Bertelsmann-Studie zur frühkindlichen Betreuung: Sachsen hängt gleich mehrfach hinterher

Am 19. Juli veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung ihren "Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme". Darin wurde nicht nur festgestellt, dass der Bereich Kinderbetreuung sich auch in Sachsen als Jobmotor erwiesen hat. Es steht auch drin zu lesen, dass Sachsen gerade im Krippenbereich mit einem Betreuungsschlüssel von 1:6 meilenweit vom empfohlenen Betreuungsschlüssel von 1:3 entfernt ist. Entsprechende Kritik für die Verantwortlichen gab es gleich am Wochenende.
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„Sachsen hat sich in den vergangenen fünf Jahren in Fragen der frühkindlichen Bildung gut entwickelt. Zum 1. März 2011 arbeiteten rund 26.500 Erzieherinnen und Erzieher in sächsischen Kitas. 2006 waren es noch 21.000. Keineswegs günstig hat sich aber die Qualität der Beschäftigung entwickelt“, erklärt Hassan Soilihi Mzé, Vorsitzender der AfB Leipzig. AfB ist die Arbeitsgemeinschaft für Bildung (AfB) in der SPD Leipzig. Aber nicht nur die Betreuungsrelation ist schlechter als im Bundesdurchschnitt. Die Bertelsmann-Studie wies auch darauf hin, dass in sächsischen Kindertagesstätten etwa 78 Prozent des pädagogischen Fachpersonals in Teilzeit beschäftigt sind. Der Wechsel in die Vollzeitbeschäftigung fällt sehr gering aus, was allerdings nicht hauptsächlich arbeitnehmerseitige Gründe habe.

„Die Teilzeitbeschäftigung ist vor allem pädagogisch äußerst problematisch. Im Schnitt werden Kinder in der Kita bis zu sieben Stunden betreut. Teilzeitbeschäftigung erzwingt, dass in dieser Zeit ein Wechsel bei der Betreuung erfolgt. Eine feste, außerfamiliäre Bezugsperson ist so nicht gegeben“, so Hassan Soilihi Mzé.

Ein anderes Problem stelle das geringe Vergütungsniveau sächsischer Kindererzieherinnen und -erzieher dar. Soilihi Mzé weiter: „Erzieherin oder Erzieher zu werden, ist mit besonderem Blick auf die Gehaltssituation nicht attraktiv. In der Regel erfolgt eine Eingruppierung in die Entgeltstufe 6 TVöD, was bedeutet, dass bei einer Teilzeitbeschäftigung der durchschnittliche Netto-Monatsverdienst deutlich unter 1.000,00 Euro liegt. Wer sich für den Erzieherberuf entscheidet, entscheidet sich momentan auch bewusst für ein eher geringes Einkommen. Das tun aber nur wenige.“

„Besonders mit Blick auf den ab 1. August 2013 wirksamen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz müssen deshalb Anreize geschaffen werden, die Attraktivität des Erzieherberufs zu heben, um so mehr Menschen für dieses Berufsfeld zu gewinnen“, meint Hassan Soilihi Mzé. „Die grundsätzliche TVöD-Aufgruppierung von Erzieherinnen und Erziehern ist hier ebenso notwendig wie eine verstärkte Vollzeitbeschäftigung. Dabei ist in erster Linie die Staatsregierung gefordert. Sie muss die Träger von Kindertagesstätten verpflichten, zu prüfen, inwieweit und unter welchen Bedingungen Erzieherinnen und Erzieher ihre Stundenzahl ausweiten können, denn noch immer sind rund 64 Prozent aller in Sachsen geschaffenen Stellen im Kita-Bereich Teilzeitverhältnisse.“

Aber da Sachsen augenscheinlich auch mit dem Doppelhaushalt 2013 / 2014 von seiner Spar-Politik nicht Abstand nimmt, könnte die Hoffnung durchaus verfehlt sein.

Soilihi Mzé: „Wir brauchen für alle Kinder in Sachsens Kitas motivierte Bezugspersonen. Dazu ist in der frühkindlichen Bildung strukturell ein grundlegendes Umsteuern notwendig. Allein auf eine ?Massenumschulung? von Langzeitarbeitslosen zu vertrauen, wie sie derzeit von der CDU favorisiert wird, wird diesem Umsteuern nicht gerecht werden können. Nicht zuletzt, weil dieser Vorschlag absolut nichts zur Verbesserung der momentanen Strukturen beiträgt.“Für den Leipziger Stadtrat der Linken, Rüdiger Ulrich, zeigt sich im Personalschlüssel das allgemeine ostdeutsche Dilemma, zu wenig Geld für den Sozialbereich zur Verfügung zu haben. Dass auf Kosten von Lehrern und Erzieherinnen gespart wird, ist ja nicht neu. Es könnte aber in den Jahren zunehmenden Fachkräftemangels geradezu zum Bleigewicht werden.

Ulrich: „Sachsen hat in der Krippe nach wie vor mit einer pädagogischen Fachkraft für sechs Kinder gemeinsam mit Brandenburg (1 : 6,2) und Sachsen-Anhalt (1 : 6,1) den schlechtesten Personalschlüssel aller Bundesländer. Vergleicht man dagegen den Personalschlüssel in den westdeutschen Bundesländern, so liegt dieser in einer Spanne zwischen 1 : 3,2 (Saarland) und 1 : 5,1 (Hamburg) wesentlich günstiger. Das hat Auswirkungen auf die Qualitätssicherung in den Kindertagesstätten, denn bei diesem rechnerischen Schlüssel bleibt es nicht. Aufgrund von Ausfallzeiten sind acht und mehr Kinder in der Gruppe keine Seltenheit. Die hohen Anforderungen, die der Bildungsplan stellt, sind so nicht zu erfüllen.“

Ohne mehr finanzielles Engagement der Landesregierung kann es da keine Besserung geben. Rüdiger Ulrich: „In einer Kita-Kampagne fordern Wohlfahrtsverbände, GEW und Elternverbände einen Personalschlüssel von 1 : 4 in der Krippe. Wir fordern die Landesregierung auf, endlich entsprechend aktiv zu werden, um die Rahmenbedingungen zu schaffen, die für eine hohe Qualität in der Bildung und Erziehung in den Kitas erforderlich sind.“

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung: www.bertelsmann-stiftung.de

www.laendermonitor.de


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