Am 6. Mai wäre er 150 Jahre alt geworden, wenn es denn diese Vergünstigung für Dichter geben würde, so alt werden zu dürfen. Aber tatsächlich ist Christian Morgenstern schon 1914 gestorben, keine 43 Jahre alt. Aber schon zu Lebzeiten war er beliebt – und von der Kritik heftigst unverstanden. Von Kabarettisten aber bis heute verehrt. So wie vom Erfurter Kabarettisten Ulf Annel.

In der Erfurter „Arche“ gibt es deshalb natürlich auch ein richtiges Morgenstern-Programm. Und Ulf Annel war der richtige Mann, die Würdigung zu Morgensterns Geburtstag zu schreiben. Ein Büchlein, das nicht nur die Biografie des Dichters spielerisch beleuchtet, sondern auch die Leser/-innen mit hineinnimmt in die Art dieses Dichters, der so gern auch mit dem berühmt geworden wäre, was man zu seiner Zeit ernsthafte Dichtung nannte. Aber das hat weder die Zeitgenossen interessiert, noch die Nachwelt.Denn gerade da, wo er die schwerlastigen Regeln der damals gepflegten hohen Dichtkunst brach und hinter sich ließ, war er wirklich Dichter und erschloss Welten, die zuallererst natürlich jene Menschen sehr gut verstehen, die durch Schule und falsche Maßstäbe noch nicht verdorben sind – die Kinder.

Was er eher zufällig anstellte, wie Ulf Annel zu erzählen weiß, denn seine ersten Texte dieser verspielten Art, wie man sie aus den immer wieder aufgelegten „Galgenliedern“ kennt, entstanden im Kreis der Galgenbrüder, ab 1901 lieferte er regelmäßig Stoff für das erste deutsche Kabarett von Ernst von Wolzogen.

Man landet genau in jener Zeit, in der sich Deutschland gerade zu einem modernen Land zu mausern begann. In den großen Städten knisterte es. In Malerei und Literatur begannen die faszinierendsten Experimente, die den staubigen Kanon dessen, was in der Schulliteratur zu „Klassik“ erstarrt war, aufbrachen.

Und bis heute fehlt das große Buch über diese wirklich goldenen zehn, zwanzig Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Jahre, in denen dem großen Aufbruch der jungen, weltoffenen Geister, die Radikalisierung der Konservativen gegenüberstand. Das kommt einem vertraut vor, nicht wahr?

Und dieser Christian Morgenstern, der aus Gesundheitsgründen auf alle Karrieren verzichten musste, machte sich auch darüber Gedanken. Denn als kluger Mensch schaut man nur mit gelindem Grausen zu, wie die borniertere Hälfte der Nation sich alleweil hineinsteigert in Selbstgerechtigkeit, nationale Überheblichkeit und Kriegsgeschepper.

„Es gibt Menschen, die sich immer angegriffen wähnen, wenn jemand eine Meinung ausspricht“, schrieb er als Gedankensplitter nieder und Annel hat es mit Freude aufgenommen in das Büchlein. Genauso wie: „Des Krieges Eltern heißen Schwachsinn und Trägheit.“

Wer diesem Dichter wiederbegegnet nach so langer Zeit, der merkt, dass all die Kriege und Revolutionen eigentlich nur Ablenkungen der Geschichte waren. Dass wir wieder allesamt da sind, wo wir vor 120 Jahren schon mal waren – zwar ohne Kaiser, aber mit allem Dünkel und Kleingeist, dem so gern heißlaufenden modernen Menschen. „Ihm fehlt zu sehr das Öl der Liebe.“

Stattdessen ziehen uns die in der Tageszeitung lärmenden Tagesaffären immer wieder herunter ins Gestreite, Verachten und Eifern. Auch das hat sich nicht geändert. Wenn zwei sich streiten, freut sich die Meute der Hämischen und Neidischen. Heruntermachen ist eine deutsche Kunst. Man ist ja wer und hat immer recht und weiß sowieso alles viel besser. Nur die aufmerksameren Dichter bleiben skeptisch. Mit guten Gründen: „Im Menschen vollendet sich und endet offenbar die Erde. Der Mensch – ein Exempel der beispiellosen Geduld der Natur.“

Dieser hier wusste das also schon vor über 100 Jahren, auch wenn er den von Narren ausgelösten Krieg nicht mehr erleben musste, den Krieg, in dem viele von den jüngeren Talentierten, die mit ihm aufgewachsen waren und gelernt hatten, die weihevollen Gesänge der Staatsdichter als Kitsch zu begreifen, niedergeschossen und hingemetzelt wurden. Was bei Morgenstern noch wie spielerisch aussieht, würde in der „Menschheitsdämmerung“ dann zu loderndem Expressionismus werden – mit folgerichtig sehr düsteren Klängen, Scherben und Farben.

Dabei war auch das, was so verspielt klingt bei Morgenstern, ernst gemeint. Anders ernst, als etwa Hausmeister, Innenminister oder sonstige ordnungsgemäße Personen es ernst meinen, wenn sie das Wörtchen „sonst“ verwenden. Es ist ein Ernst, den man nur antupfen muss und den man nicht mehr weitschweifig erklären muss, weil Kinder und Liebende ihn sofort verstehen.

Mit der ersten Zeile ist man immer schon mittendrin, den kleinen Schritt beiseite gegangen und sieht die Welt mit den staunenden Augen des Dichters, der noch weiß, wie man die Poesie einfängt, ohne sie zu foltern: „Die Möwen sehen alle aus, / als ob sie Emma hießen …“

Logisch, dass Ulf Annel auch die direkte Dichterverwandtschaft zum sächsischen „Spaßvogel“ Ringelnatz sieht, der seine lustigen Gedichte auch sehr ernst gedacht hat. So ernst, dass man sich vor lauter Lachen wiedererkennt. Wer sich nicht wiedererkennen kann in dieser seltsamen Welt, sollte vielleicht doch lieber eine andere Brille aufsetzen.

Oder sich einlassen auf Annels einfühlsame Art, den Leser mit Morgenstern-Gedichten vertraut zu machen. Es ist, als dürfte man wieder lächeln beim Gucken. Und sehen, wie seltsam dieser bierernste Kleiderträger Mensch sich immerfort gibt, der sich für den Nabel von allem Möglichen hält.

„Was mit Patriotismus ist? – Ein Gefühl, das zehn andere frißt“, zitiert Annel diesen nachdenklichen Dichter aus München. Die auferstandenen Patrioten haben wir ja alle wieder mit all ihrem mörderischen Humor.

Deswegen hat man es bei Morgenstern tatsächlich nicht nur mit humorvollen Phantasien und quicklebendigen Gedanken zu tun, die sich flugs in Gedichte verwandeln können, auch wenn Annel feststellen kann, dass auch dieser Morgenstern nicht frei war von den Erwartungen, die eine honorige Gesellschaft immerfort produziert – auch in Bezug auf das, was gedankenschwere preiswürdige Dichtung zu sein habe.

Das lag ihm zum Glück wirklich nicht, auch wenn er es versuchte. Denn man merkt schnell, dass so zwar schwersinniger Versquark entstehen kann, aber keine Gedichte. Gedichte haben ihre eigenen Regeln, sonst springen sie nicht über. Und Morgenstern wusste ja, wie das geht. Das verlernt man nicht wieder, auch wenn man sich bemüht. Und dann steht man da – mit verdutztem Lächeln neben der Spur.

Denn dann wird das Treiben der Honorigen und Ehrenwerten noch viel unverständlicher. Ein echter Swift-Effekt für alle, die auch die „Reise in das Land der Houyhnhnms“ gelesen haben. Kleine Überraschung also: In diesem lustigen Dichter steckt ein Aufklärer. Ein verspäteter Aufklärer hätte ich beinah geschrieben. Aber es gibt keine zu späte Aufklärung. Nicht in einer Welt, in der die Unaufklärbaren und Phantasielosen ihr Unwesen treiben und die Wahlen gewinnen.

Das ist ja das Bedrückende auch an neueren deutschen Zuständen: diese unübersehbare Abwesenheit der beiden Tugenden, die Morgenstern schon so sehr vermisste bei den „sogenannten denkenden Wesen“: Phantasie und Mut. „Vielleicht ist Mangel an beiden eine der grundlegenden Lebensbedingungen, vielleicht kann der Mensch nur mit einem gewissen Quantum von Feigheit und Trägheit existieren.“

Das „vielleicht“ steht im Raum. Zumindest, bevor man sich wieder einlässt auf diese Gedichte, die eigentlich ein immer wieder neu gedruckter Beweis dafür sind, dass sie überspringen auf hellwache Köpfe. Samt Zwölf-Elf, Nasobem, von Korf und Palmström. Was die Bereitschaft zum Staunen und Überraschtsein voraussetzt. Und Mitgefühl – selbst mit Worten und Wesen: „Ein Seufzer lief Schlittschuh …“ Oder: „Hört, mein Wecker ist gestorben!“

Aber vielleicht hat man diese intensive Beziehung zu den Dingen nur, wenn man nicht fortwährend abgelenkt ist vom Toben der Nachrichten und falschen Wichtigkeit, dem ganzen Schmierentheater, das gedankenlose Menschen fortwährend aufführen, weil sie sich nicht um das Kleine und Vergängliche kümmern wollen. Und sich und nur sich ernst nehmen, egal wie wenig in ihnen ist.

Und da geht einer einfach freundlich durch sein Leben, verschenkt seine Blitzgescheitheiten und launigen Einfälle, einfach so. Und wird zum Morgen- und Abendstern für eine ganze Epoche, die dann ab 1914 zu Klump geschossen wird von Leuten ohne Phantasie und Lebensmut, sodass wir denken, genau das wäre Geschichte. Wenn nur ordentlich Eisen, Blut und Schnauzbart drin ist.

Ist sie aber nicht. Wer wie der Abendstern heißt, weiß das. Und schaut aus einer fast kosmischen Dimension (so ähnlich hat er das auch formuliert) auf dieses seltsame Treiben, das man nur ein bisschen anspitzen muss, und es zeigt seine ganze Seltsamkeit. Genau das lehrt uns dieser Bursche – mit jeder Menge Freude am Spiel: dass es sich lohnt wieder selbst zu sehen, wie seltsam das alles ist.

Und die Kabarettisten freut es, dass sie hier eine Fundgrube haben, aus der man immerfort schöpfen kann. Die Empfänglichen lachen sich kringelig. Die anderen verstehen es nicht und der Autor muss ihnen erst einen langen Brief schreiben, damit sie solche Phrasen wie „höherer Blödsinn“ nicht verwenden.

Aber auch das ist weder alt noch neu. Der Morgenstern ist so frisch wie einst, als er losging und beim Gehen seine Gedanken von der Leine ließ. Was ja in öffentlichen Anlagen bekanntlich strengstens verboten ist. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Deutschen das Denken in der Öffentlichkeit lieber unterlassen und freiwillig die Rolle des Schutzmanns übernehmen. Anno dunnemals wie heute. Wo kämen wir da hin, wenn alle ihre Gedanken … Na ja, zu einer Nation, die „Die Gedanken sind frei“ wie einen Militärmarsch intonieren. Dahin kämen wir. Immer, immer wieder.

Ulf Annel Christian Morgenstern, Rhinoverlag, Ilmenau 2021, 5,95 Euro.

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