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Sprachkampf: Wie die neuen Rechten die deutsche Sprache für ihre Identitätspolitik instrumentalisieren

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    So langsam kommt Deutschland doch noch in den Bundestagswahlkampf 2021. Das ist selbst an der SPD zu sehen, die nichts Besseres anzuzetteln weiß als einen unerbittlichen Streit über Sprache und Identität, nachdem Wolfgang Thierse in der FAZ seinen Debattenbeitrag „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft?“ veröffentlicht hatte. Ein Thema, das ja nicht nur die SPD umtreibt. Angezettelt haben es aber ganz andere Leute.

    Darüber schreibt der Germanist und Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Prof. Dr. Henning Lobin, in diesem Buch. Wobei er ja beim Schreiben nicht ahnen konnte, dass sich die SPD in so eine wirre Debatte stürzen würde. Einerseits hat Thierse mit der FAZ natürlich ein Medium ausgesucht, das sowieso schon einige sehr obskure Schlachten für die Reinheit der deutschen Sprache inszeniert hat – und die Thierse-Debatte natürlich mit aller Freude weiterspielt.Aber Wolfgang Thierse ist eben nicht nur Urgestein der ostdeutschen SPD und langjähriges Bundestagsmitglied gewesen, er ist auch selbst Germanist, kann also kompetent wie kaum ein anderer in der SPD über das Thema sprechen, das in den letzten Jahren zu einem politischen Thema geworden ist. Und bei dem sich die Streitenden regelrecht zerfetzen und einander eben auch niederbrüllen. Was dann wieder von diversen Medien noch angeheizt wird, weil das der Stoff ist, mit dem man die Leser aufregen und unterhalten kann.

    Aber es ist nicht der Stoff, der irgendjemanden weiterbringt. Auch Thierses Artikel hätte eigentlich Anlass zu einer klugen und differenzierten Debatte geben können. Zumindest, wenn ihn die FAZ nicht hinter die Bezahlschranke gepackt hätte, sodass auch diesmal wieder nur über die Überschrift und die ersten paar Zeilen geredet wird.

    Von wirklichen Debatten hat die FAZ keine Ahnung (mehr). Das hat sie verlernt. Wie es fast die komplette Runde der Leitmedien verlernt hat (ja, auch die öffentlich-rechtlichen Sender). Das war einmal anders. Aber davon trennen uns jetzt zwei Generationen. Die Debattenkultur um 1968 war auch heftig. Aber die damals Streitenden reagierten noch aufeinander, argumentierten und befleißigten sich der galanten und spitzen Feder. Da war das alles noch lesenswert und machte einen klüger.

    Und natürlich kann man klug und nachdenklich diskutieren darüber, wie wir mit Anglizismen in der deutschen Sprache umgehen, mit Gendersternchen, kultureller und sexueller Zugehörigkeit. Und auch mit den alten Rassismen, die natürlich in unserer Sprache stecken, genauso wie viele andere Relikte uralter Abwertungen und Vorurteile. Sprache bildet nun einmal alles ab, was Menschen so zu- und übereinander sagen. Und Sprache wirkt. Denn sie zementiert auch alte Rollenbilder und Machtstrukturen.

    Und nichts macht das deutlicher als der seit gut fünf Jahren entfesselte Sprachenkampf. Vorher war es auch schon hitzig, wurde auch gern zur großen Keule gegriffen, meldeten sich „Sprachpuristen“ zu Wort und Verteidiger der literarischen Freiheit. Die schon damals beide irrten – nämlich in der Annahme, dass Sprache etwas Feststehendes ist. Etwas, das man mit einem gesetzgebenden „Duden“ reglementiert – und dann darf keiner mehr dran herumbasteln.

    Lobin erzählt ein wenig, wie das in Deutschland wirklich läuft und wie man auch Rechtschreibungen reformiert, wenn sich der allgemeine Sprachgebrauch ändert. Denn es gibt keine Hohe Kommission, die irgendwo per Dekret bestimmt, wie die deutsche Sprache zu benutzen ist. Das bestimmen immer noch die Sprecher/-innen und Schreiber/-innen der Sprache selbst. Der „Duden“ ist seit 1996 schon nicht mehr das gesetzlich bindende Regelwerk, auch wenn er natürlich immer noch genau die Empfehlungen gibt, die der Rechtschreibrat empfiehlt.

    Denn auch Konrad Duden wollte ja nichts anderes, als den Deutschen ein Buch in die Hand zu geben, in dem sie jederzeit nachschauen können, wenn sie sich unsicher sind. Der Standard macht das Schreiben leichter. Das vergessen viele der Debattanten nur zu gern, wie hilfreich es ist, wenn es zur gemeinsamen Sprache auch klare Regeln gibt, an die sich alle halten können. Nicht müssen. Aber der Preis für die Abweichung ist in der Regel Unlesbarkeit oder Unverständlichkeit.

    Und auch Konrad Duden wusste schon, dass sich Sprache verändert, dass neue Worte aufgenommen werden, dass Wortschreibungen als altertümlich empfunden werden können (altherthümlich nämlich), dass Worte aus dem Gebrauch verschwinden. Und selbst die Politik und die Bürokratie nehmen Einfluss und sind oft selbst Erfinder neuer Worte und Wortungetüme. Deswegen ist jede neue Auflage des „Duden“ auch eine Überarbeitung, haben vorher Fachleute darüber gebrütet, welche Worte neu hineinkommen, welche gestrichen werden können und ob die Regeln der Orthographie angepasst werden müssen.

    Es sind die Deutschen selbst, die ihre Sprache fortwährend verändern. Deswegen helfen auch alle Verdikte etwa gegen die ganzen Anglizismen nichts. Sie setzen sich trotzdem fest, wenn es kein adäquates deutsches Wort dafür gibt. Anders ist es mit der Identitätsdebatte, die eigentlich aus zwei völlig verschiedenen Debatten besteht. Die eine läuft schon länger und beschäftigt sich mit der Frage, wie man auch beim Sprechen und Schreiben Diskriminierung vermeiden kann. Da steht das generische Maskulinum infrage und die Suche nach wirklich lesbaren Lösungen hält bis heute an.

    Auch der Rechtschreibrat hat dazu bis heute keine endgültige Stellungnahme abgegeben. Auch aus einem guten Grund, denn hinter der Debatte einer richtigen Schreibweise steht eine politische Diskussion. Und Lobin stellt zu Recht die Frage, ob es reicht, eine Gleichberechtigung mit Gendersternchen bzw. Asterisk (*) in der Sprache herzustellen, wenn in der Wirklichkeit noch immer Benachteiligung die Norm ist. Sprache kann nicht kitten, was gesellschaftlich falsch läuft.

    Und dann ist da ja noch die andere Identitätsdebatte, die genau diese Suche nach einer respektvollen Sprache verteufelt als Angriff auf die heilige deutsche Sprache. Und auf diesem Feld kämpft seit Jahren schon der „Verein Deutsche Sprache“, dessen Argumente noch ein ganz anderes Gewicht bekommen haben, seit sie von der neurechten AfD übernommen wurden, die das nun freilich nicht wirklich in Sorge um die Schönheit der deutschen Sprache getan hat.

    Dazu muss man ihre Programme und Stellungnahme nur genauer lesen. Lobin kann hier sehr genau zitieren, denn letztlich halten die Sprecher dieser Partei nicht wirklich hinter dem Berg mit dem, worum es ihnen wirklich geht: Die deutsche Sprache wird bei ihnen zu einem Vehikel der Identitätspolitik. Und deswegen mutmaßen sie fortwährend eine irgendwie grün-linke Elite, die von oben herab irgendwie versucht, die deutsche Sprache zu zerstören.

    Eine klassische Verschwörungstheorie, die immerfort im Nebel wabert. Denn ständig beschwört sie solche „Machenschaften“. Aber wenn man genauer nachschaut, wird nie konkret, wer das eigentlich sein soll, der da mit dem Angriff auf die deutsche Sprache die Identität der Deutschen eliminieren will.

    Und vor allem: Wie das funktionieren soll. Über Befehle und Gesetze augenscheinlich nicht, denn dergleichen ist nicht zu finden. Und es läuft auch nirgendwo eine „Sprachpolizei“ herum, die den Leuten Ordnungsgelder oder andere Strafen aufdrückt, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Wobei Lobin auch ziemlich deutlich wird, wie er die ganzen Vorstöße unter dem Label „Muss man doch mal sagen dürfen“ findet. Denn da geht es nicht um das gute alte Deutsch, sondern um Regeln des Respekts, die schon immer gegolten haben.

    Alle klugen Eltern bringen es ihren Kindern bei, dass man nicht flucht, nicht schimpft, niemanden beleidigt oder verächtlich macht. Doch genau diese Grenzüberschreitungen des ganz normalen Respekts werden auch hier unter der sprachlichen Identitätsdebatte geführt. Mit offenen Beleidigungen, Verhöhnung, von den Entgleisungen im (anonymen) Internet ganz zu schweigen.

    Wer das als Kampf um eine lebendige Sprache versteht, ist wirklich auf dem Holzweg.

    Aber wie ist das nun mit der Identität, die sich scheinbar in der Sprache manifestiert? Oder gar ganz tief darin versteckt, sodass es Leute, die Deutsch erst mal lernen müssen, nie finden werden und so auch nie ahnen können, was am Deutschsein so tief, besonders und eigen ist?

    Das Geraune geht ja seit Jahrzehnten durch konservative Debattenbeiträge, steckt eigentlich auch in der völlig versumpften Debatte um die Leitkultur, bei der am Ende außer Bier, Bockwurst und Lederhose nichts Gescheites herauskam. Eher so eine blasse Ahnung, dass die Rauner von der besonderen deutschen Kultur selbst keine Ahnung haben, was daran eigentlich besonders sein soll.

    Aber bewahrt denn nicht die deutsche Sprache die ganz besonderen deutschen Erfahrungen, Gepflogenheiten, Eigenheiten und eine besondere Eleganz?

    Seltsamerweise behaupten das meist Leute, die überhaupt kein besonders elegantes Deutsch sprechen und schreiben. Und wer die AfD-Zitate in Lobins hübsch streitlustigem Essay liest, der bekommt erst recht Kopfschmerzen. Denn sie sind Exempel für muffige, unkonkrete, ins Phrasenhafte abgleitende Sprache.

    Was eigentlich typisch ist für den ganzen rechten Quark, der Nation, Heimat und Deutschsein zu etwas irgendwie Mythischem aufzublasen versucht. Von Wissenschaftlichkeit und Genauigkeit gar nicht erst zu reden. Es ist Sprachmulch für Leute, die lieber an dubiose Verschwörungen glauben, als die Realität vor ihrer Nase wahrzunehmen, wie sie ist.

    Und auch zu akzeptieren, dass wir Deutsch Sprechenden nichts Besonderes sind unter den Völkern. Wir benutzen unsere Sprache nicht die Bohne anders als unsere Nachbarn. Es steckt nichts Mystisches drin. Im Gegenteil: Sprache muss funktionieren. Oder mit Lobins Worten: Sie ist ein lebendiges Biotop, das sich ständig verändert. Wir brauchen sie zum täglichen Leben und die meisten benutzen sie auch nur so – als Basis der Verständigung.

    Und die meisten denken auch nicht darüber nach, schwimmen drin wie die Fische im Wasser. Sie ist wie die Luft zum Atmen – und sie wird auch genauso gedankenlos „eingeatmet“. Sie stellt in deutschsprechenden Landen genau dieselbe Welt des Sprechens her, wie es etwa das Französische in Frankreich tut oder das Polnische in Polen.

    Denn der Zweck von Sprache ist nicht das Herstellen von Identität, sondern von Kommunikation. Das muss wahrscheinlich wirklich erst einmal ein Germanist erklären. Aber wer schreibt – zum Beispiel für eine Zeitung – weiß es eigentlich: Man schreibt nicht, um irgendeine geheimnisvolle Identität herzustellen, sondern um verstanden zu werden. Und deswegen greifen viele Forscher in ihren Arbeiten zur englischen Sprache, weil sie sich so besser mit ihren Kolleg/-innen in aller Welt austauschen können. Und lernen Schüler/-innen Zweit- und Drittsprachen.

    Denn wer mehr Sprachen beherrscht, kann sich auch anderswo verständlich machen. Um nichts anderes geht es. Und aus keinem anderen Grund ist aus vielen alten Mundarten im Lauf der Zeit eine deutsche Hochsprache entstanden – an der natürlich auch Leute wie Luther und Gottsched und Duden mitgearbeitet haben, wohl wissend, dass es eine von allen verstandene gemeinsame Sprache braucht, wenn man sich wirklich auch in Bayern, dem Rheinland oder Tirol verständlich machen möchte.

    Und je besser eine Sprache genau dieser Verständigung dient, umso überlebensfähiger ist sie. Und umso erfolgreicher. Und die Forscher können bestenfalls beobachten, wie das dann praktisch passiert und wie sich Sprache verändert dabei, sich fortwährend erneuert. So, wie sich die ganze Gesellschaft verändert und erneuert.

    Aber genau das mögen ja die Rechtsaußen nicht. Sie hätten ja gern ein Land, in dem alles normiert ist. Am liebsten würden sie selbst zensieren und verbieten und Sprachpolizei spielen. Sprache wird da nicht nur zum „Kulturgut“ (das dann quasi auch gleich noch Denkmals- und Bestandsschutz erhält), sondern Norm. Norm für etwas, bei dem Sprache selbst wieder als Werkzeug zur Ausgrenzung verwendet wird. „Die AfD setzt wie keine andere Partei auf Sprachpolitik, weil sie dadurch die Elemente ihrer nationalidentitären Politik geradezu idealtypisch transportieren kann. Identitäre Sprachpolitik wird so zum trojanischen Pferd der Neuen Rechten“, schreibt Lobin.

    Wobei selbst der Begriff „Identität“ schon ein trojanischer Begriff ist, hinter dem sich die alten, neu lackierten Vorstellungen von „Volkskörper“ und „Rasse“ verstecken.
    Und wenn man dann immer wieder – ohne Beweise – behauptet, irgendjemand wolle den Deutschen eine „neue Sprache aufzwingen“, entsteht natürlich das übliche Bild, aus dem Verschwörungstheorien ihre Kraft gewinnen: Man sieht die vermeintlichen Täter nicht, also muss das ein ganz geheimer und mächtiger Klüngel sein. Man hat also einen ganz unheimlichen und unsichtbaren Feind. Auf ihn mit Gebrüll!

    Das steckt, wie man an der Thierse-Debatte sieht, an und vergiftet die öffentliche Diskussion immer weiter. Und es verzerrt sie auch immer mehr. Denn das erzeugt das Bild einer schon jetzt kaputtgemachten Sprache. Dass sich so in der Realität aber nirgendwo zeigt, auch wenn man sich über einige Anglismen, Neologismen oder Verrenkungen beim Gendern richtig aufregen kann. Aber man regt sich ja nicht auf, weil die deutsche Sprache kaputt ist, sondern weil solche Dinge beim Lesen stören. Sie liegen wie Sperrgut im Weg und erzählen davon, dass sie wirklich noch nicht allgemeiner Sprachgebrauch sind. Darüber kann und sollte man auch diskutieren. Mit Argumenten.

    Aber Ziel allen Sprechens und Schreibens sollte immer der genaue Ausdruck sein, Klarheit, Verständlichkeit und auch das respektvolle Sprechen. Auch diese Regeln stecken ja nicht grundlos in unserer Sprache, ist doch respektvolle Kommunikation die Grundlage einer Gesellschaft, in der sich die Mitglieder nicht gegenseitig die Schädel einschlagen. Wer diesen Konsens verlässt, will tatsächlich nur spalten und niedermachen. Dem geht es nicht um die geheimnisvolle Seele der deutschen Sprache, sondern um Macht und Aggression. Der benutzt die Sprache als Keule und eben nicht als das, wozu sie eigentlich da ist: Grundlage aller Verständigung zu sein.

    Lobin gibt dann noch einige ganz persönliche Empfehlungen, wie mit den ganzen Forderungen in diesem Kampf umgegangen werden könnte. Etwa mit der Forderung „Die deutsche Sprache ins Grundgesetz!“. Einen Platz dafür gäbe es, stellt er fest. Aber nicht unter den Nationalsymbolen (wo sie die AfD gern platziert hätte), sondern unter den Zielen, die sich unsere Gesellschaft setzt: Alle Menschen beim Spracherwerb zu unterstützen und ihnen damit volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

    Da kehrt sich das falsche Denken von AfD & Co. nämlich um: Das Erlernen der deutschen Sprache dient nicht dazu, ein unverwechselbar toller Deutscher zu werden, sondern Zugang zu finden zu einer Gesellschaft, in der ein gutes Deutsch die Basis ist für eine umfassende Teilhabe.

    Henning Lobin Sprachkampf, Dudenverlag, Berlin 2021, 15 Euro.

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