entdeckungs-Bücher veröffentlicht haben – Franz Fühmann zum Beispiel, Robert Gernhardt oder Hansgeorg Stengel.

    Und der Leser / die Leserin werden ja noch zusätzlich beschenkt, denn illustriert ist das Büchlein mit Karikaturen von Nel, die selber kleine illustrierte Sprach-Witze sind. Womit das Büchlein eigentlich so ein kleiner Hilfesteller für das Ende der Corona-Zeit ist, wenn man sich wieder nach draußen unter andere Menschen trauen darf. Ja, die oben erwähnten Griesgrame.

    Aber wenn man mit Annel was gelernt hat, dann ist es, dass man sich von den Grämigen und Grämlichen nicht erschrecken lassen darf und schon gar nicht hindern lassen darf am fröhlichen Gebrauch einer Sprache, die man den Bürokraten, AGB-Schreibern und Witzlosen einfach nicht überlassen darf. Denn eigentlich wissen wir es seit Eulenspiegel und Simplicissimus: Wir haben eine Sprache voller Witz und doppeltem Boden.

    Wer nie im Keller nachgeschaut hat, weiß nicht, was sich alles in den Wörtern verbirgt und dass Sprechen tatsächlich Spaß machen kann. Und auch Spaß machen sollte, sonst kann man es ja gleich bleiben lassen und den Lieblingsspruch der Grämlinge vor sich hertragen: „Schweigen ist Gold.“

    Und ein paar Leute kenne ich, die fürchten sich jetzt schon ein bisschen, dass wir ihre Wortbeiträge im Stadtrat demnächst mal mit Noten versehen. Haltungsnoten. Denn wer unsere schöne Sprache benutzt wie einen Scheuerlappen, der gehört benotet. Und sei es mit dem von Bodo Ramelow vorgeschlagenen „ÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ“.

    Ulf Annel Die deutsche Sprache ist ein Witz, Rhinoverlag, Ilmenau 2021, 5,95 Euro.

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