Oliver Georgi erklärt die ungreifbar gewordenen Sprachwelten unserer Politik

Und täglich grüßt das Phrasenschwein: Warum Politiker wie Technokraten klingen und warum die Medien auch schuld daran haben

Für alle LeserDer Duden Verlag hat die Sprache entdeckt. Den Kitt, den wir tagtäglich benutzen, um unsere Gesellschaft irgendwie zusammenzukleben. Wie genau Sprache ist, konnte man ja schon immer in dicken Duden-Titeln nachlesen. Aber seit geraumer Zeit, seit ein paar eingebildete Leute unsere Sprache wieder zum Pöbeln und Brüllen benutzen, mehren sich die Duden-Titel, die sich mit genau dem Thema beschäftigen: der Sprache unserer Gesellschaft. Und in diesem Fall: den politischen Phrasen.

Oliver Georgi ist einer von denen, die wissen, was damit gemeint ist. Er ist politischer Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, schreibt manchmal auch einen Beitrag für die Sprachglosse „Fraktur“. Die eigentlich eine sehr schöne, sehr lehrreiche Rubrik wäre, wenn da nicht auch andere F.A.Z.-Redakteure ab und zu meinten, ihr Mütchen kühlen und ein bisschen edel lästern zu müssen.

Die Zustände, über die Georgi schreibt, gelten auch für sein Haus. Auch wenn gerade die guten Beiträge in „Fraktur“ zeigen, dass kluge Redakteure sehr genau wissen, wie Sprache funktioniert, wie sie gebraucht und missbraucht wird. Und warum gerade die Regierungszeit von Angela Merkel so extrem von technokratischen Phrasen dominiert ist, die das politisch Gewollte zukleistern, voller heißer Luft sind und dennoch nichts Konkretes enthalten, nichts von dem, was einige Leute so gern Klartext nennen. Wobei auch „Klartext“ mittlerweile zur Phrase geworden ist – gerade bei Leuten, die alles andere sprechen als Klartext.

Erstaunlicherweise taucht die „brutalstmögliche Aufklärung“ nicht auf, dafür solche Phrasen wie „vollstes Vertrauen“, „sich ehrlich machen“, „klare Kante“ oder „Hausaufgaben machen“.

Georgi beschränkt sich auf neun Themenfelder. Aber sein Buch ist mehr als ein Entschlüsselungsangebot. Eigentlich erzählt er von einer alten Aufmerksamkeit, die vielen unserer heutigen Medien abhanden gekommen ist. Der Aufmerksamkeit für das, was Politiker wirklich sagen. Dazu muss man zuhören, nachfragen, Reden auseinandernehmen. Dazu braucht man – Zeit. Zeit, die immer mehr verloren ging. Eigentlich schon in den 1990er Jahren.

Immer wieder zitiert Oliver Georgi das 1992 erschienene Buch „Kavalleriepferde beim Hornsignal. Die Krise der Politik im Spiegel der Sprache“ von SPD-Urgestein Erhard Eppler. Schon damals konstatierte Eppler eine in Klischees erstarrte Sprache der Politik, die auch und gerade der SPD zu schaffen machte. Denn wie will man das, was man als Partei will und tut, eigentlich vermitteln, wenn einem der wichtigste Draht zum Wähler verloren gegangen ist? Wenn man schlicht nicht mehr die Sprache der „kleinen Leute“ spricht. Auch so eine Phrase, aber sie deutet zumindest an, worum es geht. Der „kleine Mann“ ist ja auch längst zum Topos des politischen Sprechens geworden. Zu einem der verräterischen.

Denn Sprache verrät sich. Wer zu „neuen Aufbrüchen“ aufruft, behauptet, „er habe jetzt verstanden“, werde „Verantwortung“ übernehmen, der sagt eigentlich sogar unverblümt, dass er vorher irgendwas anderes gemacht hat, nur nicht seine Arbeit.

Wobei Georgi natürlich auch etwas beleuchtet, was vielen Wähler gar nicht bewusst ist: dass Politik längst ein hochspezialisiertes Metier ist, das auch eine eigene Spezialistensprache entwickelt hat – vergleichbar dem Mediziner- oder dem Juristendeutsch, das auch keiner versteht, der nicht durch die Spezialistenschule gegangen ist. Und ein Großteil der heutigen Politiker ist im Parteiapparat großgeworden, hat sich also irgendwann auch den dort herrschenden Jargon angewöhnt.

Und die dazugehörenden Verhaltensweisen, denn es ist mit politischen Karrieren genauso wie mit Managerkarrieren: Wer die Sprache der Eingeweihten nicht spricht, wer das Spiel mit den Erwartungen selbst des eigenen Apparates nicht beherrscht, der schafft es nicht nach oben. Egal, wie oft sich Bürger wünschen, dass doch mehr kantige Leute in der Politik auftauchen, die wieder verständlich sprechen.

Ein bisschen sind auch die Wähler schuld, stellt Georgi etwas Richtiges fest. Denn sie wünschen sich zwar gern Politiker, die wieder verständlich und emotional sprechen. Aber sie wählen sie nicht. Sie wählen (zumindest war das in den vergangenen Jahren immer öfter der Fall) lieber Politiker/-innen, die keine klare Sprache sprechen. Angela Merkel mit ihrem Teflon-Sprachstil kommt recht häufig als schlechtes Beispiel vor im Buch. Aber sie ist ja nicht die Einzige, die so spricht. Sie ist eher die typische Vertreterin für einen Politikstil, der das Nicht-Anecken-Wollen zutiefst verinnerlicht hat.

Und da wäre man bei den Medien. Georgi betont zwar die unheimliche Rolle der medialen Beschleunigung durch Twitter, Facebook & Co., die auch die Arbeitsweise der klassischen Medien verändert und kurzatmiger gemacht hat. Alle beobachten einander permanent, reagieren sofort auf den auch nur dürftigsten Neuigkeitsschnipsel, der irgendwo auftaucht, springen sofort auf und sorgen durch Vervielfältigung dafür, dass im Grunde banale Informationen binnen Minuten aufgeblasen werden zu Hypes. Und dazu gehören nun einmal auch Aussagen von Politikern, egal zu welchem Thema, Hauptsache schnell, am besten sofort, keine 5 Minuten nach der ersten Meldung müssen die ersten Statements purzeln. Selbst wenn die Befragten noch nicht einmal Zeit hatten, die ursprüngliche Nachricht selbst zu verdauen.

Und da wäre man wieder bei Eppler. Es ist eben nicht so, dass das erst mit Facebook und Twitter begann. Das Phänomen gab es auch 1992 schon. Die Bilder mit den Mikrophon-Pulks vor den Tagungsräumen der Politik sind uralt. Die Sitzung ist gerade beendet, vielleicht auch nur vertagt, aber draußen warten die Reporter von Fernsehen und Radio und wollen sofort einen knackigen O-Ton haben.

Und das oft in Situationen, in denen noch gar nichts entschieden ist, in denen ein falsches Wort Karrieren kosten kann oder zumindest das auslöst, wovon mittlerweile die nachdenklichen Leute in diesem Land die Nase voll haben: völlig überdrehte Skandale, Kampagnen, schreiende Inszenierungen einer Politik, die nur noch Sieger und Verlierer kennt.

Ehrlich? Genau so wird seit 30 Jahren berichtet. Und es waren die alten Medien, die diese Raserei begonnen haben, diese Hatz danach, als erste mit sensationellen Berichten nach vorn zu preschen und damit die ganze Debatte zu besetzen und ihren Drall vorzugeben.

In gewisser Weise erzählt Georgi von einer ganz alten Tugend, die in diesem Lärm kaum noch eine Chance hat. Denn die durchdachten, sachlich analysierenden Artikel, die auch nur Stunden später kommen, haben auf die hyperventilierende Diskussion keinen Einfluss mehr. Denn heute sorgen allein schon die Netzwerke der großen IT-Giganten dafür, dass die Diskussion schon wenige Minuten nach der Nachricht überkocht und die größten Schreihälse den Ton angeben.

Was logischerweise dazu führt, dass sich selbst mächtige Politiker/-innen wie Angela Merkel einen Sprachstil zugelegt haben, an dem dieser Lärm abprallt. Dass ihr berühmter Spruch von dem „Wir schaffen das“ bis heute nachhallt, hat ja damit zu tun, dass sie hier tatsächlich einmal so etwas wie Emotion und Positionierung durchklingen ließ. So einen winzigen Moment, in dem eine Ahnung greifbar wurde, dass Angela Merkel auch eine anders redende, menschlichere Bundeskanzlerin hätte sein können.

Aber sie ist in einer Partei großgeworden, die das Klartext-Reden schon immer mit Poltern verwechselt hat. Wer sich angreifbar machte, war sehr schnell weg vom Fenster. Deswegen bemerkt man in der CDU bis heute so eine verklemmte Altherren-Geschlossenheit. Und wenn Angela Merkel eins gelernt hat, dann das: In so einer Schlangengrube zeigt man keine Emotionen und macht sich mit „klaren Kanten“ nicht angreifbar. Und deshalb wird das klare Sprechen umschifft. Die politische Sprache von heute ist voller Phrasen, die Dynamik suggerieren, Tatkraft und Zielstrebigkeit. Wenn man die Politiker reden hört, hat man die ganze Zeit das Bild vor Augen, die kehren gleich mit hochgekrempelten Ärmeln in den Augiasstall zurück und machen weiter mit Ausmisten, Aufklären und Abarbeiten.

Aber jeder Blick täglich in die Zeitung zeigt: Das Bild stimmt nicht. Wo Einigkeit beschworen wird, wird hinter verschlossenen Türen gestritten bis aufs Messer, wo gewaltige Taten versprochen werden, kommt am Ende ein winziger Kompromiss heraus, der niemandem nützt und das Problem nicht löst.

Es würde deutlich über das Buch hinausführen, wenn man erkunden wollte, woran das liegt, warum Politik derart mutlos geworden ist. Es liegt nicht nur an der Sprache. Die Sprache ist ein Symptom. Sie zeigt an, dass mehrere Dinge völlig aus dem Lot gelaufen sind. Und Georgi hat recht, wenn er den Medien eine Mitschuld daran gibt. Wer Berichterstattung nur noch als Jagd nach der nächsten Sensation und dem nächsten Skandal betreibt, der verwandelt Politik für die zuschauenden Bürger in ein völlig unübersichtliches Shakespearsches Drama, in dem ständig wild drauflos gemordet wird und vorn am Bühnenrand die Klageweiber jaulen.

Logisch, dass Politiker, die überhaupt noch irgendwie zum Arbeiten kommen wollen, auf diese hungrige Sensationsmeute mit Geschwurbel, Floskeln, Phrasen reagieren. Sie geben den lauernden Mikrophonen, was die wollen, irgendeinen Satz, in den Schwerstarbeit, Verantwortung und innigstes Bemühen hineininterpretiert werden können. Das Ergebnis: Ein Phrasensprech, der den Wählern immer mehr den Eindruck vermittelt, dass diese Politiker völlig abgehoben sind, weggeflogen in einen technokratischen Sprachstil, den kein Mensch mehr versteht. Oder verstehen soll. Denn an dieser Stelle sind die Verschwörungstheorien nicht weit. Hier setzen Redner von Rechtsaußen an, wenn sie vom Establishment reden, von der politischen Elite, die keinen „Klartext“ mehr spreche.

Gerade in diesen Angriffen wird deutlich, welche fatalen Folgen das technokratische Sprechen tatsächlich hat. Denn es sorgt nicht nur dafür, dass die Wähler von Politik immer mehr entfremdet sind, nicht mehr verstehen, was „die da oben“ sagen, sich auch selbst nicht mehr wiederfinden in diesem Sprechen und logischerweise immer frustrierter werden und dann oft nur zu bereit, den nächsten Polterer zu wählen, bloß weil man dessen Worte tatsächlich versteht. Es hat etwas von Missachtung an sich, wenn man als Politiker keine klare Sprache mehr spricht.

„Denn man kann nicht gegen die Verrohung der politischen Sprache vorgehen, ohne gleichzeitig den leblosen Floskelwolken den Kampf anzusagen, die mitverantwortlich für die Verrohung sind“, schreibt Georgi.

Und lässt deshalb seinen Analysen zu neun sprachlichen Problemfeldern selbst noch ein Kapitel „Klartext: Was tun?“ folgen. Darin fordert er Politiker nicht nur auf, wieder bewusster mit Sprache umzugehen, wieder präzise zu werden und zu differenzieren, nicht mehr alles mit schönen Wortwolken zuzukleistern, sondern Probleme und Unsicherheiten auch beim Namen zu nennen. Denn das übliche Gelaber versteckt ja auch Konflikte, die die Wähler ja trotzdem irgendwie sehen – in der eigenen Partei, mit Koalitionspartnern, mit Lobbyisten. Mehr Mut zu echten Kontroversen, fordert Georgi. Die Wähler sind ja nicht doof. Sie lieben eigentlich Politiker, die Auseinandersetzungen nicht scheuen und sich öffentlich – aber sachlich und ehrlich – streiten.

Was das für eine Demokratie, in der immer nur Drama und Skandal ist, aber kein echter öffentlicher Streit, bedeutet? Na ja: Großbritannien ist derzeit das beste Beispiel, was dabei entsteht. „Unser Bild vom Politiker muss sich ändern“, fordert er noch. Aber das hat viel mit seinem Appell an die Medien zu tun, von denen sich Georgi wünscht, dass sie aus der antrainierten Empörungsroutine ausbrechen. Denn ihre schärfste Waffe ist die Analyse, die Fähigkeit, vom täglichen Schauspiel abzusehen und zu erzählen, was wirklich passiert ist, nachzufragen und Politiker nicht mehr mit Phrasen davonkommen zu lassen. Und vor allem: den Kontext zu erzählen, das, was drumherum und hinter den Kulissen passiert.

Also eigentlich wieder: Politik erzählbar machen. Was nicht einfach ist. Denn die „schnellen Medien“ haben ihre Nutzer an Aufregung, Skandal und Inszenierung gewöhnt. Die stecken in diesem Rausch des Permanent-Informiertseins, der für viele schon zur Sucht geworden ist – gerade weil dieser Schwall unverdauter Information genau das Chaos in den Köpfen anrichtet, das für viele Menschen längst zur Überforderung geworden ist.

Es ist trotzdem ein richtiger Appell. Und das an lauter Kollegen, die wie Hamster im Laufrad rennen.

Aber dem einfach Politikinteressierten gibt das Büchlein sehr hilfreiche Erklärungen an die Hand, wie man Politikerphrasen nicht nur erkennt, sondern auch entschlüsselt. Und sie erfahren, warum Politiker, die so reden, selbst unter Druck sind, und Leute, die wirklich noch fähig sind, lebendig, klar und deutlich zu sprechen, auf der politischen Bühne so verdammt rar geworden sind.

Oliver Georgi Und täglich grüßt das Phrasenschwein, Duden Verlag, Berlin 2019, 18 Euro.

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