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Die Weimarer Republik unterm Brennglas, Hans Christian Andersen im Ohr und Louise Otto Peters im Roman

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    Am Dienstag, 5. März, war wieder Schnupperstunde der mitteldeutschen Verlage im Vorfeld der Leipziger Buchmesse. Jedes Jahr lädt der Börsenverein die Presse ins Haus des Buches ein, wo jene Verlegerinnen und Verleger, die vor der Buchmesse noch ein bisschen Zeit übrig haben, ein paar von den Buchtiteln vorstellen, die sie frisch gedruckt zur Buchmesse mitbringen. Aber zwei Wochen vor der Messe ist eigentlich in fast allen Verlagen Tohuwabohu.

    Denn dann stecken die meisten Frühjahrstitel noch im Druckprozess, kämpfen sich die Lektoren durch Druckfahnen, müssen Schutzumschläge neu gedruckt werden, liegen erst einmal nur Blindbände vor oder die schönen Visionen aus den Verlagskatalogen, die schon im Herbst fertig waren. Was alles kommen wird im Verlagsprogramm, das wissen die Verleger ganz genau. Aber ob am Ende alles klappt und zur Buchmesse alle geplanten Titel auch vorliegen, das wissen sie nicht.

    Der 5. März ist also ein ganz sensibler Termin. Und so mancher Verleger, manche Verlegerin sind einfach nicht mehr abkömmlich. Sodass dann nur ein kleiner Teil all jener Verlage, die Mitteldeutschland auf der Buchmesse vertreten, tatsächlich schon mal Werbung machen kann für die Buchtitel, die besonders wichtig sind. Oder wichtig zu sein scheinen. Denn Verleger können sich nur auf ihr Bauchgefühl verlassen. Sie sind wie Seismographen, die erspüren müssen, ob ein Buch die Neugier der Leser erregt und sich gleich ab März wie warme Semmeln verkaufen wird. Oder „wenigstens wie geschnitten Brot“, wie Terry Pratchett so schön formulierte.

    Rund 20 der über 100 Verlage aus dem Dreiland, die sich auf der Messe präsentieren, schafften es auch zum Pressetermin des Börsenvereins. Und wer glaubt, alle ticken gleich und bringen alle Titel zu den Jubiläen des Jahres, der irrt. Wie so oft. Auch wenn es 2017 unübersehbar war, dass es viele Luther-Titel gab und 2013 viele Titel zur Völkerschlacht. Aber schon 2018 gab es die herbe Enttäuschung: Zur Revolution von 1918 hatte kaum jemand etwas im Programm. Und das wahrscheinlich nicht, weil das Thema schon durchgekaut war, sondern im Gegenteil: Das Fehlen kündete von einem riesigen Forschungsbedarf.

    Bunter Büchertisch zum Pressetermin des Börsenvereins. Foto: Ralf Julke
    Bunter Büchertisch zum Pressetermin des Börsenvereins. Foto: Ralf Julke

    Und die Historiker wissen, warum es diese Schieflage gab und gibt, denn die meisten von ihnen haben sich immer auf die Mega-Themen 1. Weltkrieg, NS-Zeit und 2. Weltkrieg gestürzt. Da war Action, es wimmelte nur so von Schurken und Helden.

    Aber an der Weimarer Republik gab es nichts Heldenhaftes. Jedenfalls nicht, wenn man Geschichte als Ballerspiel betrachtet, und nicht als Psycho-Drama, die sie in Wirklichkeit ist. Shakespeare hätte das gewusst. Aber der war nun einmal ein Bewohner Englands, wo man seit 300 Jahren auch die hohe Kunst des demokratischen Bühnenklamauks beherrscht. Das ist ja nicht erst seit dem Brexit so, auch wenn manche Spätgeborenen das glauben. Das war auch schon zu Gullivers Zeiten so.

    Beinah hätte man also aus dem Buchfunk Verlag, der sich in Leipzig auf Hörbücher – und zwar richtig lange Hörbücher – spezialisiert hat, mal eine fette Hörbuch-Edition von allen Reisen Gullivers erwartet. Immerhin ist man dort stolz darauf, sämtliche Casanova-Erinnerungen in einer 142-stündigen Ausgabe veröffentlicht zu haben. Das dürfte vielen kulturinteressierten Menschen über lange Bus- und Bahnreisen hinweghelfen. Auch die Bibel gibt es in einer ähnlich opulenten Einspielung. Aber zur Buchmesse präsentiert der Verlag ein anderes schönes Projekt: Hans Christian Andersens Märchen in einer 42-stündigen Edition. Für alle, die endlich mal alle Andersen-Märchen hören wollen. 135 Stück an der Zahl.

    Märchenhafte Zeiten? Oder doch eher Zeiten für gute Geschichten und ihre Wiederauflage? Der Open House Verlag aus Leipzig startet eine solche Klassiker-Edition mit guten Erzählern. Und wem jetzt keine einfallen, hier die Namen der beiden ersten, die mit einem Band gewürdigt werden: Robert Musil und E.T.A. Hoffmann.

    Es ist eine Art Fingerzeig: Beim Büchermachen geht es vor allem darum, den Leser wieder mit guten Geschichten zu verwöhnen. Und mit gut erzählten. Und wie man das bei den ganz Kleinen anfängt, das weiß man beim Klett Kinderbuch Verlag, der für seine 2019er Frühjahrsedition extra ein neues Wimmelplakat hat malen lassen mit der beherzten Aufforderung: Loslesen!  Übrigens wird der beherzte Kinderbuchverlag dieses Jahr zehn Jahre alt. So jung kann man sein.

    Plakat zum Geburtstag des Klett Kinderbuch Verlags: Loslesen! Foto: Ralf Julke
    Plakat zum Geburtstag des Klett Kinderbuch Verlags: Loslesen! Foto: Ralf Julke

    Denn wer als Kind die Faszination des Lesens für sich entdeckt hat, der bleibt neugierig – ein Leben lang. Ein Thema, das diesmal Helmut Stadeler, der Vorsitzende des mitteldeutschen Börsenvereins und selbst Verleger aus Jena, etwas ausführlicher anriss. Denn die Insolvenz des Buchgroßhändlers Koch, Neff & Volckmar GmbH (KNV) im Februar hat die ganze Branche erschüttert. Am Geschäftsmodell lag es nicht, betonten die Branchenkenner. Der Großhändler hatte sich mit Investitionen übernommen. Inzwischen läuft der Laden wieder, neue Investoren werden gesucht. Aber die Bücher kommen in Deutschland doch wieder binnen eines Tages zum Kunden. Ein Tempo, das man weltweit so nirgendwo findet, betonte Stadeler.

    Der auch darauf einging, dass Deutschland nach wie vor einen Buchhandelsumsatz und eine Titelproduktion hat, wie sie andere Länder nicht kennen. Deutschland ist noch immer Leseland, auch wenn Digitalisierung und „social media“ einiges durcheinanderwürfeln.

    Es ist wohl eher die Spreu, die sich da vom Weizen trennt. Wer Sensationen sucht, wird heute im Internet fündig und kauft sich kaum noch ein Buch. Die Menschen aber, die das Lesen zum Lebensinhalt gemacht haben, die lesen weiter und warten mit Spannung auf die Bücher, die sie aufregend finden. Zum Beispiel auf ein neues Flugzeug-Buch aus dem Sutton-Verlag in Erfurt: „Mit dem Flugzeug zur Leipziger Messe“. Ein ganz und gar nicht anlassloser Titel, denn erstaunlicherweise jährt sich auch der 100. Jahrestag des Leipziger Messe-Flugverkehrs. Womit wir bei den Jubiläen sind, über die Verleger immer nachdenken: Muss ich ein Buch zu einem ganz, ganz wichtigen Thema machen?

    Da spielt die 100 natürlich eine Rolle. Und was 2018 nicht kam, wird jetzt ein wenig nachgeholt. Denn der Mitteldeutsche Verlag aus Halle bringt ein dickes Buch zu „Weimar 1919“, zu jener ersten großen Nationalversammlung, in der die Deutsche Republik aus der Taufe gehoben wurde. Historiker brauchen sichtlich Zeit, um sich in dieses Thema hineinzuarbeiten, das viel zu lange stiefmütterlich behandelt wurde. Und auch der Leipziger Universitätsverlag hat ein Buch dazu in petto: „Der gespaltene Freistaat“, herausgegeben vom Sächsischen Landtag selbst – wohl das erste Buch, das die Zerrissenheit der sächsischen Geschichte seit 1919 einmal zwischen zwei Buchdeckel packt.

    Herbert Frauenberger, Michaela Koschak: Die Wetterküche. Foto: Ralf Julke
    Herbert Frauenberger, Michaela Koschak: Die Wetterküche. Foto: Ralf Julke

    Und da einige Verlage, die sich ebenso intensiv mit Zeitgeschichte beschäftigen, nicht da waren, kann man wohl sicher sein, dass die Weimarer Republik noch in etlichen Titeln eine Rolle spielen wird. In gewisser Weise gehört auch der eindrucksvolle Fotoband „Das Weltnest im Licht“ von Bussert & Stadeler dazu, denn es zeigt herrliche Berlin-Fotografien aus den Jahren 1925 bis 1932.

    Der Sax-Verlag hat sich – neben der Fortsetzung des autobiografischen Romans von Hartmut Zwahr, der sich jetzt mit dessen Leipzig-Erlebnissen fortsetzt, einer echten Jubilarin gewidmet: Louise Otto Peters, die ihren 200. Geburtstag feiern kann. Diesmal kommt sie nicht selbst zu Wort, sondern ihr Leben wird selbst zum Roman.

    Lässt sich daraus ein Trend ablesen? Nicht unbedingt. Außer dass gute Ideen bei den Lesern gut ankommen. So wie die schon im Herbst im Buchverlag für die Frau erschienene „Wetterküche“, die inzwischen in der 3. Auflage vorliegt. Und darin geht es ja nicht nur ums Wetter, sondern um regionale Zutaten – Essen mit den Jahreszeiten quasi. Und damit auch: gesünder und bewusster essen. Wer liest, lebt bewusster.

    Lesen macht aufmerksamer.

    Was noch fehlt aus den durchaus beeindruckenden Frühjahrsprogrammen, kann man vom 21. bis 24. März auf der Leipziger Buchmesse erkunden.

    Die neue Leipziger Zeitung Nr. 64: Kopf hoch oder „Stell dir vor, die Zukunft ist jetzt“

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