Dr. Steffi Junhold findet es "sehr wichtig für eine Stadt, die besten jungen, aufstrebenden Musiker mit den Menschen zusammenzubringen, denen es nicht gut geht". Deshalb engagiert sie sich als eine von 18 Mitstreitern bei Live Music Now (LMN) in Leipzig. Am 10. Juni lädt LMN zu einem Sonderkonzert in das Mendelssohn-Haus. Ein L-IZ-Interview.

Frau Dr. Junhold, was bedeutet Musik für Sie?

Musik ist für mich eine Möglichkeit, ohne Worte das Leben zu reflektieren – allein, zu Hause, im Auto, oder gemeinsam mit anderen in einem Konzert. Konzerte bieten vor allem durch die persönliche Interpretation der Künstler eine unersetzliche Möglichkeit, das Leben gemeinsam zu feiern – in Freud und Leid, jeder in seiner eigenen Art der Kunstrezeption, aber doch im Klang mit den Musikern und dem Publikum vereint.

Wie sind Sie zu Live Music Now gekommen?

Eigentlich bin ich in drei Schritten zu LMN gekommen. Bereits die Gründung der ersten Vereine in England 1977 durch Yehudi Menuhin habe ich im “Westfernsehen” bei den Großeltern bewundert. Dann startete München als erster deutscher Verein 1992. Ich erinnerte mich und fand es sehr wichtig für eine Stadt, die besten jungen, aufstrebenden Musiker mit den Menschen zusammenzubringen, denen es nicht gut geht.

Und als Herr Dr. Girardet, unser früherer Kulturdezernent, dann Ende 2009 die Idee an mich herantrug, in Leipzig einen solchen Verein zu gründen, war es eine große persönliche Überraschung und natürlich eine große Herausforderung. Heute sind wir 18 Mitstreiter, und unsere 60 Stipendiaten haben seither in 46 Konzerten festliche Augenblicke verschenken dürfen.

Was ist das Anliegen von LMN Leipzig?

Manche Leipziger haben keine Möglichkeit oder keine Möglichkeit mehr, Konzerte persönlich zu besuchen. Den einen fehlt schlicht das Geld, den anderen die Beweglichkeit, andere schaffen es nicht oder nicht mehr, eine ganze Stunde still zu sitzen. Davon gibt es in Leipzig mehr als man denkt: Ältere, denen die Kraft fehlt oder Jüngere, denen eine Erkrankung oder eine Lebenssituation die Kraft raubt.

Und diese Bürger unserer Stadt treffen wir dann bei unserer musikalischen Arbeit in Pflegeheimen, Krankenhäusern ebenso wie in Behindertenheimen, im Restaurant des Herzens oder in anderen sozialen Einrichtungen und schenken ihnen ein Stück Teilhabe an unserer Kultur, ein Stück Freude, ein Stück Würde.

Unser Verein LMN betreut jedes Konzert persönlich. Das Angebot wird sehr gern angenommen – wir sehen es in den spontanen Reaktionen ebenso wie in den Fragebögen, mit denen wir anschließend die Resonanz in der Einrichtung erfragen.Was war für Sie das bewegendste Erlebnis bei LMN Leipzig?

Am meisten haben uns wohl die Momente auf der Wachkomastation des Leipziger St. Georg-Krankenhauses berührt. Neben den Patienten waren auch betreuende Angehörige dabei, die vielleicht einen letzten feierlichen Augenblick gemeinsam erlebten. Und wir sahen, dass sich kleine Sensationen ereigneten: da zuckte ein Fuß, da rollte eine Träne. Seit Monaten eine sichtbare Reaktion, möglicherweise eine erste Reaktion, der andere folgen.

Besonders bewegend war auch ein anderes Ereignis: In einem Pflegeheim stand nach dem Konzert eine schlohweiße Seniorin auf, kam nach vorn und sagte: “Yehudi Menuhin wäre stolz auf Sie.” Sie hatte in Davos vor Jahrzehnten unseren Namensgeber als Musikjournalistin interviewt.

Wie heißt der außergewöhnlichste Ort, an dem ein Konzert von LMN Leipzig bislang stattgefunden hat?

Dieser Ort ist ein Pflegeheim oder genauer gesagt, die Dachterrasse des Pflegeheims in der Brüderstraße. Dort ist man mitten in der Stadt und doch hat ein Konzert dort eine ganz besondere Atmosphäre.

Worauf dürfen sich Musikfreunde am 10. Juni 2012 freuen?Wir laden ein, in der Gartenatmosphäre des Mendelssohn-Hauses bei einem musikalischen Sommerfest ab 16 Uhr unsere Stipendiaten als Stars von morgen zu erleben. Im Rahmen des Bachfestes dürfen natürlich Werke des Namensgebers nicht fehlen, genauso wie Felix Mendelssohn Bartholdy als Wiederentdecker von Johann Sebastian Bach und “Gastgeber” des Konzerts. Den Abschluss bildet ein Werk von Claude Debussy, dessen 150. Geburtstag wir in diesem Jahr begehen. Es erklingen Cello-Suite und Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach, Lieder und Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy und eine Sonate von Claude Debussy. Dieses Benefizkonzert ist eine Verbeugung vor Leipzigs Musiktradition.

Wer die breite Palette unserer Stipendiaten erleben möchte, sei zugleich zum Wandelkonzert des Bachfestes am 7. Juni 2012 ab 19.30 Uhr ins Stadtzentrum eingeladen. In vier Passagen können Sie persische Percussion, unser Oboen-Trio, das Gesangssextett und unser Jazztrio hören.

Vielen Dank für das Gespräch.

Termine:

Donnerstag, 7. Juni, 19.00 Uhr: Wandelkonzert von LMN in den Passagen in der Innenstadt – Messehof-Passage, Marktgalerie, Mädler-Passage, Specks Hof/ Hansahaus. – Es beginnen um 19.00 Uhr vier Veranstaltungen von etwa 30 Minuten Dauer. Wiederholungen 19.45 Uhr, 20.30 Uhr. In den Pausen können die Besucher zur nächsten Station wandeln und so ihren Konzertabend individuell zusammenstellen. Alle Stationen beginnen gleichzeitig. Der Eintritt ist frei.

Sonntag, 10. Juni, 16.00 Uhr im Gartenhaus am Mendelssohn-Haus (Goldschmidtstraße 12): Yehudi Menuhin Live Music Now Leipzig e.V. präsentiert seine Stipendiaten. Sonderkonzert mit Werken von Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Claude Debussy u.a., mit anschließendem Empfang. Eintritt: 15 Euro/ ermäßigt 11 Euro + VVK-Gebühr, Karten im Mendelssohnhaus und an allen bekannten Vorverkaufsstellen

www.lmn-leipzig.de

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