Eigentlich kann Leipzig alle Zahlen zu Schulen und Schülern in der Stadt so wie sie sind in den Skat drücken. Man kann ein desolates Bildungssystem nicht wirklich ernsthaft beschreiben. Es sei denn, man tut es konsequent und schreibt nicht nur den "output" hin, sondern auch die "Produktionsbedingungen". Der Ansatz der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) hat ja etwas Bestechendes für sich: Er zeigt, dass die sächsische Staatsregierung von funktionierender Wirtschaft keine Ahnung hat.

Da ist zwar schön, dass Leipzig steigende Schülerzahlen melden kann: “Die seit mehreren Jahren positive demografische Entwicklung Leipzigs führte seit dem Schuljahr 2003/04 zu steigenden Schülerzahlen in den Grundschulen und zunehmend auch in den weiterführenden Schulen. Dementsprechend wird in den kommenden Jahren im Bereich der allgemeinbildenden Schulen ein Netzausbau erforderlich sein”, teilt der “Sozialreport 2012” den Leipzigern mit. Unterlässt aber eine Auflistung der notwendig auszubauenden Kapazitäten. Und dessen, was es kosten würde.

Aber genau hier finge Konsequenz an: Wenn man diese Zahlen als Teil des “Sozialreports” vorlegen würde, wäre auch für Außenstehende sichtbar, was Investition in Bildung eigentlich heißt.

Ebenso fehlt zu den steigenden Schülerzahlen eine Auflistung der verfügbaren Lehrer, des errechenbaren Bedarfs und der aktuellen Ausfallstunden.

Mit Zahlen untersetzt. Wo steht denn geschrieben, dass eine Stadt wie Leipzig ihrer Landesregierung nicht unter die Nase reiben darf, dass sie ihre Aufgaben nicht erfüllt?

Steht natürlich nicht geschrieben. Aber weil alle Kommunen in Sachsen um jeden Fördereuro betteln müssen, ist klar, wie die Regel lautet: Nichts sagen, da bekommen wir alle wenigstens ein bisschen. Sachsenweit fehlen mit Schuljahresbeginn 1.500 Lehrerinnen und Lehrer? – Da kann jeder selbst nachrechnen: In Leipzig allein fehlen dann ungefähr 200.

Dafür wurden im Schuljahr 2012/13 an Leipzigs allgemeinbildenden Schulen insgesamt 39.981 Schüler unterrichtet.

Aufgrund der veränderten Zugangsbedingungen zum Gymnasium stieg die Anzahl der Übergänge von der Grundschule zum Gymnasium von 2005 bis 2009 an und war seitdem wieder rückläufig. Im Schuljahr 2011/12 liegt der städtische Durchschnitt für die gymnasiale Bildungsempfehlung bei 47,9 Prozent.Aber: Der Anteil der Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen, sank im Vergleich zum Vorjahr und lag im Schuljahr 2011/12 bei 13,8 Prozent. Ein Wert, der übrigens direkt mit der sozialen Herkunft der Kinder in Verbindung steht. Der “Sozialreport” bietet übrigens auf Seite 94 eine schöne Karte, die das sichtbar macht. So fallen die Fördergebiete Leipziger Osten, Leipziger Westen und Grünau dadurch auf, dass an den hier platzierten Mittelschulen über 20 Prozent der Schüler keinen Abschluss schaffen. In den Gründerzeitquartieren sind es eher 10 bis 15 Prozent, im Zentrum aber und in einigen Randbezirken sind es sogar unter 5 Prozent.

Eine mögliche Lösung sind eben doch Sozialarbeiter in den Schulen, die für die Kinder mit ihren oft komplexen Problemlagen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Wahrscheinlich wären sie gar nicht notwendig, wenn auf den besonderen Förderbedarf der betroffenen Schüler mit ihren sozialen Handicaps schon mit einer entsprechenden Versorgung mit Lehrern Rücksicht genommen würde.

Entspannen wird sich das Problem nicht. Denn die sozialen Brennpunkte der Stadt sind in Teilen auch jene Stadtteile mit erhöhtem Migrantenanteil. Und eine Erkenntnis aus dem “Sozialreport” ist auch: Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund (städtischer Durchschnitt) beträgt im Schuljahr 2012/13 insgesamt 13,4 Prozent und steigerte sich damit gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozentpunkte.Und dann kommt ein ganz leidiges Thema, das mit diesem Problemkomplex aber direkt zusammenhängt: “Die Anzahl der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf nahm im Vergleich zum Vorjahr um 171 Schüler auf 3.713 zu und erreichte somit einen Höchststand.”

Die entsprechende Tabelle auf Seite 88 zeigt, was da geschieht. Und zwar vor Schulantritt. Denn aussortiert nach Förderbedarf werden die Kinder ja erst nach der Untersuchung vor der Einschulung. Jahrelang dominierte die Lernförderung. Die Kinder wurden gesondert beschult, weil sie wesentliche Grundfähigkeit zum Lernen (noch) nicht hatten. Ein Wert, der zeigt, wie wichtig die frühkindliche Bildung im Kindergarten schon ist. Denn dieses Fähigkeitenpaket wird in den drei Jahren vor Schulantritt eingeübt. Dafür haben sich zwei andere Problemfelder in den letzten Jahren verstärkt: der Rückstand in der sozialen/emotionalen Entwicklung der Kinder. Möglicherweise ein Thema, das eng mit falscher Mediennutzung im Kinderalter zu tun hat und mit den fehlenden sozialen Unterstützungsräumen in den Familien der Kinder. Auch hier spielen die Kindertagesstätten, deren Ausbau so kläglich nachhinkt, eine wichtige Rolle.

Und auch das dritte Problemfeld hängt eng mit der Infantilität der konsumierten Medien und der fehlenden Kommunikation in den Familien zusammen: die Kinder hängen deutlich in ihrer Sprachentwicklung hinterher.

Bislang wurden die Förderschulen als eine Art Reparaturwerkstatt für all diese Dinge angesehen. Aber die Ergebnisse zeigen, dass die Kinder aus dieser Förderstruktur nicht wirklich in die Normalstrukturen zurückkommen. Sie machen den Hauptteil der Schulabgänger ohne Abschluss aus.

Gehandelt werden muss im vorschulischen Bereich.

Aber auch hier wird die Stadt in weiten Teilen vom Land finanziell im Stich gelassen.Das Netz der Kindertageseinrichtungen wurde 2012 gerade mal erweitert durch die Eröffnung von drei neuen Kindertagesstätten und zwei weiteren Ersatzneubauten. Die Platzkapazitäten der Kindertageseinrichtungen wurden im Jahr 2011 um 558 Plätze für Kinder bis zum Schuleintritt (davon 170 Krippenplätze), um 737 Hortplätze sowie dem Ausbau der Kindertagespflege auf 2.115 Plätze erweitert.

In den Erziehungs- und Familienberatungsstellen gab es im Jahr 2011 im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um sechs Prozent. Durch Neuanmeldungen und Übernahmen aus dem Vorjahr wurden insgesamt 5.158 Ratsuchenden Beratungen angeboten.

2011 wurden Angebote der Kinder- und Jugendförderung mit 9,2 Millionen Euro bezuschusst.

Und: Erstmals wurde im Schuljahr 2011/12 an allen 23 öffentlichen Mittelschulen Schulsozialarbeit angeboten. Auch die Grundschulen sind auf zwölf Schulen mit Schulsozialarbeit angestiegen. Dies wurde über die Bundesfinanzierung Bildung und Teilhabe möglich. Damit erhöhte sich die Zahl der öffentlichen Schulen mit Schulsozialarbeit auf 50. Aber das Bundesprogramm läuft nach zwei Jahren schon wieder aus. Mancher redet mittlerweile von einer “Anschubfinanzierung”. Aber wenn der Bund immer nur Anschübe befördert – wer bezahlt eigentlich die kontinuierliche Arbeit?

Städte wie Leipzig haben nicht wirklich mehr die Reserven, auslaufende Förderprogramme dann einfach in den eigenen Haushalt zu übernehmen.

“Die sozialräumliche Differenzierung weist in allen betrachteten Merkmalen auf die Schwerpunkträume der integrierten Stadtentwicklung hin”, heißt es denn auch im Report. “Im Osten und Westen der Stadt finden sich die höchsten Lernförderquoten, die geringsten gymnasialen Bildungsempfehlungen sowie überdurchschnittliche Hauptschüler- und Schulabbrecherquoten.”

Aber da taucht dann auch die Frage nach dem heiß diskutierten Gymnasium im Leipziger Osten auf. Auf Seite 91 ist eine Karte zu sehen, die zeigt, warum Stadtbezirksbeiräte und Bürgerinitiativen auf die Barrikaden gehen, seit man den Leipziger Osten bei der Wahl eines neuen Gymnasialstandortes erstmal übergangen hat. Die zentralen Ortsteile um Neustadt-Neuschönefeld und Volkmarsdorf glühen in tiefem Rot. Hier liegt die Quote der Bildungsempfehlungen fürs Gymnasium deutlich unter 30 Prozent. Ähnliches ist aus Wahren, Grünau und Schönefeld zu melden.

Dafür ist das Herz der Stadt satt grün eingefärbt. Hier bekommen über 60 Prozent der Kinder die Bildungsempfehlung fürs Gymnasium. Es sieht ganz so aus, als entscheide schon der Einschulungsbezirk der Kinder über ihre künftigen Bildungschancen.

Mehr zum Thema Jugend und Familie morgen an dieser Stelle.

www.leipzig.de/de/buerger/aemterhome/jugendamt/publik/Sozialreport-der-Stadt-Leipzig-19926.shtml

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