Leben im „Kleinen Joachimsthal“: Wenzel Prager Bierstuben haben schon still und böhmisch eröffnet

Man hatte es fast schon weggeguckt, das Kleine Joachimsthal. Die Schaufenster waren zugestaubt, das Tor verrammelt. Selbst die Stampe, die hier noch ausgehalten hatte, als der alte Durchgangshof an der Kleinen Fleischgasse Nummer 8 längst für andere Nutzungen gesperrt war, war irgendwann ausgezogen. Und dann begann das jahrelange Theater der wechselnden Eigentümer. Wer dieser Tage da vorbeikommt, stutzt natürlich: Fünf Tische stehen auf dem Pflaster, der Durchgang ist offen, Kellner wetzen mit Tabletts rein und raus.
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„Wenzel“ steht, wo man es lesen kann, an den geputzten Scheiben. Seit dem 10. Juli ist hier Leben, wo noch vor kurzem jeder Stadtführer sagte: „Da gehen wir doch lieber woanders lang.“ Hier war die Kneipenmeile zu Ende. Die Sonnenschirme des „Coffee Baum“ waren die letzten in der Reihe. Dann kamen noch Container, Abdeckplanen, Gerüste. Und das immer wieder neue Jubilieren über neue Eigentümer und Investoren und hochfliegende Pläne. Allein vier verschiedene Eigentümer hat Michael Möckel, Geschäftsführer der Wenzel Prager Bierstuben erlebt, seit er 2001 in Leipzig das Terrain sondierte für ein Restaurant nach dem Vorbild der Dresdner „Wenzel Prager Bierstuben“.

Die waren 1998 eröffnet worden als Antwort auf die Bitte des Käufers der Königstraße 1, im Erdgeschoss eine besondere Restauration unterzubringen. „’ne böhmische Knödelbude“, scherzt Möckel heute über die damalige Idee, mit der sich die vier Inhaber der Wenzel Prager Bierstuben Gastronomie Betriebs GmbH an die Arbeit machten, ein besonderes Lokal für das Haus im barocken Viertel zu entwickeln.

Die Idee war eigentlich wie so viele eine Idee aus Verlorenem heraus: Hatte Dresden bis zur Wiedervereinigung noch acht böhmische Restaurationen gehabt, waren sie 1997 alle verschwunden. Dresden ohne ein echtes böhmische Lokal? – Ging nicht. Geht nicht. „Und auf keinen Fall sollte es wie ein bayerische Gasthaus werden“, erinnert sich Möckel. Wurde es nicht. Zur Ortserkundung fuhren die vier Partner und der Hausbesitzer sogar nach Prag, besichtigten auch das berühmte „U Fleku“. Und danach war klar, dass es um urige, aber schnörkellose Prager Gastlichkeit ging. Und gute böhmische Küche natürlich.
Was anfangs nach einer Sliwowitz-Idee aussah, funktionierte. Und drei Jahre später dachten die vier Inhaber mit Recht an eine Expansion. Das musste auch in anderen größeren Städten funktionieren. „Leipzig sollte eigentlich unsere Nummer 2 sein“, sagt Möckel. Und das „Kleine Joachimsthal“ war von Anfang an in der engeren Wahl. „Ich habe mir auch noch fünf, sechs andere Räumlichkeiten hier in Leipzig angeschaut, aber bei jeder hab ich mir gesagt: Nee, das isses nich.“ Das „Kleine Joachimsthal“ musste es schon sein. Denn zu richtigen Prager Bierstuben gehören wirklich viele Räume, die miteinander verbunden sind. Und wer jetzt das „Kleine Joachimsthal“ besucht, sieht, dass genau das hier zu finden ist – links ein kleiner Gastraum in der einst hier befindlichen Kneipe, rechts einer, der mehr Bar-Charakter hat, dahinter ein schmaler Schlauch – auch da sitzen zwei zufriedene ältere Herren bei ihrem Bierchen und lassen sich nicht stören von der Journalistenschar.

Dahinter ein separater Raum, geeignet für Feiern, aber auch fürs Frühstücksbuffett, denn dahinter hat der Raum gleich Anschluss zu einem Hostel, das im ersten Geschoss untergebracht ist. Man merkt, dass die Mieter gar nicht mehr warten wollen, bis alles fertig ist. Im Durchgang sind noch die Maler am Werk und bringen die historische Bemalung auf den Putz. Die weißen Kacheln im Innenhof sind wieder denkmalgerecht hergerichtet. Nur ganz oben fehlt noch das Glasdach. Da kann man dann auch hier im Innenhof sitzen, wenn es regnet über der Stadt.

„Eigentlich wollten wir ja im April eröffnen“, sagt Möckel. Die Verträge wurden 2011 unterschrieben. Als endlich ein Besitzer das Haus übernahm, der nicht nur plante und versprach, sondern auch baute – die Leipziger CG Gruppe. Seit anderthalb Jahren bringt sie die 1606 errichtete historische Passage in Schuss. Die Verzögerungen waren wohl absehbar. Zu lange stand das Haus leer.
Und dass trotzdem noch ein Gerüst ein Schaufenster verstellt, ärgert den Dresdner sichtlich. Die Neugierigen kommen trotzdem herein, denn wer Tourist ist in Leipzig, der kennt das schon: Wo ein Tor offen steht, da guckt man rein. Da ist meistens das Beste zu entdecken. Das Tor steht offen. 600.000 Euro hat die Wenzel Prager Bierstuben Gastronomie Betriebs GmbH investiert in die rustikale Ausstattung, die moderne Küche, sogar eine kleine Kletterburg für die Kinder im großen Raum gleich östlich des gewaltigen Tresens, an dem man sein Staropramen trinken kann.

Denn mit der Prager Biermarke fing alles an 1998. Linkerhand des Tresens gibt es den nächsten großen Raum, dahinter wieder eine kleine Stube, eine größere … „Nach so was suche ich überall, wo wir ein Lokal eröffnen wollen“, sagt Möckel. 2000 wurde ein „Wenzel“ in Zwickau eröffnet, 2005 einer in Magdeburg, 2006 einer in Halle. Der jüngste entstand 2007 in Warnemünde. Das Konzept funktioniert.

„Bevor wir in Magdeburg aufgemacht haben, hatten wir schon das Bestellbuch voll bis Weihnachten“, erinnert sich der Mann, der eigentlich nur noch neue „Wenzel“ eröffnen möchte. Es macht ihm sichtlich Freude. Und die Mitarbeiter sind mittlerweile Eigengewächse. Für die Leipziger Neueröffnung wurden sie aus den anderen „Wenzel“-Bierstuben nach Leipzig gelockt. Daniela Kerber, die Geschäftsleiterin Wenzel Prager Bierstuben Leipzig, hat zuvor die Niederlassung in Halle geleitet.
Die Speisekarte ist nicht nur groß und bunt – sie ist auch reichhaltig. Die Gerichte stehen auch auf tschechisch da. „Wir haben eine Menge gelernt von unseren böhmischen Köchen“, sagt Möckel. Zwei hätte man noch unter Vertrag. Aber die Küchenmannschaft hätte das jetzt alles drauf. Reichhaltig ist die böhmische Küche. Einfallsreich, aber nicht exotisch. Und die Neugierigen, die sich nur mal den neuen Innenhof beschauen wollten, sitzen gleich am Nachbartisch und lassen sich auftafeln.

„Die Verzögerung war nicht einfach für uns, aber umso schöner ist es, dass wir nun endlich öffnen konnten“, erklärt Geschäftsleiterin Daniela Kerber. Ohne Blasmusik. Blasmusik wird es wohl auch später nicht geben. Damit hätte man in Dresden keine wirklich guten Erfahrungen gemacht. Es ist auch in Prag nicht üblich, die Gäste mit böhmischer Blasmusik zu beschallen. Man geht ins Bierhaus, um einen gemütlichen Abend zu erleben.

Wer schaut, sieht: Die Wenzel Bierstuben, die jetzt böhmische Gastlichkeit auch auf den Drallewatsch bringen, sind schon fleißig in Betrieb. Eine kleine Eröffnungsfeier mit geladenen Gästen gibt es am 2. August. Aber darauf muss nun wirklich niemand mehr warten. Wer kommt, bekommt sein Gezapftes, kann den Malern noch bei der Arbeit zuschauen draußen in der Passage. Drinnen zeigt ein warmer Ockerton, dass Aleko Adamaia mit seinem Teil auch fast fertig ist.

Er ist Georgier, hat sein Atelier in Dresden, fliegt aber auch jedes Jahr in seine georgische Heimatstadt Tbilissi. Er hat schon den ersten „Wenzel“ ausgemalt mit Szenen zur Bibel um die Geschichte vom verlorenen Sohn. Die hat er jetzt auch in jedem neuen „Wenzel“ neu gemalt und variiert und erweitert. Symbolische Weinranken bringen seine Heimat Georgien ins Bild. Und es braucht gar keine eingerahmten Bilder mehr vom Alten Prag.

Ein Durchgang im Hof ist noch versperrt. Dahinter wird man später einen weiteren Gang entdecken, der sich hinter den 600 Quadratmetern des „Wenzel“ hinüberschlängelt zu einem weiteren Innenhof, der auch noch zum „Kleinen Joachimsthal“ gehört und den Passanten unverhofft auf die Hainstaße bringt.

www.wenzel-bierstuben.de


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