Es ist ein vertracktes Buch, das Thomas Böhme da vorgelegt hat. „Eine bildmächtige Allegorie auf den Verlust von Welt“ nennt es der Verlag. Wären da nicht die vielen deutlichen Zeit-Bezüge, in denen sich die teils verworrene, widersprüchliche Gegenwart spiegelt. Nebst der jüngeren Vergangenheit, dem „Ende des vorigen Jahrhunderts, als die Volkspatronate wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen“. Sein Andreas Hahn alias Adrian Gallus ist ein Gescheiterter.

Einer, wie ihn unsere Zeit in rauen Mengen hervorgebracht hat. Mit einer schon in der Zeit vor dem Ende des Patronats gebrochenen Karriere. Dem Rausschmiss aus dem Studium kam Adrian nur durch den eigenen Abgang zuvor, nur um in eine Nische abzutauchen, in der er sich unbeobachtet glaubte vom Staatsapparat.

Erst viel später bekam er mit, dass er auch in den Katakomben der Universitätsbibliothek nicht unbeobachtet blieb und jedes verbotene Buch, das er aus dem „Giftschrank“ holte, registriert wurde.

Ein höchst esoterisches Institut

Die neue Zeit hätte durchaus eine Zeit der großen Freiheit werden können. Und irgendwie wurde sie das auch für den Burschen, der im Ausweis noch den Andreas stehen hat, sich aber lieber Adrian nennt und Pressesprecher eines dubiosen Institutes wird, das sein einstiger Kollege Meerbaum aus der Uni-Bibliothek, der sich einen exotischen Professorentitel zugelegt hat, gegründet hat.

Überraschend erfolgreich, auch wenn dieses Institut sehr seltsame Forschungen betreibt. Sein Name dürfte einigen Leipzigern sehr bekannt vorkommen: Institut für Erdangelegenheiten.

Es ist eine kleine Hommage des Leipziger Autors an die Leipzigerin Sheila Reimann und ihr Mobiles Büro für Erdangelegenheiten, auch wenn Meerbaum in seinem Institut etwas völlig anderes betreibt und letztlich erfolgreich auf die Esoterik-Welle aufsprang, die damals auch den Osten erfasste und nie mehr losließ.

Ein griffiger Name reichte völlig. Wer clever war, konnte damit „aus dem Fonds für den wirtschaftlichen Aufschwung das eine oder andere Sümmchen abzweigen“. Und damit wieder Einfluss nehmen auf die öffentliche Meinung.

Die Wirrnis unserer Tage ist gar nicht so neu. Sie fand auch schon in den 1990er Jahren statt, als ein bisschen Esoterik und Pseudo-Wissenschaft auch den Weg in Zeitungen und Fernsehsender fanden. Das Geheimnisvolltun war schon immer erfolgreich. Der Mensch liebt das Rätselhafte und Geheimnisvolle.

Und im Grunde dreht sich Böhmes Geschichte auch um diese Lust am Unbegreiflichen und Unerklärlichen, jenem Feld, in dem die diversen Helden der frei erfundenen Geschichten sich immer verstecken konnten hinter schönen Formulierungen, die das schön erfundene Konstrukt wie ein echtes Forschungsergebnis erscheinen ließen – halt eben nur von der Wissenschaft ignoriert.

Im Sperrgebiet

Und es funktioniert. Es funktioniert ja auch heute noch, wie wir wissen. Nur endet die Erfolgsgeschichte von Meerbaums Institut damit, dass der Staatsschutz auftaucht und den ganzen Laden wegen vermuteter Geldwäsche auseinandernimmt. Was dann auch Adrian Gallus immer wieder ins Verhörzimmer bringt, auch wenn er von Meerbaums Machenschaften nichts gewusst haben will. So weit, so kafkaesk.

Würde Böhme die Geschehnisse nicht auch noch durch weitere Ereignisse verkomplizierten. Denn weil er seltsam bedrohliche Warnungen erhält, bricht Gallus ziemlich plötzlich auf, um über die Grenze zu verschwinden.

Eine Grenze, die voller Anspielungen auf Legenden und Literaturvorbilder ist, und die gleichzeitig an die heutigen Grenzräume zwischen Sachsen und Böhmen erinnert – mit Sperrgebiete um alte Bergbauareale, verlassenen Wachtürmen und Grenzwegen, die im Morast versinken.

Seltsame Einsiedler begegnen dem Flüchtenden, er landet in geisterhaften Städten, trifft auf bienenzüchtende Bewohner in einem Waldgebiet, in dem er längst schon jede Orientierung verloren hat.

Und trotzdem darf man zweifeln, dass ihm das tatsächlich alles geschieht. Denn die Erlebnisse schreibt Gallus in sieben Notizheften nieder, immer wieder unterbrochen durch Erinnerungen an Meerbaums Institut und an die eigene Kindheit, in denen sein Kindheitsfreund Ruben eine immer konkretere Rolle spielt.

Als würde das einstige Verschwinden von Ruben und seiner Familie in Adrians Gegenwart auf einmal eine ganz neue Rolle spielen. Manchmal scheint Ruben sogar direkt neben ihm aufzutauchen, ganz so, als wäre er wirklich der einzige Mensch in seinem Leben gewesen, den er jemals wirklich nah an sich hätte herankommen lassen.

Das Zwielicht der Geschichte

Und dann wieder scheint das so scheinbar real Erlebte zu kippen, wird die phantastische Flucht aufgehoben und Adrian sitzt in einem weiteren Verhör mit den Staatsschützern, die ihm vorwerfen, unerlaubt ins Sperrgebiet eingedrungen zu sein.

Die Protokolle der Verhöre tauchen unvermittelt in Adrians Notizbüchern auf, ganz so, als hätte noch jemand anderes darauf Zugriff gehabt. Schrieb also Adrian gar nicht alles, was in seinen Notizheften steht? Und worum geht es in dem seltsamen Sperrgebiet, in dem Adrian scheinbar tagelang herumirrt, mal in seltsam altertümlichen Herbergen übernachtet, dann wieder Weg und Steg verliert und sich von einem seltsamen Fährmann gar über den Fluss Var setzen lässt?

Manchmal scheint man mitten in einer der phantastischen Geschichten E.T.A. Hoffmanns gelandet zu sein, nicht wissend, wie man aus dem Labyrinth wieder herausfindet und welche Rolle die ganzen seltsamen Figuren eigentlich spielen, denen man begegnet.

Oder ob es besser ist, schleunigst das leichte Reisegepäck zu schnappen und einen Weg nach draußen zu suchen. In die Freiheit, wie auch immer diese aussieht. Und um Freiheit – tschechisch Svoboda – geht es auch die ganze Zeit.

Die Geschichte irrlichtert immer mit – der Prager Frühling, die Fluchtbewegung von 1988, aber auch die Zeit des Nationalsozialismus. Geschichte gerinnt dabei zu einem, diffusen Zwielicht. Wohin hat der Freiheitsdrang die Bewohner dieser verlassenen Welt eigentlich geführt?

Und warum ist sie so verlassen? Warum gehen die ramponierten und menschenleeren Orte diesseits und jenseits der Grenze so bruchlos ineinander über? Werden zu Landschaften, in denen Adrians Flucht letztlich scheitert, denn immer wieder kommt er, wie es aussieht, zurück an den Ort der Verhöre, muss den Vernehmern Antworten geben, auch erklären, was da in seinen Notizheften steht.

Während er den Ort Grünlaken, den er sich eigentlich vorgenommen hatte zu suchen, nicht findet. Ist der also auch nur eine Illusion? Das Nicht-Erreichbare in einer Welt, in der Adrians Fluchtversuche scheitern müssen, weil er gar nicht weiß, wohin? Während auf einmal Merowinger und Karolinger für einen politischen Umsturz sorgen.

Immer auf der Flucht

Ist Adrian also nichts anderes als eine moderne Variante des „Taugenichts“ aus Eichendorffs Buch, das Adrian tatsächlich als Lektüre mitgenommen hat? Ist die beherzte Flucht zu Fuß also unmöglich geworden, weil die Welt keine unbeschwerte Freiheit mehr kennt?

Eine Frage, die ja gerade das Sperrgebiet immer wieder stellt, in dem Adrian landet und sich darin fühlt wie der Stalker in der Zone. Auch dieses Buch der Brüder Strugazki klingt motivisch an, auch wenn sich Adrian eher an die Verfilmung durch Andrej Tarkowski erinnert.

Ganz so, als würde dieses Gefühl der Ausweglosigkeit in der Zone sein ganzes Leben bestimmen. Bis hin zu seinem geradezu ironischen Verhältnis zu den Leuten, die ihn verhören. Als läge sein Leben gar nicht in seiner Hand.

Als wäre es eine Traumlandschaft, in dem die Gestalten der Vergangenheit wie Gespenster auftauchen und der Ausreißer oft gar nicht mitbekommt, ob er noch träumt und in den Albträumen seiner eigenen Geschichte unterwegs ist, oder wieder in einer ebenso undurchschaubaren Realität aufwacht, in der er sich nicht zu Hause fühlt, sondern auf subtile Weise immerzu bedroht. Ohne zu wissen, wer ihn da scheinbar bedroht.

Und dennoch ist das Gefühl so fremd nicht. Denn was für die einen literarische Phantasie ist, das Spiel mit einer Welt voller geheimnisvoller Türen, die man vielleicht besser nicht öffnen sollte, ist ja für andere fixe Wirklichkeit.

Das macht ja einen Großteil unseres verwirrenden Zeitgeistes aus, als könnten eine Menge Leute nicht mehr unterscheiden zwischen märchenhafter Erzählung und erlebter Realität. Als wären sie fortwährend in einer Landschaft unterwegs, die voller Zeichen ist, die sie nicht deuten können.

Nur richtig herausfinden können sie nicht mehr und verwandeln sich selbst in Figuren, wie sie im Grenzgebiet dem einsamen Wanderer begegnen, der auch zuletzt wieder seinen Ranzen packt und verschwindet. Diesmal ist ihm die Flucht vielleicht sogar geglückt.

Thomas Böhme Grünlaken Poetenladen, Leipzig 2023, 22,80 Euro.

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