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Tanz der Zitronen (2): Warum Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk in Deutschland derart schlecht geworden ist

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    Eine Frage, die die Drehbuchautorin Nicole Joens in ihrem Buch "Tanz der Zitronen" umtreibt, ist eine, die durchaus mit einem mittlerweile undurchschaubaren Gewirr der abhängigen Firmen und Auftragnehmer im Umfeld von ARD und ZDF zu tun hat: Warum tauchen einige Produktionsfirmen immer wieder mit millionenschweren Produktionsaufträgen auf?

    Kann es sein, dass die Sender nicht nur für völlig überteuerte Sportrechte (Fußball, Boxen usw.) gigantische Millionenbeträge zum Fenster rauswerfen, sondern damit auch ein ganzes Netz von oft genug privaten Produktionsfirmen füttern, die den Sendern genau den „politisch korrekten“ Stoff liefern, den man in den Programmdirektionen haben will?

    Angefangen von einem Kostümschinken über Ludwig II. von Bayern, der den Etat von mindestens vier bis fünf sonst üblichen Fernsehproduktionen verschlang bis hin zu den gigantischen Geschichts-Klittierungen aus dem Hause teamWorx, einer Bertelsmann-Tochter, die fürs ZDF zum Beispiel den Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ produziert hat, der gerade von Historikern massiv kritisiert wurde. Aber beim ZDF passte er natürlich in eine lange Geschichte der Verklärung gerade der Kriegs- und Nachkriegszeit.

    Nur wer sich wirklich kritisch mit den Welt- und Geschichtssichten der Öffentlich-Rechtlichen beschäftigt, bekommt so eine Ahnung, was dort alles nicht gezeigt wird, wie sehr der Fokus auf eine verklärende, politisch konservative und konfliktfreie Ideal-Welt gerichtet ist, die es so nie gab, die aber in den frühen Heimatfilmen der 1950er Jahre schon genauso geübt wurde, wie sie heute noch fortlebt in einem Fernsehprogramm, das vieles vermeidet: Lust am Geschichtenerzählen, starke Charaktere, realistische Konflikte …

    Doch als Nicole Joens sich gegen die Änderungen an ihrem Drehbuch verwahrte, geriet sie in die Mühlen der Firma, der sie schon anfangs misstraut hatte: Sie wurde verklagt und durfte erleben, wie das ZDF und seine Geschäftspartner mit Drehbuchautoren umgehen, die nicht spuren und die auch nicht bereit sind, sich ihre Drehbücher wegnehmen zu lassen, weil firmeneigene Autoren die Bearbeitung billiger übernehmen. „Geier“ heißen sie unter Drehbuchautoren. Sie schreiben die Stoffe für Sender und Produktionsfirmen für einen Bruchteil des Geldes, das Drehbuchautoren zusteht, weiter oder um. Zumeist natürlich aus blanker wirtschaftlicher Not. Da wird man gefügig und tut, was verlangt wird.

    Deswegen ist Nicole Joens‘ Buch nicht nur eine Beschreibung ihres eigenen Konfliktes mit ZDF & Co., sondern ein Versuch aufzuarbeiten, wie dieses System überhaupt funktioniert und wie es dazu kommen konnte, dass im Grunde alle Leitungsebenen der öffentlichen Sendeanstalten mittlerweile mit Personal besetzt sind, das schon in vorauseilendem Gehorsam nur noch Stoffe in Auftrag gibt, die einem stockkonservativen Konsens genügen und auch dann noch Millionenbudgets für solche Stoffe bereitstellen, wenn schon beim Lesen des Drehbuchs klar ist, dass der Film ein Flop wird.

    Natürlich hat das auch mit Transparenz zu tun. Kein Sender veröffentlicht klare Auflistungen, für welche Stoffe an welche Firmen welche Budgets an Produktionsgeldern ausgereicht wurden. Und schon gar nicht Listen über abgelehnte Drehbücher und Stoffe. Da könnte durchaus deutlicher werden, warum das deutsche Fernsehen bis heute geradezu besessen ist vom Hitlerreich und dem zweiten Weltkrieg, andere Kapitel der deutschen Geschichte aber so gut wie nie vorkommen. Es sei denn, sie bieten sich wieder für verklärende Melodramen an („Das Wunder von …“).

    Man muss sich nicht darüber wundern, warum so viele Menschen in Deutschland so seltsam verklärte Sichten auf die eigene Geschichte haben. Sie sehen es in ihren Flimmerkisten nicht anders.

    Und so nebenbei macht die Geschichte, die Nicole Joens erzählt, auch ein wenig sichtbar, wie die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland ihre finanzielle Macht (die sicheren 8 Milliarden Euro der Gebührenzahler) dazu missbraucht haben, ein ganzes Geflecht aus Tochter-und Enkelfirmen zu gründen, an die die Aufträge der Sender weitergereicht werden. Dazu gehört auch die Gründung der Bavaria (unter Beteiligung des MDR), die mit den Gebührengeldern der Zuschauer vor allem alle anderen deutschen Produktionsstandorte niederkonkurriert – unter anderem Babelsberg in Potsdam.

    Und weil die Redakteure in den Sendern darüber entscheiden, welcher Film welches Budget bekommt, hat sich auch etwas eingeschlichen, was die Sache noch zwielichtiger macht: Korruption. Wer auf das Wohlwollen der keiner Öffentlichkeit verantwortlichen Redakteure angewiesen ist, der ist erpressbar.

    Am Ende ihres Buches macht Nicole Joens einige Reformvorschläge für die Senderanstalten, die freilich sehr geringe Chancen haben auf Umsetzung, denn dazu müsste es einen politischen Willen geben (der heute in keinem einzigen Landesparlament zu sehen ist) und die Bereitschaft einzusehen, dass die vorhandenen Kontrollgremien (Rundfunk- und Verwaltungsbeiräte) überhaupt nicht funktionieren, auch deshalb nicht funktionieren, weil sie politisch dominiert sind und eher dazu gedacht, die politische Kontrolle über die Sender zu sichern.

    Die Vorschläge von Nicole Joens in der Kurzübersicht:

    1. Reduzierung des Verwaltungsaufwandes
    2. Transparenz – finanziell und personell
    3. prozentual festgelegte Auftragsvergabe
    4. (Umgang mit) Produktionsbudgets über fünf Millionen Euro
    5. Trennung von Fernsehen und Kino (Anmerkung der Redaktion: Dem deutschen Kinofilm geht es durch diese Verstrickung mit den ÖRR mittlerweile genauso miserabel wie dem Fernsehfilm.)

    Und sie schlägt etwas vor, um das sich die Rundfunkminister der Länder mit ihrer „Gebührenreform“ gedrückt haben: Dass der ÖRR auch Druck vom Zuschauer braucht. Und den bekommt er nur, wenn er sich tatsächlich dem Wettbewerb stellt – und zwar nicht mit den stromlinienförmigen Programmen der Privaten, sondern um Anspruch und Qualität, die auch so überzeugend sein müssen, dass Zuschauer bereit sind, sich Module zuzukaufen:

    6. Kosten: Grundmodul und Zusatzmodule.

    7. Ein Sender für den filmischen Nachwuchs.

    Wie alle wissen, hat weder die Debatte um die Entlassung von Nikolaus Brender als ZDF-Intendant etwas am System der Amigo-Wirtschaft und der Geldverschwendung geändert, noch die Debatte um die neue Rundfunkgebühr, die nichts anderes ist als eine Zwangsabgabe mit Steuercharakter (die nicht mal auf die Einkommenssituation der Gebührenzahler Rücksicht nimmt).

    Was wir haben und mit viel zu großen Summen unterstützen, ist ein mittlerweile verkrustetes System, in dem reihenweise Zitronen ihre Tänze tanzen, die in öffentlichen Statements dann auch noch behaupten, sie würden uns Qualität liefern.

    Für das Geld dürfen wir wirklich etwas anderes verlangen, das zeigt schon der simple Blick in andere Länder wie Großbritannien.

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