Zur am 14. März im Bach-Museum eröffneten Sonderausstellung "Liebe. Macht. Leidenschaft. Die Leipziger Barockoper" ist auch ein 48seitiger Katalog erschienen. Man kann sich das Wichtigste aus der kleinen Kabinettsausstellung mit ihrer barocken Bühnen-Kulisse also mitnehmen und im Zug, im Café oder daheim in Ruhe lesen. Denn auch wenn die Kabinett-Inszenierung die Sinne anregt - ohne Text geht's nicht. Und der ist in diesem Fall notwendigerweise nicht gerade knapp.

Denn wirklich präsent ist den Leipzigern die Geschichte ihrer Oper ja nicht, schon gar nicht die Existenz der ersten, noch von Dresden her initiierten Barockoper.

“Den Bau der Oper initiierte der Dresdner Vize-Hofkapellmeister Nicolaus Adam Strungk. Ein geeigneter Bauplatz fand sich auf einem Privatgrundstück der Juristen-Witwe Anna Margaretha Siegfried. Ihr Wohnhaus lag am Brühl nahe der Ritterstraße”, heißt es im 48seitigen Katalog. “Das daran anschließende lange, aber schmale Grundstück zog sich bis zur Stadtmauer hin. Eine geräumige Einfahrt führte durch den Hof zur Oper. Dieses Gebäude war 1793 in der äußerst kurzen Zeit von etwa vier Monaten entstanden. Der italienische Baumeister Girolamo Sartorio war ein erfahrener Architekt, der zuvor schon die Bühnen in Hamburg, Hannover und Amsterdam erbaut hatte. Das Leipziger Operngebäude war etwa 47 m lang, 15 m breit, 11 m hoch (’19 Ellen bis unter das Dach’) und hatte ein flaches ‘italienisches’ Dach. Fünf Galerien umgaben den Zuschauerraum, jede mit 25 Logen. Mit 15 Kulissenpaaren nahm die Bühne fast die Hälfte des Gebäudes ein.”

Hier ging 27 Jahre lang die Post ab, traf sich die noble Welt, ließ man sich begeistern und verzaubern, drängten sich Damen und Herren in großem Kostüm. 25 Jahre, wenn man die beiden Jahre abzieht, in denen das Haus wegen des Nordischen Krieges geschlossen bleiben musste. Die Schweden waren in der Stadt. Ausstellung und Katalog schildern diese durchaus turbulente Zeit, in der auch mit harten Bandagen um Bühne und Spielrecht gefochten wurde, auch wenn es immer wieder zu finanziellen Kalamitäten kam. Auch der 20jährige Georg Philipp Telemann gehört zur Geschichte dieses Hauses.
Als er 1703 die Geschicke des Hauses übernimmt, tut auch der Rat der Stadt etwas, was er anderen Leitern des Opernhauses verweigert – sie unterstützt den Spielbetrieb. Zeichen auch dafür, dass sie den Mann zu schätzen weiß, der sie in den Folgejahren mit Opern wie “Germanicus”, “Ferdinand und Isabella”, “Der lachende Democritus” beglückt. Kurz nachdem er 1705 nach Sorau geht, ist sowieso mit dem Einzug der Schweden erst einmal Ebbe im Kulturland.

Die Libretti für mindestens drei Telemann-Opern schrieb Christine Dorothea Lachs (1672 – nach 1715), eine der fünf Strungk-Töchter. Die “Lachsin” wie es selbst in Druckschriften heißt. Ein Stück weiblicher Kulturgeschichte in Leipzig.

Die Ausstellung erzählt auch von jüngsten Forschungsergebnissen – insbesondere denen von Michael Maul, der zahlreiche Spuren der rund 80 in Leipzig damals gespielten Opern aufgefunden hat. Was dann aber ab 1720 geschah, als das Opernhaus schloss, ist zumindest ungeklärt. Zwar scheint sich der Magistrat um Telemann bemüht zu haben, vielleicht auch in der Hoffnung, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen – Thomaskantorat und Opernleitung mit einem begabten Musiker zu besetzen. Doch möglicherweise war dann doch die Sanierung des Hauses zu teuer. Das Haus war abgewirtschaftet. Als Johann Sebastian Bach 1723 nach Leipzig kam, gab’s keine Oper mehr. Bevor 1766 auf der Rannischen Bastei ein neues Theater errichtet wurde, wurden mehr oder weniger provisorische Spielstätten und Hausböden fürs Theaterspiel genutzt.
“Schließlich wurde das ganze Siegfriedsche Grundstück samt Opernhaus 1729 versteigert und vom benachbarten Hospital und Waisenhaus St. Georg erworben. Um 1750 existierte das Operngebäude nicht mehr, wie aus Bauplänen des Georgenhauses hervorgeht. Das Jahr des Abrisses ist unbekannt”, schreibt Maria Hübner, die Kuratorin der Ausstellung, im Katalog, der reich mit Bildern aus der Zeit (nur halt nicht vom Leipziger Opernhäuschen) und Faksimiles von Textbüchern und anderen überlebenden Druckwerken gespickt ist. Dazu bekommt der Leser zu jeder einzelnen Entwicklungsphase eine kleine Jahreschronik – verbunden mit den nachweisbar aufgeführten Opern.

Noch Mitte des 18. Jahrhunderts hatte die längst verschwundene Leipziger Barockoper einen so guten Ruf, dass der nicht stattgefundene Neubeginn nach 1720 von der Musikwelt als “verpasste Chance” interpretiert wurde. Aber alle Folgejahrhunderte ließen dann immer deutlicher werden, dass Oper eigentlich immer ein Zuschussgeschäft ist.

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Noch bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein versuchte die Stadt Leipzig ihr Glück mit Pächtern und allein verantwortlichen Impresarios. Aber schon im 19. Jahrhundert zeigte sich, das auch sie ohne städtische Unterstützung nicht über die Runden kamen. Statt mit Opern- und Theaterhäusern neue Einnahmequelle zu erschließen, zahlten die Städte drauf.

Was umso ärgerlicher war und ist, wenn die gut bezahlten Intendanten von gutem Theater keine Ahnung haben. Denn die Frage ist zwar widersprüchlich – doch von diesem Widerspruch lebt jedes Theater: Macht man ein Programm fürs breite Publikum und deshalb auch populär? Oder macht man Theater mit Anspruch?

Was eben nicht heißt: elitäres Theater. Den Unterschied merken die Theater in ihren Kassen. Man zahlt zwar auch bei gutem populären Theater drauf. Aber bei elitärem Theater bleiben die Säle gähnend leer. Das Publikum – und auch das Leipziger – will was erleben, will erhoben, entführt und unterhalten sein. Das scheint im kleinen Barockopernhaus geklappt zu haben. Mehr oder weniger. Bis der Rat der Stadt wohl vor der nächsten wichtigen Entscheidung scheute: Investieren oder Abreißen? Das ist dann in der Regel die Nagelprobe.

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