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Leipziger Handwerker haben volle Bücher und so langsam Sorgen mit der Unternehmensnachfolge

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    Wer wirklich wissen will, wie es der Wirtschaft gerade geht, der liest keine Börsenkurse, der pfeift auch auf die diversen Prognosen der sogenannten Wirtschaftsinstitute, sondern fragt seinen Klempner. Wenn er ihn fragen kann, ohne vorher sechs oder acht Wochen warten zu müssen, dann ist die Wirtschaftslage eher belämmert. Handwerker spüren als Erste, ob die Leute Geld im Portemonnaie haben.

    Und zwar alle. Denn wenn die Leute Geld locker haben, dann tun sie all die Dinge, die sonst erst mal warten müssen – bringen das Auto zur Durchsicht, lassen das Waschbecken auswechseln oder besorgen sich endlich die neue Brille. Oder kaufen sich gleich ein Haus. Wenn die Leute Häuser kaufen, dann geht’s einer Stadt gut. Und so schlägt sich das auch in den Frühjahrsbefragungen der Handwerkskammer in den letzten drei Jahren nieder. Der Geschäftsklimaindex liegt bei 90,9 Prozent. Nur etwas über neun Prozent der 464 Betriebe, die die Handwerkskammer im Frühjahr 2015 befragt hat, sehen mit Skepsis auf ihre Geschäftslage und die nähere Zukunft.

    Das ist fast derselbe Wert wie im Vorjahr, etwas weniger als im Frühjahr 2013, etwas mehr als 2012. Richtig rauf und runter geht es in diesem Index seit 2011 eigentlich nicht, denn die meisten Handwerksbetriebe in Leipzig und Umgebung haben gut zu tun. Die Durchschnittsauslastung liegt bei 82,6 Prozent. Aber das ist nur der Durchschnitt. Wer seinen Klempner anruft, weiß, was das heißt: Freie Termine gibt’s in acht Wochen.

    Denn ein Drittel der Leipziger Handwerksbetriebe, so konnte Claus Gröhn, Präsident der Handwerkskammer zu Leipzig, am Dienstag, 5. Mai, feststellen, ist voll ausgelastet. „Oder sogar zu über 100 Prozent“, sagte er. Vor allem betrifft das den Bau, im Speziellen die Ausbaugewerke – vom Dachdecker bis zum Klempner. Denn in Leipzig wird gebaut. Vor allem der private Wohnungsbau und der gewerbliche Bau bestimmen das Bild. „Aber so langsam kommt auch wieder der öffentliche Hochbau“, weiß Gröhn.

    Die wachsende Stadt sorgt für volle Auftragsbücher. Und gleichzeitig profitiert auch die Industrie von der stabilen Konjunktur. Das macht sich auch im Handwerk bemerkbar: Nach den Bauhandwerken sind die gewerblichen Zulieferer am glücklichsten.

    Ein bisschen bedröppelt schaut das Kfz-Gewerbe in die Welt. Aber das auch eher nicht, weil die Leute ihre Autos nicht zur Durchsicht bringen, sondern eher, weil mal wieder ein heißer Preiskampf auf dem Neuwagenmarkt entbrannt ist.

    Und wie sieht es mit den Gewerken aus, wo jetzt eigentlich alle ein großes Stöhnen erwartet hatten? Bei Friseuren und Bäckern? Der Mindestlohn hat natürlich für eine Anpassung der Preise gesorgt. Aber das sorgt nicht für ein neues Dilemma, sondern für den alten Balance-Akt zwischen guter Dienstleistung (die jeder haben will) und den niedrigen Preisen (die jeder zahlen möchte). Trotzdem sehen 31 Prozent der befragten Betriebe ihre Lage als gut an, 49 als befriedigend.

    Die Kunden bei Bäckern und Friseuren laufen also nicht weg. Und man muss nicht – wie noch im Herbst orakelt – reihenweise Personal entlassen. Tatsächlich ist die Personallage im Leipziger Handwerk sehr stabil. „Ein Handwerker entlässt seine Leute nicht so schnell“, sagt Volker Lux, der derzeit amtierende Geschäftsführer der Handwerkskammer. Im Juni stellt er sich der Vollversammlung zur Wahl, um dann auch ordentlicher Geschäftsführer zu werden. Dass er für „unsere Handwerker“ zu kämpfen bereit ist, hat er in der Diskussion zum neuen „Stadtentwicklungsplan Verkehr“ der Stadt Leipzig schon gezeigt. Das wird auch von Seiten der Handwerkskammer noch einmal Thema. Denn wenn eine Stadt wächst wie Leipzig, dann verändert das auch die Rahmenbedingungen fürs Handwerk – auch auf der Straße. Stichwort Klempner: Wo parkt er seinen Werkstattwagen, wenn die ganze Straße schon zugeparkt und der Rest Parkverbot ist?

    Aber auch Handwerkskammerpräsident Claus Gröhn zeigt sich kämpferisch. Er fordert ein eigenes Entwicklungskonzept für den Wirtschaftsverkehr.

    Und er malt sich das auch selbst gern aus, wie das ist, wenn früh um sechs kein Handwerker auf Arbeit fährt. Nix mit frischen Brötchen. Kein repariertes Bad. Keine reparierte Brille.

    Kaufen sich jetzt alle Handwerksmeister ein Fahrrad? – „Geht ja gar nicht“, sagt Claus Gröhn. „Wir können das Fahrzeug nicht einfach wechseln.“

    Noch ein Zeichen für die (für Leipzig) recht gute Lage: Im Leipziger Handwerk wird wieder mehr investiert. Auch wenn es, so Volker Lux, vor allem Ersatzinvestitionen sind. 34.900 Euro haben die befragten Handwerksbetriebe im Schnitt für Investitionen geplant, das sind 7.500 Euro mehr als 2014. Und rund zwei Drittel davon fließen in Bauinvestitionen.

    „Der Leipziger Handwerker war schon immer ein ganz zurückhaltender Kaufmann“, sagt Claus Gröhn dazu. „Wir stecken erst Geld in Neuanschaffungen, wenn wir wissen, dass es die Auftragslage hergibt und sich das Geld auch wieder refinanziert.“ Da stöhnen dann die Banken. Die lieben eher risikofreudige Kreditnehmer.

    Aber Handwerker denken zumeist in ganz klassischer Weise nicht nur an den Bestand ihres Betriebes, sondern auch an Familie und eigene Leute. Man will ja auch noch nächstes und übernächstes Jahr von der Firma leben. Und lieber hat man ein bisschen Speck für Krisen wie 2008/2009, als es für die deutsche Autoindustrie ein großes Hilfspaket gab. „Ich sag mal so: Für die Handwerker war das eher nicht so“, sagt Volker Lux.

    Trotzdem haben sie im Frühjahr 2015 Kummer. Einen doppelten mittlerweile. Zum Kummer um den ausbildbaren Nachwuchs kommt immer mehr die Sorge um die Zukunft. In 1.800 von 12.177 Handwerksbetrieben sind die Inhaber über 60 Jahre alt. Deswegen macht die Handwerkskammer jetzt auch extra eine Woche der Unternehmensnachfolge. Denn ein Problem dabei ist, so Volker Lux: „Die Betroffenen kommen meist erst kurz vor der Angst zu uns.“

    Denn Beratung und Begleitung brauchen sie fast alle. Einen Betrieb übergibt man eben nicht nur mit Handschlag – es sind Steuerfragen zu klären, Sozialfragen, aber auch die Frage nach dem Kaufpreis. Denn normalerweise steckt ja das Vermögen des Handwerkers in seiner Firma. Und in der Regel haben junge Handwerksmeister nicht das Geld, um den Laden einfach mal so zu kaufen.

    „Dafür brauchen wir eigentlich ein staatliches Unterstützungsprogramm“, sagt Claus Gröhn. „Die Frage drängt.“

    Und Zeit braucht man auch. „Eigentlich muss man fünf Jahre vorher schon zu uns kommen, damit der Wechsel gut vorbereitet wird“, sagt Lux.

    Und gleichzeitig drückt die Handwerkskammer am anderen Ende auf die Tube. Denn der ausbildbare Nachwuchs ist knapp. Nicht erst seit Frühjahr 2015. Und trotzdem schleicht die zuständige Politik den Gang der Schnecke.

    Dazu mehr gibt’s in Kürze an dieser Stelle.

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