Die erstaunlichen Ergebnisse eines Schüler-Lyrik-Wettbewerbs: Mobilität ohne Ziel ist sinnlos

Was sich Erwachsene so denken! Ist nicht Geschwindigkeit das große Thema der Zeit? Rast nicht alles? Muss nicht alles immer schneller werden? Erleben das nicht auch die jungen Leute, die da heranwachsen in einer von Mobilität geradezu besessenen Welt? - "Geschwindigkeit" war Thema des Gedichtwettbewerbs, den die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik veranstaltet hat. Gestern gab's im Haus des Buches die Bekanntgabe der Gewinner.
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Gestern gab’s auch das „Poesiealbum“ mit den besten Texten aus dem Wettbewerb, an dem Schüler aus Leipzig und Umgebung teilgenommen hatten. Im Fazit, das Ralph Grüneberger, Vorsitzender der Gesellschaft, am Schluss des Heftes zieht, zeigt er sich ein bisschen enttäuscht. Nicht über die rege Teilnahme am Wettbewerb – die jungen Leute hatten fleißig mitgemacht.

Eher von der Tatsache, dass das Thema Mobilität vielleicht doch nicht so zündete. Die meisten Jungen und Mädchen gaben wohl ganz klassische Liebesgedichte ab. Auch die Vielfalt der genutzten lyrischen Formen war wohl nicht so groß, wie es der Dichter erwartet hatte. Ob’s an der Lyrik-Vermittlung in den Schulen liegt, wird er wohl auf Jahre nicht sagen können. Denn die Chance, im Vorfeld mit Einführungsstunden in die Schulen gehen zu dürfen, erhielt die Gesellschaft nicht. Wieder nicht, darf man sagen. Kaum ein Bundesland macht seine Schulen so sehr zur Black Box wie Sachsen. Da kann man dann draußen schön laut tröten über die Qualität von Bildung – die Kommunikation findet dennoch nicht statt.

Das ist nicht neu. Dichter und Schriftsteller müssen – anders als in anderen Bundesländern – draußen bleiben. Und so war auch nur zu hoffen, dass so ein Wettbewerb dennoch die jungen Leute erreicht. Umrahmt von einem klassischen Beispiel: Goethes „Willkommen und Abschied“ in den beiden überlieferten Versionen von 1771 und von 1827, vom frisch verliebten Johann Wolfgang und vom abgeklärten Dichter. Früher standen beide Texte mal im Lesebuch. Die Schüler konnten daran lernen, wie ein Dichter arbeiten kann an seinem Text, ihn strafft, feilt, klarer und bildhafter macht. Und – auch hier zum studieren – Bewegung stärker in die Zeilen bringt.Das Schöne an dem Text: Hinter der Eile, durch die Nacht zu jagen, steckt die Liebe. Wer will nicht noch einmal schnell zu seiner Friederike, wenn er sich einfach die Freude verspricht, sie lächeln zu sehen? – „Die Existent dieser jungen Frau kann nicht genug gerühmt werden“, schreibt Grüneberger. Und meint es ganz literarisch-pragmatisch. Denn wenn junge Frauenzimmer Anlass zu solchen Gedichten geben, dann haben alle was davon, die das lesen. Dann hat das Gedicht des jungen, verwirrten Johann Wolfgang – nachlesbar – einen Mehrwert über die Jahrhunderte. Danke Friederike.

Und so ist es eigentlich keine Überraschung, dass die Liebe durch die meisten Gedichte hindurchfunkelt, die die Jury für dieses Heft ausgewählt hat. Die Preisträger sind mit ihren Texten natürlich auch drin. Sie fallen natürlich ein klein wenig auf, weil sie in der gewählten Form etwas mutiger waren, etwas unabhängiger von gängigen lyrischen Formen, wie sie wohl auch in der Schule vermittelt werden.

Und sie haben sich etwas pflichtbewusster dem Thema Mobilität gewidmet. Obwohl ja gerade Goethes Gedicht ziemlich deutlich erklärt: Lieber Leser, hier geht es nicht ums Reiten.So ist das mit der Lyrik. Und die frohe Botschaft ist: So haben es die Schüler aus Mittelschulen, Gymnasien und Berufsschulen auch verstanden. In der Lyrik stehen die Dinge selten für genau das, was sie zu erzählen scheinen. Lyrik ist immer das kleine bisschen mehr, das klein wenig andere, das erwartungsvolle Um-die-Ecke-Schauen. Das ist eine Kunst. Und die größte Kunst zwischen 14 und 21 ist wohl, das mit eigenen Augen und Worten zu tun. Denn das lernt sich am schwersten: aus dem Schatten des Angelernten zu treten. Mutig mit Worten zu sein. Da ist dann ein Beziehungs-Finale an Gleis 15 zwar schön gedacht – aber die Zutatenliste klebt noch dran.

Sie ist auch in dem ein oder anderen Preisträgergedicht sichtbar. Das nicht schlimm ist. Denn Lyrik ist auch ein Spiel mit dem Schon-Vorhandenen. So, wie es Felix Jueterbock – einer der Preisträger – in „Im Atem der Großstadt“ vormacht. Da klingt manches an, was man aus der expressionistischen Großstadtlyrik des frühen 20. Jahrhunderts kennt – als die moderne Stadt tatsächlich noch modern war. Erlebt man Leipzig so, wenn man jung ist?

Nimmt man den Querschnitt der Gedichte, dann ist dem wohl nicht so, dann werden ganz andere Dinge von den jungen Leuten als Bewegung und Veränderung wahrgenommen – das Heranwachsen, der durchaus manchmal sehr, sehr langsame Fluss der Zeit, die Vergänglichkeit der Kindheit. Eile und Hektik werden in den meisten Gedichten als Auferlegtes empfunden, als Fremdbestimmtheit. „Einige drehten sich wie Kreisel um sich selbst, / um nicht fühlen zu müssen“, schreibt Pia Schirrmeister, auch eine der Preisträgerinnen. Die jungen Autoren, wie man sieht, sind hellwach und sehen, was um sie herum geschieht. Wie die gepriesene Dauerbewegung Menschen zu Rädchen macht, zu Flüchtlingen und zu Angepassten. Zum Beispiel. Mobilität ist nur für Verkehrsunternehmen ein simpler technischer Vorgang. Doch diese jungen Leute leben in einer Welt, in der Mobilität schon längst nicht mehr als etwas Selbstbestimmtes begriffen wird, sondern als geforderte Bereitschaft, sich in die wilde Jagd einzureihen.

Noch changiert das – trifft sich das Getriebensein mit Sehnsucht und Verlassensein, Verlust und Erwartung. Dass man selbst in diesem wilden Jagen einsam sein kann, das wissen auch die jungen Leute. „Denn es ist nicht die Mobilität, die uns bindet / Und ein Stück unserer Seele formt“, schreibt Eva Burmeister. Auch dafür gab’s einen Preis.

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Tatsächlich hat der Wettbewerb mehr gebracht, als die Veranstalter sich erwartet haben. Die Auswahl „Immer schneller“ lässt einen Blick zu in die durchaus eigensinnigen Sichtweisen der jungen Leipziger. Es beruhigt, dass den jungen Autorinnen und Autoren das Mobilsein an sich ganz schnurzegal war. Dass sie lieber über das schrieben, was sie bewegt. Im ganz wörtlichen Sinn. Womit man eigentlich auch bei einer nüchternen und menschlicheren Sicht auf die Welt wäre. Denn Leben braucht immer Antriebe, das, was junge und jung gebliebene Menschen dazu bringt, mitten durch die Nacht zu reiten. Der Ritt selbst ist egal. Er gewinnt seinen Sinn erst durch das Erröten der Friederikes am anderen Ende der Nacht.

Das Sonderheft mit den Schülergedichten bekommen Abonnenten der Reihe „Poesiealbum neu“ gratis – Klassensätze für interessierte Schulen werden auf Anfrage zur Verfügung gestellt.

Poesiealbum neu: „Immer schneller. Schülergedichte“, Edition Kunst & Dichtung, Leipzig 2012

www.lyrikgesellschaft.de


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