Die Karawane zieht weiter, der Pegasus hat Durst + Bildergalerie

Die Rosenmontagsausgabe des "Durstigen Pegasus" hatte mit den geistlosen Plattitüden vieler Büttenreden so gar nichts gemein. Drei Autoren, nämlich Serius Bjerkelej, Paul-Henri Campbell und Conny Thömer lieferten geistreiche Literatur und zwar abwechslungsreicher als die Motivwagen so manches Karnevalsumzugs.
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Doch zu Beginn musste erst einmal Platz geschaffen werden, damit auch alle Interessierten im Schwalbennest der Moritzbastei unterkamen. „Wenn wir noch ein bisschen stapeln, findet jeder einen Platz“, stellte Moderator Elia van Scirouvsky fest. Dann schlug das geflügelte Ross auch schon mit den Schwingen und Serius Bjerkelej nahm die Zuhörer mit auf die überraschende Reise einer Frau in die unrühmliche Vergangenheit ihrer selbst. Zunächst überlegt sie schlicht, was sie zu einem Rendezvous anziehen soll und ob die gewählte Unterwäsche nicht zu gewagt für ihr Alter sei. Später in der Straßenbahn begegnet sie der „zweiten Frau“ so auch der Titel der Erzählung. Die liebevoll geschilderten Details werden bedrohlicher und aus einer vermeintlich anrührenden Liebesgeschichte entwickelt sich ein spannungsgeladenes Psychodrama.

Eine mitreißende Geschichte, die sich den aufrichtigen Applaus anstatt eines müden Tusches verdient hatte. Bjerkelej aber blieb bescheiden: „Ich sehe mich deswegen nur als ‚Schreiberling‘, weil ich beim Lesen anderer Autoren denke: `Das funktioniert an allen Ecken und Enden.` Dieses Gefühl hatte ich bei meinen Texten noch nicht.“ Was er allerdings an seiner ausgefeilten und runden Geschichte aussetzen könnte, blieb wohl den Meisten verborgen. „Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich als Autor meine Texte viel zu gut kenne. Die Innensicht kann schon ein Nachteil sein, gern würde ich einfach nur die Perspektive des Lesers einnehmen.“ L-IZ.de verriet er noch, dass er neben weiteren Kurzgeschichten an einem Roman arbeitet, an diese „Königsdisziplin“ wage er sich gerne heran. Ein anderes Geheimnis posaunte Moderator van Scirouvsky heraus: „Er ist übrigens noch Single!“
Das traf auf den zweiten Lesenden des Abends nicht zu. Der Deutsch-Amerikaner Paul-Henri Campbell schreibt tatsächlich sowohl in seiner Mutter- als auch in seiner Vatersprache – im bald erscheinenden Gedichtband „Space Race“ findet sich Lyrik auf Englisch und Deutsch. Zum Besten gab er zunächst sein Gedicht „60 Watt“, es bescherte den Zuhörern die erstaunliche Erkenntnis, das auch Glühbirnen eine gewisse Erotik besitzen. Von skurrilem Humor strotzte seine Erzählung über ein Date in der Shoa-Gedächtnisstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Der erste Kuss auf dem Platz der Hoffnung folgt der Betrachtung von Filmen über das Lager-Grauen und die Asche verbrannter Juden. So außergewöhnlich blieb auch der Rest der Geschichte über einen sehr promiskuitiven jungen Mann, der seine Liebschaften nur durchnummeriert. Darunter auch eine junge Deutsche, die „ganz scharf darauf war, mit einem Juden zu schlafen, weil sie zu Hause damit angeben und nicht als Antisemitin gelten wollte.“ „Da ist Null Autobiographisches enthalten, solche Geschichten können nur die größten Spießer schreiben“, antwortete Campbell auf die entsprechende Frage des Moderators. Zu seinen in Episoden abgefassten Vorträgen erzählte er noch im Gespräch mit Serius Bjerkelej: „Das ist für mich spannend. Die einzelnen Szenen sind wie Fotos von einer Party zu verschiedenen Zeitpunkten.“
Episoden aus ihrem Leben spiegelten auch Conny Thömers Gedichte wieder. Sie brachte eine Auswahl von Texten aus den Jahren 1984 bis 1999 mit. Ein langer Zeitraum, was sich in der Vielfalt der Themen und Stile niederschlug. Von leichtfüßig-heiter bis unheimlich-düster reichte das Stimmungsspektrum, mal in Schemata gereimt, dann wieder in freien Versen präsentierte sie ihre Poesie. Stets aber malte sie phantasievolle Sprachbilder, beispielsweise im Gedicht „Nachtfee“: „Geheimnisvolle Augen, die nur der sieht, der sie erdacht. Geheimnisvolle Augen, die der verlor, der sie vergaß.“

Begleitet wurde sie von Markus Krutzfeld an der Akustikgitarre, der zwischen den Vorträgen mit selbst komponierten Stücken die Stimmungen der Texte untermalte. Seine flink gezupften Arpeggios nahmen dabei den Platz ein, den Conny Thömer sonst in ihrer Fotolyrik den Bildern gibt. „Ich fotografiere analog und plotte meine Texte. Die klebe ich dann von Hand in das großformatige Bild und stelle sie so aus.“ Auf die Idee kam sie, als sie ein Freund zu einer Ausstellung überredete, bei der sie aber etwas Neues ausprobieren wollte. „Mittlerweile gebe ich meine Gedichte auch im Selbstverlag heraus. Ich merkte, dass die Leute meine Texte von den Bildern abschrieben, das wollte ich ihnen ersparen.“ Ein vorbildlicher Dienstleistungsgedanke. Über die Leistung aller Autoren konnten sich die Zuhörer sicher nicht beschweren.

Kostüme, „Helau“ oder „Alaaf“ waren an diesem unterhaltsamen Abend wirklich überflüssig, den Mitwirkenden gelang es, mit ihren Lesungen dem in Leipzig so dahinplätschernden Rosenmontag einen handfesten Sinn zu geben. Ausgehend von dieser Ausgabe ist auch der nächste „Durstige Pegasus“ mit Moderator Norbert Marohn trotz starker Konkurrenz durch „Leipzig liest!“ einen Besuch wert. Zum Thema „Kriminales aus Sachsen“ werden Otto Werner Förster, Gerd Müller und Alexander Lange am 19. März um 20 Uhr ins Schwalbennest einfliegen.
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