Leipziger Völkerschlacht-Doppeljubiläum 2013: Vorspiel in Tauroggen

Der Völkerschlacht 1813 voraus ging der Seitenwechsel Preußens. Im Angesicht der militärischen Niederlage Napoleons gegen Russland 1812 wagte Preußen-General Johann David von Yorck die Befehlsverweigerung. Gegen königlichen Befehl unterschrieb er am 30. Dezember 1812 die Konvention von Tauroggen als Vorstufe eines russisch-preußischen Bündnisses.
Anzeige

Mit Beethovens 9. Sinfonie, uraufgeführt 1824 in Wien, lassen Leipzigs begnadete Gewandhausmusiker alljährlich zu Silvester das Jahr ausklingen. Die Neunte von Altmeister Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) ist noch heute Kult. Das Chorstück zum Finale „Freude schöner Götterfunken“ bringt die Ideale der bürgerlichen Moderne so sehr auf den Punkt, dass die Europäische Union das Stück schon vor Jahrzehnten zu ihrer Hymne erklärte. „Alle Menschen werden Brüder“ passt ja auch gut zur frisch gekürten Friedensnobelpreisträgerin.

So viel Ton und Text gewordener Weltgeist brauchte ganz offenbar den genius loci der bürgerlichen Messestadt Leipzig. Die „Ode an die Freude“, die Beethoven in seiner Neunten vertonte, dichtete Friedrich Schiller 1785. Zu jener Zeit wohnte Schiller im schönen Gohlis im nördlichen Weichbild Leipzigs.

Komponist Beethoven verband seine Musik auch in den Jahrzehnten zuvor gern mit politischen Statements in emanzipatorischer Absicht. Die Eroica, seine 3. Sinfonie aus 1803/04, widmete er ganz augenfällig einem gewissen Herrn Napoleon Bonaparte (1769 – 1821). Der galt vielen europäischen Intellektuellen jener Zeit als genialer militärischer Vollstrecker der republikanischen Ideale des Revolutionsjahres 1789 von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Doch Napoleon hatte republikanischer Vergänglichkeit längst abgeschworen. Er krönte sich 1804 selbst zum Kaiser. Durch Heirat mit einer Habsburger Fürstentochter wollte er eine neue Dynastie begründen, die dem in Wien residierende Kaisertum des alten Europa den Rang ablaufen sollte.

Napoleons Überfall auf Russland endet im Desaster

Der neue Hegemon Europas machte sich in deutschen Landen zunehmend als Despot und Fremdherrscher verhasst. Mit seinem Überfall auf Russland im Juni 1812 trat er zur Herrschaftssicherung die Flucht nach vorn an. Den machtpolitischen Herausforderer Russland schlagen und die deutschen Verbündeten botmäßig halten, so lautete die Doppelstrategie. Ein militärisches Abenteuer, das innerhalb weniger Monate im völligen Desaster endete.

Jene deutschen Fürsten, die von Kaiser Napoleon zu Königen erhöht worden waren, boten gleichfalls Truppen für das Russland-Abenteuer auf. Von den Bayern und Sachsen, die im Sommer mit der Grande Armee gen Moskau zogen, kehrte so gut wie keiner aus den Weiten Russlands zurück.

Dieses Schicksal blieb den 20.000 Preußen, die Napoleon gleichfalls angefordert hatte, erspart. Ihr Armeekorps operierte weit hinter den Linien ohne größere Kämpfe als Flankenschutz im Baltikum.

Und überhaupt waren die Preußen recht unsichere Kantonisten. Weite Teile des Adels trugen dem Empereur die Halbierung ihres Königreichs durch den Frieden von Tilsit 1807 nach. Demokratische Anwandlungen waren ihnen ohnehin fremd. Und jene preußischen Reformer, die nach 1807 das friderizianische Königreich modernisieren wollten, wollten das gegen Napoleon tun. Mit hohem publizistischen Aufwand verliehen sie ihrem Projekt eine nahezu emanzipatorische Mission: nämlich die der Befreiung ganz Deutschlands von napoleonischer Fremdherrschaft.
In diese nun schon bald zweihundert Jahre alte Erzählung passt die Leipziger Völkerschlacht aus dem Oktober 1813 so schön. Doch es waren bekanntermaßen keine basisdemokratisch organisierten Partisanenverbände, die Napoleons Truppen in den Jahren 1813, 1814 und 1815 schlagen sollten.

Befehlsverweigerung im Baltikum

In der Poscheruner Mühle bei der heutigen litauischen Kleinstadt Taurage spielte eine der Wendepunkte der napoleonischen Kriege. Johann David von Yorck (1759 – 1830), Befehlshaber des vorgenannten preußischen Hilfskorps, unterzeichnete am 30. Dezember 1812 mit seinem russischen Gegenüber, Hans Karl von Diebitsch (1785 – 1831), die Konvention von Tauroggen.

Die preußischen Einheiten wurden damit dem französischen Oberbefehl entzogen. Fürs Erste galten sie als neutral. Das bewahrte die Soldaten vor dem Schicksal ihrer französischen, bayerischen und sächsischen Kameraden.

Nachdem sich Preußens König Friedrich Wilhelm III. (1770 – 1840) im Frühjahr 1813 offiziell von Napoleon abwandte und ein Bündnis mit Russland einging, bildete das Yorksche Korps den Grundstock des ersten preußischen Armeekorps. Der Großverband verdrängte Napoleons Truppen aus dem Großraum Berlin und überwand in der Region um Wittenberg die Elbe. Während der Leipziger Völkerschlacht trug es unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher (1742 – 1819) durch Erfolge im Raum Lindenthal und Möckern zum Sieg über Napoleon bei.

Yorckscher Marsch präsent bis heute

Und was hat das mit Beethoven zu tun? Der Maestro war zu Jahresbeginn 1813 so begeistert von dem Ungehorsam des stockkonservativen Yorck, dass er seinen schon älteren „Marsch für die böhmische Landwehr“ in den „Marsch des Yorckschen Korps“ umwidmete.

Als Yorckscher Marsch gehört er noch heute zu den wichtigsten Märschen der Bundeswehr. Für die Nationale Volksarmee der DDR hatte Beethovens Musikstück als Präsentiermarsch besondere Bedeutung. Tauroggen stand seinerzeit für so etwas wie die Geburtsstunde der (ost-)deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft.

Was dabei ausgeblendet blieb: Neben musikalischer Meisterschaft erinnert der Yorcksche Marsch daran, dass ein Befehl im Zweifel nicht die höchste moralische Norm sein kann.


Print Friendly, PDF & Email
 


Schneller informiert mit dem L-IZ-Melder
Weitere Nachrichten:Bewegungsmelder | Wortmelder | Rückmelder | Sport | Polizei | Verkehr


Weitere aktuelle Nachrichten auf L-IZ.de

Grüne kritisieren: Stadtverwaltung hängt bei Maßnahmen zur Klimaanpassung schon wieder hinterher
Aktuell erfreuen sich die Marienkäfer am warmen Oktober in Leipzig. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserLeipzig muss sich ändern. Dass war zwar schon vor 2018 klar, als der erste von drei aufeinanderfolgenden Hitze- und Dürresommern die Stadt heimsuchte. Aber die drei Sommer, in denen Wiesen und Bäume vertrockneten und auch die Schäden im Auwald nicht mehr zu übersehen waren, haben richtig Druck auf die Kombüse gebracht. 2019 beschloss der Stadtrat zwar nicht das 10-Punkte-Programm der Grünen gegen Hitze im Stadtgebiet. Aber die Verwaltung bot an, einen Maßnahmeplan vorzulegen. Im Sommer 2020 sollte die Bestandsaufnahme fertig sein.
Corona zwingt zur Online-Variante: DreamHack Leipzig kehrt 2021 zu ihren Ursprüngen zurück
Dreamhack Leipzig 2020. Foto: Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze

Foto: Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze

Für alle LeserVor über 25 Jahren beschloss eine Gruppe von Freunden, in einer Grundschule im schwedischen Malung eine LAN-Party zu feiern. Was sie damals nicht wussten: Mit dem Namen DreamHack, den sie dieser Zusammenkunft aus Gaming-Enthusiasten ein paar Jahre später gaben, legten sie den Grundstein für das weltweit führende Gaming-Festival. Inzwischen finden Events in verschiedenen Kontinenten statt.
Wenn Freiheit Wüsten baut: Was Leipziger Schottergärten mit den Fehlern der menschlichen Vernunft zu tun haben
Ein völlig zugeschotterter Vorgarten. Foto: L-IZ

Foto: L-IZ

Für alle LeserEs sieht derzeit ganz so aus, als wäre die Menschheit nur ein Zwischenergebnis, ein leider missglückter Versuch der Natur, Intelligenz zu erschaffen. Denn es gibt kaum ein Gebiet, auf dem der Mensch derzeit nicht beweist, dass er unfähig ist, aus seinem Wissen auch die richtigen Handlungen abzuleiten, egal, ob es die Klimaaufheizung ist, die Vernichtung der Arten, die Corona-Pandemie ... Selbst beim Thema Vorgärten versagen diese seltsam lernunfähigen Geschöpfe.
Donnerstag, der 22. Oktober 2020: Neue Corona-Schutzverordnung regelt den Ernstfall in Sachsen
Sozialministerin Petra Köpping (SPD). Foto: Pawel Sosnowski

Foto: Pawel Sosnowski

Für alle Leser/-innenSchon jetzt gibt es Maßnahmen, die Landkreise und kreisfreie Städte in Sachsen treffen, wenn sie zum „Risikogebiet“ werden oder sich auf dem Weg dahin befinden. Die neue Corona-Schutzverordnung, die ab Samstag gelten soll, hat diese Regeln aufgenommen und erweitert. Außerdem: In Leipzig trifft sich der Krisenstab wieder regelmäßig; bald soll es eine Allgemeinverfügung geben. Die L-IZ fasst zusammen, was am Donnerstag, den 22. Oktober 2020, in Leipzig und Sachsen wichtig war.
SC DHfK Leipzig vs. Göppingen 22:25 – Ohne Tempotore kein Sieg
Göppingen hat dem SC DHfK beide Punkte abgerungen. Foto: Jan Kaefer

Foto: Jan Kaefer

Für alle LeserVor der reduzierten Zuschauerzahl von 999 Menschen haben am Donnerstagabend die Leipziger Handballmänner ihre erste Heimniederlage der Saison eingesteckt. Damit gibt es nun keine ungeschlagenen Teams mehr in der Handball-Bundesliga. Entscheidend war die erste Hälfte, in der die Göppinger zu leicht zu ihren Torerfolgen kamen. Das Spiel hätte sonst auch für die an sich heimstarken Männer von André Haber ausgehen können.
Morlok (FDP): Zum Kitaplatz durch die ganze Stadt hat nun ein Ende! Kitaplatztauschbörse ist gestartet

Foto: L-IZ.de

Die Fraktion Freibeuter im Leipziger Stadtrat begrüßt den von ihr initiierten Launch der Tauschbörse für Kitaplätze auf www.meinkitaplatz-leipzig.de, dem Elternportal für die Platzsuche in Kitas und Tagespflege der Stadt Leipzig. „An dem Elternportal für Kitaplätze kommen Eltern auf der Suche nach einem Betreuungsplatz in Leipzig nicht vorbei. Der ideale Treffpunkt für tauschwillige Eltern.“
„Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ – Jüdisches Leben in Gohlis und der äußeren Nordvorstadt
Michaeliskirche. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

Noch bis zum 29. Oktober ist die Ausstellung „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ – Jüdisches Leben in Gohlis und der äußeren Nordvorstadt – in der Michaeliskirche am Nordplatz täglich von 15 bis 18 Uhr zu sehen.
Von Panik zur Ruhe: Wird ein Vertrauensverlust zum Problem in der zweiten Infektionswelle?
Die oft bemühte weltweite Corona-Diktatur hier auf einem Schild eines mehrfachen Redners bei „Bewegung Leipzig“. Foto: Michael Freitag

Foto: Michael Freitag

Für alle LeserDie Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung im August 2020 in Berlin können als Alarmsignal für die zweite Infektionswelle gesehen werden. Als die Protestierenden dicht gedrängt ohne Rücksicht auf die Virusverbreitung an den Reichstag klopften, kündigten sie jedoch nicht nur einen Anstieg von Corona-Erkrankungen, sondern auch Frustration und Misstrauen an.
Leipzig als Wirtschaftsmotor, Gutverdienerstadt und Schuldenhauptstadt in Sachsen
Schuldenstand der Gemeinden in Sachsen. Karte: Freistaat Sachsen, Statistisches Landesamt

Karte: Freistaat Sachsen, Statistisches Landesamt

Für alle LeserMehrere Karten in der neuen Veröffentlichung des Statistischen Landesamtes „Sachsen in Karten“ zeigen die Stadt Leipzig so ganz nebenbei in ihrer Funktion als Metropole. Die sie nicht ganz ausfüllt, weshalb meist der Begriff Metropole für die kleine große Stadt an der Pleiße vermieden wird. Aber sie erfüllt dennoch wichtige zentrale Aufgaben, die mit den Finanzzuweisungen in Sachsen nicht wirklich abgebildet sind.
Bürgerinitiative möchte Flughafenausbau verschieben lassen und 2021 wird eine neue Abstellfläche für bis zu vier Flugzeuge gebaut
Das Vorfeld 2 des Flughafens Leipzig Halle. Quelle: Google Maps / Screenshot: L-IZ

Quelle: Google Maps / Screenshot: L-IZ

Für alle LeserAm 17. Oktober wandte sich die Bürgerinitiative „Gegen die neue Flugroute“ mit einem „Antrag auf Terminverschiebung“ an die Staatsregierung. Das Schreiben machte sie auch öffentlich. Sie verwies dabei auch auf die Petition gegen den weiteren Ausbau des Frachtflughafens Leipzig/Halle. Die Petition wendet sich gegen die Pläne, den Frachtflughafen für rund 500 Millionen Euro auszubauen. Jetzt gibt es erst einmal eine kleinere Baumaßnahme, bestätigt der Flughafen.
Warum gibt es eigentlich keine öffentliche Debatte über wichtige Petitionen im Leipziger Stadtrat?
Der Stadtrat tagt im Neuen Rathaus. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserPetitionen sind ein nicht unwichtiger Bestandteil unserer Demokratie. Mit ihnen können Bürger abseits der üblichen politischen Entscheidungsprozesse ihre Anliegen artikulieren – und die demokratisch gewählten Gremien müssen sich damit beschäftigen. Aber so, wie sich das derzeit eingebürgert hat, wirkt das eher wie eine Klatsche für die Petenten und die Unterstützer. Bürgerbeteiligung ist das auch in Leipzig nicht wirklich. Der Grünen-Stadtverband kritisiert das Verfahren.
Farbe für Schönefeld: Fassadengestaltung der Turnhalle der 20. Oberschule in der Bästleinstraße nimmt Gestalt an
Motiv an der Turnhalle der 20. Oberschule. Foto: Wir für Schönefeld e.V.

Foto: Wir für Schönefeld e.V.

Für alle LeserNach dem „Projekt 2017 – Fassadengestaltung Turnhalle der Astrid-Lindgren-Schule Teil1“ am „Rewe“-Markt in der Löbauer Straße war vom Schönefelder Stadtteilverein Wir für Schönefeld e. V. seit dem vergangenen Jahr die Gestaltung weiterer Fassaden dort geplant. „Leider – oder besser glücklicherweise – hat das Schulamt sich nun doch endlich entschlossen, in den nächsten Jahren aus den beiden DDR-Schulen einen neuen Schulcampus mit neuer Turnhalle zu gestalten“, freut sich Vereinsvorsitzender Stefan Lünse.
Leipzig-Gohlis: Ordnungsamt macht heute endlich eine Sicherheitsbefahrung in der Krochsiedlung
Querparker in der Krochsiedlung. Foto: Alexander John

Foto: Alexander John

Für alle LeserÄrger um die zugeparkten engen Straßen in der Krochsiedlung in Gohlis-Nord gab es schon länger. Denn dafür waren diese Straßen ursprünglich nicht gebaut. Im Gegenteil: Die Siedlung war sogar so gebaut, dass in den ruhigen Innenbereichen überhaupt keine Autos fahren sollten. Doch in den letzten Jahren zogen immer mehr Familien hin, die auf das Auto nicht verzichten wollen. Ergebnis: ein selbst für Rettungsfahrzeuge völlig verstopftes Stadtquartier.
Mittwoch, der 21. Oktober 2020: Corona zwingt Leipzig zu weiteren Einschränkungen
Zum Bundesliga-Auftakt der DHfK-Handballer kamen 1.917 Zuschauer in die Arena Leipzig. Am Donnerstagabend dürfen nur 999 rein. Archivfoto: L-IZ.de

Archivfoto: L-IZ.de

Für alle Leser/-innenLeipzig hat am Mittwoch den Inzidenzwert von 20 erreicht. Das bedeutet unter anderem, dass das Handball-Spiel des SC DHfK morgen nur vor 999 Zuschauer/-innen stattfinden darf. Auch für Verwaltung, Messe und ein anderes Sportevent gibt es Konsequenzen. Außerdem: Nach dem tödlichen Angriff auf Touristen in Dresden ermittelt nun der Generalbundesanwalt. Die L-IZ fasst zusammen, was am Mittwoch, den 21. Oktober 2020, in Leipzig und Sachsen wichtig war.
Festtage Leipziger Romantik 2020
Paulinum der Universität Leipzig. Foto: René Loch

Foto: René Loch

Nachdem die Festtage Leipziger Romantik auf Grund der Corona-Einschränkungen nicht wie geplant vom 10. bis zum 22. Mai 2020 stattfinden konnten, sollen sie nun in verkleinerter Form am 5., 6. und 7. November und in Kooperation mit der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung nachgeholt werden. Da das Platzangebot nach wie vor beschränkt ist, werden die Konzerte mehrfach aufgeführt.