Europa muss seine Abhängigkeit vom zerstörerischen Wirtschaftswachstum beenden

Für alle LeserIn dieser Woche findet die erste Konferenz zum Thema „Postwachstum“ im Europäischen Parlament statt. Zu diesem Anlass haben über 230 Wissenschaftler*innen aus allen EU-Mitgliedsstaaten einen Appell in einigen europäischen Zeitungen veröffentlicht, in dem sie einen Weg aus Europas Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum skizzieren. Auch Nina Treu und Matthias Schmelzer vom Konzeptwerk Neue Ökonomie aus Leipzig gehören zu den Unterzeichnenden und nehmen an der Konferenz in Brüssel teil.
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„Wenn alle Menschen so sehr die Umwelt verschmutzen würden wie die Deutschen, bräuchten wir drei Planeten“, betont Nina Treu vom Konzeptwerk Neue Ökonomie. „Grünes Wachstum wird oft als Ausweg gepriesen, doch das ist ein Irrweg: Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die Wirtschaftstätigkeit so weit von der Umweltverschmutzung entkoppelt, wie es notwendig wäre. Um die sozialen Probleme hierzulande anzugehen, brauchen wir ohnehin kein weiteres Wachstum. Was wir brauchen, ist eine gerechte Verteilung des Reichtums, den es bereits gibt.“

Und so, wie in Deutschland die Energiewende behandelt wird, wird recht deutlich, dass immer dann, wen es um Profite geht, die Profite zählen, nicht der Umweltschutz. Und da die aktuellen Regierungen selbst vor allem marktradikale Vorstellungen vertreten, haben alternative und nachhaltige Konzepte kaum eine Chance. Auch in der EU nicht.

„Dass Wirtschaftswachstum, Konkurrenz und Profite nicht dem Gemeinwohl dienen, zeigt sich aktuell auch im Hambacher Forst, wo der Profit von RWE die Zukunft von Menschen und Natur gefährdet“, stellt Matthias Schmelzer vom Konzeptwerk Neue Ökonomie fest. „Auch RWE argumentiert, die Ausweitung des Braunkohletagebaus sei notwendig für Wachstum und Arbeitsplätze.“

Mit ihrem Appell fordern die Wissenschaftler/-innen die EU unter anderem auf, eine Sonderkommission im EU-Parlament einzurichten, die sich mit den Perspektiven für eine Zeit nach dem Wachstum befasst. Außerdem schlagen sie vor, Wohlstand anders zu messen als mit dem Bruttoinlandsprodukt. Nicht zuletzt soll es ein „Ministerium für wirtschaftliche Transformation“ in jedem Mitgliedstaat geben.

Die Konferenz „Post-Growth 2018“ findet am 18. und 19. September in Brüssel statt. Ziel der Veranstaltung ist es, die Möglichkeiten für eine „Postwachstumsökonomie“ in Europa auszuloten. Die Konferenz wird veranstaltet von zehn Mitgliedern des Europäischen Parlaments aus fünf verschiedenen Fraktionen sowie zahlreichen Gewerkschaften und gemeinnützigen Organisationen.

Der Appell wurde am Montag, 17. September, in den Zeitungen Guardian, Libération, ZEIT Online und Der Freitag sowie weiteren europäischen Medien veröffentlicht. Er wurde initiiert von Marta Conde, Federico Demaria, Jason Hickel, Tim Jackson, Giorgos Kallis, Kate Raworth und Dan O’Neill.

Mitunterzeichner/-innen des Appells aus dem deutschsprachigen Raum sind unter anderem:

Dr Ulrich Brand, Professor, Universität Wien (Österreich)

Dr Dennis Eversberg, Wissenschaftler, DFG Kolleg Postwachstumsgesellschaften, Universität Jena

Dr Hans Diefenbacher, Professor, Universität Heidelberg

Dr Christoph Gran, ZOE Institut für Zukunftsfähige Ökonomien

Dr Stephan Lessenich, Professor, Ludwig Maximilians Universität München

Dr Hermann E. Ott, Professor, Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Dr Niko Paech, Professor, Universität Siegen

Dr Tilman Santarius, Professor, TU Berlin und Einstein Center Digital Futures

Dr Silke van Dyk, Professor, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Dr Irene Ring, Professor, TU Dresden

Dr Matthias Schmelzer, Wissenschaftler, Universität Jena und Konzeptwerk Neue Ökonomie

Nina Treu, Koordinatorin, Konzeptwerk Neue Ökonomie

Dr Markus Wissen, Professor, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin

Dr Angelika Zahrnt, Professor, Institut für Ökologisches Wirtschaften

Konzeptwerk Neue ÖkonomiePostwachstum
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