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Kann man sagen, muss man aber nicht: Andreas Neuenkirchens humorvolle Handreichung für Sprachverwirrte

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    Andreas Neuenkirchen ist Journalist und lebt als freier Autor in Tokio. Aber selbst da bekommt man mit, wie schlampig die Kolleg/-innen in Deutschland mit der Sprache umgehen und wie sich schlampiger Sprachgebrauch bis in Nachrichtensendungen und Zeitungsartikel ausbreitet. Und daran sind nur im geringsten Ausmaß Jugendliche mit ihren Sprachverulkungen schuld. Ein Buch für Aufgestörte.

    Ob es wirklich die „größten Sprachaufreger Deutschlands“ sind, wie auf dem Buchumschlag zu lesen ist, darf bezweifelt werden. Denn wahrscheinlich gibt es noch viel mehr dieser Floskeln, Ungenauigkeiten, Nachplappereien und Falschverwendungen von Wörtern und es käme am Ende ein Buch so dick wie der „Duden“ heraus, wenn man alles aufschriebe und kommentierte.Und als Sprachpolizist will sich Neuenkirchen auch nicht verstanden wissen. Dazu kennt er die immer wieder neu aufkommenden Debatten um sprachliche Verwahrlosung in Deutschland zu gut. Manchmal haben sie ein bisschen Erfolg, meistens aber lösen sie einen regelrechten Sturm der Entrüstung aus, weil sie den Nerv zwar treffen, Deutsche sich aber ungern belehrt fühlen.

    Und die, die jeden Tag sowieso nur vor sich hinschlampern, weil in ihrem Milieu die Unachtsamkeit für Sprache der Normalfall ist, wird das Büchlein auch nie erreichen. Dort liest man in der Regel auch keine Bücher. Was aber schon immer so war. Und es ist ja nicht wirklich so, dass deutsche Schulen in den Kindern eine tiefe Liebe zur Schönheit der deutschen Sprache vermitteln.

    Oder ein Bewusstsein dafür, wie Genauigkeit und Inhalt verloren gehen, wenn man nicht darauf achtet, wie man spricht. Und es ist egal, ob bestimmte Sprachbrocken in manchen Milieus völlig ausreichen, die notwendigen rudimentären Informationen zu vermitteln, die man braucht, um darin funktionieren zu können. Spracharmut bedeutet in der Regel trotzdem auch Informationsarmut, Verarmung der Kommunikation und der Selbstwahrnehmung.

    Das ist jetzt ein anderes Thema, hat aber mit der Frage zu tun: An wen adressiert Neuenkirchen sein hübsch alphabetisch sortiertes Nachschlagewerk von A wie „abartig“ bis Z wie „zeitnah“? Eigentlich ist es eine liebevoll in kleine Glossen verwandelte Botschaft an genau jene Leute, die auch in Deutschland bestimmen, was eigentlich als offizieller Sprachgebrauch gilt. Dazu zählen natürlich Journalist/-innen, Lehrer/-innen, Kulturschaffende, Wissenschaftler/-innen und natürlich Politiker/-innen.

    All jene, die jeden Tag irgendwo mit öffentlicher Rede oder öffentlicher Schrift (nicht „Schreibe“) präsent sind. Sie sind Vorbild, auch wenn sie sich manchmal nicht so benehmen. Und einige von ihnen sind durchaus schuld daran, dass hunderte eigentlich nicht aushaltbarer Phrasen immerfort in den Sprachgebrauch einsickern.

    Einfach dann schon, wenn (Füll-)Worte einfach gedankenlos überall hineingestopft werden, weil sie irgendwie nach etwas klingen, auch wenn sie im Satz eigentlich nichts zu suchen haben und gar nichts zur Information beitragen, Worte wie transparent, optimal, proaktiv, objektiv, mental, legendär usw. Damit werden Aussagen aufgeblasen, „gepimpt“. Oft werden sie dadurch aber regelrecht verwässert.

    Und es ist keine Überraschung, dass der größte Teil des Sprachmülls, den Neuenkirchen hier gesammelt hat, direkt aus der Wirtschaftsberichterstattung und der Marketing-Welt stammt, zwei Bereichen, in denen die hohe Kunst des Vernebelns mit Worten regelrecht zur Perfektion getrieben wurde. Man denke nur an solche verlogenen Vokabeln wie Outsourcing, Verschlanken, Nullwachstum, Multitasking oder den modernen Missbrauch des Wortes Mehrwert.

    Neuenkirchen erzählt meist stichpunktartig, woher diese Worte kommen, was sie bezwecken und warum man sie wirklich am besten meiden sollte. Oder durch klarere deutsche Worte ersetzen sollte, die genau benennen, was gemeint ist.

    Richtig ärgerlich findet er freilich Wendungen, die irgendwie schlecht (und öfter auch falsch) aus dem Englischen eingeführt wurden und aus Sicht des Sprechers irgendwie eine Art Weltläufigkeit vermitteln sollen, obwohl sie eigentlich nur von einem erzählen: dass er beide Sprachen nicht beherrscht.

    Aber irgendwie sind eine Menge Leute mit einer enormen Selbstgewissheit unterwegs, die sich irgendwie durch beide Sprachen hindurchstolpern und nicht mal merken, dass sie über das Dilettieren nie hinauskommen. Sie erzählen von Teamgeist, To-Do-Listen. Storytelling und Shitstorms – und die Engländer wundern sich nur, was diese Deutschen da treiben. Ist denen jedes Selbstbewusstsein abhandengekommen, dass sie selbst herrlich passende deutsche Begriffe durch nur halb verstandene Anglizismen ersetzen?

    Aber selbst wenn sie im Deutschen bleiben, entstehen dabei immer wieder Phrasen, bei denen sich Neuenkirchen fragt: Haben deren Sprecher überhaupt einmal nachgedacht darüber, was sie da eigentlich sagen, wenn sie das Flugzeug zum Flieger verniedlichen, von Augenmaß schwadronieren oder von Authentizität und Tonalität faseln, wenn sie über Kunst schreiben, die sie gar nicht verstehen? Aber auch die Systemrelevanz, das Pathos und die Struktur lässt Neuenkirchen nicht ungeschoren, nicht den Wohlfühlbereich, das Wording und die verlogene Work-Life-Balance.

    Wer sich ertappt fühlt, darf sich ruhig ertappt fühlen. Denn wenn man alles mit verzweifeltem Schmunzeln und echter Gänsehaut (die falsche Gänsehaut kommt natürlich auch drin vor) gelesen hat, hat man mal wieder eine kräftezehrende Reise durch jene Medienwelt hinter sich, wo diese arrogante Schlampigkeit nicht die Ausnahme, sondern die Norm ist.

    Eine Welt, in der das Anbiedern zum Medienmachen gehört. Mal biedert man sich bei einer Jugend an, der man meint, irgendwie die trashige Schulhofsprache abspenstig machen zu können, mal bei einer vom Kraftmeiern geprägten Musikerwelt, mal bei allerlei Wirtschaftsbossen, die ihre Überforderung hinter vernebelnden Phrasen verbergen.

    Vieles wird tatsächlich nur gedankenlos gesagt, weil die Sprecher keine große Lust haben, über das Gesprochene auch nur nachzudenken. Aber richtig schmerzhaft wird es bei den Sprüchen, in denen die Wichtigtuerei zu Blödsinn erstarrt ist wie in „Da bin ich ganz bei Ihnen“, „Win-Win-Situation“, „suboptimal“ oder „runterbrechen“.

    Etliches davon erzählt eigentlich von der Faulheit der Sprecher, sich selbst im persönlichen Gespräch um ein bisschen Klarheit und Genauigkeit zu bemühen. Oft hört man ja geradezu heraus, dass sie ihre Flattersprache in diversen Management-Kursen gelernt haben. Da lernt man auch noch die größte Katastrophe in blumige Worte zu verpacken und als reine Umstrukturierung zu verkaufen – bei der natürlich ein paar Leute entlassen werden, die anderen ein bisschen flexibler zu arbeiten (und Überstunden zu schrubben) haben und die Entscheider noch einen Extra-Bonus bekommen.

    Ziemlich genau zeigt Neuenkirchen, wie – nicht nur in der Geschäftswelt – Sprache derart entkernt wird, dass sie eigentlich nur noch als Nebelwand funktioniert, die das eigentliche Geschehen hinter „dynamischen“ und „konstruktiven“ Phrasen regelrecht verschwinden lässt. Und diese Art, die harte Wirklichkeit hinter „ergebnisoffener“ Rednerei zu verbergen, hat ja längst auch schon den Sprachgebrauch in der Politik zerfressen.

    Mit Folgen, die natürlich Stoff sein dürften für weitere Bände in dieser immer vielseitiger werdenden Duden-Reihe. Die sieht zwar irgendwie wie ein fröhliches Beiboot zum doch eher ernst gemeinten „Duden“ aus, aber je mehr sie wächst, umso deutlicher wird, dass es jenseits des dicken Regelwerks auch der gärtnerischen Feinarbeit bedarf im Garten unserer Sprache.

    Und dass sich gerade all jene nicht aus der Verantwortung stehlen können, die täglich öffentlich reden und schreiben. Manchmal sagt man dann „Hoppla! Das Wort mag ich aber …“ Aber wenn man dann Neuenkirchens kleinen Text dazu liest, wird man doch nachdenklicher. Manchmal braucht man den Hinweis, auf welch glitschigen Wegen eine Phrase in den heutigen Sprachgebrauch gelangte, um ihre Fehlstellen zu sehen.

    Wobei Neuenkirchen natürlich nicht darauf hofft, dass dieser ganze Sprachsalat jetzt wieder aus der deutschen Sprache verschwindet. Denn so funktioniert das nicht. Und es gab auch nie (auch wenn es einige Rechtsausleger so behaupten) eine Sprachpolizei. Sprache hat sich immer verändert, auch die deutsche. Und was sich im Alltag bewährt hat, ist geblieben, wurde stillschweigend eingedeutscht. Anderes verschwand wieder, weil es nicht mehr funktionierte oder nur noch nervte oder einfach nicht mithalten konnte mit dem oft sehr schönen und genauen deutschen Original.

    Das Büchlein macht also eher auf launige Weise aufmerksam. Und es kann ganz bestimmt nicht schaden, wenn gerade all jene, die mit Worten täglich arbeiten, auch immer wieder hineinschauen, wenn sie unsicher sind. Sollte „Gewinnwarnung“ jetzt im Text stehen bleiben? Oder sollte man doch lieber Klartext reden?

    Manchmal hängt das davon an, welche Macht die Anzeigenabteilung im Haus hat und wie viel Rückgrat der Chefredakteur hat. „Kids“ darf man genauso emsig durch das ehrliche Wort Kinder ersetzten wie man „krass“, „kohärent“ und „Kernkompetenzen“ ausradieren kann. Ja, genau solche kleinen Glossen, wie sie Neuenkirchen zu „Kernkompetenz“ schreibt, sind das Lesen wert. Und es lohnt sich, alles zu lesen.

    Da hat einer seine stille Verzweiflung über die so oft malträtierte deutsche Sprache mit Humor in Worte gebracht und alles fein alphabetisch geordnet. So ist es ein richtig schönes Handbuch für Wortwerker geworden, die beim Schreiben unsicher werden. Da lohnt sich der Griff ins Regal. Und wer klug ist, hat natürlich sowieso daneben das Synonymwörterbuch und den richtigen „Duden“ stehen. Da findet man dann die treffenden deutschen Worte etwa für die billige Importware „Content“, „Community“ oder „Compliance“.

    Andreas Neuenkirchen Kann man sagen, muss man aber nicht, Dudenverlag, Berlin 2021, 10 Euro.

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      1 KOMMENTAR

      1. Hai, i bims, dor Madschor.
        Kumma hier:

        „https://www.leipzig.de/buergerservice-und-verwaltung/sicherheit-und-ordnung/hundekontrollen-und-konsequenzen/freilaufstandorte-fuer-hunde/#c25335“

        Kucksu undor nen Frage: Wo kann ich mich über herumliegenden Hundekot beschweren?
        un danngommda:
        „…Setzen Sie sich kritisch mit derartigen Verhaltensweisen auseinander. Wenn sich immer mehr Leipzigerinnen und Leipziger einmischen, besteht eine reale Chance, dass die Minderheit rücksichtsloser HUNDEKOTLIEGENLASSERINNEN und HUNDEKOTLIEGENLASSER von der ständigen „Meckerei“ die Nase voll hat und sich das kritisierte Verhalten ändert. Begegnet Ihnen eine HUNDEKOTLIEGENLASSERIN oder ein HUNDEKOTLIEGENLASSER auf frischer Tat und diese Person ist Ihnen namentlich bekannt, sollten Sie eine Ordnungswidrigkeitenanzeige erstatten.“

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