Außerhalb des Erzgebirges kennt ihn kaum jemand, aber für die dort lebenden Menschen ist Anton Günther bis heute eine der prägenden Figuren des Erzgebirges. Seine Mundartlieder gehören zum kulturellen Gedächtnis der Region und werden über Generationen hinweg gesungen. Ja, sie lieben ihn dort. Und auch das recht sehnsuchtsvolle Lebensgefühl, das in seinen Liedern steckt. Denn die erzählen eigentlich davon, dass einer sich in der Fremde nach Hause sehnt, ins Erzgebirge. Übrigens auf die tschechische Seite.
Denn geboren wurde Anton Günther in Gottesgab auf der böhmischen Seite des Erzgebirges, heute: Boží Dar. Seit 1895 lebte und arbeitete er als Lithograph in Prag. So, wie das auch heute noch so manchem geht: Eine bezahlte Arbeit findet man oft erst in der Fremde. Und dann kommt die Sehnsucht nach Bergen und Wäldern, Wiesen und plätschernden Bächen.
Naja: Und nach den Leuten dort, mit denen man sich verstand, weil man die selbe Mundart sprach. Weshalb Günther sich mit anderen Erzgebirglern in Prag im „Guttsgewer Obnd“, traf, also im Gottesgaber Abend. Und da entstand sein erstes Lied, mit dem er bekannt wurde: „Drham is’ drham“.
Das würden auch Bayern und Sachsen so unterschreiben, nur anders formulieren.
Seine Lieder trafen den Nerv der Erzgebirgler. Schon vor dem Ersten Weltkrieg trat er mit ihnen in Gaststätten auf – und zwar vor allem auf der sächsischen Seite. Denn da kam das Kur- und Urlaubswesen um diese Zeit in Schwung. Und die Urlauber genossen diese Abende mit gemütlicher Musik. Nach dem Krieg nahm Günther dann die bekanntesten Lieder auch auf Schellackplatten auf.
Eine DVD zum 150.
Zu seinem 150. Geburtstag im Jahr 2026 bringt nun das Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz den erfolgreichen Bühnenabend „Mei Harz braucht Lieder“ auf DVD heraus. Darin geht es ausschließlich um Anton Günther und seine Lieder.
Der Tenor Richard Glöckner und die Regisseurin Jasmin Sarah Zamani nähern sich dem Leben und Werk des Volksdichters, Sängers und Komponisten in einer sehr persönlichen Form. In einem fiktiven Dialog begegnet Glöckner Anton Günther als Klappmaulpuppe.
Lieder, Texte und biografische Stationen verbinden sich zu einer Spurensuche zwischen Musik, Theater und Figurenspiel. Die Inszenierung fragt aber auch, was Heimat und Tradition heute bedeuten, und nimmt auch die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in den Blick, die Günthers Leben und Werk prägten. Nachdenklichkeit und kritische Auseinandersetzung stehen dabei neben Humor und der Freude an seinen bis heute bekannten Liedern.
Denn nach dem Ersten Weltkrieg, an dem Günther als Soldat teilnehmen musste, wurde es problematisch mit seiner Heimat. Denn der böhmische Teil des Erzgebirges, der zuvor zur k.u.k.-Monarchie gehört hatte, wurde nun Teil der neu gegründeten Tschechoslowakei. Und eins seiner Lieder, das er schon 1908 geschrieben hatte, wurde jetzt zum Spielball der Ideologen: „Deitsch on frei woll’n mer sei“.
Es ist ein wenig wie mit dem „Lied der Deutschen“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Der Dichter dachte sich nichts groß dabei, schwelgte in hymnischem Ton – und am Ende passte der Song bestens ins Repertoire der Nationalisten.
Dass Deutschland schon lange eine neue Nationalhymne ohne den ganzen Schwulst braucht – keine Frage. Günthers Lied – so meint es zumindest ein Beitrag des MDR – sei bis heute so etwas wie die „heimliche Hymne des Erzgebirges“.
Wer ermittelt so etwas? Oder stellt man das einfach fest, weil es irgendwer gesagt hat? „Bis heute wird das Lied zum aggressiven Bekenntnis der eigenen Nationalität beispielsweise bei Pegida und den sogenannten Coronaspaziergängen, unter anderem in Zwönitz, gesungen“, schrieb der MDR 2022.
Dass es um diese Tümelei eher nicht ging in Günthers Liedern, macht denn auch das Programm „Mei Harz braucht Lieder“ etwas deutlicher. Denn da wird deutlicher, wie die Lieder aus der ganz persönlichen Lebenssituation Anton Günthers entstanden sind. Das Programm wurde beim Sächsischen Theatertreffen 2024 ausgezeichnet.
Nach der mit dem BR-KLASSIK-Operetten-Frosch prämierten und ebenfalls auf DVD erschienenen Produktion „Der reichste Mann der Welt“ folgt damit eine weitere filmische Veröffentlichung des Eduard-von-Winterstein-Theaters, teilt Rondeau Production mit, wo die DVD jetzt erschienen ist.
Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg, Richard Glöckner, Peggy Einfeldt „Mei Harz braucht Lieder. Ein Anton-Günther-Abend“
Veröffentlicht bei Rondeau Production: September 2026, Gesamtzeit: 79:20, EAN: 4037408090216, Bestellnummer: ROP9021
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