Die Meldung von MITNETZ STROM klingt zunächst nach einer guten Nachricht: Die Zahl der Netzeingriffe ist 2025 erneut gesunken. Doch wer genauer hinsieht, erkennt das dahinterliegende Dilemma unserer Energiewende. Der Netzbetreiber investierte allein 2025 Rekordsummen von 565 Millionen Euro in den Ausbau – und trotzdem musste an 222 Tagen im Jahr die Einspeisung erneuerbarer Energien reduziert werden. Warum? Weil zu Spitzenzeiten mehr Strom produziert wird, als lokal verbraucht oder transportiert werden kann.
Während der Blick auf Feldheim zeigt, was auf Dorfebene möglich ist, liefert Prof. Timo Leukefeld die Blaupause für die Breitenwirksamkeit: Seine Konzepte übertragen die Autarkie-Idee auf den Wohnungsbestand – und schaffen mit der Energie-Flatrate für Mieter ein sozial tragfähiges Modell. Die Kombination beider Ansätze weist den Weg in eine dezentrale, bürgernahe und preisstabile Energiezukunft.
Die Lösung liegt nicht allein in immer dickeren Kabeln und neuen Stromautobahnen. Sie liegt in der Dezentralisierung. Sie liegt in gut durchdachten, autarken Hof- und Dorfgemeinschaften.
Das ungenutzte Potenzial vor unserer Haustür
Autarke Gemeinschaften sind keine Spinnerei von Romantikern. Sie sind hochmoderne, intelligente Energiesysteme im Kleinformat. Sie tun genau das, was sich Lutz Eckenroth, technischer Geschäftsführer der MITNETZ STROM, von der Politik wünscht: Sie schaffen dringend benötigte „Großverbraucher“ – nur eben nicht in Form von Industriekomplexen, sondern als vernetzte Summe von Wärmepumpen, E‑Auto-Ladestationen und Batteriespeichern in einem Dorf.
Durch intelligentes Lastmanagement wird der Stromverbrauch bewusst in die sonnen- und windreichen Stunden gelegt. Überschüsse wandern nicht mehr ins überlastete Netz, sondern in die Batterie oder werden in Wärme umgewandelt. Das ist gelebte Sektorenkopplung, die das große Netz entlastet und gleichzeitig die Energieunabhängigkeit der Gemeinde stärkt.
Der volkswirtschaftliche Gewinn
Der Vorteil für die Preisentwicklung der Energiewende ist enorm. Jede Kilowattstunde, die lokal erzeugt und verbraucht wird, muss nicht über teure Höchstspannungsleitungen von Nord nach Süd transportiert werden. Die Kosten für das Abregeln von Anlagen sinken. Die Wertschöpfung bleibt im Dorf, statt in Form von Netzentgelten und Konzessionsabgaben abzufließen.
Das Beispiel Feldheim in Brandenburg zeigt, wohin die Reise gehen kann: Mit einem eigenen Dorfnetz und lokaler Erzeugung konnte dort über Jahre ein Strompreis gehalten werden, der weit unter dem Bundesdurchschnitt lag. Die Bürger profitieren direkt, die Akzeptanz für die Energiewende steigt. Die Effizienzfrage hängt maßgeblich vom politischen Rahmen ab.
Solange das öffentliche Netz lokalen Strom nicht zu lokalen Preisen ermöglicht (wegen Netzentgelten, Konzessionsabgaben etc.), sind Lösungen wie Feldheim aus Bürgerperspektive rational – auch wenn sie volkswirtschaftlich als „Parallelstruktur“ erscheinen mögen.
Über Feldheim hinaus: Die Wohnungswende von Prof. Timo Leukefeld
So visionär Feldheim ist – es bleibt die Frage: Lässt sich dieses Modell auf die breite Masse übertragen, insbesondere auf den Wohnungsbestand in Städten? Der sächsische Solaringenieur Prof. Timo Leukefeld liefert darauf eine ermutigende Antwort. Sein Ansatz zeigt, dass energieautarkes Wohnen nicht auf Dörfer mit eigenem Netz beschränkt bleiben muss, sondern auch in Mehrfamilienhäusern und sogar im Plattenbau realisierbar ist.
Leukefeld, der selbst seit 15 Jahren in einem zu 90 Prozent energieautarken Haus in Freiberg lebt, verfolgt ein ganzheitliches „Kochrezept“ für Gebäude. Die Zutaten: eine hocheffiziente Gebäudehülle, Fotovoltaik, Batteriespeicher, Infrarotheizungen und ein spezieller Autarkie-Boiler. Das Besondere: Alles wird intelligent vernetzt, um den Eigenverbrauch zu maximieren.
„Wir reduzieren den Energiebedarf und decken den Restbedarf mit der Sonne ab“, beschreibt Leukefeld das Prinzip. Sein bisher größtes Projekt in Aschersleben (Sachsen-Anhalt) beweist die Praxistauglichkeit: Drei DDR-Plattenbauten werden saniert und erreichen eine Energieautarkie von 60 Prozent.
Bundesweit hat sein Team bereits in 1.200 Wohnungen Autarkiequoten zwischen 50 und 70 Prozent umgesetzt.
Das innovative Geschäftsmodell: Pauschalmiete mit Energie-Flatrate
Der entscheidende Clou ist wirtschaftlicher Natur. Leukefeld kombiniert die technische Autarkie mit einem neuen Vermietungsmodell: Die Mieter zahlen eine Pauschalmiete, die Wohnen, Wärme, Strom und sogar E-Mobilität umfasst – mit fünfjähriger Preisgarantie. „Wir nehmen quasi dem Gasversorger, dem Stromversorger und der Tankstelle das Geld weg, lenken es in die Tasche des Vermieters“, erklärt Leukefeld. Das Ergebnis: bessere Renditen für Vermieter bei gleichzeitig niedrigeren und vor allem stabilen Kosten für Mieter.
Diese Verbindung von technischer Innovation und sozialverträglichem Geschäftsmodell macht Leukefelds Ansatz so bedeutsam für die Energiewendedebatte. Seine Prognose ist kühn, aber fundiert: „Wir gehen in der Trendforschung davon aus, dass Solarstrom in 15 Jahren noch ein bis zwei Cent kosten wird. Also Energie wird fast nichts mehr kosten.“ Etwa 30 Prozent aller Mehrfamilienhäuser in Deutschland hält er für sein Konzept geeignet.
Die Synthese: Vom Dorfnetz zum intelligenten Quartier
Denken wir Feldheim und Leukefeld zusammen, entsteht das Bild einer dezentralen Energiezukunft auf allen Ebenen: vom Einfamilienhaus über die sanierte Mietkaserne bis zum gesamten Dorfverbund. Leukefeld selbst sieht den nächsten Schritt in der Vernetzung: „Genau diese Kombination aus einer hohen Eigenversorgung, aber auch dem Teilen von Energie mit anderen – das ist der Schlüssel.“ Seine Vision von Gebäuden, in deren Langzeitenergiespeichern regionale Versorgungsunternehmen Überschüsse einlagern und bei Bedarf entnehmen, führt das Feldheim-Prinzip konsequent weiter.
Es geht nicht mehr um die romantische Idee der vollständigen Abkopplung, sondern um intelligente Prosumer-Gemeinschaften, die das öffentliche Netz gezielt als Backup nutzen und so das Gesamtsystem stabilisieren. Damit würden autarke Gemeinschaften vom „Feldheim-Modell“ zum flächendeckenden Standard – und die Kritik an „teuren Parallelstrukturen“ würde sich in Luft auflösen.
Was jetzt passieren muss
Um diesen Weg zu ebnen, braucht es keine neuen Subventionen, sondern vor allem eines: einfachere Regeln. Die Gründung von Energiegemeinschaften muss bürokratisch leichter werden. Der Betrieb von Dorfnetzen und die direkte Lieferung von Strom an die Nachbarn (Mieterstrommodelle im ländlichen Raum) dürfen nicht an unnötigen Hürden scheitern.
Die sinkenden Netzeingriffe bei MITNETZ STROM sind ein Erfolg des Netzausbaus. Der nächste, große Schritt für eine kostengünstige Energiewende liegt aber in der Kraft der Gemeinschaft. Lasst uns die Dörfer nicht nur als Stromverbraucher, sondern als aktive, intelligente Kraftwerke begreifen. Dann sinken nicht nur die Netzeingriffe, sondern dauerhaft auch die Kosten für uns alle.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:






















Es gibt 8 Kommentare
@ Christof ; Ihr Stichwort ‘Innovation’ trifft einen wunden Punkt. Ich habe vor 40 Jahren mit DOW-Forschern an biologisch abbaubaren Biopolymeren gearbeitet – die Technologie war da, aber die Umsetzung scheiterte an den etablierten Ölstrukturen. Heute sehe ich das gleiche Muster: Die Lösungen sind da, aber sie werden ausgebremst. Diesmal dürfen wir nicht wieder 40 Jahre verlieren.
@Christof, Sie fragten nach der Intelligenz im System. Leukefeld liefert die Antwort: Intelligenz bedeutet, Komplexität zu reduzieren. Statt immer komplizierterer Technik setzt er auf einfache, robuste Lösungen. Statt zentraler Großprojekte auf dezentrale Autarkie. Statt staatlicher Förderung auf kapitalmarktfähige Geschäftsmodelle.
Das ist für mich die nächste Stufe der Energiewende: Technik, die sich rechnet. Modelle, die sozial tragen. Und eine Perspektive, die zeigt: Die Energiezukunft gehört uns allen – nicht nur den Gutverdienenden.
Ich bleibe dabei: Wir sind auf dem richtigen Weg!
@ EarlGreysays, Sie fragen, wie wir die Politik durchs Dorf treiben. Die traurige Wahrheit ist: Die neue Wirtschaftsministerin hat für Bürgerenergie-Gemeinschaften tatsächlich wenig übrig. Im Gegenteil – ihre aktuellen Pläne (Streichung der Einspeisevergütung, Redispatchvorbehalt, Baukostenzuschüsse) setzen genau die Projekte unter Druck, die wir hier diskutieren. Das ist umso ärgerlicher, weil die EU mit den Renewable Energy Communities längst einen guten Rahmen geschaffen hat. Nur in Deutschland wird er nicht umgesetzt. Vielleicht sollte die LZ genau da nachfragen: Warum ignoriert das BMWK die eigene Bürgerenergie?
Und wie treiben wir nun die politischen Entscheider durch das Dorf?
Will die LZ mal eine Anfrage ans BMWE stellen, ob das mit viel europäischen Geld geförderte Projekt bekannt ist und was man für D daraus lernt?
Der energetische Umbau ist schon lange erforderlich. Warum sollen wir als intelligente Menschen nicht die direkte Energie der Sonne, vom Wind oder über Erdwärme nutzen, wenn wir schon die Techniken und Technologien entwickelt haben. Wennn die Erfordernis zum Umbau besteht fördert das auch die Innovation. Fossile Energien stehen nur begrenzt zur Verfügung und sind sehr ungleich auf der Erde verteilt.
@Jörg Matysik Danke für den kritischen Hinweis! Ich sehe das etwas anders: Für mich sind Projekte wie Feldheim und die Arbeit von Prof. Leukefeld keine Parallelstrukturen, sondern Reallabore für die Zukunft. Sie zeigen, wie eine dezentrale, bürgernahe Energieversorgung aussehen kann. Die volkswirtschaftliche Effizienz bemisst sich nicht nur an Netzausbaukosten, sondern auch an vermiedenen Redispatch-Maßnahmen und regionaler Wertschöpfung. Wir sind auf dem richtigen Weg – und die nächste Stufe heißt: intelligente Vernetzung statt Abkopplung.
“Wat Jammer” sagt man auf Niederländisch.
Fazit: die letzten 20 Jahre “Energiewende” waren volkswirtschaftlich Blödsinn.