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Warum verlieren nur so viele Menschen ihre angeborene Fähigkeit zum offenen Denken?

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    Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht. Möglicherweise ja. Deswegen sind Sie ja hier. Sie sind bei der L-IZ nicht gelandet, weil Sie die Welt so betrachten wie die meisten anderen Leute, die mit ihrem Schmalspurblick und Scheuklappengang ihren Weg traben und immer nur sehen, was zu ihrer schmalen Weltsicht passt. Ist leider so. Das ist die Tragik unserer Zeit.

    Mit allen tragischen Ergebnissen. Denn Scheuklappenmenschen sehen nicht nur immer nur denselben schmalen Ausschnitt von der Welt und reagieren auf alles, was diese Schmalspur-Interpretation stört, mit Unbehagen, Abwehr und Aggression. Sie befürworten auch nur die Lösungen, die zu ihrem Schmalspurdenken passen. Und sie filtern genauso ihren Medienkonsum.

    Und weil viele solcher Schmalspurmenschen auch Medien machen, gibt es eine überbordende Anzahl von Medien, die Schmalspurdenken bedienen, umschmeicheln und befördern. Und damit Effekte bestärken, die für unsere komplexe und anspruchsvolle Gesellschaft geradezu brandgefährlich sind.

    Das klingt jetzt alles etwas abwertend. Vielleicht auch ein bisschen alarmiert, weil mittlerweile längst die Folgen solchen Denkens zu sehen sind. Bis hin zu einer Simplifizierung der meisten Nachrichtenkanäle und der generellen Informationsbasis in unserer Gesellschaft, die geradezu der Humus werden für genauso simple politische Rezepte und Verführungen.

    Ein etwas anderer Aspekt zu dem, was „social media“ in unserer Welt nur noch verschärft haben.

    Und bevor ich es weiter unten vergesse zu schreiben: Ich bleibe dabei, Neil Postmans Warnung noch immer und erst recht für berechtigt zu halten. „Wir amüsieren uns zu Tode!“

    Und wir verlassen uns viel zu sehr darauf, dass Technik das alles korrigiert, was wir im gemeinsamen Denken verkorkst haben. Aber wenn den technischen Entwicklungen falsches Denken zugrunde liegt, haben sie natürlich fatale Wirkungen. Nicht nur bis hin zur Beeinflussung von Wahlen. Sie zementieren auch falsche gesellschaftliche Denkweisen und verunmöglichen gesellschaftlichen Dialog. Denn Dialog funktioniert nur, wenn Menschen überhaupt noch fähig sind, die Sichtweisen Anders-Denkenender zu verstehen, sich in sie hineinzuversetzen, sich richtig bildlich vorzustellen: Wie sieht dieser Mensch dasselbe Ding, das ich hier sehe?

    Und da passiert es natürlich, dass man dann in Medien, die noch Denk-Vielfalt bieten, zum Beispiel weil sie noch ernsthaft über Wissenschaft berichten (nicht nur nach dem dämlichen Motto: „Tolle Erfindung!“), über solche Artikel stolpert wie „Wie Offenheit unsere Wahrnehmung verändert“ von Luke Smillie auf Spektrum.de. (Link unterm Text)

    Über solche Artikel stolpert man natürlich, weil man beim Überfliegen der Seite so ein Hoppla-Erlebnis hat. Da ist etwas, das hat man doch so ähnlich auch schon gedacht. Vielleicht in einem völlig anderen Zusammenhang. Zum Beispiel beim Nachdenken über die Frage, warum viele Leute die ganz simple tägliche Berichterstattung der L-IZ als Angriff verstehen. Die schreiben uns dann regelrecht erboste Mails, in denen Sie uns die einzig richtige Sicht auf die Welt erklären. Richtig im Oberlehrerstil. Und dass wir doch ganz schrecklich links seien. Heißt: Wir sind ihnen links aus dem Blickfeld gerutscht. Sie sind nur zufällig mal bei uns gelandet und finden unsere Geschichten völlig unpassend zu ihren simplen Weltbildern, die sie selbst als „Mitte“ oder „Rechts“ verorten.

    Auch das nur als Abschweif: Auch das sind nur Verortungen für Scheuklappenmenschen, die glauben, ihre Position im Universum gesichert zu haben, wenn sie sich als rechts und irgendwie anders verorten. Motto: Hier hocke ich, ich will nicht anders.

    Was aber auch schon zum Thema gehört: Denn wer so felsenfest sicher ist, seinen festen, stabilen Punkt in einer sich immerfort ändernden Welt gefunden zu haben, seinen echten Archimedischen Punkt, der findet natürlich alle andere Positionen falsch. Er allein hat den einzig richtigen. (Link unterm Text)

    Nur hat derjenige weder in Physik noch in Astronomie aufgepasst. Es gibt im ganzen Universum keinen einzigen Archimedischen Punkt.

    Und auch nicht in einer Gesellschaft. Alle sind immerfort in Bewegung. Auch wenn es immer wieder starke Strömungen gibt, in denen Ideen von felsenfesten Grundlagen und unverrückbaren Prinzipien herumgeistern. Und die auch entsprechende Konstruktionselemente immer wieder aus der Mottenkiste holen und schreien: DAS SIND DIE EINZIG VERLÄSSLICHEN WERTE!

    Sorry, aber größere Buchstaben habe ich hier nicht. Diese Leute schreien sehr laut.

    Ihre Parolen lauten: Heimat, Grenze, (klassische) Familie, Ordnung, Sicherheit, Ausländer raus, Unsere Werte, Leitkultur, Merkel muss weg …

    Luke Smillie erläutert sehr schön, dass das alles mit unserer Art zu Denken zu tun hat. Mit der Fähigkeit des offenen oder eben nicht offenen Denkens. Das Thema Laterales Denken hatten wir hier auch schon. Von Edward de Bono 1967 eingeführt. Mal als „Querdenken“ übersetzt, mal als „paralleles Denken“.

    Viele gebildete Menschen beherrschen es, weil sie gelernt haben, so zu denken. Ich vermute mal, es ist wirklich eine Lern-Sache. Oder eine Verlern-Sache. Denn wer Kinder erlebt beim Leben-Lernen, der weiß, dass die Knirpse mehr wahrnehmen als die meisten Erwachsenen. Sie finden lauter seltsame Dinge in ihrer Umgebung und stellen noch viel komischere Fragen. Bis Mama und Papa Löcher im Bauch haben. Aber das alles hat seinen Sinn. Was ja die vielen Experimente aus dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften immer wieder zeigen: Das menschliche Gehirn ist ein Lern-Appparat, der bestens dazu ausgebildet ist, Muster zu erkennen und daraus nach und nach die Welt für sich zu formen – als einen Kosmos des Erkennbaren.

    Nur scheinen einige Kinder dann durch eine engstirnige Erziehung immer mehr dazu gebracht zu werden, ihren Wahrnehmungsradius immer mehr einzuengen und immer weniger Dinge als für sie wichtig zu begreifen – und für alles andere nicht mehr aufgeschlossen zu sein. Oder offen, wie Luke Smillie schreibt.

    Womit wir die Effekte bekommen, die derzeit in unserer Gesellschaft immer offenkundiger werden: Menschen, die nicht mehr offen sind für die Vielfalt der Welt, die sich am liebsten in einer reiz- und informationsarmen Blase einschließen würden, greifen mit höchster Aggression die weltoffene und neugierige Gesellschaft an. Mittlerweile droht das ja sogar die CDU zu zerfetzen, wo es augenscheinlich zunehmend Kräfte gibt, die nicht mehr akzeptieren wollen, dass ihre Parteichefin für ein weltoffenes Land steht. Was eben nicht nur Offenheit für Zuwanderung bedeutet. Das gehört ja schon zum eingeengten Scheuklappenausschnitt dieser Leute, die einem mit ihrer schmalsichtigen Besessenheit durchaus gefährlich vorkommen dürfen.

    Denn sie merken nicht einmal, dass sie damit auch alle anderen Offenheiten unserer Gesellschaft angreifen und zerstören – die Offenheit für neue Ideen, neue Forschungsergebnisse, neue Bildungsansätze, neue Lösungen für diverse politische Probleme, neue Gespräche, neue Partnerschaften …

    Sie merken schon: Die Latte wird lang.

    Und ich befürchte: Dieses verengte Denken hat viel mit den verkorksten Bildungsreformen der letzten Jahre zu tun. Man hat Bildung auf Effizienz getrimmt und „messbar“ gemacht. Und damit hat man auch all die Fächer beschnitten und abgewertet, die tatsächlich gut geeignet sind, offenes Denken zu schulen, wenn es schon die Eltern zu Hause nicht tun: Musik, Literatur, Ethik, Kunsterziehung, Astronomie, Philosophie …

    Immer wenn über die übervollen Lehrpläne diskutiert wird, kommt von irgendwoher so ein Brachialvorstoß, genau diesen scheinbar „soften“ Fächerkanon zu beschneiden und abzuschieben, ohne zu begreifen, dass es ein ganz zentraler Kanon ist.

    Wir bekommen so zwar lauter Abschlussjahrgänge, die ganz genau wissen, wie man Punkte sammelt und Tests mit „Erfolg“ absolviert. Aber sie fallen ohne Übung in offenem Denken in die Welt. Und das Schlimmste daran ist: Es fällt ihnen kaum noch auf, weil ja auch alle ihre Altersgenossen so auf das geschlossene, normierte Denken eingeübt sind. Manche merken es dann im Studium, was ihnen alles fehlt – ja, auch die Fähigkeit, mathematisch zu denken. Sie pauken die Lösungen auswendig, wissen aber nicht, wie man sich lauter verschiedene Lösungswege erarbeiten kann.

    Wer sagt denn, dass Herr Zuckerberg die einzig richtige Lösung für ein soziales Netzwerk entwickelt hat? Hat er garantiert nicht. Er hat die Fehler seines eigenen engen Denkens zur Norm gemacht. Wer lateral denkt, fühlt sich im Facebook-Kosmos nur noch veräppelt. Da ist jeder Gang in die Bibliothek anregender. Oder auf den Spielplatz mit den Kindern. Und Facebook ist nicht der einzige Ort, an dem man Kopfschmerzen bekommt, wenn man gelernt hat, die Welt in ihren vielen faszinierenden Möglichkeiten zu sehen. Es fühlt sich jedes Mal an, als käme man direkt aus einem Beethoven-Konzert in eine germanische Eckkneipe, wo alle schon stinkbesoffen sind und sich gegenseitig anbrüllen aus lauter Liebesbeweis.

    Bildung ist eigentlich das Erlernen offenen Denkens.

    Deswegen stolpert man dann über so einen Artikel, sagt sich: Macht mal schön weiter. Das ist wichtig.

    Wir brauchen viel mehr Menschen, die wieder lernen, dieses faszinierende Ding da in ihrer Schädelhöhle zum neugierigen, staunenden und offenen Betrachten der Welt zu benutzen. Die staunen dann nämlich nicht nur, sondern finden auch für alle die Dinge, die den Problem-Sehern als so schrecklich unaushaltbar erscheinen, ganz viele mögliche und überlegenswerte Alternativen.

    Auch das gehört ja zu unserer Zeit: Diese ganze dumme Panikmache von Leuten, die wir doch eigentlich gewählt haben, damit sie sich zusammensetzen, ihre Hirne stürmen lassen und danach zehn verschiedene kluge Lösungen anbieten, mit denen wir die Sache anpacken können.

    Aber seit drei Jahren höre ich immer nur die eine, nervende Honk-Lösung von Leuten, die augenscheinlich alle die ganze Zeit in ihrer Eckkneipe sitzen und sich mit Hooligan-Gesängen einsingen auf die nächste Schlacht.

    Dabei habe ich eigentlich so das dumme Gefühl, dass wir ein Recht auf kluge Politiker haben, die fähig sind zum offenen Denken.

    Aber irgendwie kommen die in unseren großen Volksfußballvereinen nicht mehr durch.

    Das Wort Brainstorming verwechseln sie mit Sich-die-Schädel-Einschlagen.

    Aber wie schafft man das, die Menschen wieder für offenes Denken zu begeistern? Wo holt man sie ab? Und – vielleicht die wichtigste Frage aus unserer Perspektive: Wie nimmt man ihnen die Angst, die Scheuklappen ein bisschen zu lüften und auf sich wirken zu lassen, was es weiter links oder rechts oder oben oder unten noch zu sehen gibt? Oder vorn oder hinten. Und nicht zu vergessen: in Vergangenheit und Zukunft. Das ist ja die größte Illusion der Scheuklappenmenschen, dass die Welt eine Gerade ist. Oder bei den größten Blitzmerken unter diesen: Ein Punkt, den es mit Zähnen und Klauen zu verteidigen gilt.

    Schwierige Frage, wenn man sich das so aus einem vierdimensionalen Universum beschaut: Wie macht man aus Bewohnern einer zweidimensionalen Welt solche, die auch noch begreifen, dass rechts und links der ausgelatschten Spur ein ganzes Universum ist?

    Die Frage lass ich mal offen. Lösungen dürfen im Kommentarfeld abgegeben werden.

    Die ganze Serie „Nachdenken über …“

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      2 KOMMENTARE

      1. Die Gesellschaft fördert stromlinienförmiges Verhalten. Kinder sind nicht mehr offen, weil sie merken, dass sie angepasst größere Akzeptanz erreichen. Autoritäten, z.B. Lehrer, fördern das Anders-Denken nicht; sie müssen nicht einmal dagegen arbeiten – das Nicht-Fördern führt schon zu einem Unterlassen.
        Und im wahren Leben ist Alles mittelmäßig. Wer Intelligentes sagt, wird als Snob verlacht, wer die „Sorgen“ der Anderen verlacht, gilt als abgehoben. Toleranz heißt, etwas ertragen (müssen) – aber ich will nicht jeden Schwachsinn ertragen. Diskussion und Streit muss sich auch daran entzünden, dass man sich nicht Alles anhören oder gar verstehen (oder Verständnis heucheln) muss.
        Dies ist aus meiner Sicht ein Teil des Spannungsfeldes, in dem wir uns bewegen.

      2. Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass es nur noch darum geht, in jedem Falle „Recht zu haben“ und auch zu behalten!

        Die viel gepriesene Toleranz wird gern von „den Anderen“ abverlangt, aber wehe dem, man soll sie selbst üben …!

        Alles, was nicht ins eigene Weltbild passt, wird radikal runter gemacht – und es wird ja teilweise auch schon ganz offen Gewalt angedroht (was natürlich auch immer nur „die Anderen“ so machen!).
        Ob das ein Klima ist, in welchem sich die Gedanken frei entfalten können/wollen – und man sich gern in Diskussionen einbringt, wage ich zu bezweifeln.

        Jeder kann gern mal darüber nachdenken, wie er(sie) mit anderen Meinungen umgeht!

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