Was stellt man eigentlich mit der ganzen Zeit an, wenn man nach einem langen Leben im Filmgeschäft in den Ruhestand gegangen ist, aber eigentlich nicht loslassen kann? So wie Hans-Werner Honert, der von 1995 bis 2012 die Saxonia Media leitete und „zur größten mitteldeutschen Filmproduktionsfirma“ machte? Hier wurde „In aller Freundschaft“ produziert und erblickten lauter „Tatorte“ und „Polizeirufe“ das Licht der Welt. Er schreibt jetzt Thriller.

2017 veröffentlichte er seinen ersten im Verlag Das Neue Berlin – „Maria und der Patriot“. Den darf man ruhig gelesen haben, wenn man jetzt seinen zweiten Thriller aus dem Verlag Faber & Faber liest, denn der ist auch eine Fortsetzung des ersten.

Mit der Filmemacherin Maria ist auch die Hauptperson identisch und genauso wie im ersten Roman wagt sie sich an ein ungeklärtes Thema der jüngeren deutschen Geschichte. Und wieder wird es brenzlig. War es im ersten Band der Mord an Treuhand-Chef Detlev Rohwedder 1991, den sie filmisch bearbeitete, ist es diesmal der Mord an Alfred Herrhausen, dem damaligen Chef der Deutschen Bank, 1989.

Beide Attentate sind bis heute nicht geklärt. Selbst die Bekennerschreiben der RAF werden angezweifelt. Und damit ist bis heute auch ungeklärt, welche Motive hinter diesen Anschlägen wirklich standen. Das gibt jede Menge Spielraum für Spekulationen. Auch für solche, die die Interessengruppen, denen der Mord an diesen beiden Managern gelegen kam, ganz woanders suchen als im einstigen RAF- oder Stasi-Milieu.

Wem nutzte es, ist die Frage

Alfred Herrhausen hat sich ja nicht nur als rigider Chef der damals noch sehr erfolgreichen Deutschen Bank Feinde gemacht, er hatte auch mit seiner Forderung, den Entwicklungsländern ihre enormen Schulden zu erlassen, Gegner in einer politischen Welt geschaffen, in der mit Krediten und finanziellen Anhängigkeiten Politik gemacht wird und Einfluss gesichert.

Stecken also doch eher amerikanische Geheimdienste hinter den Morden, vielleicht gar jene Teile, die jenseits aller Kontrolle durch das Parlament im Auftrag der Regierung weltweit agieren, um amerikanische Interessen durchzusetzen? Und zwar mit allen Mitteln, nicht nur den legalen? Man denke an die massive Einmischung der CIA in Chile oder die Einrichtung von Foltergefängnissen in Osteuropa nach Beginn des Afghanistan-Kriegs.

Es ist einiges dubios an der jüngeren Weltpolitik diverser Regierungen in Washington. Genug, um auch jede Menge Stoff für Verschwörungstheorien und Propagandamärchen zu bieten. Und Stoff für Thriller, in denen dann ein altgewordener Agent namens Maier eine Rolle spielt, die in gewisser Weise zeigt, wie leicht all der Klimbim von Patriotismus, Ehre, Stolz und Freiheit missbraucht und verdreht werden kann, wenn eine im Geheimen agierende Institution den Freibrief hat, ihre Ziele mit allen Mitteln erreichen zu können.

Folterungen, Entführungen, Bestechung, Mord und Attentate gehören zum Repertoire dieser seltsamen Einrichtung, mit der dann auch Marias Geliebter Jack zu tun hatte, der nach Fertigstellung des Rohwedder-Films selbst einem Mordanschlag zum Opfer fiel.

Geld verdirbt den Charakter

Sodass Maria eigentlich mit denkbar schlechten Karten in diesen neuen Thriller startet, schwanger ist sie außerdem. Und dann taucht auch noch ein dubioser Mensch auf, der sich Sörensen nennt und augenscheinlich ebenfalls tief in diese geheime Truppe verwickelt ist, bei der sie nicht wirklich weiß, ob die nur den Film verhindern wollte oder ob es da um mehr ging.

Dieses „mehr“ entpuppt sich nun als ein ziemlich gewaltiger Geldbetrag, den Jack einst aus den schwarzen Kassen der geheimen Agententruppe abgezweigt hat und – wahrscheinlich wissend, dass ein Attentat auf ihn geplant war -, so versteckt hat, dass das Geld dann irgendwie zu Maria kommen sollte. Man merkt schon: Da sind einige Ingredienzen gemischt, die den modernen Agentenroman auch zu einem Roman machen, der die patriotische Rolle der Agenten hinterfragt und zugleich die Frage nach Würde und Menschlichkeit stellt.

Kann einer überhaupt noch ein Mensch mit Anstand sein, wenn er sich solchen Apparaten andient? Und was steckt dann hinter all den Floskeln von Patriotismus und Ehre, mit denen sich diese Institutionen immer verkaufen?

Fragen, die sich am Ende auch Maier und seine etwas schräge Sekretärin stellen müssen, beide innigst verbunden in einer Abhängigkeit, die eigentlich zum Fürchten ist. Fast scheinen sie erst mit Alkohol im Blut wieder zu Menschen mit Gefühl zu werden. Nüchtern sind sie eiskalte Vollstrecker. Was auch in diesem Buch wieder einige Personen zum Opfer von Attentaten werden lässt, darunter auch wieder einen aus jenem Ensemble, das sich rund um Maria bildet, nachdem sie Kontakt zu dem dubiosen Sörensen hergestellt hat, der sich nicht nur als langjähriger Mitarbeiter in Maiers Agentur entpuppt, sondern auch als ehemaliger Stasi-Offizier.

Und nun ist er Maiers Gegenspieler, der irgendwie auch helfen will, dass Maria herausbekommt, wer der Mörder ihres geliebten Jack ist. Aber wie erzählt man das in einem neuen Film, wenn die Gegenseite vor Mord nicht zurückschreckt?

Wie ticken Geheimagenten?

Honert ist ein Fernsehmann. Das merkt man spätestens bei der Zeichnung seiner Charaktere und der Mobilität seiner Protagonisten, die überhaupt keine Probleme haben, schnell mal in den Flieger nach Berlin oder Nairobi zu steigen, rundum versorgt. In diesem Fall auch mit Jacks beiseite geschafftem Geld gut versorgt. Aber wahrscheinlich werden selbst die Frauen und Männer, die tatsächlich eindrucksvolle Dokumentarfilme drehen und dafür auch Risiken auf sich nehmen, beim Lesen das Gefühl nicht los, dass hier eine Filmwelt gezeichnet wird, die mit der wirklichen Arbeit von Dokumentarfilmern nicht viel zu tun hat.

Und schon gar nicht mit der Unsicherheit beim Finden und Interpretieren von Indizien und Quellen zu politisch heiklen Vorfällen, zu denen nun einmal auch die Morde an Rohwedder und Herrhausen gehören. Wobei es eigentlich immer zwei Linien sind, die Honert parallel verfolgt – einerseits Marias Arbeit am Film über Herrhausen, bei der sie von Katia unterstützt wird, die ihr unversehens durch den Kontakt mit Sörensen zufliegt.

Und andererseits die permanente Gefahr durch Maier, der auf einmal selbst unter Druck geraten ist, weil seine Umtriebe zum Thema im Kongress wurden. Irgendwie will er die durch Jack entwendeten Millionen auch wiederhaben und geht dabei über Leichen. Oder lässt seine Sekretärin über Leichen gehen.

Es ist schon ein seltsames Figurenensemble, das hier zusammenkommt. Und dabei teilweise so verschroben tickt, dass man nicht recht weiß: Ticken Leute im Geheimdienst alle so seltsam? Oder ist nur die Logik dieser speziellen Akteure so schräg?

Vorstellbar ist beides, denn spätestens die Vorgänge um die Foltergefängnisse in Osteuropa oder die Vorgänge um die Schnüffelpraktiken der NSA haben ja deutlich gemacht, dass die politische Welt sehr seltsam wird, wenn Geheimdienste sich ihre eigene Version der Wirklichkeit basteln dürfen, die sie für richtig halten – und dabei alle Menschenrechte mit Füßen treten, weil so ein Quatsch wie Patriotismus scheinbar alles rechtfertigt.

Wenn alle Mittel erlaubt sind

Und die Leute halten sich auch dann noch für anständige Pflichterfüller, wenn ihre ganzen verbrecherischen Taten in der Öffentlichkeit landen. Auch dieser Maier entschuldigt sich ja auf diese Weise immer wieder. Man merkt schon, dass das eine der Fragen ist, die auch Honert beschäftigen. Immerhin geht es hier ja auch um das, was die geheimen Dienste so gern als Verrat bezeichnen und was anständige Menschen längst als Whistleblowing kennen.

Und so penetrant, wie die USA versuchen, Julian Assange in ihr Hände zu bekommen, ist offensichtlich, dass dieses Thema virulent ist bis heute. Man greift zwar gern zu den schmutzigsten Mitteln, um politische Interessen durchzudrücken. Aber man geht unbarmherzig mit denen um, die diese Praktiken öffentlich machen.

Auch wenn es in Honerts Buch scheinbar ganz persönlich wird und nur den längst pensionsreifen Maier betrifft, der scheinbar als ganz alleiniger Bösewicht agiert. Was der Geschichte – so seltsam das klingen mag – aber ihre Brisanz nimmt. Denn so überwiegen dann eben doch die persönlichen Motive und Animositäten, ohne dass wirklich klar wird, wer denn nun tatsächlich in die Morde an Rohwedder und Herrhausen verwickelt gewesen ist.

Die entscheidenden Akten bei Polizei und Stasiunterlagenbehörde sind sowieso verschwunden bzw. nicht aus ihrer Ausleihe an einen amerikanischen Geheimdienst zurückgekehrt. Maria hat nur die Interviews mit drei älteren Herren, die aber nur zu gern vor der Kamera plaudern und natürlich die Frage umkreisen: Wem nutzten die Attentate eigentlich?

Was vielleicht mit der Titelgebung des Buches zu tun hat, denn Irrwisch ist ja ein Sumpflicht, das Wanderer in finsteren Nächten in die Irre führen kann. Wobei man nicht so recht weiß, ob Maier und seine Sekretärin so einem Irrwisch nachjagen oder die möglichen Strippenzieher an den Morden von Rohwedder und Herrhausen mitsamt ihren Motiven solche Irrwische sind?

Und Marias neuer Film dann zwar zu einem Aufreger wird, aber an der Wirklichkeit der intransparenten Agencys nichts ändern. Was sie ja an einer Stelle selbst so formuliert: Irgendwie werden ja auch solche Filme vor allem ihrer selbst willen gedreht, sorgen für ein bisschen Aufmerksamkeit. Und bleiben dann so folgenlos, als hätte man sie nie gedreht.

Ändern Filme etwas?

Geht es also doch nur um Geld, das all diejenigen korrumpiert, die Zugriff darauf haben? Und blind dafür macht, weil sie damit das Wertvollste und Beste in ihrem Leben opfern? So, wie letztlich Sörensen seinen Adoptivsohn opfert und man begreift nicht wirklich, wofür eigentlich. Außer dass er damit eine Schuld auf sich lädt, die eigentlich niemand tragen kann.

Vielleicht der wichtigste Dialog im Buch, den Maria und ihr Unterstützer Adolph aus Toronto fast am Ende führen, als der Film fertig ist und auch der Mord an Sörensens Adoptivsohn Adrian mit im Film ist.

„Steht der jetzige Film in einem Zusammenhang zu deinem ersten.“

„Es sind die gleichen Leute, die beide Morde in Auftrag gaben.“
„Und wer sind die?“
„Die Antwort darauf geben die beiden Filme.“
„Glaubst du, dass du mit deinen Filmen etwas ändern kannst?“
„Nein, das glaube ich nicht“, antwortete sie und schwieg.

Ist also auch der Wunsch, Dinge aufzuklären und damit Missstände zu ändern, ein Irrwisch? Immerhin eine Frage, die sich hier auftut. Denn am Ende sitzt Maiers rachsüchtige Sekretärin Silvia an einem neuen Schreibtisch in einem neuen Zimmer der Agency und sammelt weiter Informationen über alle Beteiligten und hat Zugriff auf Leute und Technik. Es ändert sich also nichts. Der Apparat arbeitet weiter. Und jeder Agent ist jederzeit ersetzbar.

Also irgendwie kein Happyend, auch wenn Maria und das Baby alles überlebt haben. Immerhin etwas in einer Welt, in der es genug Geheimdienste gibt, um die Flut der dubiosen Ereignisse nicht abreißen zu lassen.

Hans-Werner Honert „Irrwisch“, Faber & Faber, Leipzig 2022, 24 Euro.

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar