Grünau auf dem Weg vom Wohnungssatelliten zum Teil des Stadtgefüges: L-IZ-Interview mit Baubürgermeister Martin zur Nedden

Die Stadtverwaltung setzt langfristig auf Grünau als Teil der Leipziger Stadtlandschaft und bei der Wohnungsversorgung, betont Baubürgermeister Martin zur Nedden (SPD). Ein L-IZ-Interview über langfristige Perspektiven und aktuelle Themen des Stadtteils wie die Wogetra-Blöcke in der Breisgaustraße, die Verkehrsanbindung und das Haus Weißdornstraße 102.
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Herr Bürgermeister, das Projekt eines neuen Stadtteiles am Lindenauer Hafen verbinden Sie auch mit Chancen für Grünau. Worin bestehen diese?

Insbesondere die nördlichen und östlichen Wohnkomplexe im Stadtteil Grünau haben aufgrund ihrer Nähe zu den Grünräumen Schönauer Park und Schönauer Lachen, der Nachbarschaft zum florierenden Schönauer Viertel und den geplanten Entwicklungen im Lindenauer Hafen und entlang des Karl-Heine-Kanals eine besondere Lagegunst.

Die Entwicklungen im Umfeld werden auch auf die weitere Modernisierungs- und Entwicklungstätigkeit in diesen Teilen Grünaus Auswirkungen haben. Das gemeinschaftliche Entwicklungsvorgehen der Wohnungsunternehmen im WK 5.1 zeigt bereits, dass die Unternehmen die angrenzenden Entwicklungen genau beobachten und die Chancen für den Stadtteil erkennen.

Durch die Entwicklungen am Plagwitzer Bahnhof und dem Lindenauer Hafen wird sich zudem die Erreichbarkeit des Stadtteils, vor allem für Fußgänger und Radfahrer, deutlich verbessern. Die ehemalige Lage als Wohnungssatellit am Rand der Stadt wandelt sich dadurch zu einem gut in das Stadtgefüge integrierten Stadtteil. Auch wird die Bildungslandschaft in Grünau von den Entwicklungen im Umfeld und dem damit verbundenen Zuzug von Familien profitieren.

Der erste Anknüpfungspunkt für das Hafenareal ist der bisher eher randständige Wohnkomplex 5.1 nördlich der Lützner Straße. Wie kann hier eine städtebauliche Aufwertung, insbesondere im historischen Schönauer Ortskern rund um die Kirche, im Zuge des Hafen-Projekts erfolgen?

Ein wesentliches Ziel der Entwicklung des Lindenauer Hafens ist auch die Verbesserung der fuß- und radläufigen Anbindung von Grünau. In Verlängerung der am Lindenauer Markt beginnenden Demmeringstraße wird man zukünftig über eine Brücke über die neue Gewässerverbindung Karl-Heine-Kanal – Lindenauer Hafen auf die grüne Westseite des Hafens gelangen. Von hier werden neue Wegeverbindungen in den Schönauer Park und den anschließenden WK 5.1 und die alte Ortslage Schönau führen.

Ein zentrales Ziel der Entwicklungen des WK 5.1 ist es des Weiteren, die alte Ortslage besser in das Gefüge des Wohnkomplexes zu integrieren und die Anbindung an die umliegenden Landschaftsräume – Schönauer Park, Schönauer Lachen und Lindenauer Hafen – zu verbessern.

Dies soll vor allem durch eine Aufwertung und einen Ausbau der zentralen Wegeverbindungen und Wegequerungen erreicht werden. Langfristig soll, in Abhängigkeit der Entwicklungen im Quartier, auch eine städtebauliche Arrondierung der alten Ortslage angestrebt werden.Nach der Wiedereröffnung der Lützner Straße winden sich die Autokolonnen nun nicht mehr auf der Schönauer Straße durch den WK 5.1 beziehungsweise durch Schönau. Für die Gelenkbusse der Linie 80 ist die Straße durchaus weiter eine Herausforderung. Wann ist hier an Straßenbaumaßnahmen gedacht?

Die Linie 80, auf der übrigens im Normalfall keine Gelenkbusse eingesetzt werden, verkehrt noch bis zum 14. Dezember 2013 nach Lausen. Anschließend wird die S-Bahn wieder Grünau bedienen und dann dieses Busersatzangebot zurückgenommen. Insofern stellt die Linie 80 sicherlich keinen Grund für Straßenbaumaßnahmen in der Schönauer Straße dar.

Im Zusammenhang mit der Erschließung des Wohngebietes Grünau und der Anbindung an das übergeordnete Netz wurde für die Schönauer Straße zwischen Lützner Straße und Lyoner Straße ein seit 1995 rechtskräftiger Bebauungsplan erstellt, für den allerdings aktuell aufgrund bisher anderer dringender Prioritäten beim Straßenbau kein Umsetzungstermin feststeht.

Beim Nahverkehr in Grünau denkt man – neben den Stadtbahnlinien der LVB – an die gerade still liegende S-Bahnlinie S1 und die Quartiersbuslinie 66/ Grünolino, deren Pilotphase im Frühjahr beendet ist. Wird es diese beiden Angebote in Grünau wieder beziehungsweise weiter geben?

Derzeit gibt es keinen Grund daran zu zweifeln, dass, wenn im Dezember 2013 der City-Tunnel eröffnet wird, die S-Bahn dann auch wieder nach Grünau verkehrt. Zwar ist es richtig, dass für den Haushalt 2014 beim Zweckverband für den Nahverkehrsraum Leipzig (ZVNL) im ungünstigsten Fall eine Deckungslücke von 10 Millionen Euro besteht, anderseits laufen derzeit Gespräche zwischen dem ZVNL sowie dem Sächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, um diese Deckungslücke zu verringern.

Bislang konnten aus diesen Gesprächen viele positive Signale vernommen werden, so dass fest davon ausgegangen wird, dass die Unterfinanzierung des ZVNL noch weitestgehend ausgeglichen werden kann.

Beim Grünolino ist im Prinzip die Finanzierung für die nächsten zwei Jahre bis Frühjahr 2015 gesichert. Aber auch hier gibt es Auswirkungen, wenn die S-Bahn wieder fährt, da derzeit jede zweite Fahrt als Busersatzverkehr der S-Bahn finanziert wird. Ab Dezember 2013 wird der Grünolino deshalb, wie zum Start, stündlich fahren.

Themenwechsel und hin zu den Wogetra-Blöcken in der Breisgaustraße. Ist die Stilllegung von Wohnblöcken, wie sie die Genossenschaft dort betreibt, ein akzeptabler Weg?Die Breisgaustraße liegt im Kernbereich von Grünau. Entsprechend der vom Stadtrat beschlossenen Entwicklungsstrategie Grünau 2020 sollen hier keine weiteren Abrissmaßnahmen gefördert und unterstützt werden.

Für die Stadt Leipzig hat die Sicherheit und Verlässlichkeit der Entwicklung in Grünau eine hohe Bedeutung. Daher steht sie seit geraumer Zeit in engem Austausch mit der WOGETRA zu deren Plänen in Grünau. Dabei ist von der Stadt Leipzig immer auf die aktuelle Beschlusslage zur Entwicklungsstrategie Grünau 2020 verwiesen und darauf hingewiesen worden, dass Maßnahmen in diesem Bereich zu einer Aufwertung des Stadtteils betragen sollten und daher ein Komplettabbruch oder eine Stilllegung nicht unterstützt wird.

Welchen Weg sehen Sie stattdessen?

Eine Bestandsanpassung in Verbindung mit einer nachhaltigen Modernisierung und Neuausrichtung der verbleibenden Bestände ginge mit der Entwicklungsstrategie konform. Ein Konzept der WOGETRA, das dieser Strategie Rechnung trägt, liegt derzeit nicht vor. Die Stadt Leipzig, hier insbesondere das Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung, hält den Kontakt zur WOGETRA weiter aufrecht, um eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung zu erzielen.

Die Entscheidung über den Umgang mit seinem Eigentum obliegt jedoch dem Eigentümer. Zurzeit liegen keine planungs- oder bauordnungsrechtlichen Gründe vor, die ein Versagen des Vorhabens der WOGETRA rechtfertigen würden.

Leipzigs Linke Fraktionschef Sören Pellmann sieht Leute am Werk, die die Großsiedlung Grünau als „ein zu überwindendes DDR-Erbe“ ansehen. Wie bewerten Sie die Perspektiven des Stadtteils in Sonderheit seiner Plattenbauareale?

Seit nunmehr über 20 Jahren bildet der Stadtteil Grünau einen Schwerpunkt der Leipziger Stadtentwicklung. Mit den Bund-Länder-Programmen „Maßnahmen zur Städtebaulichen Weiterentwicklung großer Neubaugebiete“ und folgend der „Sozialen Stadt“ sind öffentliche Mittel in Höhe von weit über 30 Millionen Euro in die Aufwertung des Stadtteils geflossen. Die Maßnahmen der Bürgerbeteiligung wie Forum Grünau, Quartiersmanagement und Verfügungsfonds haben Maßstäbe gesetzt.

Entsprechend den Zielsetzungen des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts, das Grünau auch weiterhin als Schwerpunktraum der Stadterneuerung ausweist, wird sich die Stadt, ungeachtet der problematischen Entwicklungen bei der Städtebauförderung auf Bundesebene, auch weiterhin nach besten Kräften im Stadtteil engagieren.

Ergebnis: nach 35 Jahren Grünau ist die Zufriedenheit der Bewohner im Stadtteil so hoch wie nie zuvor – das belegen die Ergebnisse einer Langzeitbefragung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung aus 2010. Grünau ist ein gefestigter und wichtiger Teil der Stadt Leipzig.

Die soziodemografische Herausforderung stellt sich in Grünau weiter in besonderer Weise … In der Tat: Die Großwohnsiedlung Grünau schrumpft im Gegensatz zu allen anderen Stadtteilen Leipzigs seit 1990 kontinuierlich. Trotz leichter Stabilisierung in den letzten Jahren leben heute nur noch etwa halb so viele Einwohner wie 1990 im Stadtteil: 85.000 Einwohner 1990, heute knapp 40.000 Einwohner. Parallel machen sich Segregationstendenzen sowie eine steigende Alterung bemerkbar.

Die „Entwicklungsstrategie Grünau 2020“ aus 2007, die den Stadtteil in einen stabilen Kernbereich sowie einen Stadtumbaugürtel teilt, liefert Stadt und Wohnungsunternehmen eine planerische Grundlage für die Anpassung des Wohnungsmarktes an die sich wandelnden Anforderungen. Die Stadt steht mit allen Wohnungsunternehmen kontinuierlich in Verhandlung, um die Entwicklungsstrategie teilräumlich zu schärfen und zu konkretisieren.

Aufgrund der differenzierten Eigentümerstruktur mit circa 20 großen Wohnungseigentümern ist eine große Lösung für den Stadtteil nicht umsetzbar. Vielmehr geht es darum, Schritt für Schritt für Teilbereiche einheitliche, verbindliche und detaillierte Entwicklungskonzeptionen zu erarbeiten und umzusetzen, wie am Beispiel des WK 5.1 sichtbar wird.

Worin besteht das Ziel dieser Bemühungen?

Das Ziel ist, in kleinen Schritten Teilbereiche so zu entwickeln, dass diese mittelfristig zu einer Stabilisierung des gesamten Stadtteils beitragen werden. Beispiele hierfür sind unter anderem das Konzept Junge Alte Salzstraße mit Theatrium und Skaterhalle, die aktuelle Konzeptentwicklung für den WK 5.1 in Kooperation mit den Wohnungsunternehmen, das Bildungs- und Bürgerzentrum sowie die Schulentwicklung.

Grünau ist, nicht zuletzt auch aufgrund des Engagements der Verwaltung, stadtweit Vorreiter, insbesondere in Fragen der Bürgerbeteiligung. Die Art und Weise, mit der sich die Bürgerschaft an Problemlösungen beteiligt und kontinuierlich und konstruktiv Positionen vertritt, ist ein ganz besonderes Stück Stadtteilkultur. Zudem ist Grünau beispielgebend beim für uns so wichtigen Zukunftsthema Bildung.

Können Sie das bitte näher erläutern?

Gute Bildungsergebnisse entstehen vor Ort in Kitas und Schulen, durch engagierte Eltern und Einrichtungen. Die Zusammenarbeit der Verantwortlichen in Grünau im Rahmen des Bildungsverbundes Campus Grünau ist nicht nur wegen des Lernfestes ausgeprägt und richtungsweisend; hier wird miteinander an Problemlösungen gearbeitet und Bildung verbessert.

Mit Blick darauf arbeiten wir verstärkt am bestehenden Sanierungsbedarf der Gebäude und der Verbesserung der Freizeitangebote.

Dieses Engagement der Stadtverwaltung hebt hervor, dass dem Stadtteil Grünau langfristig ein wichtiger Stellenwert in der Leipzig Stadtlandschaft und der Wohnungsversorgung beigemessen wird.

Eine Nachfrage noch zur seit Jahren leer stehenden städtischen Immobilie Weißdornstraße 102. Nachdem im letzten Sommer Pläne zur Errichtung einer Asylbewerberunterkunft mit 180 Plätzen fallen gelassen wurden: Gibt es neue Nutzungspläne für den markanten Plattenbau?

Aufgrund der baulichen Struktur des Gebäudes Weißdornstraße 102 ist eine Nachnutzung sowohl für reine Wohnzwecke, als auch für altengerechte Wohnangebote mit hohen Investitionskosten verbunden. Unabhängig dessen besteht seitens der Stadt als Eigentümer, als auch seitens der umliegenden Wohnungseigentümer ein Interesse an einer tragfähigen Nachnutzung, die die Interessen und Anforderungen des Stadtteils berücksichtigt.

Derzeit werden seitens privater Interessenten mehrere Möglichkeiten der Weiterentwicklung geprüft, welche in den nächsten Monaten mit der Stadt abgestimmt werden sollen. Wir werden über die Ergebnisse und Möglichkeiten selbstverständlich frühzeitig informieren.

Vielen Dank für das Gespräch.


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