2000: Die Schatten der Vergangenheit in Möbeln aus entsorgten Jahren

Für alle LeserTapfer bleibt die Leipziger Volkszeitung dabei, regelmäßig ihren Kunstpreis an talentierte Nachwuchskünstler zu vergeben. Den ersten gab es 1995, quasi zum 100. Geburtstag der Zeitung ein Jahr zuvor. Am Donnerstag, 12. Dezember, wurde die Ausstellung für die neue Preisträgerin im Museum der bildenden Künste eröffnet, für die in Zwickau geborene Installationskünstlerin Henrike Naumann (*1984).

Sie ist die mittlerweile dreizehnte Preisträgerin des 1995 ins Leben gerufenen LVZ-Kunstpreises, der das dritte Mal an eine Künstlerin geht. Und ihre Kunst braucht Raum. Und manch ein Betrachter darf nicht überrascht sein, wenn ihm das eine oder andere Bauteil doch sehr vertraut vorkommt. Denn Kunst macht die Preisträgerin aus Dingen, die andere Leute für verzichtbar halten.

Henrike Naumann studierte an der Hochschule für Bildende Künste Dresden Bühnenbild sowie Szenografie an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg. Sie arbeitet vorwiegend mit handelsüblichen Möbeln, Raumtextilien und anderen massengefertigten Dekorationsgegenständen.

Auf Flohmärkten, Ebay-Kleinanzeigen und in Sozialkaufhäusern sucht und findet Henrike Naumann die Objekte für ihre Arbeiten – Dokumente einer nicht sehr weit zurückliegenden Vergangenheit.

Diese Zeitzeugnisse spiegeln nicht nur die Tristesse des Alltags wider, sondern sind auch Vermittler von Zeitgeist und politischen Tendenzen. Machen also auch Leuten, die immer glauben, Wohnen habe nichts mit Politik zu tun, deutlich, dass sie sich den Entwicklungen der Zeit auch in ihren heimeligen vier Wänden nicht entziehen können.

Henrike Naumann, Hundertwasser, 2018, mixed media installation, exhibition view Museum Abteiberg. Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf, Courtesy the artist and KOW Berlin

Henrike Naumann, Hundertwasser, 2018, mixed media installation, exhibition view Museum Abteiberg. Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf, Courtesy the artist and KOW Berlin

In multimedialen Rauminstallationen kombiniert die Künstlerin die beinahe schmerzhaft gewöhnlichen Einrichtungsgegenstände mit Video und Sound zu einer Bühne, auf der sie ihre Jugenderfahrungen der 1990er Jahre im ehemaligen Ostdeutschland und den Prozess der Wiedervereinigung reflektiert.

Zu Naumanns zentralen Themen gehört auch der rechte Terrorismus der Zeit, der bis heute nicht vollends aufgearbeitet ist. Ihr Interesse gilt dabei insbesondere den Mechanismen von Radikalisierung in Verbindung mit Jugendkulturen sowie der Alltagsästhetik der Neunziger und Aspekten der Teilung in Ost und West.

Anlässlich der Auszeichnung mit dem LVZ-Kunstpreis zeigt Henrike Naumann im MdbK die begehbare Installation „2000“. Das Millennium, Projektionsfläche für optimistische Zukunftsvisionen und Jahr der Expo in Hannover, bildet den Ausgangspunkt für einen künstlerisch-reflektierenden Rückblick auf die 1990er Jahre, den Prozess der Wiedervereinigung und die Arbeit der Treuhandgesellschaft.

Auf der Grundlage intensiver Recherchen versucht Henrike Naumann, Zusammenhänge deutlich zu machen und die Aktualität der Fragen und Erfahrungen der 1990er künstlerisch vielschichtig zu inszenieren. In Henrike Naumanns Installation werden die Besucher/-innen mit vertrauten Möbelstücken – wie Vitrinenschrankwand, Strukturtapete und anderen Klischees – und damit zugleich unweigerlich mit eigenen Erinnerungen an das letzte Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende konfrontiert und zur Reflektion eingeladen.

Die Ausstellung von Henrike Naumann „2000“ ist im Museum der bildenden Künste vom 13. Dezember 2019 bis zum 15. März 2020 zu sehen.

Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag Spector Books erschienen und enthält Beiträge von Marcus Böick, Jörg Heiser, Markues, Kito Neto, Kathleen Rahn & Clemens Villinger, Kerstin Stakemeier und Susanne Titz. Der Band mit rund 130 Seiten und zahlreichen Farbabbildungen ist im Museumsshop, im Buchhandel sowie bei der LVZ für 27,90 Euro erhältlich.

Zur Jury gehörten Via Lewandowsky, (Preisträger von 1995), Bernd Radestock, ehem. Geschäftsführer Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft mbH & Co. KG, Julia Schäfer, Kuratorin Galerie für Zeitgenössische Kunst, Hilke Wagner, Direktorin Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Alfred Weidinger, Direktor Museum der bildenden Künste Leipzig, und – beratend – Björn Steigert, Geschäftsführer Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft mbH & Co. KG.

Flankierend zur Preisträgerinnenausstellung werden im Foyer des MdbK aktuelle Arbeiten früherer LVZ-Kunstpreisträger gezeigt, die diese für eine am 31. Oktober 2019 erschienene Sonderausgabe zum 125-jährigen Bestehen der Leipziger Volkszeitung geschaffen haben.

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2014 in Plagwitz entdeckt: Edward-Snowden-Platz. Foto: Marko Hofmann

Foto: Marko Hofmann

KommentarNatürlich staunten auch wir bei der L-IZ, als der Stadtrat im Januar plitzplauz und aus heiterem Himmel dem Antrag von Stadtrat Thomas Kunmbernuß (Die PARTEI) zustimmte, die Arndtstraße in der Leipziger Südvorstadt in Hannah-Arendt-Straße umzubenennen. Was dann, wie es aussah, einen ganzen Schwanz von Petitionen zu weiteren Straßenumbenennungen nach sich zog, weil ja auch andere griesgrämige Männer mit verqueren Ansichten im Leipziger Straßenraum gewürdigt wurden und werden.
Bilden Leipziger Straßennamen tatsächlich nur ein öffentliches Stadtgedächtnis?
Die viel befahrene Jahnallee. Foto: LZ

Foto: LZ

Für alle LeserMittlerweile beschäftigen ja eine ganze Reihe Anträge zu Straßenumbenennungen den Leipziger Stadtrat, nachdem der Anfang des Jahres schon der Umbenennung der Arndtstraße zustimmte. Zu jedem dieser Anträge verfasst das Dezernat Allgemeine Verwaltung in der Regel eine Stellungnahme – in der Regel ablehnend, weil seit 1999 so eine Art Stillhalteabkommen gilt, nachdem Verwaltung und Stadtrat eine Kompromissformel gefunden hatten, um die Umbenennungswelle der 1990er Jahre zu beenden.