In zwei großen Beiträgen im neuen Quartalsbericht der Stadt beschäftigt sich Lars Kreymann mit Empfängern von SGB-II-Leistungen und mit Arbeitslosen. Was natürlich nicht dasselbe ist, schon gar nicht in Leipzig, wo auch noch das Pflänzchen "Geringfügig Entlohnte" blüht - eins dieser Flexibilisierungs-Instrumente, auf die die "Arbeitsmarktreformer" besonders stolz sind.

48.413 solcher “geringfügigen Beschäftigungen” wurden 2013 in Leipzig gezählt. Der Begriff ist irreführend, deswegen spricht das Statistische Amt der Stadt Leipzig lieber von geringfügig entlohnten Beschäftigten, denn hier geht es um die bekannten 450-Euro-Jobs an Supertmarktkassen, um Saisonkräfte in der Gastronomie oder in diversen Callcentern. Die schiere Zahl zeigt eigentlich schon, das in Leipzig ganze Branchen ihre Existenz auf den Einsatz von 450-Euro-Jobbern aufgebaut haben. Im Detail wird es noch deutlicher: 34.270 dieser Mini-Jobber haben ausschließlich so einen Job ausgeübt, in vielen Fällen als Zubrot neben dem Studium.

Das sind auch alles keine Jobs, mit denen Menschen tatsächlich eine Existenz sichern und sich durch Erwerbsarbeit ein unabhängiges Leben aufbauen können. Andererseits ist das Segment der Minijobs seit ungefähr zehn Jahren vor allem auf Kosten von Vollzeitarbeitsstellen gewachsen – besonders stark in Einzelhandel und Pflegebranche.

Für Städte wie Leipzig bedeutet das zwar statistisch mehr Arbeitsplätze. Aber es trägt nicht wirklich zur Erhöhung der Einkommen bei. Und schon gar nicht zum Abbau der hohen Bedürftigkeit in der Stadt.

Lars Kreymann hat nun versucht, “Hartz IV” (also die SGB-Leistungen) und die Arbeitslosigkeit auf die Ebene von Ortsteilen in Leipzig herunterzurechnen. Das geht mit den offiziellen Zahlen der Arbeitsagentur nicht, denn die berechnet die Arbeitslosenquote an der Gesamtzahl der “zivilen Erwerbspersonen” in Leipzig. 2013 kamen da am Ende 10,3 Prozent für ganz Leipzig heraus. Kleinräumige Daten gibt es da nicht. Also rechnen Leipzigs Statistiker so einmal im Jahr die Arbeitslosenzahlen auf Basis der Bevölkerung von 15 bis 65 Jahre auf Ortsteilebene aus. Da sind natürlich auch haufenweise Jugendliche drin, die noch gar nicht in Erwerbsarbeit gehen können, und natürlich auch haufenweise Rentnerinnen und Vorruheständler, die die Arbeitsagentur nicht mehr als Erwerbsfähige zählt. So wird die entsprechende Arbeitslosenquote natürlich geringer – auf 7,9 Prozent kommt Kreymann.

Für gewöhnlich fallen dann jene Ortsteile auf, die eine überdurchschnittlich hohe Prozentzahl an Arbeitslosen haben. Volkmarsdorf zum Beispiel mit 17,4 Prozent. Vor ein, zwei Jahren hätte man noch ohne groß nachzudenken auch Neustadt-Neuschönefeld genannt. Aber was schon der letzte Quartalsbericht verriet, bestätigt auch hier die Zahl: Mit 12,1 Prozent hat sich Neustadt-Neuschönefeld schon deutlich abgesetzt vom Nachbar-Ortsteil. Und das nicht, weil all die von Arbeitslosigkeit Betroffenen nun einfach zwei Straßen weiter gezogen sind, sondern weil Neustadt-Neuschönefeld jetzt zu den neuen Leipziger Pioniervierteln aufgestiegen ist. Mit Reudnitz, Stötteritz und Anger-Crottendorf zusammen ist es zum neuen Hauptzuzugsgebiet für junge Leipziger geworden. Diese Ortsteile im Leipziger Osten lösen damit die Pionierviertel im Leipziger Westen (Lindenau, Plagwitz) ab, die in den vergangenen drei Jahren besonders vom Zuzug profitiert haben. Insbesondere Studierende suchen sich vermehrt eine preiswerte und günstig gelegene Wohnung im Leipziger Osten. Was die dort bevorzugten Viertel natürlich verändert. Sie werden noch bunter – und die offiziellen Raten für Arbeitslosigkeit und SGB II sinken. Sogar Einkommensanstiege haben die Leipziger Statistiker schon festgestellt, was auch bedeutet, dass auch Familien hier hinziehen (oder da bleiben), die fest im Berufsleben stehen.
Neustadt-Neuschönefeld liegt jetzt eher in der Wohlstandebene von Kleinzschocher (11,5 Prozent), Mockau-Süd (11,8) oder Lausen-Grünau (11,6). Andere Ortsteile liegen mittlerweile zumindest bei der örtlichen Arbeitslosenquote deutlich drüber: Paunsdorf mit 13,1 Prozent zum Beispiel, Grünau-Mitte mit 14,3 Prozent oder Grünau-Nord mit 13,5 Prozent. Was die These bestätigt, dass Menschen ohne Erwerbseinkommen nun verstärkt in die Plattenbausiedlungen am Stadtrand abwandern. Oder abgedrängt werden, wenn man es aus der anderen Perspektive beschreibt.

Für Neustadt-Neuschönefeld jedenfalls stehen die Zeichen auf Aufschwung, auch wenn der Anteil der Leistungsempfänger nach Sozialgesetzbuch II (SGB II) noch bei hohen 32,16 Prozent liegt. Aber wie schon gesagt: SGB-II-Bezug heißt in Leipzig eben nicht gleich arbeitslos. Es heißt leider nur zu oft auch Aufstocker oder Familie. Nach wie vor lebt jedes vierte Kind in Leipzig in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft (2013: 25,97 Prozent). Wenn das Einkommen der Familie knapp ist, steckt der Haushalt ziemlich schnell in der Bedürftigkeit, selbst dann, wenn beide Eltern Arbeit haben.

In Neustadt-Neuschönefeld leben 58,32 Prozent der Kinder in Bedarfsgemeinschaften. Im benachbarten Volksmarsdorf sind es mit 68,47 Prozent noch mehr. Ähnliche Dimensionen hat das Problem aber längst auch in Grünau-Mitte (58,40 Prozent) und in Grünau-Nord (53,21 Prozent), Paunsdorf folgt mit 49,15 Prozent.

Armut ist in Leipzig also unübersehbar ein Problem der Familien mit Kindern.

Was nicht ausschließt, dass es mittlerweile auch Ortsteile gibt, in denen es kaum noch Kinderarmut gibt. Und da wäre man dann bei der Segregation der Besserverdienenden. Im Waldstraßenviertel zum Beispiel, einer für Leipzig ganz typischen “Mittelstandsinsel”. Arbeitslosenquote: 3,4 Prozent. Kinder in Bedarfsgemeinschaften: 3,94 Prozent.

Ähnliche Werte erreichen nur noch Orte am Stadtrand wie Plaußig-Portitz, Mölkau, Baalsdorf, Wiederitzsch und Knautkleeberg-Knauthain. Die Karte zu den SGB-II-Empfängern, die Lars Kreymann seinem ersten Beitrag beigefügt hat, zeigt recht deutlich, wie sich das Leipziger Zentrum schon deutlich abgesetzt hat mit SGB-II-Raten unter 10 Prozent von Schleußig bis zum Grafischen Viertel, von der Südvorstadt bis zum Waldstraßenviertel. Drumherum liegt ein tiefroter Ring aus Ortsteilen, in denen die SGB-II-Raten über 18 Prozent, in fünf Ortsteilen auch über 26 Prozent liegen.

Jetzt kann man sich ja auf die Hoffnung einlassen, die der Oberbürgermeister immer wieder verstärkt, dass die Arbeitslosigkeit im ganzen Stadtgebiet sinken werde und damit letztlich alle irgendwie von besseren Beschäftigungsmöglichkeiten profitieren würden.

Was dann die berechtigte Frage nach den eigentlichen Problemzonen des Leipziger “Arbeitsmarktes” stellt – den Langzeitarbeitslosen und den arbeitslosen Jugendlichen.

Und dazu kommen wir morgen an dieser Stelle.

Der Statistische Quartalsbericht II / 2014 ist im Internet unter http://statistik.leipzig.de unter “Veröffentlichungen” einzusehen. Er kann zudem für sieben Euro (bei Versand zuzüglich Versandkosten) im Amt für Statistik und Wahlen erworben werden.

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