Der 31. Oktober ist jetzt schon wieder ein paar Tage her. Die üblichen Medien schrieben allerlei Wichtiges oder auch Blödsinn über den Mann, der in Worms stand und nicht widerrief. Der „Spiegel“ griff zum ganz großen Holzhammer und erklärte Luther gleich mal zum ersten Rebellen der Neuzeit. Wahlweise auch Wutbürger. Lauter falsche Etiketten für diesen Mann, den Joseph Fiennes 2003 so genial verkörperte.

Seit dem 27. Oktober steht der Kinofilm „Luther“ (2003) mit Joseph Fiennes in der Hauptrolle in digitalisierter Form als DCP in der deutschen Fassung, in der Original Version (OV) und in der Originalfassung mit Untertiteln (OmU) zur Verfügung. Am 1. Dezember wird jetzt auch eine Jubiläums-DVD anlässlich des Jubiläumsjahres zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags in den Handel kommen.

Deutschlandweit feierte der Film mit 3,1 Millionen Besuchern Erfolge. Von anderen großen Filmprojekten über das Leben und Wirken Martin Luthers unterscheidet sich der Film dadurch, dass er die psychologische Entwicklung des jungen Luther vom von Zweifeln zerrissenen Mönch zum Reformator zeigt.

Und wer den Film jetzt wieder anschaut, wird merken, dass Joachim Köhler mit seinem im Sommer vorgelegten Buch „Luther!“ einen ganz ähnlichen Luther zeigt. Und wie sehr wir uns von alten Luther-Bildern in die Irre führen lassen. Alt im doppelten Sinn. Das ist wie mit dem Leipziger Bach-Bild: Man hat den 60 Jahre alten Bach vor Augen, den arrivierten Mann, der mit niemandem mehr einen Streit auszufechten hat. Was zwar auch trügt. Denn dass der von Haußmann gemalte alte Bach nicht mehr kämpft, hat eine Menge mit Resignation zu tun. Tatsächlich zeigte das jüngst von John Eliot Gardiner vorgestellte Buch „Bach. Musik für die Himmelsburg“, wie ähnlich sich diese beiden Männer waren.

Aber nicht in ihrer behäbigen Alterswürde. Und auch das Luther-Bild wird ja vom wohlgenährten, arrivierten alten Professor aus Wittenberg dominiert. Selten wird der junge Mönch oder der Junker Jörg auf die Cover gepackt, wenn es eigentlich um den ringenden, suchenden, immer wieder von Depressionen heimgesuchten Martin Luther geht, der in den Konflikt mit Kaiser und Papst regelrecht hineingetrieben wurde. Es gibt genug Zeugnisse, die belegen, dass er genau das nicht wollte.

Und genau an der Stelle wird dieser Zweifelnde und Fragende, der sich nicht zufrieden gab und die offensichtlichen Widersprüche seiner Zeit nicht akzeptieren konnte, ein sehr moderner Mensch.

Joseph Fiennes, den die Kinobesucher schon als eindrucksvollen Darsteller aus „Shakespeare in Love“ kannten, hat diesen um Barmherzigkeit und auch Erbarmen ringenden Bruder Martin kongenial dargestellt. Und wer aufmerksam schaut, der merkt, dass „der richtige Glaube“ eigentlich nur die Hülle ist für etwas zutiefst Menschliches, das auch heute noch gilt – und für so viele Menschen uneingelöst ist. Es rumort ja schon längst wieder, ratlos, ziellos, in gewisser Weise auch hoffnungslos. Ganz so, als glaubten die Menschen der Gegenwart nicht mehr daran, dass ihr Leben ein Geschenk ist und sie ihr Glück niemandem verdanken, es niemandem schuldig sind.

Denn das ist ja der zentrale Gedanke, der Luthers Weg erst begreifbar macht: Was passiert eigentlich mit einem Menschen, der sein Leben lang in Angst lebt vor Hölle und Fegefeuer, der nie genügt und der sich regelrecht freikaufen muss von seinen „Sünden“? Der keine Stunde Ruhe hat, weil er um seine Sündhaftigkeit weiß und selbst die Instanz, die ihn eigentlich trösten sollte, nur Buße und Ablass predigt?

Dieser Mensch muss verzweifeln.

Oder resignieren.

Denn er wird nie frei.

Und er steht dann vor dem Kaiser und dem Abgesandten des Papstes, die ihn zum Abschwören und zur Unterwerfung zwingen wollen. Ein Dilemma, das alle kennen, die auch nur den Mut haben, die erstarrten Glaubensgebäude der Welt infrage zu stellen. Die Mächtigen haben immer alle Instrumente auf ihrer Seite. Im Film wird der junge Kaiser Karl V. mit den Worten zitiert: „Ich hätte ihn verbrennen sollen.“ Spalatin spielt im Film eigentlich die zweitwichtigste Rolle – er ist Berater des Kurfürsten Friedrich und macht Luther immer wieder klar, dass er – ohne es gewollt zu haben – mitten auf das Feld der Politik geraten ist, wo andere Regeln gelten.

Denn wer die Glaubensfrage stellte, stellte auch die Machtfrage. Und die nach der „Freiheit eines Christenmenschen“, um eine Luther-Schrift zu zitieren.

Manchmal wirkt es wie ein großes Schachspiel, in dem Luther zwar die entscheidende Figur ist. Aber seine Gedanken sind wie ein Zündfunke und haben längst die Menschen erfasst. Denn auf einmal stand auch die Frage nach Gewissensfreiheit im Raum. Die Dinge nehmen ihren Lauf und lassen sich nicht mehr steuern oder gar zurückdrängen. Die Zeit war reif für dieses neue Denken. Und den Kontinent hat das nicht deshalb in Brand und Krieg versetzt, weil hier wirklich Glaubensfragen aufeinander prallten, sondern eine alte, wie zementierte Macht sich in den Grundfesten bedroht sah. Und sich wehrte – mit Feuer und Schwert.

Man möchte es so gern auch in der Truhe Geschichte lassen. Es ist vor 500 Jahren passiert. Papst und Kaiser hätten die riesige Chance gehabt, die Reformation zu begrüßen und die zum Ablasshandel-Großunternehmen verkommene Kirche zu verändern, zu reformieren. Aber sie haben die Chance nicht ergriffen. Und auf einmal ist das keine alte Geschichte mehr, sondern eine ganz moderne. Denn es ist die Geschichte aller erstarrten Hierarchien und ihrer Unfähigkeit zur Veränderung. Und da muss man nicht mal nur an die friedlichen Revolutionen in Osteuropa denken, deren Zündfunke übrigens nicht aus den Kirchen allein kam.

Wer Luther nur im Rahmen der Kirche und der Religion versucht zu begreifen, hat nicht verstanden, was der Mann eigentlich mit seinem Gewissen und mit seinem Hadern mit dem verinnerlichten ewig strafenden Gott ausgefochten hat. Und auch nicht, warum seine Thesen und alle daraus folgenden Schriften wie eine Befreiung wirkten – einer zuallererst geistige Befreiung von Bevormundung, moralischer Erpressung und Denkverboten.

Im Film wird es in der innigen Beziehung zwischen Luther und seinem Mentor Johann von Staupitz (gespielt von Bruno Ganz) sehr eindringlich gezeigt, warum Luthers Rückgriff auf den Text der Bibel wie ein Explosivstoff wirkte. Auf einmal hatten die Priester und Päpste nicht mehr die Deutungshoheit. Auf einmal war dem ganzen konstruierten Gnaden-Gebäude der römischen Kirche der Boden entzogen. Auf einmal wurde sichtbar, dass die Glaubenshierarchie auf falschen Behauptungen beruhte, einem Konstrukt aus Riten, närrischen Heiligenlegenden und völlig aus der Luft gegriffenen Geschichten von Hölle und Fegefeuer.

Mit Angstmache ließ sich schon immer gut regieren.

Man ahnt, wo dieser hadernde, suchende, erst zum Rebellen gemachte Luther heute stünde. Und die schlichte Wahrheit ist: Eine Menge Alleinherrscher stünden im Mittelpunkt seiner Kritik. Der Papst vielleicht nicht. Mit dem könnte sich Luther wahrscheinlich besser unterhalten, als das mit den Päpsten des 16. Jahrhunderts möglich war.

Denn warum berührt dieser Film so? Sind es nur die sehr intensiven Inszenierungen seines Auftritts in Worms? Seiner Liebe zu den Armen und Gedemütigten? Seine Begegnungen mit Spalatin, Staupitz und – ein klein bisschen erfunden – sogar Friedrich dem Weisen? Oder gar mit dieser kessen Katharina von Bora, die sich den Luther einfach schnappt, gerade weil er so in seinen Zweifeln wütet?

Oder ist es dieses Ringen und Verzweifeln, in das er immer wieder stürzt, wie schon gleich zu Beginn, denn das Blitzerlebnis bei Stotternheim hat ja eine Menge zu tun mit seiner abgrundtiefen Verzweiflung in der Mönchszelle zu Erfurt. Hier ist er ganz Mensch: verloren, verlassen, von Furcht zerrissen und wütend auf einen Gott, den er nur als Strafenden, Verurteilenden, Vernichtenden fassen kann. Eine Verlassenheit, die auch der moderne Mensch kennt. Denn die schlichte Wahrheit ist: Wir leben auch heute nicht in einer barmherzigen Gesellschaft, einer, die das Menschliche, Verletzliche und Schwache respektiert. Oder so formuliert: Schwäche akzeptieren kann.

Denn auch das gehört ja zur Luther-Geschichte: Die triumphale Kirche seiner Zeit war (Joachim Köhler hat es sehr klug beschrieben) ein auf Gewinn getrimmtes Unternehmen. So betrachtet ein schon sehr modernes Unternehmen, das seine Profite mit dem schlechten Gewissen, der Angst und der Panik der Gläubigen machte.

Sagt hier einer, dass unsere Gesellschaft heute nicht von Angst und Panik besessen ist?

Fragt einer, woher das kommt? Warum das so ist und wer heute den Ablass verkauft, während die großen Mahlsteine über die Armen, Fremden, Nicht-Dazugehörenden rollen?

Nicht nur dieser abgrundtief verzweifelte Martin Luther ist modern. Auch der Luther, der da vor dem Reichstag in Worms zögert und sichtlich Angst hat – und der dann doch dem Kaiser ins Gesicht sagt, dass er dem, was er als Wahrheit erkannt hat, nicht abschwören kann, weil es seinem Gewissen völlig widersprechen würde. Da steht er, zitternd wie Espenlaub – aber er hat den Mut zu sagen, dass er nicht anders kann.

Deswegen ist es eigentlich falsch, wenn nur die Kirchen das Jubiläum der Reformation feiern. Denn mit diesem auf die Wahrheit drängenden Theologie-Professor aus Wittenberg meldet sich der seiner selbst bewusste moderne Mensch zu Wort, fordert etwas ein, was die alten Hierarchien nicht zu geben bereit sind. Mal Schillers Don Carlos zitiert: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“ Das Drama handelt nicht zufällig in der Luther-Zeit. Und es waren die Fürsten, die ihren Untertanen das Recht zum eigenen Denken geben konnten – oder eben nicht.

Die Intoleranz kennen wir heute noch. Sie feiert fröhliche Urständ. Sie steckt hinter falschen Versprechungen von Erlösung und beruhigtem Gewissen, von einem irgendwie „christlichen Abendland“ und einem Primat des Marktes. Die alten Götter haben sich in neue Götter verwandelt. Und sie drohen wieder mit denselben Höllen und Fegefeuern – wenn man sich nicht fügt.

Die Frage ist schon berechtigt: Wo wäre dieser Luther heute? Würde er in Kirchen predigen und die Gewissen der Gläubigen beruhigen? Oder 95 Thesen gegen den neuen Ablasshandel schreiben und sie auf allen Kanälen veröffentlichen?

So, wie wir diesen jungen, ruhelosen Luther kennengelernt haben – auch in Joseph Fiennes’ eindringlicher Darstellung – sagt einem das Gefühl, dass dieser Mann heute weder feiern noch um die verlorenen Schäfchen der Kirche barmen würde. Der würde predigen. Aber mit einer Menge Wut im Bauch. Der würde niemandem das Gefühl geben, dass nach 500 Jahren Reformation schon alles geschafft sei. Dieser Typ auf keinen Fall.

Natürlich zeigt der Film auch, wie sehr es so einen, der im entscheidenden Moment nicht umfällt und alles widerruft, bloß weil ihm die Mächtigen drohen, braucht. Immer wieder. Einen, an dem sich die Anderen aufrichten können und der eben kein Held sein will. „Ich bin kein Heiliger“, sagt der Fiennes-Luther im Film – und so beiläufig er es sagt, so sehr ist dieser Spruch im Gedränge der Kern des Films – und wohl auch der ganzen Luther-Geschichte. Es sind nicht die Maulhelden und Goldenen Reiter, die die Geschichte verändern. Es sind diese bangenden, von ihren eigenen Ängsten geschüttelten Sucher, die in all ihrer Angst sagen: „Ich kann nicht anders.“

Und die uns damit ähnlicher sind, als wir es so im alltäglichen Gedankenlossein meist glauben. Denn Gedankenlosigkeit enthebt uns nicht unserer Verantwortung für alles, was wir tun. Wir können nicht davonlaufen, auch wenn es die meisten mit aller Macht versuchen.

Dieser Luther konnte nicht davonlaufen.

Und er hat dabei lauter Fragen gestellt, die über Bibel, Glauben, Gott weit hinausgehen. Die mitten hineingreifen in unser Dasein und unser Gewissen.

Wir können unsere Erde zerstören, ausplündern und in eine tote Müllhalde verwandeln. Wir sind gerade dabei, weil die meisten von uns den neuen Ablasshändlern barmend hinterher laufen.

Dieser Luther hat ziemlich viel mit unserer Gegenwart zu tun. Wer den Film einlegt, merkt es spätestens in dieser verzweifelten Mönchszelle. Denn die tragen wir alle mit uns herum, wirklich alle. Das ist das Gewissen, das in uns wütend und fast erstickt ist, weil wir es totzuschmeißen versuchen mit lauter Beruhigungspillen.

Das ist jetzt mal kein Synonym für irgendetwas, sondern ganz real gemeint, denn nichts anderes werfen wir uns ja jeden Tag ein, um nur ja nicht darüber nachzudenken, wie viel Verantwortung wir allesamt dafür haben, dass diese Welt keine barmherzige Welt ist, sondern eine unbarmherzige. Eine, die über Leichen geht, damit die Gulden in den Kasten springen und die Goldberge wachsen.

Diese inwendige Not klingt an, wenn dieser Joseph Fiennes nach der Wahrheit und nach einem barmherzigen Gott sucht.

Wer sich also einen echten Mutmacher ins Filmregal stellen möchte oder ihn seinen Freunden schenken möchte, der kann sich auf den 1. Dezember freuen, wenn die Luther-Jubiläums-DVD in den Handel kommt.

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