Der Tod gehört zu unserem Leben. Er ist der Punkt am Ende eines langen Satzes. Finito. Danach kommt nichts mehr. Nur die Verwandten und Freunde versammeln sich noch einmal, manche mit Tränen in den Augen. Manche völlig fertig, weil sie erst nach diesem Finito auch fühlen, was es bedeutet, einen quicklebendigen Menschen nicht mehr sprechen zu können, anschauen zu können, umarmen zu können. Manche verdrängen es bis zuletzt, dass wir sterblich sind und einander verloren gehen können. Da braucht es am Ende Rituale, die einen auffangen.

Darum geht es eigentlich in diesem neuen Heft von „Drunter + Drüber“. Um ein Thema, das aus dem öffentlichen Leben unserer Gesellschaft fast verdrängt ist. Stattdessen werden einem Anti-Aging-Cremes angedreht, lauter windige Rezepte zur Lebensverlängerung oder gar zur Unsterblichkeit. Halt der ganze Müll, den einem Leute verkaufen wollen, die mit Lügen und Trash das große Geld machen. Und so nebenbei die Erde plündern und dabei in Kauf nehmen, dass dabei unsere aller Lebensgrundlagen vor die Hunde gehen. Aus und finito für eine ganze Menschheit, die sich von Idioten die Zukunft hat verbrennen lassen.

Thema genug für eine Trauerrede auf den Kapitalismus, die in diesem Heft Christian von Aster hält.

Sprachlose Generationen

Auch als Mahnung an die Leser: Euer Leben ist hier und jetzt. Vor dem Punkt. Da ist der richtige Platz für Erinnerung, Verständnis und zumindest den Versuch zu verstehen, was da in unserem Leben passiert ist. Und vielleicht auch, warum unsere Altvorderen sich so verhalten haben, wie sie es taten.

Manchmal völlig irrational, verständnislos, verschlossen. Von so einer Sprachlosigkeit erzählt Wolfgang Niedecken in seinem Beitrag, in dem er versucht, seinen Vater irgendwie zu verstehen, dessen Hoffnungen der Sohn irgendwie immer enttäuscht hat.

Oder ist das nur ein Phänomen dieser Generation, die nach dem Krieg aufwuchs und mit den starren Wertvorstellungen der Eltern kollidierte? Denen ja eingetrichtert worden war, wie ein „richtiger deutscher Mann“ zu funktionieren habe. Eine durchaus nicht unwichtige Frage. Denn sie hat auch mit verplombten Gefühlen zu tun. Mit Menschen, denen die Härte eines von Idioten zelebrierten Regimes beigebracht hat, niemals im Leben Schmerz, Trauer, Verletzlichkeit zu zeigen. Wie lange wirkte dieses „hart wie Kruppstahl“ nach?

Wenn sich die Söhne an ihre wortkargen Väter erinnern, die nie ein Zeichen von Nähe, Vertrauen, mutmachendem Verständnis gezeigt haben, dann hat es genau damit zu tun. Und sage niemand, das sei verschwunden. Man muss sich ja nur umschauen, mit welcher Verbissenheit die alten, ledrigen Klamotten vom „richtigen Mann” wieder aus der Kiste geholt werden.

Es ist so manches immernoch nicht tot, obwohl es längst gestorben ist.

Überforderte Täter

Und dabei erzählt dieses Magazin diesmal ja vor allem vom Mitgefühl. Gleich in mehreren Beiträgen. Denn wenn schon die eigenen Väter kein gutes Vorbild für das mit allen Sinnen gefühlte Leben waren, dann rutschten ganz automatisch Filmhelden, Musiker und Dichter in diese Rolle. So wie es Linus Volkmann über das Sterben von Film- und Comic-Helden schreibt.

Helden, bei deren Tod es einen zerrissen hat – obwohl wir doch wussten, dass das nur eine Rolle war und der Schauspieler hinterher quicklebendig in die Umkleide ging, um sich das künstliche Blut aus dem Gesicht zu wischen.

Dass auch der ganz reale Horror in unserem Leben immer präsent ist, wir ihn nur gedanklich ausblenden, darüber erzählt zum Beispiel Julia Cruschwitz im Interview mit Sandra Strauß und Schwarwel. Da geht es um die Femizide, über die Julia Cruschwitz zusammen mit Carolin Haentjes ein ganzes Buch geschrieben hat.

Und auf einmal stellen sich Parallelen her. Denn Männer, die mit Konflikten in der Partnerschaft einfach nicht umgehen können und zu Gewalt greifen, stecken ganz offensichtlich in diesem alten, harten und verkrusteten Selbstbild vom Mannsein fest. Völlig überfordert, wenn es wirklich um Gefühle geht, Verständnis und Akzeptanz. Unfähig, aus alten Rollen herauszukommen.

Manchmal Rollen, die bis in die Zeit der Inquisition zurückreichen, als auch die Kirchen ein starres, gewalttätiges Bild vom Menschen malten. Und das Misstrauen regelrecht schürten gegen alle, die von der verhängten Norm abwichen. Was Tobias Prüwer anhand der Hexenverfolgungen beleuchtet.

Der ästhetisierte Tod

Diese Haltung, diese brutale Übergriffigkeit gibt es auch heute noch. „Noch nie hat der Mensch so schnell und so viel gemordet wie gegenwärtig“, stellt Alexander Kramer in seinem Beitrag über den „Homo caedens“, den tötenden Menschen, fest. Scheinbar eigentlich ein Abweg in diesem Heft, in dem es ja eigentlich um den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod geht. Aber auch das gehört dazu: die Allgegenwärtigkeit von Tötungsphantasien auch in unserer Gesellschaft, die ganze Brutalität von Filmen und TV-Serien, in denen das Töten als Lösung zelebriert wird.

Es geht auch um die Ästhetisierung von Tod und Sterben, wie Joana Günther in ihrem Beitrag „Pod, Podcast und Pietät“ feststellt. Denn wo die alten Rituale nicht mehr funktionieren, entstehen neue. Denn der Bedarf ist ja nicht verschwunden. Spätestens, wenn es geliebte Menschen aus unserem Umfeld reißt, merken wir, dass wir mit der Trauer eigentlich allein nicht zurechtkommen. Und dass es ungemein hilft, andere zu finden, mit denen man über das Verlorene und die Leere danach sprechen kann.

Es sind gleich mehrere Artikel im Heft, die sich von verschiedenen Seiten diesem Umgang mit der Trauer widmen, so wie Jana Paulina Lobe, die sich mit der Arbeit von „Sterbeammen“ beschäftigt, also Menschen, die Sterbende auf ihrer letzten Wegstrecke begleiten und ihnen vor allem das Gefühl geben, dass sie nicht allein sind. Ein Thema, das sich auch im Interview von Sandra Strauß mit der Autorin Hanna Roth spiegelt: „Sterben Frauen anders?“

Weil wir am Leben sind

Was hier Beitrag um Beitrag deutlicher wird, ist die simple Tatsache, dass eine seltsame Leere in unser aller Leben einzieht, weil wir Tod und Sterben aus unserem öffentlichen Leben verdrängt haben und auch für Trauer kaum noch Platz ist. Trauer, die uns ja überhaupt erst spüren lässt, wie wichtig uns der Mensch ist, der da stirbt. Wir leben unser Leben ja nicht allein.

Im Gegenteil: Es wird erst ein richtiges Leben, indem wir unsere Gefühle an andere Menschen hängen, mit denen wir feiern, arbeiten, lieben, lachen. Da reißt es ein Stück von uns selbst mit in die Nacht, wenn so ein Mensch stirbt. Thema für einen ergreifenden Film von Jaqueline Jansen, über den sie in ihrem Beitrag schreibt. Auch für sie gehört Trauerarbeit „zurück in die Mitte der Gesellschaft“.

Da dominieren andere „Werte“ und Maßstäbe. Das ist ja das Tragische und Traurige dabei. Wir stecken in unseren unangreifbaren Masken und vergessen dabei, dass Leben eigentlich nur da ist, wo wir alle verletzlich sind. Wo wir fühlen und trauern können, weil uns genau das am Ende zeigt, was wirklich wichtig ist in unserem Leben.

Drunter + Drüber „Gesellschaft und Tod“, Funus Stiftung, Kabelsketal 2026, 11 Euro.

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