Er ist das große Finale, das Ende all unseres Rennens und Eilens. Jeder kommt dort an, egal, ob er sportlich ist oder ihm schon auf halber Strecke die Puste ausgeht. Und so überrascht es auch nicht, dass sich die Autor/-innen des Magazins für Endlichkeitskultur „Drunter + Drüber“ diesmal den Sport zum Thema gemacht haben. Beziehungsweise die simple Tatsache, dass der Tod auch im Sport allgegenwärtig ist. Denn er gehört zu unserem Leben. Und es ist ganz und gar nicht dumm, ihn immer mitzudenken.

Als dann die Autorinnen und Autoren ihre Texte ablieferten, war auch Herausgeber Frank Pasic überrascht von der Vielfalt der eingereichten Beiträge. Auf einmal bekommt Sport eine zutiefst menschliche Dimension. Und wir zu einem Spiegel unseres Umgangs mit uns selbst und unserer Endlichkeit.

Und dabei geht es nicht nur um Unfälle, unglückliche Todesfälle auf dem Spielfeld oder die enthemmte Brutalität einiger Kampfsportarten, in denen Menschen tatsächlich bis zum Äußersten gehen und ihr Leben riskieren.

Es rücken auch „Randsportarten“ ins Blickfeld, die man für gewöhnlich tatsächlich nur so beiläufig registriert, wenn man nicht selbst einer jener Menschen ist, die – da passt das alte schöne Wort todesmutig – Kopf und Kragen riskieren. Ob es das Besteigen der höchsten Berge unter extremsten Bedingungen ist, das Tieftauchen ohne Sauerstoffflasche im Meer oder das Hinabstürzen in die Schlucht mit dem Wingsuit: Es gibt tatsächlich einige Menschen, die in solchen Extrembereichen eben nicht nur den Adrenalinkick suchen, sondern die Grenze des Möglichen.

Und damit auch die spürbare Erfahrung, tatsächlich am Leben zu sein. Ein Thema, von dem gleich mehrere Beiträge in diesem neuen „Drunter + Drüber“ erzählen, vom Dritte-Mann-Phänomen beim Bergsteigen über das Apnoetauchen bis zum Land Diving, aus dem das heutige Bungee Jumping geworden ist.

Das Leben spüren

Aber auch die Ultramarathons kommen ins Bild, Herausforderungen für Menschen, denen gewöhnliche Marathons nicht herausfordernd genug sind. Und so legen die Autor/-innen auch eine Wurzel des heutigen Sports frei, die eine Menge über unser Leben in einer hochtechnisierten Welt erzählt: die Suche nach der intensiven Begegnung mit den eigenen Grenzen.

Die natürlich immer auch einen doppelten Boden hat. Und dann eben doch immer wieder auch zu spektakulären Toden führt, die gerade dann Schlagzeilen machen, wenn die Berühmtheiten der Szene einen Fehler machen und abstürzen und sterben.

Natürlich kann man da fragen: Warum machen die das? Bietet ihnen ihr Leben nicht genug Aufregung? Oder ist das der Leistungsdruck einer völlig enthemmten Gesellschaft, der sich längst auch den Sport als Parcours ausgesucht hat? Passend zu all den bekloppten Sprüchen, mit denen die Techbros ihre zerstörerischen Geschäfte betreiben. Oder den ganzen Managersprüchen, die den Normalsterblichen spüren lassen, dass er doch nie genügend leistet in den Augen dieser Typen?

Das überschreitet jetzt zwar den Themenkanon des Heftes. Aber gerade die Extremsport-Beiträge deuten es an, dass das gewollte Überschreiten menschlicher Grenzen eben auch mit dem irren Denken unserer sogenannten Leistungsgesellschaft zu tun haben könnte.

Genauso wie das Doping, das nicht nur klassische Sportarten wie Radsport und Leichtathletik in Verruf brachte, sondern in Randsportarten wie dem Wrestling noch viel wildere Blüten trieb. Und unter anderem zum sehr frühen Tod vieler der einst gefeierten Berühmtheiten beitrug.

Wie trauert man richtig?

Es ging ja um Ruhm, Glanz und Geld. Und nur die Wenigsten nahmen die Warnzeichen ernst und beschäftigten sich dann mit der Frage, die alle „Drunter + Drüber“-Hefte durchzieht: Wofür leben wir eigentlich? Was ist uns wirklich wichtig?

Fragen, die man als Mensch nur beantworten kann, wenn man das Ende mitbedenkt. Das große Finale, das endgültig einen Punkt hinter alles setzt, was wir getan, gedacht, erlebt haben werden. Und erstrebt. Auch an Begegnungen mit anderen.

Und so beleuchten gleich mehrere Beiträge auch die Trauerkultur gerade im Fußball und in der Fanszene, die sich da in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hat und auf einmal Menschen vereint in dem Wissen, dass es einer von ihnen war, um den sie jetzt trauern. Ob mit riesigen Bannern, Stadiondurchsagen, einminütigem Schweigen oder gemeinsamem Klatschen.

Da ist dann nicht nur der Tod unter ihnen. Sondern eben auch das Gefühl, dass man gemeinsam ein Schicksal teilt. Und gemeinsam trauert, auch wenn einige der interviewten Bestatter/-innen sich sicher sind, dass man in solchen Schweigeminuten nicht wirklich trauert. Dass Trauer ein viel längerer, unbarmherzigerer Prozess ist, für den wir auch Rituale brauchen.

Denn was nicht klappt – auch wenn es unsere überdrehte Gesellschaft tagtäglich so inszeniert und mit irrem Gebimmel verdrängt –, ist, dass wir den Tod und das Trauern gänzlich aus unserem Leben verdrängen können. Das merken wir spätestens, wenn ein geliebter Mensch aus unserer Umgebung geht. Und wir genauso ratlos und zerbrochen da stehen wie all die Generationen vorher.

Gehalten am Ende nur von Ritualen, auch dann, wenn wir schon lange nicht mehr an Kirchen gebunden sind, die jahrhundertelang der Ort waren, an dem die Trauer ritualisiert werden konnte.

Neue Rituale

Längst gibt es auch völlig neue Rituale, von denen in den „Dunter + Drüber“-Heften erzählt wird. Über die immer wieder auch Trauerredner/-innen und Bestatter/-innen erzählen. Wissend, dass es vor allem um einen bewussten Abschied geht, ein Loslassenkönnen. Letztlich auch im Sport, wenn Fußballvereine eigene Begräbnisfelder für ihre Anhänger schaffen oder die Sportler mit schwarzen Armbinden aufs Feld laufen.

Auf einmal spüren dann auch die Zuschauer, dass auch der Sport mitten in unserem Leben stattfindet und nicht nur Show ist. Und jener Teil im Heft, der sich dann mit Büchern und Filmen rund um das Thema Leben und Sterben beschäftigt, zeigt dann, wie intensiv längst auch wieder die mediale Beschäftigung mit dem Tod ist.

Wie genau dort die Fragen gestellt werden, die die völlig überdrehte Politik längst ausgeblendet hat: Wofür sind wir eigentlich da? Was verbindet uns mit dieser Welt und den Menschen um uns herum? Und warum zerreißt es uns so fürchterlich, wenn Menschen sterben, deren Verlust wir uns nicht wirklich ausmalen konnten?

Heft um Heft also eine Beschäftigung just mit dem, was eigentlich nicht der Gegenpol zum Tod ist, sondern zwingend dazu gehört. Weshalb Schwarwel in seinem Comic jedes Mal eben auch Herrn Tod und Frau Leben sich unterhalten lässt – letztlich ja eigentlich darüber, dass alles, was passiert, vorher passiert. Manchmal unheimlich viel.

Und manchmal scheint so wenig, dass wir ungeduldig werden. Obwohl uns Frau Leben lehrt, dass Geduldsspiele eben dazu gehören. Es aushalten, da zu sein, auch wenn mal gar nichts passiert.

Drunter + Drüber „Sport und Tod“, FUNUS Stiftung, Kabelsketal 2026, 11 Euro.

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