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Wie klein war eigentlich das Leipzig vor 1217?

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    Es gibt Momente, da stolpert man über ein Wort. Und ein Rätsel, das auch Enno Bünz beschäftigt hat, als er über die frühe Stadtentstehung Leipzigs im Band 2 der großen Leipziger Stadtgeschichte schrieb: Wie sah eigentlich die Stadt im Jahr 1216 aus? Als Markgraf Dietrich die Leipziger zwang, ihre Stadtmauer niederzureißen?

    Die Pegauer Annalen berichten davon. Als es Dietrich im Herbst 1216 gelang, wieder in die Stadt einzuziehen, ließ er die Stadtmauern schleifen. Was durchaus beachtenswert ist, wie Enno Bünz befand. Immerhin lag die Stadtgründung durch Otto den Reichen erst ein halbes Jahrhundert zurück. Und Mauern waren teure und aufwendige Angelegenheiten. Die junge Stadt muss sich schnell gemausert haben.

    Aber die Rätsel fangen erst an, wenn man versucht, die drei Burgen zu verorten, die Dietrich 1217 in der Stadt errichten ließ. Die Standorte sind leicht zu finden. Das ist nicht das Rätsel. Einer war der ursprüngliche Burgward auf dem heutigen Matthäikirchhof, eine Burg stand dort, wo heute das Neue Rathaus steht. Und eine wurde errichtet, wo später das Dominikanerkloster war, dort, wo heute der Uni-Campus ist.

    Das Rätsel steckt in einem Wort, das auch Enno Bünz nicht sonderlich ernst genommen hat. Es steht nicht in den Pegauer Annalen, sondern in der Urkunde vom 20. Juli 2016 mit dem Schiedsspruch zwischen den Leipzigern und Markgraf Dietrich. Die Leipziger hatten wohl schon so eine Ahnung, was Dietrich tun würde, wenn er die Stadt wieder in die Hände bekäme. Sie ließen sich nämlich zusichern, dass er keine Befestigungen in oder vor (außerhalb) der Stadt anlegen würde: „Item marchio nullam munitionem faciet in civitate vel extra“.

    Civitas ist die Stadt. Und hier steht dieses „extra“. Was zumindest darauf hindeutet, dass es im Juli 1216 in der Stadt nicht allzu viele Plätze für den Bau von Burgen gab. Es liegt nicht wirklich auf der Hand, dass der Markgraf sogar extra Häuser niederreißen ließ, um Platz für seine Zwingburgen zu schaffen. Der einzige frei verfügbare Platz, den es dafür innerhalb der alten Stadt gab, war der Burgward auf dem heutigen Matthäikirchhof.

    Auch die Pegauer Annalen berichten von keiner Konfrontation mit den Bürgern, was das Niederreißen von Häusern betrifft.

    Es liegt also nahe, dass zwei der Burgen außerhalb der alten Stadtmauern gebaut wurden, die 1216 niedergerissen worden waren. Was übrigens auch für das ab 1217 gebaute Thomaskloster gelten muss, das ja samt Vorwerk einen erheblichen Geländeabschnitt auf der Westseite der Stadt belegte. Auch das kann nicht innerhalb der alten Stadtbefestigung entstanden sein, sondern da, wo Platz war – vor den alten Mauern.

    Aber warum berichten dann die Pegauer Annalen von der Errichtung der Burgen innerhalb der Stadt: „intra civitatis“?

    Das ist jetzt eine Vermutung. Aber sie liegt nahe. Denn die Aufmüpfigkeit der Leipziger im Jahr 1215 kann auch damit zu tun haben, dass diese Stadt tatsächlich – für die Zeitverhältnisse – rasant gewachsen war und über das Straßenraster aus der Zeit Ottos des Reichen hinausgewachsen war. Und damit auch über ihre alten Stadtmauern, die möglicherweise im Verlauf der heutigen Grimmaischen Straße die Stadt begrenzten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die um 1165 planmäßig um die Nikolaikirche angelegte Stadt eben noch nicht so groß war, wie das mittelalterliche Leipzig auf Karten meist gezeichnet wird. Aber wahrscheinlich begann es schon früh über diese Mauen hinauszuwachsen und die ersten Vorstädte zu bilden.

    Die natürlich nicht da lagen, wo später die Vorstädte entstanden, sondern einfach südlich der alten Mauer: im Bereich des späteren Petersviertels und des Thomasviertels. Was noch ein anderes Rätsel erklären würde, das Enno Bünz anführt: das Rätsel der neuen Märkte.

    Noch heute gibt es ja die Straße Neumarkt, die eindeutig nicht wie ein Marktplatz aussieht. Wenn man weiß, dass es sogar mal zwei Straßen des Namens gab – Alter Neumarkt und Neuer Neumarkt – dann wird es ganz schwierig. Was für Märkte sollen das gewesen sein?

    Archäologisch sind sie nicht nachweisbar. Was in gewisser Weise auch für den Markt selbst zutrifft: Sie waren schlicht nicht gepflastert. Wenn sie aber direkt vor der alten Stadtmauer lagen, dann dienten sie möglicherweise einem ähnlichen Zweck wie später der Rossmarkt: als Pferde- und Viehmarkt. Und 1216 lagen sie dann – als freie Plätze – möglicherweise in einer Vorstadt, die sich gerade zu einem neuen Teil der Stadt entwickelte und schon so dicht besiedelt war, dass es sich lohnte, gleich hier in engster Nachbarschaft eine Burg hinzusetzen, um die Stadtbürger in Schach zu halten. Und dasselbe kann auch für den Standort der Burg am Südwestzipfel der Siedlung gelten. Die von Dietrich errichteten Burgen lagen nicht innerhalb der alten Stadtmauern, aber in der Stadt. Und als die neue Stadtmauer errichtet wurde, wurden sie mit einbezogen. Die alte Stadt hat ihre Fläche quasi verdoppelt.

    Und das hatte sich schon vor Dietrichs Wiedereinzug in die Stadt abgezeichnet, sonst hätten die Leipziger nicht ihre Befürchtung protokollieren lassen, dass der Markgraf Befestigungen außerhalb („extra“) der Stadt errichten könnte. Genau das, was er ab 1217 tat. Denn was sollten diese Befestigungen überwachen, wenn das nicht schon eine wachsende Stadt war, die ihren alten Mauerring verlassen hatte? Das „extra“ deutet eigentlich genau auf so einen Prozess hin. Und die großen Geländeinanspruchnahmen zweier Burgen und des Thomasklosters deuten darauf hin, dass hier noch freies Bauland war, das der Landesherr besetzen und bebauen konnte, um die deutlich gewachsene „civitas“ in Schach zu halten.

    Das sind – zugegeben – viele Vermutungen, weil Urkunden und archäologische Befunde dazu fehlen. Es gibt nur dieses „extra“, über das man stolpert, wenn Enno Bünz mit allem verfügbaren Material (und es gibt ja im Grunde nur die zwei erwähnten Dokumente) versucht zu rekonstruieren, wie dieses Leipzig im Jahr 1217 ausgesehen haben könnte.

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