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Mittwoch, 20. Januar 2021

Wie gedankenloser Umgang mit Medikamenten unsere Umwelt und unsere Gesundheit gefährdet

Von Ralf Julke

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    LZ/Auszug aus Ausgabe 56Wer auf der Homepage der Stadt Leipzig nach Informationen zu Medikamenten in Flüssen, Seen und Grundwasser sucht, wird nicht fündig. Auch unterm Thema Gewässerschutz hält das Amt für Umweltschutz dazu keine Informationen bereit. Man muss schon auf die Seiten des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) gehen, um erste Hinweise darauf zu finden, dass auch in sächsischen Flüssen Arzneimittelrückstände deutlich über den geltenden Grenzwerten zu finden sind.

    Und auch hier ist wieder die Untere Weiße Elster ganz vorn mit dabei, auch wenn das LfULG bislang nur wenige Arzneimittelwirkstoffe an den Messstellen in sächsischen Flüssen überhaupt geprüft hat. Aber Nicht-Wissen schützt nicht vor Schaden. Denn viele Medikamente verlieren ihre Wirksamkeit nicht – auch wenn sie vom menschlichen Körper ausgeschieden werden und über das Abwasser in die Flüsse gelangen. Von sorgloser Entsorgung ganz zu schweigen.

    Schon 2014 stellte das Umweltbundesamt fest: „Rückstände von Arzneimitteln werden inzwischen nahezu flächendeckend und ganzjährig in Fließgewässern, aber auch in Boden- und Grundwasserproben gefunden. Bislang wurden etwa 150 verschiedene Arzneimittel-Wirkstoffe in der Umwelt, vor allem in Gewässern, nachgewiesen. Hier werden für viele Wirkstoffe regelmäßig Konzentrationen im Bereich von 0,1 bis 1 Mikrogramm pro Liter, in seltenen Fällen aber auch von mehreren Mikrogramm pro Liter gemessen.“

    Und die nur scheinbar geringen Konzentrationen haben Folgewirkungen.

    „Für viele Arzneimittel ist das Ausmaß der Risiken für die Umwelt vor allem wegen fehlender Wirkungsdaten und Langzeituntersuchungen nicht genau einzuschätzen. Dies ist beunruhigend, da für einige Arzneimittelwirkstoffe schädliche Auswirkungen auf Lebewesen in der Umwelt bereits klar belegt sind“, schätzte das Umweltbundesamt ein. „Ein bekanntes Beispiel dafür sind synthetische Hormone wie zum Beispiel 17a-Ethinylestradiol (EE2), der Wirkstoff der Anti-Baby-Pille. Er beeinträchtigt bereits im sehr niedrigen Nanogramm/Liter-Bereich die Reproduktion von Fischen nachhaltig. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen: Das Schmerzmittel Diclofenac schädigt bei Fischen innere Organe wie Leber und Niere; die häufig verwendeten Antibiotika töten nicht nur Bakterien sondern hemmen oft auch das Wachstum von Algen und Pflanzen.“

    Längst hat auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) das Thema aufgegriffen und warnt: „Das Problem im Abwasser entsorgter Medikamente wird immer größer, weil immer mehr Medikamente zugelassen, die Medikamentenpackungen im größer, die Menschen immer älter und immer unbesorgter Medikamente konsumiert werden. Allein auf dem deutschen Arzneimittelmarkt sind etwa 3.000 Wirkstoffe verfügbar.

    Für den Menschen bislang nachgewiesene Langzeitrisiken durch die Belastung der Gewässer mit Arzneimittelwirkstoffen, sind Antibiotikaresistenzen. So ist eine ansteigende Resistenz gegen Antibiotika für den Tuberkulose Erreger oder Salmonellen feststellbar. Wenn krankheitsverursachende Erreger eine derartige Robustheit entwickeln, können die hervorgerufenen Krankheiten im schlimmsten Fall nicht mit mehr mit Antibiotika therapiert werden.“

    Und auch das Land Sachsen weiß zumindest um das Problem der falsch entsorgten Medikamente.

    Aber 2016, als die Falschentsorgung deutschlandweit diskutiert wurde, wiegelte Sachsen Landwirtschaftsminister Schmidt in der Antwort auf eine Landtagsanfrage von Jörg Urban (AfD) ab: „Hauptsächlich werden Arzneistoffe und Abbauprodukte als Folge der Arzneimittelanwendung durch menschliche Ausscheidungen in das Abwassersystem eingetragen. Die Entsorgung von Altmedikamenten über die Toilette spielt nach gegenwärtigem Kenntnisstand nur eine untergeordnete Rolle.“

    Wie will er das wissen, wenn selbst das ihm unterstellte LfULG bisher nur wenige Medikamentennachweise an sächsischen Flussmessstellen gesammelt hat? Es gibt keine wirkliche Bestandsaufnahme für die ganze Bandbreite heutiger Medikamente in sächsischen Gewässern. Und wie man jüngst aus der Landtagsanfrage von Wolfram Günther (Grüne) erfuhr, sind selbst die Ergebnisse zur Gewässerqualität nach EU-Wasserrahmenrichtlinie drei Jahre alt. Es steckt keine Kontinuität dahinter und auch kein Wille, wirklich wissen zu wollen, was in sächsischen Flusscocktails alles enthalten ist.

    Von 2006 bis 2016 hat man zum Beispiel das Vorkommen von Diclofenac in Sachsens Flüssen beprobt. Diclofenac ist ein Arzneimittelbestandteil in Analgetikums, der bei leichten bis mittleren Schmerzen und Entzündungen (Rheuma zu Beispiel) eingesetzt wird und Bestandteil der Beobachtungsliste der EU für eine unionsweite Überwachung (Watchlist) ist.

    Als Umweltqualitätsnorm-Vorschlag gelten 0,05 µg/L bezogen auf den Jahresdurchschnitt der Messwerte. Nimmt man den zur Grundlage, haben in den Jahren 2006 bis 2016 insgesamt 211 von 481 Messstellen den Wert überschritten. Das Vorkommen des Wirkstoffs ist also in 44 Prozent der Fälle nicht nur nachgewiesen, sondern auch gesundheitlich bedenklich. Wobei die Forscher immer betonen, dass belastbare Studien fehlen. Denn man hat es ja mit 150 bislang in Gewässern nachgewiesenen Wirkstoffen zu tun, während über 3.000 auf dem Arzneimarkt gehandelt werden. Man bräuchte also ein sehr breit ausgelegtes Messverfahren, um diese Stoffe überhaupt beproben zu können.

    Und dann müsste man tausende Experimente anstellen, um ihre konkreten Wirkungen auf Pflanzen, Fische, Muscheln, Mikroorganismen und – wenn sie dann über die Nahrungskette zum Menschen zurückkehren – auf den menschlichen Körper zu untersuchen. Das überfordert nicht nur die Umweltschutzämter, sondern auch die Klärwerke, die ja längst schon mehrstufig versuchen, alles Mögliche aus den menschlichen Abwässern zu beseitigen.

    Aber was bewirkt das, wenn – laut DUH – 43 Prozent der Deutschen (zumindest gelegentlich) flüssige Arzneimittel in der Toilette oder dem Waschbecken entsorgen und 15 Prozent sogar die Toilette nutzen, um Tabletten zu entsorgen. „Ein in höchstem Maße besorgniserregender Zustand“, kommentiert das Thomas Fischer von der DUH.

    Denn wer Medikamente so entsorgt, entsorgt sie gar nicht, sondern bringt sie auf direktem Wege wieder in den Wasserkreislauf ein.

    Dafür ist kein Klärwerk gerüstet.

    „In Leipzig reinigt das Klärwerk Rosental das Abwasser von über 500.000 Menschen in einem mehrstufigen Reinigungsprozess, ehe es in den Wasserkreislauf zurückgegeben wird. Die Kläranlagen in Deutschland sind technisch hervorragend ausgerüstet“, erklärte am 7. Juni zum Tag der Apotheke der Technische Geschäftsführer der Leipziger Wasserwerke, Dr. Ulrich Meyer. „Dennoch können sie nicht alle Inhaltsstoffe von Medikamenten aus dem Abwasser filtern. Die dafür notwendige Nachrüstung der Anlagen wäre sehr aufwendig – und aus Sicht der Abwasserbranche hinsichtlich der Kosten und der bisher nicht ausreichend geklärten Wirkung auch nicht zielführend.“

    Das LfULG maß 2006 bis 2016 aber auch noch den deutlich höheren Prüfwert von 0,1 µg/L bei Diclofenac. An 123 Messstellen wurde auch dieser Messwert noch überschritten. Und zu den problematischen Messstellen gehört auch die bei Schkeuditz an der Weißen Elster, wo es in den Jahren 2009 bis 2012, 2014 und 2016 deutliche Spitzen im Nachweis des Rheuma-Wirkstoffs gab.

    Und das ist eben nicht der einzige Wirkstoff, der in die Flüsse gelangt.

    Für Aufsehen sorgten in letzter Zeit immer wieder multirestistente Keime, die in „lieblichen“ Flüssen bei deutschen Großstädten gefunden wurden, also Mikroorganismen, die durch den täglichen Medikamentencocktail resistent geworden sind gegen eben diese Medikamente, darunter auch Antibiotika. Das Umweltbundesamt nimmt das Thema sehr ernst: „Antibiotika-Resistenzen bei humanpathogenen Bakterien sind ein schwerwiegendes Problem des öffentlichen Gesundheitswesens. Auch in der Umwelt wurden bereits mehrfach multiresistente Mikroorganismen nachgewiesen: so zum Beispiel in Fließgewässern unterhalb von Kläranlagen-Abläufen, die oft besonders hohen Antibiotika-Konzentrationen ausgesetzt sind.“

    Aber nicht nur Wasserwerke-Geschäftsführer Ulrich Meyer geht davon aus, dass man das Pferd am falschen Ende aufzäumt, wenn man jetzt die Klärwerke noch weiter aufrüstet, um auch noch die Flut von Arzneimittel-Wirkstoffen aus dem Wasser zu bekommen. Das ist nicht nur technisch aufwendig und schweineteuer – das würden die Wasserkunden in der Stadt mit ihren Gebühren auch teuer bezahlen.

    Wenigstens das gedankenlose Entsorgen im Klo könnte leicht beendet werden, wenn den Leipziger bewusst ist, was für einen Schaden sie mit diesem gedankenlosen Wegspülen anrichten.

    Den „Tag der Apotheke 2018“ nutzte der Leipziger Ökolöwe in Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Apothekerverband, um einen speziell entwickelten Aufkleber vorzustellen. Den ersten klebte man am 7. Juni gemeinsam ans Schaufenster der „Adler-Apotheke“ in der Hainstraße. Denn Leipzig gehört zu den wenigen Städten in Sachsen, wo es schon möglich ist, seine nicht mehr gebrauchten Alt-Medikamente direkt in der Apotheke abzugeben. Damit kommen sie direkt ins lokale Entsorgungssystem der Stadtreinigung Leipzig. Die Leipziger kennen es schon als Umweltmobil, das regelmäßig alle Stadtteile befährt und das gefährliche Schadstoffe einsammelt. Das Mobil fährt auch die Apotheken an und so kommen die alten Medikamente in eine wirklich professionelle Entsorgung und gelangen eben nicht ins Abwasser.

    Den Tag nutzte der Ökolöwe auch, um auch die Gefahren anderer gedankenloser Entsorgungswege zu betonen. Denn viel zu oft landen Leipziger Altmedikamente auch in der Restmülltonne. Doch Teile ihrer Wirkstoffe können weder in der Kläranlage, noch in der biologisch-mechanischen Abfallbehandlungsanlage in Cröbern herausgefiltert werden und gelangen so in unsere Umwelt. Es ist so schön bequem: Deckel auf und weg. Aber auch hier bedeutet weg eben nicht weg.

    „Die falsche Entsorgung von Altmedikamenten muss gestoppt werden“, betonte Nico Singer, Geschäftsführer des Ökolöwen, bei der Gelegenheit. „Die Wirkstoffe landen im Wasser und im Boden, gefährden dort die Pflanzen- und Tierwelt und können letztlich auch in die Nahrungskette gelangen. Damit weniger Medikamentenrückstände in der Natur landen, hat die Arbeitsgruppe Abfall des Ökolöwen angeregt, einen Info-Aufkleber für Patienten und Patientinnen an Apotheken zu geben. Bei den Partnern sind wir damit sofort auf offene Ohren gestoßen.“

    Vor allem auch, weil auch die Apotheker um die Gefahren wissen und sich in Deutschland ein fachgerechtes Entsorgungssystem wünschen.

    „Ein Großteil der Leipziger Apotheken nimmt bereits seit Jahren kostenlos Altmedikamente zurück“, sagt Dr. Kathrin Quellmalz, Leiterin Kommunikation Sächsischer Apothekerverband e. V. „Selbst in Regionen, in denen der Hausmüll verbrannt wird und Medikamente theoretisch über die Restabfalltonne entsorgt werden können, wünschen viele Patienten die Rückgabe in der Apotheke.“ Ein einheitliches Sammelsystem für nicht verwendete oder abgelaufene Medikamente gibt es in Deutschland momentan nicht. „Unsere gute Kooperation mit der Stadtreinigung ist deutschlandweit einmalig und sollte zur Regellösung werden.“

    Dazu wäre Deutschland sogar verpflichtet, stellt die Deutsche Umwelthilfe fest: „Im Übrigen ist Deutschland zur Einführung eines flächendeckenden und bundeseinheitlichen Sammelsystems für Medikamente verpflichtet. Die europäische Richtlinie 2004/27/EG (Artikel 127B) fordert die Einrichtung geeigneter Sammelsysteme für abgelaufene oder ungenutzte Medikamente.“

    Man kommt ja aus dem Kopfschütteln nicht heraus: Wieder ein Thema, das die Bundesregierung seit Jahren aussitzt. Und wieder hat man dasselbe Phänomen wie im Bankenskandal und in der Dieselaffäre: Genau die Konzerne mauern, die eigentlich in der Pflicht stünden, ihre gefährlichen Produkte wieder zurückzunehmen. In diesem Fall die Pharmakonzerne.

    In Spanien gibt es schon seit 2001 ein großes Sammelsystem, Frankreich und Portugal haben auch schon welche.

    Nur in Deutschland liegt die Regierung jeden Tag mit den Bossen der Großkonzerne im Bett und lässt sich überfällige Korrekturen wieder ausreden.

    Und so bleibt es wieder an den Kommunen hängen, Lösungen zu suchen. Im Leipziger Fall in enger Zusammenarbeit mit den Apotheken.

    „Leipzig geht mit gutem Beispiel voran und bietet den Bürgerinnen und Bürgern ein komfortables Rückgabesystem für Altmedikamente an. Nicht mehr benötigte Arzneimittel können der Stadtreinigung Leipzig am Schadstoffmobil und an der stationären Schadstoffsammelstelle in der Lößniger Straße 7 übergeben werden oder dem Fachpersonal in den zahlreichen Apotheken, die sich am freiwilligen Rücknahmesystem beteiligen“, erklärt Thomas Kretzschmar, Erster Betriebsleiter des Eigenbetriebs Stadtreinigung Leipzig. Über die Stadtreinigung Leipzig werden die Altmedikamente dann einem Unternehmen zur ordnungsgemäßen Entsorgung übergeben.

    Und die Arbeitsgruppe Abfall des Ökolöwen wünscht sich natürlich, dass möglichst viele Leipziger Apotheken nicht nur mitmachen und die alten Medikamente annehmen, sondern auch den hellblauen Aufkleber an ihre Schaufenster kleben, damit auch die Passanten sehen, wo sie ihre nicht mehr gebrauchten Pillen, Tröpfchen und Salben wieder abgeben können.

     

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