Es gibt eine Form der Hoffnungslosigkeit, die nicht aus Mangel entsteht, sondern aus Überfluss. Aus zu viel Wissen, zu viel Analyse, zu viel Gegenwart. Sie trifft nicht die Gleichgültigen, sondern zumeist die, die hinschauen. Versuchen zu verstehen, zu begreifen, universell humanistisch zu vergleichen zwischen „völkerrechtswidrigem Angriffskrieg“, „Feldzug für die Freiheit“ und „Verteidigung abendländischer Werte“.

Manchmal ist es wirklich zum Verzweifeln. „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Was Johann Wolfgang von Goethe seinem Faust des ausgehenden Mittelalters, an der Schwelle der Neuzeit, hier in den Mund legt, ist keine Pose.

Es ist die Diagnose eines Zustands, den man heute nur allzu gut kennt: Man weiß immer mehr – ist bestens informiert und versteht dennoch immer weniger, was daraus folgen soll. „Die Zeit ist aus den Fugen …“ stammt allerdings vom Hamlet-Shakespeare. Dem war das Gefühl von Zeitlosigkeit ebenso wenig fremd wie seinem dramatischen Schüler Goethe.

Krisen sind keine Überraschungen mehr, sondern Dauerzustand. Kriege werden analysiert, eingeordnet, (manchmal) historisch hergeleitet – und trotzdem geführt. Ökonomische Ungleichheit wird vermessen, in Kurven analysiert, in Talkshows diskutiert – und gleichzeitig vertieft. Bildung verspricht Aufstieg, produziert aber immer häufiger Erschöpfung. Und wer genau hinsieht, merkt schnell: Das Problem ist nicht Unwissen. Es ist die Kluft zwischen Erkenntnis und richtigem Handeln.

Faust zerbricht genau daran. Und ist – wie auch in der Gegenwart sichtbar wird – zurückgeworfen auf einen selbstverantworteten Individualismus. Das ist doch Freiheit? Wer die nicht zu nutzen versteht, Gefahren nicht sieht, Chancen verstreichen lässt – ist doch selbst daran schuld, oder nicht?

Der Primär-Humanist Heinrich Faust hat alles studiert, alles durchdrungen – und steht vor einem Nichts, das nicht leer ist, sondern überfüllt. Überfüllt mit „Möglichkeiten“, die einander aufheben. („Auch hab ich weder Gut noch Geld, noch Ehr und Herrlichkeit der Welt …“) Mit Wahrheiten, die sich widersprechen.

Mit einem Denken, das keinen Halt mehr zu finden scheint. Mehrheiten für mehrheitlichen menschlichen Fortschritt, die heute so weit weg sind wie für Faust die seligmachenden Wahrheiten. „Es möcht kein Hund so länger leben!“ Verzweifelter Ausbruch, gleichzeitig ihn erschreckender Befund.

Auf den ersten Blick möchte man es diagnostizieren als Krise eines Einzelnen, als Überforderung eines hybriden Gelehrten, eines „Über-Kopf-Menschen“, der zu wenig an der frischen Luft und niemals Halb-Marathon gelaufen ist. Aber das greift zu kurz.

Denn dieser Zustand hat sich längst verallgemeinert. Der moderne Mensch ist – bei allen Unterschieden – ein Mini-Faust geworden: informiert, reflektiert, permanent gefordert, sich zu verhalten, zu positionieren, zu optimieren. Seine eigene Regieanweisung zu sein. Die ständig zurückgepfiffen wird. Denn es kann ja auch immer das Gegenteil, die Antithese, richtig sein. Wer weiß das schon.

Der real existierende Pessimismus zeigt sich dabei nicht als laute Verzweiflung, sondern als leises Durchhalten. Als Funktionieren im Bewusstsein, dass die großen Versprechen des Spätkapitalismus brüchig geworden sind. Fortschritt, Vernunft, Selbstverwirklichung – sie sind nicht verschwunden, aber sie wirken wie Begriffe aus einer Zeit, in der man noch an ihre Einlösbarkeit glaubte. Treten vereinzelt auf, sind atomisiert. Fast fühlt man sich an frühere Zeiten, etwa die 90er Jahre, erinnert, als man Blicke austauschte, die fragten: Und? Geschafft? Angekommen in der neuen Gesellschaft?

Eventuell hilft ein Kurs in Persönlichkeitsfindung. „Selbstbewusst in 5 Wochen!“ Nein, besser noch in 5 Minuten. Alles möglich heutzutage: YouTube, Musikmeditation mit KI-generierter Entspannungsmugge auf der Yogamatte. Plus Räucherstäbchen. Und schon ist sie wieder da, die erfolgsgarantierende Hybris. Faust. „Ich Ebenbild der Gottheit!“ Dann ist doch alles gut. Mitnichten. Geist: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst. Nicht mir.“ Heute ein klarer Fall für eine Reklamation.

Neues Grübeln. Neuer Versuch der Klarheitsfindung. Manchmal hilft ja ein frischer, neuer Gast aus der „Generation XY oder Z“. Ein strebsamer Langweiler namens Wagner. („O Tod! ich kenn’s – das ist mein Famulus – Es wird mein schönstes Glück zunichte! Dass diese Fülle der Gesichte [der Visionen] der trockne Schleicher stören muss!“) Der nach Faust wenig Inspiration, sondern eher die Verkörperung der Imitation einer ihm wohl fremden Gelehrtenwelt darstellt.

Aber der Famulus Wagner funktioniert besser in der Welt als sein Meister, weil er offenbar nicht viel von ihr versteht. Kennt sich aber gut mit den sozial-kulturellen Codes seiner Echokammer aus. („In dieser Kunst möcht ich was profitieren, denn heutzutage wirkt das viel.“)

Den Hoffnungsglauben des Alten vermag er nicht zu wecken. Faust: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, In dem die Zeiten sich bespiegeln.“ Zeit-Geist heißt eben nicht gleich: Zeit voller Geist. Pause.

Der Osterspaziergang. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …“ Während Faust im Innern am Rand des Abgrunds steht, lebt die Welt draußen auf. Ein etwas anderer Selbst-/Fremdbild-Konflikt. Draußen wird aufgeatmet, sich bewegt, eine Normalität gefeiert, die nichts wissen will von der Tiefe der Krise. Es ist kein falsches Bewusstsein – es ist ein anderes. Eines, das nicht analysiert, sondern lebt. Aber gerade das macht es so unerquicklich, so falsch und unecht für einen Verzweifelten.

Denn es entzieht sich der Logik des Problems. Die Welt funktioniert weiter, obwohl sie durchschaut ist. Menschen richten sich ein, passen sich an, finden kleine Formen des Glücks im Großen, das nicht mehr stimmt. Man könnte sagen: Der Spaziergang ist die eigentliche Antwort der Gesellschaft auf die Krise – nicht Lösung, sondern Fortsetzung.

„Zufrieden jauchzet Groß und Klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ Für Faust ist das keine Rettung. Es ist die Erfahrung, dass Erkenntnis nicht erlöst. Dass sie im Zweifel sogar isoliert. Dass der, der zu viel sieht, sich von denen entfernt, die einfach weitergehen. Sind die glücklicher, die das Übel der Welt ignorieren, zufrieden, wenn man selbst zufrieden ist, weil man sich dann erst als Mensch fühlt? Ist das nicht die Lösung?

Wo die Hoffnung an der Wirklichkeit zerschellt, bleibt doch immer noch das Angebot der Erleichterung? Nicht die große Lüge, sondern die kleine Entlastung. Nicht die falsche Erkenntnis, sondern das Versprechen, keine mehr zu brauchen. Mephisto wird diesen Moment nicht erzeugen müssen. Er wird ihn nur nutzen. Denn er erkennt, dass ein großer Mann, ein großes humanistisches Talent, aufgegeben hat.

Faust: „Du bist dir nur des einen Triebs bewusst; O lerne nie den andern kennen! Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen; die eine hält, in derber Liebeslust, sich an die Welt, mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dunst zu den Gefilden hoher Ahnen.“ Mephisto wird nichts einflüstern müssen. Er wird nur vollenden, was längst entschieden ist. Nicht der Teufel macht den Pakt möglich. Sondern der Mensch, der aufgehört hat, an seine eigene Erkenntnis zu glauben.

Fortsetzung folgt.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar