Wave Gotik Treffen 2015: Ein Interview über Neofolk und Politik mit Tony Wakeford von Sol Invictus

Für alle LeserAls 2012 das erste Runes-and-Men-Festival in Dresden stattfand, hatte ein Antifa-Protestschreiben verlangt, die Veranstaltung abzusagen, da manche der auftretenden Gruppen, allen voran die umstrittene Band Death In June, Sympathien für rechtes Gedankengut hegen würden. Ein Jahr später stand die zweite Auflage in der Leipziger Theaterfabrik an und bot die Gelegenheit für den Szene-Autor Alexander Nym mit dem Sol Invictus-Sänger Tony Wakeford ein bemerkenswertes Interview über Neofolk und politische Irrungen und Wirrungen zu führen.
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Im Jahr 2013 trat in Leipzg neben Sol Invictus mit dem Violinenvirtuosen Matt Howden alias Sieben ein Komponist beim „Runes and Men“-Festival auf, der mit seinem Stück „Rite against the Right“ ein klares Zeichen gegen Rechts gesetzt hat. Auch den meisten anderen Bands war nichts vorzuwerfen, außer dass sie mit diesen oder jenen „Verdächtigen“ (wie etwa Death In June) eine Bühne geteilt oder zusammengearbeitet haben.

Dennoch verursachte das Festival in den Reihen der Kritiker Besorgnis, unter anderem konkret wegen des Headliners Sol Invictus aus London. Vor allem dem einstigen Mitbegründer von Death In June Tony Wakeford wurde vorgeworfen, sich nicht ausreichend von rechter Politik distanziert zu haben. Dass Wakeford Death In June 1983 verlassen musste, weil er der National Front beigetreten war, wurde ihm lange vorgehalten. Grund genug für Alexander Nym, Tony Wakeford ein paar Fragen zu stellen.

Aufgrund der aufgekommenen Fragen zu Neofolk auf dem Wave Gotik Treffen 2015 gibt die L-IZ hier nochmals zur besseren Einordnung und um zu zeigen, wie vielschichtig das Thema ist, mit freundlicher Genehmigung von 3Viertel und Alexander Nym das vollständige Interview wieder. Wakefords Band spielt im Rahmen des diesjährigen Treffens im Alten Landratsamt.

Wie lange warst du bei der National Front, und was führte dazu, dass du dich abgewandt hast?

Als reguläres Mitglied nicht lange, ein paar Jahre Mitte der Achtziger. Aber es gab Freundschaften darüber hinaus. Grundsätzlich hatte ich mich in eine Sackgasse verrannt und musste erkennen, dass meine Interpretation dessen, worum es ging, nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Also beschloss ich, mich aus dieser Sackgasse raus zu bewegen. Trotz einiger weniger Leute mit guten Absichten, denen ich begegnet war, handelte es sich um eine Szene, die besessen war von „den Juden“ und Homosexuellen.

Manche wundern sich vielleicht darüber, dass ein ehemaliges NF-Mitglied ein zionistisches Lied eingespielt hat (für die Compilation „Zion Sky“, 2012).

Heutzutage reicht es schon, an das Existenzrecht Israels zu glauben, um Zionist zu sein. Ich denke einfach, dass Israel ebensoviel oder wenig Recht hat, zu existieren, wie jedes andere Land, und die Tatsache, dass sowohl Links- wie Rechtsextreme es von der Landkarte getilgt sehen wollen, ist nur ein weiterer Anreiz, ihnen den Finger zu zeigen.

Es gibt Gerüchte und Anschuldigungen, du würdest die Infiltration der Neofolk-Szene durch Rechts befördern. Warum, denkst du, funktioniert dieses Thema noch?

Beide Extreme beherbergen beziehungsweise sind attraktiv für Leute mit, um es höflich auszudrücken, psychologischen und Egoproblemen. Einer Tendenz, überall Verschwörungen zu sehen und dem Bedürfnis, Teil jeder Geschichte zu werden, in die sie sich hineinquetschen können. Einige der auf beiden Seiten Beteiligten teilen gemeinsame Charakteristika. Das bedeutet, dass man nicht einfach einen Fehler gemacht haben und seine Meinung ändern kann; man muss Bestandteil einer geheimnisvollen Verschwörung sein, und wenn irgendein Widerling auf eines meiner Konzerte geht, wird das zum Beweis, dass man Teil eines Nazi-Netzwerks ist, das unsere Pop-Jugend korrumpieren will.

Neofolk ist eine winzige Musikszene, und diejenigen in ihr, die tatsächlich mit der extremen Rechten zu tun haben, sind eine winzige Sekte. Was nicht heißt, dass man die krude Ansammlung religiöser Spinner, Schwulenfeinde und Holocaustleugner nicht kritisieren sollte. Rome und Sol Invictus haben unter einigen Wenigen Wutanfälle ausgelöst, als wir uns skandalöserweise geweigert haben, uns mit dieser Szene in Verbindung bringen zu lassen.

Ich glaube nicht an Zensur, aber ich habe das Recht zu entscheiden, mit wem ich auftreten möchte. Wie ich höre, macht mich das zu einer Marionette meiner bösartigen jüdischen Frau und ihrer wurzellosen kosmopolitischen Hintermänner.

Dennoch tauchen solche Anschuldigungen immer wieder auf. Wie würdest du jemandem Sol Invictus beschreiben, der noch nie von euch gehört hat, aber besorgt ist, ihr könntet eine Truppe hasserfüllter Rassisten sein?

Ich habe keine Ahnung. Ich bin ein fetter Engländer, der erbärmliche Lieder schreibt, die sich oft, aber nicht ausschließlich, um die seltsamen Auswüchse von Sex und Klasse drehen, die die Geschichte unserer Insel ausmachen. Wer nach hasserfüllten Rassisten sucht, sollte sich anderswo umsehen. Aber im Ernst, ich glaube nicht, dass Zweideutigkeit eine Option ist, wenn man eine Vergangenheit wie meine hat. Wenn ein paar Flugstunden entfernt Menschen eingesperrt oder sogar ermordet werden, weil sie nicht in jemandes Konzept eines sauberen Staates oder Religion passen, will ich keinerlei Unklarheit darüber, wo ich und die Band stehen.

Es scheint aber egal, was du tust, irgendjemand wird es immer als Beweis für eine rechte Gesinnung auslegen. Wie sieht deine Politik heute aus?

Heute bin ich Vegetarier und Tierschutz-Freak. Egal, wie schlecht die Dinge stehen, es kann niemals so schlimm werden, dass man so was wie die National Front bzw. Socialist Worker’s Party oder Variationen derselben an der Macht wissen möchte – Schauder!

Wave Gotik TreffenNeofolk
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