Demografie und fehlende Wettbewerbsfähigkeit

Ist es überhaupt schlimm, wenn Sachsen 187.000 Arbeitskräfte verliert?

Für alle LeserAm Weltbevölkerungstag, 11. Juli, beschäftigte sich Sachsens Arbeitsagentur mal wieder mit einem Problem, das ungefähr seit 2010 offen auf dem Tisch liegt und den Unternehmen im Land zunehmend Sorgen macht: Die Bevölkerung wird immer älter, der junge Berufsnachwuchs fehlt. Da erstaunt es schon, dass die Arbeitsagentur bis 2030 nur mit dem Verlust von 187.000 Arbeitskräften rechnet.

Aktuell leben in Sachsen insgesamt 4,08 Millionen Menschen. Etwa zwei Drittel davon sind zwischen 15 und 65 Jahre alt und damit im erwerbsfähigen Alter. Ausgehend vom Jahr 2019 könnte sich bis 2030 dieser Teil der Bevölkerung nochmals deutlich, um bis zu 187.000 Menschen, auf 2,3 Millionen Menschen verringern. Mit diesem Bevölkerungsrückgang gehen dem Arbeitsmarkt auch viele wertvolle Fachkräfte verloren, die aktuell noch die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sichern, meint die Arbeitsagentur, die eigentlich nur eine Arbeitslosenverwaltung ist.

Diese Hilflosigkeit drückt sich dann auch in der Interpretation von Reinhilde Willems, Geschäftsführerin der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit, aus: „Die Arbeitslosigkeit sinkt in Sachsen kontinuierlich und die sächsischen Betriebe haben einen zunehmenden Bedarf an Fachkräften mit aktuellen Kenntnissen. Neben einer hohen Motivation erwarten sie auch, dass die Mitarbeiter ihre Kenntnisse ständig an neue technische und digitale Anforderungen anpassen.“

Seit einigen Jahren gibt es in Sachsen mehr ältere Arbeitnehmer, die aus dem Berufsleben aussteigen, als junge Menschen, die deren Platz einnehmen. So wird sich die Zahl der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15 bis unter 65 Jahre) bis zum Jahr 2030 um bis zu 187.000 Menschen verringern (minus 7,6 Prozent). Nach Angaben des Statistischen Landesamtes Sachsen leben aktuell rund 2,5 Millionen Menschen im Alter von 15 bis unter 65 Jahren in Sachsen. Im Jahr 2030 wird dieser Teil der Bevölkerung auf etwa 2,3 Millionen schrumpfen.

Gleichzeitig geht den sächsischen Betrieben viel Erfahrungswissen verloren. „Auf diese Entwicklung müssen wir uns klug vorbereiten“, meint Willems.

Allein durch die Vermittlung von Arbeitslosen und Stärkung der dualen Ausbildung können die demografischen Herausforderungen nicht gelöst werden. Denn dem Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung um 187.000 Menschen stehen nur 111.000 arbeitslose Menschen gegenüber, stellt die Arbeitsagentur fest. „Daher ist das Thema Zuwanderung die Zukunftsaufgabe für Sachsen. Hierbei geht es um die Rückgewinnung der 140.000 Auspendler, der Rückkehrwilligen aus den anderen Teilen Deutschlands sowie um die gezielte Anwerbung ausländischer Fachkräfte“, sagt Willems.

Gleichzeitig bietet die Bevölkerungsprognose aber auch eine Interpretation, die auf diese Weise nicht gelöst werden kann.

Denn die kräftigsten Rückgänge gibt es laut der 6. Bevölkerungsprognose in den ländlichen Regionen Sachsens. So nimmt die Zahl der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im Landkreis Görlitz, im Erzgebirgskreis, im Vogtlandkreis und dem Landkreis Zwickau ab. Hier geht fast jeder Fünfte dem Arbeitsmarkt verloren. Geringe Anstiege sind in den Kreisfreien Städten Dresden und Leipzig zu verzeichnen. Zuwandernde Fachkräfte bevorzugen aber die Großstädte – aus verschiedensten Gründen, von denen Jobangebot, Bildungsangebot und Infrastrukturen die zentralen sind. Ganz abgesehen von der sichtlich schwächeren Integrationsfähigkeit ländlicher Regionen.

Und die Beratungsprogramme der Arbeitsagentur können die Infrastraktur-Nachteile der ländlichen Regionen nicht ausgleichen. Sie können auch echte Stabilisierungsprogramme für kleinere Städte und Dörfer nicht ersetzen. Dazu braucht es eine strategische Landespolitik, für die es aber heute noch nicht einmal ein zuständiges Ministerium gibt, eins, das man Strukturministerium nennen könnte. Denn alles hängt an funktionierenden Strukturen und den Chancen, die Menschen bekommen, ihre Vorstellung von guter Arbeit zu verwirklichen. Und da merkt man dann schnell: Das beginnt mit einer anderen Bildungspolitik. Aber selbst da regiert das Muster des Aussortierens, Entwertens und Entmutigens.

Die Arbeitsagentur wird noch viele solcher Statistiken veröffentlichen und suggerieren, sie könnte mit ihren engherzigen Betreuungsprogrammen irgendetwas zum Besseren wenden. Dazu ist sie aber nicht gebaut. Sie darf gar keine Problemlösungsagentur sein. Wäre sie das, würde sie anders aussehen und ihre Klienten (gerade die in den Jobcentern) anders behandeln. Aber da müsste man über Chancen reden, nicht über ein Bringesoll an „Integrationen“.

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