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Warum dürfen Frachtflieger auf der Kurzen Nordabkurvung den Werbeliner See überfliegen?

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    Die Unterschutzstellung des Werbeliner Sees hat Folgen. Es ist genauso wie mit dem geschützten Leipziger Auenwald. Naturschutz ist endlich ein handfester Klagegrund, wenn es um Fluglärm geht. Die heftigen Kämpfe um die künftigen Flugrouten des neuen Hauptstadtflughafens BER haben es gezeigt: Die Flugrouten dürfen nicht einfach gedankenlos über Naturschutzgebiete gelegt werden.

    Eigentlich auch nicht über bewohnte Gebiete. Deswegen werden Flugrouten in der Regel in Planfeststellungsverfahren festgelegt. Was auch beim Flughafen Leipzig/Halle und der neuen Startbahn Süd geschah. Doch seitdem haben Naturschützer und betroffene Anwohner erlebt, was es heißt, wenn ein Land selbst Besitzer ist und die zuständige Regierung die Festlegungen im Planfeststellungsbeschluss nur als „Empfehlung“ auffasst, so wie Verkehrsminister Martin Dulig jüngst auf die Anfrage des Landtagsabgeordneten der Linken, Marco Böhme, formulierte, der nach der Gleichverteilung der Starts und Landungen auf beiden Startbahnen gefragt hatte. Auch das war im Planfeststellungsbeschluss festgelegt, nicht „empfohlen“.

    Aber nicht nur die diversen Verkehrsminister tun sich schwer mit dem Thema, auch die eigentlich vom Fluglärm betroffenen Anwohner haben da so ihre Fragen. Etwa Thomas Pohl, Gemeinderatsmitglied in Rackwitz, der sich mit der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Nordsachsen kabbelt. Denn als Gemeinderatsmitglied unterstützt er nun wieder die Haltung der Bürgermeister, die die „Delitzscher Erklärung“ zum Werbeliner See unterzeichnet haben. Vielleicht nicht ganz so, wie es sich einige der Bürgermeister gedacht haben, die sich durchaus einige Investoren am Werbeliner See vorstellen können. Aber zumindest mit sanften Nutzungen wie Baden und Paddeln.

    Baden wird es künftig ja am Südzipfel auf einem Strandabschnitt geben. Das kann sich auch die Untere Naturschutzbehörde vorstellen. Aber ansonsten sind die Auflagen im Naturschutzgebiet ziemlich streng. Ein offizielles Vogelschutzgebiet ist der See schon länger. Und schon das bedeutet, dass auch stark befahrene Straßen in Nähe des Sees nicht genehmigungsfähig sind. Denn gerade für wichtige Brutvogelarten gelten strenge Grenzwerte beim Schallpegel von 47 dB (A) in der Nacht und 58 dB (A) am Tag. Nachweislich weichen die betroffenen Vogelarten aus, wenn der Brutplatz zu verlärmt ist – ihr Vorkommen verringert sich oder bleibt ganz aus. Aber schon einmalige Störungen durch Menschen in Ufernähe reichen, dass Vögel ihre Brut aufgeben.

    Da bekam dann auch Pohl entsprechenden Gegenwind aus dem Landratsamt Nordsachsen: Auch bei der Schaffung von Bade- und Paddelmöglichkeiten muss darauf geachtet werden, dass solche Störungen nicht passieren. Aber das war ja nicht der eigentliche Grund, warum die Bürgermeister öffentlichkeitswirksam gegen die Unterschutzstellung protestierten. Sie wollen vor allem ein paar Einnahmen über die Nutzungen am See generieren. Man brauche also ein paar Investoren. Die Stadt Delitzsch hatte zwar schon gemeldet, dass sie Interessenten habe.

    Aber auf seine Nachfrage beim Landratsamt bekam Thomas Pohl nun die Auskunft, dass keine der bislang vorgelegten Planungen den Nachweis erbringen konnte, die hohen Auflagen schon aus dem Status Vogelschutzgebiet zu erfüllen. Nur wer diese Auflagen erfüllen kann, wird eine Genehmigung, am See aktiv zu werden, bekommen.

    Das ist eine Nachricht, die man aus anderen Gefilden des Leipziger Neuseenlandes gar nicht kennt. Was zu diesem seltsamen Aufweicheffekt führt, dass selbst die meisten Leipziger glauben, Naturschutz sei nur so eine Art quengelnder Störfaktor in einer Politik, in der ansonsten alles rechtens zugeht.

    Wie rechtens es zugeht, wird man erfahren, wenn die Klage der Grünen Liga gegen die Kurze Südabkurvung tatsächlich einmal sachlich vom Gericht geklärt wurde.

    Aber Thomas Pohl hat nun nach einem ausführlichen Austausch mit dem Landratsamt das wohl berechtigte Gefühl, dass die Unterschutzstellung des Werbeliner Sees jetzt auch Folgen haben muss für den Flughafen Leipzig/Halle. Denn dass die nächtlichen Überflüge den Lärmpegel von 47 dB (A) übertreffen, darf man wohl vermuten. Gemessen hat es ja noch keiner. Aber wenn die Grenzwerte gelten, sollte das Folgen für die Flugrouten am Flughafen haben. Und zwar zuallererst für die seit einiger Zeit praktizierte „Kurze Nordabkurvung“. Auf die hat die Flugsicherung Flugrouten mit so exotischen Namen wie NAMUS, BUROK oder KUMER/BIRKA gelegt.

    Und weil die Messungen dazu fehlen, fordert Thomas Pohl vom Landkreis Nordsachsen die Einrichtung einer unabhängigen Lärmmessstation, die den Fluglärm am Europäischen Vogelschutzgebiet Werbeliner See misst. Denn mindestens drei Flugrouten, die als „Kurze Nordabkurvung“ gleich nach dem Start in Richtung Osten nach Norden abdrehen, führen direkt über den Werbeliner See.

    Die Leipziger Stadtverwaltung hat sich ja kürzlich vehement gegen eigene, unabhängige Lärmmessstellen im Norden ausgesprochen. Argument: zu teuer.

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