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Haltungsnote: Jesus beim Laberkäs in Berlin – Eine Kolumne über Kontinuität bei den Konservativen

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    Ich mag ja Kontinuität. Da weiß man, woran man ist. Deswegen bin ich bei aller Ambivalenz auch irgendwo tief in mir froh, dass der Laschet Unionschef wurde. Bei dem weiß man halt von vornherein, was man kriegt. Nämlich dieselbe froschhafte Verwaltungsdenke, wie sie die Union schon – mit zwei rühmlichen Ausnahmen – die letzten 18 Jahre an den Tag gelegt hat.

    Auf Initiative von Laschet, so berichtet „Der Spiegel“, habe sich die Union bei der letzten Regierungstagung zur Corona-Lage dazu entschlossen, erst mal „abzuwarten“, bevor man die heilige Kuh Wirtschaft etwa mit klaren Vorschriften behellige. Die hat man dafür mal wieder allen anderen im Land aufgebürdet. Inklusive der Solo- und Kleinunternehmer. Die haben eben keine Lobby im Parlament und die haben noch nicht mal einen Verband, der sich für ihre Belange einsetzt.Da lachen der Peter Altmaier und der Armin doch wissend in sich hinein und denken daran, wie blöd doch die Telko für sie ausgefallen wäre, in der sie etwa den Damen und Herren vom BDI hätten mitteilen müssen, dass man ihre Firmen ab jetzt mit Rücksicht auf Gemeinwohl und Corona-Lage auf Homeoffice verpflichten müsse.

    Wie die da geguckt hätten und was die da gesagt hätten?! Irre! Nicht auszudenken, die Peinlichkeit für den Armin und den Peter. Man muss ja auch immer weiterdenken. Schließlich wackeln die Umfragewerte für die Union gerade etwas heftiger. Wer weiß, wo der Armin und der Peter und all ihre guten Freunde aus der Unions-Fraktion und dem Parteivorstand im Herbst nach der Wahl so landen werden. Womöglich sogar auf der Straße, der sprichwörtlichen. Oha! Da sei Gott vor! Und zwar der einzig richtige, am besten nicht bayrische!

    Landest du auf der Straße, dann hast du deine Freunde dringend nötig. Und der Armin und der Peter und ihre Parteikollegen, die wissen schon auf welcher Seite ihre Brote gebuttert werden. Die wissen außerdem, von wem.

    Es wäre dann schon ein wenig unzumutbar für die Unionsherren gewesen, da jetzt in der blöden dritten Corona-Welle ihr Rückgrat gegenüber der Industrie zu entfalten und denen mal schlupflochlose Vorschriften zu präsentieren, wie der Herr und die Frau Industriekapitän/-in mal eine Runde fürs Team Deutschland zurückzustecken hätten und dafür zu sorgen haben, dass ihre Belegschaft nicht aus virenverseuchten Großraumbüros heraus arbeitete, sondern von zu Hause aus.

    Sowieso! Was das wieder gekostet hätte! Und zwar nicht nur an Geld. Sondern vor allem an Nerven! Die Damen und Herren hätten womöglich ihren Abteilungsleitern bis runter ins fünfte Hierarchieglied erklären müssen, dass die gefälligst mal Vertrauen in ihre Kollegen zu beweisen hätten und die Arbeitslast digitaler organisieren müssten. Klar, der Telekomboss hätte bei dieser Telko eher schlicht über den Hemdkragen geschaut, wo man in seinem Konzern schließlich seit drei Jahrzehnten konsequent die Digitalisierung unterläuft.

    Selbst falls der Andreas Scheuer noch mal ein paar mehr Milliarden für den Netzausbau herausrückt, wird’s jetzt wirklich schwer, so auf die Schnelle die Internetversorgung auch mal außerhalb von Hamburg und Köln so auszubauen, dass die auch in der Bundesrepublik so breitflächig funktioniert, wie sie es in Rumänien bereits seit vielen Jahren tut.

    Aber der Andreas und der Peter und der Armin und die Angela haben diese Telko ja vermieden. Puh. Erleichterung! Statt der rechtsverbindlichen Vorschriften gab’s Bitten und zarte Hinweise auf die Verantwortung jedes Einzelnen. Erinnern wir uns, wie gut das in der Fleischwirtschaft funktioniert hat letztes Jahr? Und, wie war das all die Jahre zuvor, als in den Großschlachtereien zwar nicht Corona wütete, aber es dafür üblich war, Arbeiter wie Vieh zu behandeln und in Ställen unterzubringen, die die Bezeichnung Wohnraum nicht verdient hatten?

    Die neue Leipziger Zeitung (LZ) Nr. 89, VÖ 26.03.2021
    Die neue Leipziger Zeitung (LZ) Nr. 89, VÖ 26.03.2021

    Richtig. Das lief dort eher suboptimal. Aber die bluttriefende Gelddruckmaschine von Tönnies bildete sicher die unrühmliche Ausnahme. Alle übrigen bundesrepublikanischen Wirtschaftsentscheider schwimmen im intellektuell tiefergelegten Becken und werden auch ohne Druck ihr Allermöglichstes tun, um dem Team Deutschland übern Coronaberg zu helfen. Ungefähr so konsequent wie mit dem Problem Homeoffice geht man in der Union auch gerade mit der Frage um, wie das im härtesten Lockdown seit dem letzten allerhärtesten Lockdown nun mit den Gottesdiensten zu halten sei.

    Davon, diese traditionell in Kirchen abzuhalten, findet man bei Bund und Ländern, sei abzuraten. Die katholische Kirche, noch eine von Deutschlands träge drösel-drömelnden Altinstitutionen, die jetzt dran wäre one for the team zu taken (wie der des Denglischen durchaus mächtige Markus S. aus Franken es formuliert hätte), twitterte da gleich mal ihre Empörung und ihre Absage.

    Man darf angesichts dessen froh sein, dass die überhaupt Twitter nutzen. Andererseits behauptet der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in seinem Tweet auch, dass man schließlich letztes Jahr zu Weihnachten gesehen hätte, dass verantwortungsvoller Gottesdienstbesuch möglich sei.

    Klar sah man das, unter anderem sehr schön an den immens gestiegenen Infektionszahlen nach den Feiertagen. Der Markus S. hat sich dann auch gleich nach diesem Tweet auf die Bedeutung des großen C im Namen seiner Partei besonnen und dem Herrn Bischof Georg Bätzing und dessen Kollegen versichert, er stehe auf dem Standpunkt, dass man keinen Druck auf die Kirchen ausüben solle, die Gottesdienste virtuell abzuhalten.

    Wie das mit dem Vertrauen in die Vernunft und die Rechtstreue kirchlicher Institutionen katholischer Prägung real so aussieht, davon könnten unter anderem ein paar tausend Opfer sexueller Gewalt und sexuellen Missbrauchs durch katholische Würdenträger ein Liedchen singen. Zweifellos wäre das dann eines, das dem Markus S. nicht vollumfänglich gefallen würde.

    Bestimmt fragt später auch keiner bei den Hinterbliebenen der Opfer der dritten Corona-Welle nach, wie die das ab der nächsten Beerdigung so halten mit ihrem Vertrauen in Selbstregulierungswillen von Wirtschaft und Verantwortungsstand der Mitglieder der deutschen Bischofskonferenz.

    Ich weiß jedenfalls, wie meine Antwort ausfällt, sollte mich demnächst mal wer nach dem wahren Wert menschlichen Lebens in der Berliner Republik fragen. Der kommt außerhalb von Katastrophenzeiten nur ein ganz kleines Stückchen oberhalb dessen der Konzerne und Berufsmissionare. Innerhalb von Katastrophenzeiten kann es auch schon mal vorkommen, dass er sich sogar ein wenig drunter einzutakten hat.

    „Haltungsnote: Jesus beim Laberkäs in Berlin – Eine Kolumne über Kontinuität bei den Konservativen“ erschien erstmals am 26. März 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG.

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