LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausg. 66Ein Mann freut sich darüber, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Menschen vor die Tür gebeten wurden. Nur, was geschieht danach mit jenen? Die Tür ist zu, der Gastgeber setzt sich an den Kamin, draußen fällt der Schnee. Und draußen – das heißt: in einem anderen Land – fehlt das Holz zum Heizen.

Was macht ein Mädchen, dessen Operation unterbrochen wird, da es das Klinikum, in dem die Operation begonnen wurde, nicht mehr betreten darf? An wen wendet sich ein Junge, der die Sprache seiner Heimat nicht spricht, und wohin geht er, wenn er erfährt: Die Hausnummer, die man ihm mitteilte, gibt es gar nicht?

Ein alter Mann setzt einen Menschen vor die Tür und kehrt zurück zum Tagesgeschäft; ein junger Mann öffnet die Tür, obwohl ihm das finanziell gesehen nichts einbringt. Bis vor Kurzem war Ricky Burzlaff Vorsitzender des Vereins Verantwortung für Flüchtlinge. In diesem Verein kümmern sich Menschen ehrenamtlich um Flüchtlinge, speziell um jene, denen eine Abschiebung droht oder die das Land bereits verlassen mussten.

Zur Entstehung des Vereins

Begonnen hatte es mit einer Privatreise ins Ausland. Im Sommer 2012 besuchte Burzlaff, damals noch Student der Mathematik, die Westbalkanstaaten. Die Eindrücke, die er hier und speziell während der Besichtigung eines Kinderheims in Tirana sammelte, veranlassten ihn zu einer privaten Spendenaktion für das Heim.

Nicht nur hatte er gesehen, dass es dem Heim sozusagen an allem fehlte. Auch hatte er erfahren, dass albanische Kinderheime vom Staat nicht unterstützt werden und damit gänzlich auf sich allein gestellt sind. „Wir müssen etwas machen!“, sagte er zu seinen Eltern. Über Freunde, Verwandte und Kollegen sammelte die Familie eine Summe von über 2.000 Euro und übergab dem Heim das Geld im Dezember.

Im Folgejahr strebte er bereits ein größer angelegtes Hilfsprojekt an, welches über materielle Leistungen hinaus Hilfe zur Selbsthilfe, zur Vernetzung und zur Solidarität untereinander ermöglichen sollte. Allein ließ sich dieses ambitionierte Vorhaben jedoch nicht umsetzen.

Im Sommer 2014, während der ersten Hochphase der sogenannten Flüchtlingskrise, gründete Ricky Burzlaff mit Familie und Freunden den Verein, dessen Vorsitz zunächst er übernahm. Seither engagieren sich hier unter anderem Maximilian Schöpe als Schatzmeister und Michael Eichhorn als Projektkoordinator. Aus beruflichen Gründen hatte Burzlaff den Vorsitz später an seinen Vater Ralph Rüdiger abgegeben; er ist hier aber weiterhin für den Verein aktiv.

Seit fünf Jahren also betreut der Verein Geflüchtete, insbesondere des Westbalkans, berät und begleitet Menschen, deren Antrag auf Asyl oder Anerkennung als Bürgerkriegsflüchtlinge in Deutschland abgelehnt wurde, bei Behördengängen und hilft bei der sozialen Eingliederung vor Ort – also im jeweiligen Heimatland, nicht selten aber auch in einem dem oder der Betroffenen völlig fremden Drittland.

Nicht zuletzt leisten Ralph Rüdiger und sein Team aber auch regelmäßig humanitäre Hilfe vor Ort. Seit 2012, sagt Rüdiger, habe er kein Weihnachten mehr bei der Familie verbracht, da er in dieser Zeit Sach- und Geldspenden nach Albanien, Mazedonien und in den Kosovo fährt. Zwar hatte die Bundesregierung im Herbst 2015 die Länder des Westbalkans kurzerhand zu sicheren Herkunftsländern ernannt.

Wer sich aber auf den Weg zum Westbalkan macht und sich dort umschaut, so Rüdiger, der fragt sich recht schnell, wie das Bild der Lage vor Ort und etwa die Verlängerung des Mandats zur Stationierung der Bundeswehr im Kosovo im Juni letzten Jahres mit derzeit über 600 Soldaten mit dem Prädikat „Sicheres Herkunftsland“ übereinstimmen kann.

Hilfe nach der Abschiebung

Im Mai will der Verein eine Satzungsänderung für seine Umbenennung in „Perspektive für Kinder auf dem Westbalkan“ e. V. beschließen. Damit wollen Rüdiger und sein Team den Blick darauf lenken, was auf die Menschen nach ihrer Abschiebung zukommt. Es fehlt an Lebensmitteln, Medikamenten und Kleidung.

Ein bis zum Rand gefüllter Transporter war bei der Verteilaktion letztes Weihnachten innerhalb von 90 Minuten leer und nicht selten erblickte das Team dabei Menschen, die ohne Strümpfe zu ihnen kamen. Eines der wichtigsten Güter ist Brennholz. Zwar sind die Hütten der Bewohner, beispielsweise in dem Slum von Fushë Kosovë, mittlerweile mit Öfen ausgestattet.

Ein Kubikmeter Brennholz kostet jedoch etwa 50 Euro, was sich die meisten Familien nicht leisten können. Letzten Winter konnte der Verein immerhin 62 Familien je zwei Kubikmeter Brennholz übergeben. Das reicht gerade so, sagt Rüdiger. Unter diesem Elend leiden vor allem Kinder, weshalb sich die Arbeit des Vereins auf sie konzentriert.

Kinder aus Fushë Kosovë © vvf-international
Kinder aus Fushë Kosovë © vvf-international

Medina

Der Fall des Mädchens Medina nimmt in der Geschichte des Vereins eine besondere Stellung ein. Im Sommer 2015 musste das damals vier Jahre alte Mädchen in Essen wegen einer schweren Hüftgelenkluxation am Becken operiert werden. Im Herbst 2016 wurde Medina zusammen mit ihren Eltern trotz der Bedenken der Ärzte in den Kosovo abgeschoben.

Die Bedenken lagen darin begründet, dass die Platten mit Schrauben und Drähten, die bei der OP eingesetzt wurden, nach anderthalb Jahren entfernt werden müssten, da es sonst zu schweren Folgeerkrankungen, zur Verknöcherung und zu Fehlbildungen im Beckenbereich bei dem Mädchen kommen würde.

Weil die Eltern von Medina, wie die gesamte Bevölkerung des Kosovo, nicht krankenversichert sind, hätte sie ohne Hilfe von außen die circa 3.000 Euro teure Operation für Medina nicht bezahlen können; Medina wäre heute schwerstbehindert. Dank des Vereins konnte die Operation in einem Klinikum in Pristina letztlich doch bezahlt werden. Mittlerweile kann Medina wieder gehen und ist genesen.

Ergin

Eine wichtige Verbindung zu den Menschen aus Fushë Kosovë ist der 27-jährige Mann Ergin Alija. Als Kind war er damals zusammen mit seiner Familie vor dem Kosovokrieg nach Deutschland geflohen. 2010 wurde er abgeschoben und musste seine schwer kranke Mutter zurücklassen. Trotz prominenter Unterstützung, beispielsweise von Gregor Gysi, wurde die Entscheidung nicht rückgängig gemacht.

Ergin, der zu der Zeit nur Deutsch sprach, lebte zunächst unter den Brücken von Pristina. Heute ernährt er seine junge Familie mit dem Sammeln von Flaschen, Eisen und Aluminium. Aussichten auf bezahlte Arbeit gibt es so gut wie keine. Vor zwei Jahren konnte der Verein ihm und anderen Bewohnern der Stadt einen kleinen Traktor kaufen, der ihnen zur Sicherung ihres Lebensunterhalts nützt.

Hilfe für den Verein

Weil jeder Euro zählt und es dem Team deshalb wichtig ist, dass auch jeder Euro direkt bei den Menschen, die ihn nötig haben, ankommt, bezahlt das Team seine Fahrten und Auslagen aus eigener Tasche. Ohne regelmäßige Spendenleistungen von außen könnte der Verein jedoch nicht wirken. Zu den regelmäßigen Unterstützern aus der Politik gehören unter anderem die Leipziger Bundestagsabgeordneten Monika Lazar (Die Grünen), Jens Lehmann (CDU), Daniela Kolbe (SPD) und Sören Pellmann (Die Linke).

Er sei, so betont Ralph Rüdiger, allen Spendern zu großen Dank verpflichtet – so der Familie, den Freunden und Kollegen, Sportvereinen, Ärzten, Firmen aus ganz Deutschland und neulich unter anderem einem Rentner und dessen Enkeltochter. Dieser wollte ihr einen vierstelligen Geldbetrag schenken; sie verwies auf den Verein.

Erleichtert wird die Arbeit zudem durch das Zollamt Dresden und die in Berlin ansässigen Botschaften der Westbalkanstaaten, die Rüdiger und seinen Kollegen mit ihren Ratschlägen und Genehmigungen den Rücken stärken, wenn es – wie bereits einige Male geschehen – an den Grenzen zu Komplikationen mit dem wachhabenden Grenzschutz kommt.

Um die Hilfstransporte in Zukunft noch besser koordinieren zu können, plant der Verein eine Kooperation mit dem Verein „Familien in Not Rietberg“. Auch dieser unterstützt mit Hilfstransporten Familien im Kosovo. Für Rüdiger bietet es sich also an, in Zukunft zusammenzuarbeiten. Im Juli findet hierfür ein erstes Treffen statt.

Ein zweiter Verein, mit dem der künftige „Perspektive für Kinder auf dem Westbalkan e. V.“ bereits zusammenarbeitet, ist der ebenfalls in Leipzig ansässige Verein „Nächstenliebe e.V.“, der sich auf Hilfsgütertransporte für östliche Staaten wie Lettland, Ukraine, Armenien oder Tadschikistan konzentriert, aber auch in Albanien unterwegs ist. Für die nächste Aktion von Rüdigers Verein möchte der „Nächstenliebe e. V.“ nun Mützen, Schals, Strümpfe, Handschuhe und Pullover stricken und Winterschuhe organisieren.

Ende Juni wird mit dem SOS-Kinderdorf in Pristina eine enge Kooperation vertraglich abgeschlossen. Das SOS-Kinderdorf kennt die Strukturen vor Ort und weiß, wo etwa medizinische Hilfe dringend benötigt wird. Außerdem möchte der Verein der Organisation für ihre Arbeit ein bestimmtes Budget zur Verfügung stellen. Auch hier soll dabei kein Euro in die Verwaltung fließen.

Mehr Informationen zum Verein finden Sie unter: www.vff-international.com

Der gemeinnützige Verein Verantwortung für Flüchtlinge e. V., der sich in Kürze in „Perspektive für Kinder auf dem Westbalkan e. V.“ umbenennen wird, freut sich über jede Unterstützung. Auf folgendes Konto kann gespendet werden:

Verantwortung für Flüchtlinge e. V.
Sparkasse Leipzig
Kontonummer: 1090088457
BLZ: 86055592
IBAN: DE26860555921090088457

Leipziger Zeitung: Wo ein Wille ist … zwei Wahlen stehen vor der Tür

- Anzeige -

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar